Lesen Sie im Folgenden Überlegungen eines Laien zur Kreuzestheologie. Ich benutze als Grundlage “Arbeitsbuch zum NT” v. Conzelmann/Lindemann, UTB 1991 und “Grundriß der neutestamentlichen Theologie” v. Lohse, Kohlhammer 1989.
Das Evangelium ist als kirchengründende Predigt zu sehen, in der Jesus als der gekreuzigte und auferstandene, erniedrigte und erhöhte Christus verkündet wird, der für die Sünden aller Menschen starb, von Gott auferweckt wurde und sich als der Herr bezeugte. Kreuzigung und Auferstehung wird als eschatologische (dh. die letzten Dinge betreffende, letztendliche) Heilstat Gottes ausgerufen, mit der die Verheißungen des Alten Testamentes erfüllt werden.
Das älteste Zeugnis vom urchristlichen Evangelium liegt in den Briefen des Paulus an verschiedene Gemeinden vor, aus denen hervorgeht, dass er eine fest umrissene, urchristliche Theologie bereits vorgefunden hat. In 1. Kor. 15, 1, 2, 3-5, referiert er auf die Aussage, mit der er die korinthische Gemeinde seinerzeit zum Christentum gewann, und die daher die älteste, wichtigste und konstituierende Aussage des Christentums ist. Sie beginnt: “Ich erinnere Euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe, welches ihr auch angenommen habt, in welchem ihr auch stehet /1, durch welches ihr auch selig werdet, wenn ihr’s festgehalten habt, in welcher Gestalt ich es euch verkündet habe; es wäre denn daß ihr umsonst gläubig geworden wäret /2.” Weiter heißt es nun: “Denn ich habe euch zuvörderst gegeben, was ich auch empfangen habe: daß Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift /3; und daß er begraben ist; und daß er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift /4, und daß er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.”
Im Judentum gibt es verschiedene Vorstellungen der zukünftigen messianischen Zeit, jedoch tritt der Messias stets als mächtiger Retter und Richter, als neuer König David auf, nicht als leidender und für die Sünden aller Menschen sterbender Christus. Während als Ursache für Leiden und Tod Jesu die Sünden der Menschen gesehen wird, zeigt der Verweis auf “die Schrift” den Sinn des Selbstopfers. Konkrete Hinweise sind hier zB. die Leidenspsalmen 22 und 69 sowie Jes. 53: “Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des Herrn offenbart /1? Er schoß vor ihm auf wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dünnem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die und gefallen hätte /2. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts beachtet /3. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre /4. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt /5, ff.”
Auch das Motiv “am dritten Tage auferstanden”, findet sich im Tanach (1), in Hosea 6,2: “Er macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tag aufrichten, daß wir vor ihm leben werden.” Doch wenn diese Textstellen in den Gesprächen der Urchristen von Bedeutung gewesen sein mögen, und wenn ihre sprachlichen Wendungen für einen angemessenen Ausdruck des Geschehens unverzichtbar sind, so werden sie nirgendwo im Evangelium zitiert. Sie spielen deshalb keine Rolle als Schriftbeweis, so wie generell nicht daran gedacht ist, dass einzelne Textstellen die “Beweislast” tragen sollen. Zeugnis ist vielmehr das gesamte “Alte” Testament. Das Evangelium, das sich als Vollendung der Schrift begreift, hat keine allgemeine Wahrheit oder einen zeitlosen Mythos zum Inhalt, sondern es ruft das Christusgeschehen als Heilsereignis aus.
Natürlich ist die Wunder- und Heilstätigkeit Jesu wesentlich, sie drückt seine messianische Hoheit aus, aber zum Beispiel am Markusevangelium, welches das älteste ist, und welches den beiden anderen synoptischen Evangelien als Quelle diente, wird die Gewichtung deutlich. Auf die Darstellung der Passion entfällt nämlich mehr als ein Drittel des Textes, obwohl sich diese Ereignisse in wenigen Tagen abgespielt haben. Auch wird im ersten Teil immer wieder auf die bevorstehende Passion vorausgewiesen (8,31; 9,31; 10,33).
Wesentlich für das Markus-Evangelium ist das “Messiasgeheimnis”, das als eigenständiger theologisch-redaktioneller Beitrag des Autoren gesehen werden muß (1,1 bis 8,26). Es soll besagen, dass sich die Bedeutung Jesu nicht dem erschließt, der nur die Wunder- und Heilstaten sieht. Die Liebe Gottes kann nur verstanden werden von Kreuzigung und Auferstehung Jesu her. In 15,39 wird das Geheimnis durch das Bekenntnis des römischen Offiziers endgültig aufgehoben. Die herausragende Betonung der Kreuzestheologie gilt also als die theologische Mitte des Markusevangeliums.
Paulus ist dabei die besondere Betonung nicht nur des Todes, sondern des Kreuzestodes besonders wichtig, wie aus einem Lied hervorgeht, welches er in Phil. 2,5-11 zitiert, und in das er mindestens eine Zeile eingeschoben hat (“… ward gehorsam zum Tode, JA ZUM TODE AM KREUZ”), eines Todes, der schon bei Moses als besonders elend bezeichnet wird (5.M, 21,23). Dabei geht es nicht um eine Blut- und Wundenmystik, wie man sie von der mohammedanistischen Schia oder nordamerikanischen Indianerstämmen kennt, sondern um das Selbstopfer Gottes, der für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Vielleicht könnte man es auch so ausdrücken (aber korrigieren Sie mich ggf.): Die Regel, dass es gut ist, wenn alles in der Balance ist (Ying und Yang), die “Goldene Regel” der Empathie, ist für alle nicht-mohammedanistischen Menschen von zentraler Bedeutung, so auch im Evangelium. Die Menschen haben durch ihre Sünde die Balance zerstört, die nur durch ein Opfer wiederhergestellt werden kann. Da die Menschen nicht imstande sind, dieses Opfer zu leisten, Gott sie aber liebt und retten will, gibt er sich selbst als Opfer (Jesus, Lamm Gottes), indem er Mensch wird und als Mensch stirbt, indem er die tiefste Tiefe des Menschseins durchleidet.
Wie Sie vielleicht sehen, stellt jede Relativierung von Kreuzestod und Auferstehung das Christentum selbst in Frage. Wer dies aber tut, wer also die Grundlagen einer “Religion”/Ideologie in Frage stellt – und ich selbst tue das in Hinblick auf den Mohammedanismus ständig mit Texten, die sich gegen diese Räuberbandenideologie des perversen Killers aus Arabien richten – sollte ebenso wie ich KEINEN Preis für interkulturelles Dialogisieren bekommen.
Time am 1. Juni 2009
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(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Tanach
Tags: Altes Testament, Auferstehung, Christentum, Evangelium, Gott, Jesus Christus, Judentum, Kreuzestod, Markus, Paulus, Schia, Tanach
2. Juni 2009 um 07:48
Ich finde, Sie beschreiben die christliche Kreuzestheologie sehr anschaulich und präzise, nur würde ich, mit Verlaub, im vorletzten Abschnitt einmal mit Leidenschaft theologisch widersprechen wollen:
Alle heidnischen Religionen, von den Naturreligionen bis zum islamischen Gottesbild, bauen auf dem Gedanken der Harmonie und Balance in der Vereinigung der Gegensätze im Absoluten auf.
Nur das Judentum als erwähltes Volk und alleinigem Empfänger der Tora,
sowie, aus christlicher Sicht, das Christentum mit seinem Skandalon des Kreuzes und der Auferweckung von Gottes einzigem Sohn Jesus Christus, der z.B. nach Lehrmeinung des gegenwärtigen Papstes die fleischgewordene,”lebendige Tora” ist,
enziehen sich dieser kosmischen Harmonie der Gegensätze.
Als wenn Gott allen rein menschlichen Harmonievorstellungen, die irgendwo auch immer ins Totalitäre, Absolute entgleiten, nicht traut und sich für das Kleine, Unscheinbare und Wehrlose als Absolutes entscheidet, das sich dem Grossem-Ganzen entzieht,
z.b. auch dem totalen (Gottes) Staat.
Für mich liegt da der tiefere Grund verborgen, warum sich momentan links-säkulare und islamische “Schöne-neue-Welten” so anziehen.
Auch Christen in China bringen dort gerade Yin und Yang etwas aus der Balance.
In die christliche Anselm´sche Satisfaktionstheorie des Kreuzes sind m.E. auch heidnische Elemente miteingeflossen.
(Korrigieren Sie mich ggf. auch !)
2. Juni 2009 um 08:08
letzter Zusatz:
Das auch der Blogautor keinen Staatspreis für “interkulturelles Dialogisieren” anstrebt, spricht in diesem Fall eindeutig für Sie, aber auch für meine Theorie.
Manchmal sollte man aus der Harmonie ausscheren. Sonst endet man wie das deutsche Feuilleton.
2. Juni 2009 um 21:35
Hallo Janowitz,
herzlich willkommen und vielen Dank für Ihren fundierten Kommentar.
Ich denke, dass Sie mit Ihren Ausführungen zur “Balance” Recht haben: Das Böse ist ja im Christen- und Judentum nicht der gleich große bzw. gleich starke Gegenspieler des Guten. Andererseits kann ich den Harmoniegedanken im Mohammedanismus auch nicht ausmachen, hier ist der Gott total und bösartig, er führt in Versuchung um anschließend zu bestrafen. Nicht der Glaube ist hier von zentraler Bedeutung sondern die Unterwerfung. Ein bißchen in diese Richtung geht wohl die Satisfaktionslehre, die sich Gott als Feudalherren denkt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Anselm_von_Canterbury
http://de.wikipedia.org/wiki/Satisfaktionslehre
Eduard Lohse bringt, auf Paulus bezogen, zunächst dessen Darstellung des Todes Christi als Sühneopfer (Bei dem nicht entscheidend ist, wem geopfert wird, sondern dass Gott das Opfer selbst bringt): Röm.3/25, 1.Kor.5,7. Er weist dann auf die häufige Verwendung von Begriffen aus dem Strafrecht bei Paulus hin (2.Kor.5,21). In 1.Kor.6,20 und 7,23 verwende dieser weiterhin zB. das Bild des Loskaufes (aus der Sklaverei). Schließlich bezeichne Paulus das Heilgeschehen auch als Versöhnung (2.Kor.5,18), wobei Gott das Subjekt der Versöhnung sei. Er versöhne die Welt mit sich, nicht aber sei er Adressat der Versöhnung (im Gegensatz zu Anselms Vorstellungen). Dennoch ist bei Paulus klar, dass es durch den Opfertod Jesu zur, ja, wohl nicht zur Wiederherstellung einer Balance, jedoch zur Revision der Tat Adams, die den Menschen das Todesverhängnis gebracht hat, kommt (1.Kor.15,21 und 22).
Aber wie gesagt, ich bin Laie. Jedenfalls ist mE. evident, wie extrem verfehlt der Aufsatz von Kermani ist.
Ich grüße Sie herzlich,
Time