Wie heißt der Kevin der Orks?

In der FAZ vom 16.12. stellte Gerald Wagner aktuelle Untersuchungen der Berliner Soziologen Jürgen Gerhards und Silke Hans zum Thema Integration/Assimilation vor. Er führte zunächst allgemein in die Fragestellung ein:

“Wenn sich die Soziologie mit Unterschieden beschäftigt, kann sie sich gegenüber deren Fortbestehen nicht indifferent zeigen. Einkommen werden daher beobachtet unter Maßgabe ihrer Angleichung. Bildung gilt als für alle Bildungsfähigen gleichermaßen verpflichtendes Ideal. Und Chancen können nur dann für Gerechtigkeit sorgen, wenn sie allen gleich zur Verfügung stehen. Warum sollte das beim Thema Einwanderung anders sein? Weil sich die Erwartung an Gleichheit mit dem Recht auf Verschiedenheit streitet, also mit der Erwartung, dass auch dieses Recht wiederum gleich verteilt sein muss. Die Gesellschaft realisiert beides, und darum verfügt auch die Immigrationsforschung über zwei entsprechende Theorien, also enttäuschungsresistente Erwartungen: Erfolgreiche Integration, so die eine Haltung, gelingt durch Assimilation an die neue Heimat. Pluralisierung dagegen, also die Zunahme von Vielfalt, gilt der anderen Position als der Schlüssel zum pfleglichen Miteinander in der Einwanderungsgesellschaft.”

Die Überlegungen Wagners leuchten mir nicht ein. Einwanderung bringt “Pluralisierung” mit sich. Diese Pluralisierung kann dann zu Problemen führen, wenn sich Teile dieser “pluralisierten” Gesellschaft nicht in das übergeordnete Ganze integrieren. Man kann für mehr oder weniger “Pluralisierung” bzw. Vielfalt sein, aber sie ist Bedingung für das Entstehen des Problems, nicht seine Lösung. Die USA z.B. sind zweifellos eine besonders effektive Nation, deren Bürger bekanntermaßen aus der ganzen Welt abstammen. „Pluralisierung“ mag also ein Argument für Effektivität sein, aber es ist nicht automatisch ein Argument für erfolgreiche Integration. Andererseits bedeutet die von Wagner als Gegensatz zur Pluralisierung behauptete „Assimilierung“, mit der das Verschwinden der Kennzeichen der alten Heimat des Neubürgers gemeint ist, ganz unbedingt eine erfolgreiche Integration, denn je mehr Kennzeichen der Neubürger mit den Altbürgern teilt, desto weniger ist er von diesen unterscheidbar, desto mehr gehört er zu dieser Menge und ist also in sie integriert – was mathematisch gut durch die Mengenlehre abgebildet werden kann.

Es ist also m.E. falsch, einerseits die Ursache, andererseits einen Lösungsvorschlag als quasi gleichwertige, gleichberechtigte Ansätze zu dem einen Problem der Integration vorzustellen. Dass Wagner dies tut und also die „Pluralisierung“ in nicht zulässiger Weise einbringt und aufwertet, zeigt an, dass er ihm nicht als wissenschaftlicher Begriff wichtig ist, sondern als ideologischer in einem politischen Diskurs. „Pluralisierung“, diese Orientierung muss seinerseits unbedingt gegeben werden, auch wenn der Zusammenhang ein völlig fremder ist, wie auch die folgenden Sätze zeigen. Wagner schreibt:

“Man sollte nicht erwarten, dass dieser Streit entscheidbar wäre. Schon gar nicht soziologisch. Denn wie misst man denn etwa Assimilation? Integration geschieht durch Recht, Ökonomie und Politik. Durch Zwang also. Assimilation dagegen müsste etwas mit Freiheit zu tun haben oder wenigstens mit einer Wahl, womit man bei der Kultur wäre.”

Während grade eben noch Assimilation und Pluralisierung als zwei Lösungsansätze im Sinne einer erfolgreichen Integration dargestellt wurden, erscheint das einstige Ziel jetzt als wenig attraktives Mittel („Zwang“) der nunmehr zum Ziel mutierten „Assimilation“, die wiederum durch Wahlmöglichkeit und Freiheit gekennzeichnet wird, mithin die „Pluralisierung“ meint. Dass dieser Streit nicht entscheidbar sei, ist eine ideologisch determinierte Setzung - die Geschichte, insbesondere die der USA und Israels, zeigt das Gegenteil. Nachdem nun also mehrmals das Mantra “Pluralisierung” gebetet worden ist, kommt Wagner endlich auf die Arbeiten von Gerhard und Hans zu sprechen:

“Etwa Vornamen: Wenn Vater Hasan seinen hierzulande geborenen Sohn Herbert nennt oder Mutter Dragana ihre Tochter Ursula oder ihren Sohn Wilhelm – wären das nicht gelungene Beispiele erfolgreicher Assimilationen? Die Berliner Soziologen Jürgen Gerhards und Silke Hans jedenfalls GLAUBEN das (“From Hasan to Herbert: Name Giving Patterns of Immigrant Parents between Acculturation and Ethnic Maintenance”, in: American Journal of Sociology, Jg. 114, Heft 4, 2009). Sie haben dabei mit dem Sozio-ökonomischen Panel gearbeitet. Diese seit 1984 in Deutschland durchgeführte Befragung von mittlerweile zwölftausend (!, T.) Haushalten enthält die Namen der Interviewten eigentlich nur aus technischen Gründen. Ihre Verwendung zu Forschungszwecken war gar nicht beabsichtigt. Könnte man aber nicht, so die Idee dieser Studie, aus den Vornamen der in Deutschland geborenen Kinder von Einwanderern etwas über die Assimilation ihrer Eltern lernen? Wer seinem Kind als Ausländer einen deutschen Namen gibt, so die Hypothese, verrät damit doch wohl ein Bekenntnis zur neuen Heimat, zum ANGEKOMMENSEIN und BLEIBENWOLLEN. Es scheint dabei aber im blinden Fleck dieser Frage zu liegen, ob der Immigrant eigentlich so etwas vorfindet wie “die” deutsche Kultur. Erst damit hätte der Fremde die Wahl, sich dem Fremden anzupassen.”

Wagner will offenbar ausdrücken, dass es eigentlich gar keine („die“) deutsche Kultur gibt, an die man sich anpassen könnte.

“Die Ergebnisse der Studie sind jedenfalls eindeutig. Die Autoren sortierten 2492 Kinder nach dem Herkunftsland ihrer Eltern: Kinder aus romanischen Ländern, aus dem früheren Jugoslawien und aus der Türkei. Sie stellten fest, dass fast die HÄLFTE der Einwanderer aus Ländern wie Frankreich oder Kroatien ihren Kindern bereits deutsche Vornamen gegeben haben, aber nur SIEBEN Prozent der türkischen Eltern. Jungen werden dabei überall eher nach der Herkunftskultur getauft, bei Mädchen dagegen kann es ein deutscher Vorname sein. Bildung sowie Einbürgerung fördern ebenfalls die Neigung zu dieser Assimilationsleistung. So richtig überraschend ist das nicht. Da wäre zum einen der deutlich größere kulturelle, sprachliche und religiöse Abstand der Türkei zum deutschen Sprachraum. Umgekehrt teilen sich die romanischen und auch die Länder des Balkans ein altes Reservoir an Namen, die kulturübergreifend beliebt sind. Orient und Okzident hingegen haben einfach nicht genug gemeinsame Heilige. Wer demnach seine Tochter Eva nennt, mutet der Oma in Paris weniger zu als dem Großvater in Ankara, dessen Enkel auf den Namen Lukas hören soll. Das relativiert den türkischen Namenskonservativismus ein wenig, ändert am Gesamtbild aber nichts und bestätigt die Erwartung.”

Diese Ausführungen Wagners halte ich für sehr fragwürdig. Der kulturelle, sprachliche und religiöse Abstand zu Ostasiaten beispielsweise ist zweifellos sehr groß, dennoch: „…haben mehr als 70 Prozent der Angehörigen der zweiten Generation der koreanischen Einwanderer in Deutschland (die vor allem seit den 60er-Jahren ins Land kamen) Abitur. Andere asiatische Einwanderergruppen wie Vietnamesen und Chinesen zeichnen sich ebenso durch einen hohen Bildungswillen und eine hohe Erwerbsquote aus.“ (1) Jackie Chan, Bruce Lee, Jet Li, Andy Lau usw. usf.: Unsere schlitzäugigen Freunde haben anscheinend keine Probleme mit der Mischung der Namen. Andererseits haben die Orks ja reihenweise unsere religiösen Gestalten gekidnapped und zu Mohammedanisten erklärt, von Abraham über Moses bis zu Jesus. Die konsequente Verweigerung (sieben Prozent zu fünfzig) einer europäisch-westlichen Namensgebung muss also, anders als Wagner nahelegen will, andere Ursachen haben. Er schreibt weiter:

Aber was war eigentlich die Erwartung? Suchten die Autoren allen ERNSTES nach Uwe Ilmaz und Ursula Bugur? Müsste man solche Kinder nicht fast bedauern? Reicht dazu nicht schon ein Blick in ein deutsches Klassenzimmer? Kevin, Lara, Sophie, Lea, Luca und Tim – was seid ihr denn bloß für Assimilationsvorbilder? Nationalsprachliche bestimmt nicht. Beliebigkeit findet man aber auch nicht. Es ist eine Mischung aus Fernsehen, Popmusik, Kino und Sport – viel Mode, wenig Tradition.

Warum sollte ein Uwe Ilmaz zu bedauern sein, da es ein Bruce Lee nicht ist? Hat Wagner denn gar nicht begriffen, dass es – zumal im Zeitalter der Globalisierung – nicht um die Integration in einen Nationalstaat geht, sondern um die Integration in eine u.a. politische, kulturelle und ökonomische Sphäre? „Auch Spanier, Italiener und Portugiesen und europäische Zuwanderer aus vielen weiteren EU-Staaten zeigen sich gut integriert, wobei besonders die Spanier hervorragend abschneiden,“ so meldete PI im April (2). Der „Spiegel“: „Die Gruppe der Aussiedler schneidet im Gegensatz zu den Türken bundesweit überraschend gut ab: Nur 3 Prozent sind ohne Abschluss, 28 Prozent haben sogar die Hochschulreife.“ (3) Kasachstan ist von Deutschland weiter entfernt als die Türkei, aber die Kasachen-Deutschen nehmen eben stärker an der westlichen globalen Kultur teil als die Türken. Und darum geht es, um die Integration in diese Weltkultur, nicht um die in einen deutschen Kleinstaat von vor 200 Jahren als Wolfgrim oder Kunigunde. Wagner kommt zum Finale:

“Soziologisch ist sie nicht uninteressant. Und gewiss auch nicht für die Migrationsforschung. Da stellen sich doch ganz neue Fragen: Was verraten die Vornamen der türkischen Kinder? Geben sie Rückschlüsse auf Schichtungszugehörigkeit und Bildungsstand der Eltern? Gibt es Modenamen? Wie heißen die türkischen Kevins und Mandys? Findet man Regionalismen? Werden deutsche Türken anders gerufen als ihre Verwandten am Bosporus? Man sollte doch erwarten dürfen, dass sich hier in den vergangenen dreißig Jahren etwas in Bewegung gesetzt hat. Aufgabe der Migrationsforschung wäre es dann, etwas über die Kräfte zu erfahren, die dafür verantwortlich sind. Denn erst dann könnte das in Sicht kommen, was Einwanderer und Alteingesessenen verbindet, also gemeinsam integriert: Gesellschaft nämlich.”

Die recht lange Reihe von zweifellos interessanten Fragen, die Wagner den beiden Wissenschaftlern in launigem Ton zum Abschluss stellt, und die sie nach seiner Ansicht leider nicht beantwortet haben, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie einige Fragen sehr genau beantwortet haben: Kann man an der Namensgebung den Grad der Integration feststellen? Ja! Sind die Mohammedanisten demnach besonders schlecht integriert? Ja!

Dass ein geheimnisvolles ETWAS namens „Gesellschaft“, welches „die“ Einwanderer (tatsächlich geht es nur um Mohammedanisten) und die Autochthonen verbindet, dann erscheinen wird, wenn Wagner seine Fragen zur Namensgebung bei den Orks geklärt sieht, wage ich zu bezweifeln. Eine werde ich ihm aber doch beantworten. Der orkische Kevin heißt… OSAMA (= Usama = Asama = Besama).

Time am 19. Dezember 2009

_____

(1) http://www.pi-news.net/2009/04/die-gescheiterte-einwanderung-eine-bilanz/

(2) ebd.

(3) http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,603294,00.html

auch: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonderthemen;art893,2723313

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