Heute hatte ich zufällig Gelegenheit, nach Jahrzehnten mal wieder einen Blick in “Märchen aus 1001 Nacht zu werfen” (Dressler 2001, bearb. von HEDWIG Smola). Die Rahmenhandlung, in die die Märchensammlung eingebettet ist, ist bekanntlich folgende:
Der Bruder des Sultans schlägt, als er längere Zeit zu Besuch bei diesem weilt, die Teilnahme an einer Jagd wegen Unpässlichkeit aus: “Schachsenan schloss sich in sein Zimmer ein. Er setzte sich ans Fenster und blickte hinaus. Zwanzig Sklaven und zwanzig Sklavinnen traten in den GARTEN. In ihrer Mitte aber befand sich die Gemahlin Schachriars. Sie setzten sich an einen der Springbrunnen. Dann unterhielt sich die Königin LACHEND und ÜBERMÜTIG mit ihren Dienerinnen. Sie lief NEUGIERIG im Garten umher. Ohne SCHEU ENTHÜLLTE sie vor den Sklaven ihr ANGESICHT, obgleich dies nicht GESTATTET war. Der Sultan hatte seiner Gemahlin streng verboten, in seiner Abwesenheit ihre Gemächer zu VERLASSEN. Als der Sultan zurückkehrte, erzählte ihm Schachsenan, was er ERLEBT hatte. Zornentbrannt sagte der Sultan: ‘Das will ich mit meinen eigenen Augen sehen.’ Auf den Rat des Bruders gab Schachriar am nächsten Tag vor, wieder auf die Jagd zu gehen. Heimlich kehrte er in den Palast zurück. Nun sah er vom Fenster aus die Behauptung Schachsenans bestätigt. Da rief Schachriar SCHMERZerfüllt: ‘Es gibt keine TREUE und keinen Gehorsam mehr auf dieser ERDE.’ Er befahl, seine Frau zu töten. NUN ging Schachriar daran, eine neue Gemahlin zu nehmen. Er hatte sich ein UNFEHLBARES Mittel ausgedacht, um SICH vor der TREULOSIGKEIT DER Frau zu bewahren. Der Wesir musste ihm die Tochter eines vornehmen Würdenträgers als Gattin zuführen. Am Morgen nach der Hochzeit aber ließ er sie TÖTEN. So konnte sie ihn nicht betrügen. Und jeden Tag nahm er von nun an eine Frau. So trieb es der Sultan drei Jahre lang.”
Eine Tochter des Großwesirs will sich freiwillig dem monströsen Herrscher zur Frau anbieten, weil sie glaubt, den Terror beenden zu können. Sie erzählt 1001 Nacht lang viele Märchen so, dass sie stets eines im Morgengrauen an einer besonders spannenden Stelle unbeendet läßt, damit der Sultan sie verschont, um das Ende zu erfahren. Schließlich “… warf sie sich vor dem Sultan nieder. ‘Mein HERR und KÖNIG’, sagte sie, ‘ich habe in tausendundeiner Nacht alle Geschichten erzählt, die ich weiß. Darf ich mir zum Lohn dafür DEMÜTIG eine GNADE erbitten?’ Der Sultan nickte und sprach: ‘Deine Bitte sei dir gewährt!’ Da rief sie ihren Dienerinnen zu: ‘Bringt mir meine Kinder!’ Die Dienerinnen liefen und brachten drei KNABEN herbei, die Scheherasade in den drei Jahren ihrer Ehe dem König geboren hatte. Der älteste lief, der zweite kroch, der jüngste aber lag noch an der BRUST. Scheherasade nahm die drei Kinder und hielt sie dem Sultan entgegen. ‘Herr’, bat sie, ‘hier sind deine SÖHNE! Um IHRETWILLEN schenke mir das Leben. Die armen Kleinen sollen nicht mutterlos werden!’ Da weinte der König und zog die Kinder an seine Brust. Zu Scheherasade aber sprach er: ‘Liebste Gemahlin, du wirst nicht getötet werden, das hatte ich schon LÄNGST beschlossen. Ich habe dich als edel, TREU und TUGENDhaft erkannt. Allah beschütze dich und unsere Kinder!’ Nun WARF sich Scheherasade dem Sultan zu FÜSSEN, um ihm zu DANKEN.”
Was will Märchenonkel Time jetzt sagen? Genau, die Abartigkeit und Grausamkeit orientalischer Märchen ist unvergleichlich! Weil sie ENTGEGEN der WEISUNG ihres BESITZERS handelt (d.h. ihre Gemächer verlässt und mit ihren Dienerinnen im Schlossgarten herumalbert), läßt der Sultan seine (namenlose) GEMAHLIN ermorden. Lapidar heißt es: “Er befahl, seine Frau zu TÖTEN. NUN ging Schachriar daran, eine NEUE Gemahlin zu nehmen.” Und dann geht der Teuflische an die Ermordung von 1095 Frauen (nach jeweils vollzogenem Akt), eine so grauenhafte, verbrecherische Dimension, dass sie mW. von keiner im Westen kreierten Roman- oder Märchengestalt erreicht wird. Blaubart hatte bei Perrault weniger als 10 ermordet, nun gut, ich bin kein de-Sade-Spezialist, aber so eine Massenschlachtung von Frauen ist mir nicht bekannt, noch viel weniger zB. bei deutschen Märchen. Der springende Punkt ist zudem mE. der, dass der Sultan (anders als zB. Blaubart, der getötet wird) mit nicht dem kleinsten Wort in der kleinsten Weise kritisiert, geschweige denn zur Rechenschaft gezogen wird. Seine (mohammedanistische) Grundeinstellung und deren tödliche Konsequenz für so viele Menschen wird als RICHTIG hingestellt. Das Entrinnen aus dieser quasi natürlichen Zwangsläufigkeit ermöglicht allein der absolute, todes- nein, lebensverachtende GEHORSAM der Frau (sowie das Gebären männlichen Nachwuchses), eben jene sog. TUGENDHAFTIGKEIT, welche im orkischen Denken der exklusive Bereich des weiblichen Menschen ist. Im Nachwort von BIRGIT Dankert heißt es:
“… der KLANG der Namen, die GERÜCHE und Farben, das Licht und die pralle Lebendigkeit der Personen weisen immer noch einen DIREKTEN, unwiderstehlich LOCKENDEN Weg in die Welt des Orients. Europäische Autoren wie Hans Christian Andersen und Wilhelm Hauff fühlten sich von ihr angezogen. Illustratoren haben IMMER wieder ihren ZAUBER abzubilden VERSUCHT. Die MUSIK findet BIS HEUTE Anregungen in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht… stehen SCHÖNE FRAUEN und ihre verführerische MACHT über DIE Männer oft im Vordergrund. Viele erwachsene Leser finden gerade darin einen besonderen Reiz. Früher sah man in der LIEBEVOLLEN Beschreibung von Schönheit und ZÄRTLICHKEIT einen Grund, Kindern nicht alle Märchen und Situationen zu erzählen – so, wie man oft auch bei Grausamkeiten im Märchen entschieden hat. In der Tat sind die langen, oft komplizierten orientalisclien Märchen – wie alle Märchen – nicht für Kinder ausgedacht und erzählt worden. Sie stammen eben aus einer Zeit, als beim Erzählen und Zuhören noch nicht nach Lebensalter getrennt wurde. Vielleicht mögen Kinder sie deshalb so gerne als einen heimlichen oder erlaubten Blick ins märchenhaft erzählte, aber immer WAHRHAFTIGE Leben!”
Ein derartig schleimiges, hemmungslos lügenhaftes Geschwafel verstopft mE. seit Lessings “Nathan” und Goethes “Diwan” unsere Ohren und Augen. Es wird daher Zeit, dass man auch die perversen Unterhaltungstexte des Mohammedanismus einer gründlichen Prüfung unterzieht, sie ggf. indiziert oder aber, hähähä, Versionen in “GERECHTER SPRACHE” (1) herausgibt.
Time am 3. Dezember 2008
_____
(1) http://www.korrektheiten.com/2008/11/30/bibel-in-gerechter-sprache/
Tags: 1001 Nacht, Märchen, Scheherasade