Hier ein Auszug aus Ayaan Hirsi Alis zweitem Buch („Mein Leben meine Freiheit“), den ich sehr bezeichnend finde:
„Naima (eine marokkanische Freundin, T.) war verheiratet. Sie war als Kind nach Holland gekommen und hatte ihr ganzes Leben hier verbracht. Sie trug kein Kopftuch, war aber in einer marokkanischen Frauengruppe in ihrem Gemeindezentrum aktiv. Die Frauen tanzten und aßen zusammen… Eines Morgens hatte Naima ein blaues Auge. „Was ist mit dir passiert?“ fragte ich. Sie sagte, ihr Mann habe sie geschlagen – sie sagte es ganz sachlich. In den nächsten Wochen verprügelte er Naima wieder und wieder. Ich sagte ihr, sie sei verrückt, daß sie das zulasse. Sie könne ihren Mann verlassen. In diesem Land könne sie sich scheiden lassen. Naima wußte aber auch, daß mir eines klar war: Eine Scheidung war für sie völlig unmöglich. Ihr Mann stammte aus demselben Dorf wie ihr Vater. Vor der Verlobung hatte sie ihn noch nie gesehen. So hatte sie immer gelebt. Selbst in Holland, wo eine Scheidung einfach war, konnte Naima ihrer Meinung nach ihren Mann nicht verlassen. Wenn sie ihren Mann verließ, verließ sie auch ihre Familie. Sie würde Schande über ihre Verwandten bringen und vertoßen werden. Wo sollte sie hin? Wo könnte sie sich verstecken? Ich hatte es geschafft, mich nach Holland abzusetzen und dort unterzutauchen, aber Naimas Familie lebte hier: Ihre Verwandten würden sie finden.
Naima beklagte sich ständig, aber über die Holländer. Sie beharrte darauf, daß Ladenbesitzer sie schief ansahen, weil sie angeblich Rassisten waren – und Marokkaner in ihrem Laden nicht haben wollten. Ich persönlich war der Meinung, sie würden ihre Blutergüsse anstarren, und das sagte ich ihr auch. Mich sahen sie nie komisch an, obwohl ich viel dunkler war als Naima. Sie meinte, bei mir sei das etwas anderes, weil ich ein Flüchtling sei und die Holländer Flüchtlinge romantisch verklärten. Ich fand das unlogisch – woran sollten sie erkennen, daß ich ein Flüchtling war? Wenn der Schaffner im Zug unsere Fahrausweise kontrollierte, giftete Naima danach, daß er ihren Ausweis länger angeschaut habe als bei den weißen Mädchen. Sie beklagte sich nie über die Prügel und Demütigungen, die sie daheim erdulden mußte – nur über den holländischen Rassismus. Heute denke ich, dass diese Besessenheit, überall Rassismus aufzudecken (die ich auch oft bei Somalis beobachte), eine Strategie war, um Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren und die Ursachen für das eigene Unglücklichsein zu externalisieren.“
Time am 8. Dezember 2008