Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Rumi schenkt einem Bettler seinen Gürtel

In der heutigen FAZ berichtet Gustav Falke über eine misslungene Übersetzung von zweihundert Liebesgedichten des bedeutenden mohammedanistischen Mystikers und persischen Dichters (Maulana) Dschalal ad-Din ar-Rumi (1) durch den Iraner Ali Ghazanfari.

Rumi lebte von 1207 bis 1273. Sein Dasein als mohammedanistischer Geleerter erfuhr eine grundlegende Wendung, als er sich mit dem Derwisch Schams-e Tabrizi (2) anfreundete, der wiederum ein Schüler von Hadschi Baktasch Wali (3) gewesen war, eines anti-orthodoxen Mystikers, welcher die Scharia vollkommen ablehnte.

Mit Schams unterhielt Rumi eine vierjährige Liebesbeziehung, deren Intensität mutmaßlich die Eifersucht seiner Schüler hervorrief. Wahrscheinlich entführten und ermordeten sie Schams 1248. Wiki: „Die Sehnsucht nach dem Freund inspirierte… Rumi zu dem bis heute nachgeahmten Reigentanz und zum Dichten seiner ebenfalls bis heute vielzitierten Verse (4).“

Wie für den Mystizismus typisch verwischte sich auch in Rumis Vorstellungen die Liebe zu Gott mit der irdischen (in diesem Fall homosexuellen) Liebe, und er entfernte sich dabei weit von mohammedanistischen Grundsätzen. Wiki:

„Rumi bezeichnete seinen Todestag als große Hochzeit, da er an diesem Tag mit Allah vereint würde. (…) Die Lehre Maulanas (Rumis) basierte darauf, dass er die Liebe als die Hauptkraft des Universums ansah. Genauer gesagt ist das Universum ein harmonisches Ganzes, in dem jeder Teil mit allen anderen in einer Liebes-Beziehung steht, die wiederum einzig und allein auf Gott gerichtet ist und nur durch seine Liebe überhaupt Bestand haben kann.

(…) Der Grund für seine Berühmtheit ist, dass er die Fähigkeit besaß, diese Lehre in Poesie unübertroffener Schönheit wiederzugeben:

‚Komm, wer du auch seiest! 
Wanderer, Anbeter, Liebhaber des Loslassens, komm.
 Dies ist keine Karawane der Verzweiflung.
 Auch wenn du deinen Eid tausendmal gebrochen hast,
 komm nur und noch einmal: komm.’

Er beschrieb mit derselben Eloquenz die Freude, Gott näher zu kommen, wie die Trauer, von Gott getrennt sein zu müssen. Wie andere mystische Dichter bezeichnete er Gott als den Geliebten und die menschliche Seele, die auf der Suche nach Gott ist, als den Liebenden.“

Die Folge von Misogynie und Geschlechtertrennung ist m.E. immer die massive Ausbreitung der Homosexualität, das war im klassischen Griechenland nicht anders als im Persien vergangener Tage bis heute. Wiki (5): „Homosexualität war seit den Anfängen der persischen Dichtung im 9. bis zum 20. Jahrhundert der Haupttopos in der persischen Liebesdichtung.“ Diese Orientierung betrifft ebenso den hochgerühmten Hafes (6) wie den nicht minder geehrten Farrokhi (7). Objekte der Anbetung waren dabei meist Türken, die damals noch in rauhen Mengen die persischen Sklavenmärkte bevölkerten. Wiki: „Die türkischen Schönheiten waren derart beherrschend, dass die Bezeichnung ‚Türke’ zum Synonym männlicher Schönheit wurde. Es waren türkische Sklaven, die man auf Sklavenmärkten erwarb, militärisch ausbildete und in den Armeen oder im Haus einsetzte. (…) Farrokhi verzehrt sich in seinen Gedichten vor Sehnsucht nach einem türkischen Soldaten und bezeichnete ihn als ‚Abgott’.“

Es ist nun grade insbesondere die Verleugnung dieser Homosexualität, die die Ursache für die oben angesprochene, misslungene Übersetzung ist. Das Wort hat nunmehr endlich Gustav Falke:

Auf in die Welt der Trunkenheit

Der Knabe wird zur zierlichen Dame: Eine gescheiterte Übersetzung der persischen Liebesgedichte von Rumi offenbart die Problematik digitaler Druckwerke.

Die vorliegende Übersetzung ausgewählter Liebesgedichte Rumis ist misslungen und gerade darin interessant. In gewisser Weise interessant sind sogar die vielen Deutschfehler, die dem Iraner Ali Ghazanfari unterlaufen. Rechtschreibfehler, falsche Deklinationsendungen, eine Zeichensetzung, die manchmal wohl rhythmisieren soll, jedenfalls quer zum Satzgefüge steht, Objektbezüge, die erst aus dem Blick ins persische Original klarwerden und manche Zeilen zu bizarrem Nonsens, einer Parodie von Mystik machen. Daran zeigt sich auch die Problematik von Digitaldruckwerken, hat doch der Leiter des Engelsdorfer Verlags, Timo Hemmann, die Fehler Ghazanfaris nicht einmal in dem von ihm unterzeichneten Vorwort korrigiert.

Interessanter jedoch sind die inhaltlichen Vorentscheidungen. So wird der Angeredete der Gedichte als “Geliebte”, nicht als “Geliebter” übersetzt, ja die Angst vor einem Missverständnis lässt den Übersetzer sogar vom Erzengel “Gabriele” und von “meine Liebling” reden, obwohl Engel und Lieblinge geschlechtsneutral sind. Grammatisch ist das Geschlecht des Geliebten auch im Persischen nicht zu unterscheiden. Allerdings hat Rumi seine geistige Initiation der Begegnung mit Shams-e Tabriz zugeschrieben und auch seine eigene Gedichtsammlung, den “Diwan”, unter dessen Namen herausgegeben. Es wird heute weithin angenommen, dass Rumis Schüler Shams umgebracht und an unbekanntem Ort verscharrt haben, weil ihr Lehrer durch diese sinnlich-unsinnliche Liebe zu sehr vom Schulgeschäft abgelenkt wurde.

Gewiss darf man die lyrische Stilisierung nicht einfach ins Biographische herunterrechnen. Angesichts der deklarierten Verehrung für den betrauerten Lehrer scheint die Sprechsituation immerhin klar, dass Shams als Liebender in der von Platon vertrauten asymmetrischen Konstellation den jüngeren Rumi als Geliebten anredet, so wie Rumi später Schüler als Geliebte hatte. Im Übrigen sprechen die Gedichte abwechselnd vom Geliebten und vom Freund, und indem er den Freund männlich sein lässt, bringt der Übersetzer mit der Trennung von Liebe und Freundschaft nicht nur ein konventionelles Geschlechterrollenbild zum Ausdruck, sondern zerstört auch die Einheit des Gedichtzyklus.

Im Russischen gibt es den Witz “Stimmt es, dass Tschaikowsky schwul war?” “Ja, aber nicht deshalb lieben wir ihn.” Die Feststellung der Homosexualität Rumis hat einen gewissen provokativen Wert, ist doch sein großes Lehrgedicht, der Mathnawi, nicht nur für den Orden der tanzenden Derwische, sondern überhaupt für dem Sufismus zugeneigte Muslime das zweite Buch gleich nach dem Koran. Aber in der Provokation liegt keine tiefere Bedeutung, ja man könnte die Feminisierung der Übersetzung liebesgeschichtlich so rechtfertigen, dass in damaligen Zeiten ein geistiges Verhältnis zu Frauen nicht denkbar war. Zeigte sich nicht durchgehend die Biederkeit des Übersetzers! Da geht das lyrische Ich abends nicht in die Schenke, sondern betritt die “Welt der Trunkenheit”, wo der Wein, wenn sich die Erinnerung an Reales nicht vermeiden lässt, nicht von dem von Omar Khayyam oder Hafis bekannten Schenkenknaben, sondern von einer “zierlich Dame” eingeschenkt wird. Schließlich haben wir es hier mit Rein-Geistigem zu tun.

Dabei liegt die poetische Pointe der Gedichte gerade darin, das Hohe mit dem Niedrigen zu verbinden. Und sufistisch sind sie, weil sie nicht einfach eine Weltanschauung präsentieren, sondern von Erfahrungen ausgehen, die jeder machen kann. Rumi wird kein Säufer und kein Lüstling gewesen sein, doch im Rausch liegt für ihn ein Anfang der Weisheit. Ghazanfari hat von den 1995 Rubajat des “Diwan” zweihundert übersetzt. Rubajat sind Vierzeiler, die eine Situation zeichnen und in der letzten Zeile verallgemeinern oder zuspitzen. Der körperliche Eindruck, den die Spannung zwischen den tänzerischen quantitierenden Metren und den schweren, möglichst vollständigen Reimen in der ersten, zweiten und vierten Zeile nebst vielen Wortwiederholungen macht, ist kaum in Übersetzung wiederzugeben. Doch indem Ghazanfari auch die elementare Anschaulichkeit der Gedichte in Wolken tropisch geschwollener Rede hüllt, bleibt endgültig unverständlich, warum Rumi, der bei uns der Römer heißt, weil er sich am oströmischen Hofe der Seldschuken in Konya aufhielt, von den Iranern Maulana und von den Türken Mevlana genannt wird – unser Meister.

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Hier kann man sich nur wundern, wie dreist und mit welchem Aufwand ein Ork versucht, die Wahrheit zu unterdrücken. Und ist es nicht bemerkenswert, dass ein deutscher Verlagsleiter unserer Tage ihm darin bereitwillig folgt? Das gleiche Schema zeigt übrigens auch der Wiki-Eintrag über Rumi, wenn er die Bedeutung des Alkohols für diesen unerwähnt lässt und stattdessen von „mystischer Trunkenheit“ fabuliert (die Diktion weist ohnehin auf einen Ork). „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ lautet das Motto (8), dabei sind von Klo H. Metzel selbst homoerotische Szenen in Hadithen überliefert (9) und in der Mulla-Hochburg Ghom grassiert AIDS (10). Was das soll? Etwas zu verbieten und die Menschen gleichzeitig dazu zu verführen, das macht sie zu Sündern, Mitwissern, es macht sie angreifbar und beherrschbar – und um nichts anderes als Herrschaft geht es dem Mohammedanismus.

Time am 31. Dezember 2009

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Maulana_Rumi

2) http://de.wikipedia.org/wiki/Schams-e_Tabrizi

3) http://de.wikipedia.org/wiki/Hadschi_Baktasch_Wali

4) http://de.wikipedia.org/wiki/Diwan-e_Schams-e_Tabrizi

5) http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualität_in_der_persischen_Liebesdichtung

6) http://de.wikipedia.org/wiki/Hafes

7) http://de.wikipedia.org/wiki/Farrokhi

8) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/24/die-orks-sind-schwul/

9) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/23/hadithe-2-ahem-sex/

10) http://www.pi-news.net/2008/01/unterm-mullahgewand-pulsiert-das-leben

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PS.: (Dschalaladdin Mohammad) Rumi: Gipfel der  Liebe. Ausgewählte Vierzeiler. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Persischen von Ali Ghazanfari. Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2009. 212 S., geb., 16,- [Euro].

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Eine Antwort zu „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“

  1. Kolja sagt:

    Schade.Allein in der Akzeptanz von schwul sein ist nicht die ganze Wahrheit erzählt und es ist einfach sich daran festzuhalten – so ungemein wichtig das ist – Rumi war ein Mystiker und nur aus dieser Perspektive ist es/ für mich zu verstehen.
    Und Sufismus und die “mohammedaner” ist etwas sehr spezielles und ist eine Geschichte gerade der “Abweichler” vom traditionellen Glauben.
    Glaube sls Herrschaftsinstrument und Machtausübung hat es überall gegeben . der Inhalt ist auswechselbar.(leider)
    kolja

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