Apokalypse? Nein danke!

Apokalypse, von Albrecht Dürer (Ausschnitt)

Vor kurzem hatte ich Ausführungen zu einer Buchrezension von Susanne Schröter gemacht (1). Das Buch stammt von Werner Schiffauer und hat die mohammedanistische Organisation Milli Görüs zum Thema. Frau Schröter folgte Schiffauer in seiner These, dass die Milli Görüs teilweise auf dem Weg zu moderat-modernen Positionen sei und bescheinigte ihm methodologische Korrektheit.

Ohne dies nachzuvollziehen, nahm ich den Artikel zum Anlass, zu Gelassenheit und Genauigkeit beim Erforschen unseres Feindes aufzurufen wie auch dazu, zu überlegen, ob nicht auch wir einen Einfluss auf ihn nehmen. Der geschätzte Kommentator Quer meinte ablehnend aber treffend: “Auf jeden Fall ein der Einschläferung dienender Artikel, dessen Ergebnis für Hoffnungsfrohe nur lauten kann: Alles nur halb so schlimm. Sowohl der Autor (Schiffauer, T.), als auch Frau Schröter, reiten explizit auf der Welle Bassam Tibi’s, der ebenfalls von einem zu reformierenden ‘Euro-Islam’ träumt. Den Unbedarften weiter nette Träume. Die Chancen auf einen Super-Lottogewinn sind ungleich höher: Nur 1:140.000.000!”

Ob ein “Euro-Mohammedanismus” denkbar oder wünschenswert ist, sei an diesem Ort dahingestellt, jedenfalls haben wir allmählich Erfahrung mit der Abschaffung von Diktaturen und totalitären Ideologien – im Fall des Kommunismus zumindest in Europa sogar mit der nahezu gewaltlosen. Ganz so einfach mit es mit den Orks wohl nicht laufen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Auseinandersetzung robuster werden, entbindet nicht von der Verpflichtung und der Sinnhaftigkeit, auch immer andere Wege zu suchen und zu nutzen, um die Apokalypse, die für alle unangenehm wäre wenn sie denn nun mal eintreten sollte, zu vermeiden.

Jedenfalls gab es auch in der FAZ selbst gestern einen vehementen Einspruch der Orientalistin und Turkologin Professor Dr. Ursula Spuler-Stegemann in Form eines Leserbriefes (2).

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Wichtige Informationen vorenthalten

Zur Buchrezension von Professor Dr. Susanne Schröter “Pflichtlektüre für den Verfassungsschutz”: Die F.A.Z. hat eine im doppelten Sinne einseitige Rezension zu Werner Schiffauer “Nach dem Islamismus. Eine Ethnographie der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs” gebracht. Das war unnötig. Denn wenn man eine tatsächlich adäquate Buchbesprechung eines ausgewiesenen Kenners der Szene lesen will, muss man sich Eberhard Seidels Beitrag “Der Ethnologe und seine Boygroup” in der Tageszeitung “taz” vom 3. April vornehmen.

Empathie ist für Feldforschung unerlässlich; sie darf jedoch nicht den Blick für Realitäten verstellen, zumindest nicht einer Rezensentin, deren Aufgabe es gewesen wäre, die Dinge wieder geradezurücken. Doch offenkundig teilt sie mit Schiffauer die wissenschaftlich mehr als fragwürdige Methode, Gruppierungen ausschließlich auf der Basis von im persönlichen Gespräch erhaltenen Eigendarstellungen zu beschreiben, wobei man kritische Informationen – wie Aussagen des unumstrittenen geistigen Führers der Islamischen Gemeinschaft Milli Gorüs (IGMG), Necmettin Erbakan, Gerichtsurteile, Gutachten und laufende Prozesse – relativiert beziehungsweise ganz ausblendet und wesentliche Angaben etwa über die Organisationsstruktur der IGMG dem Leser vorenthält. Ein derartiges Vorgehen ermöglicht das im Ansatz durchaus ehrenwerte Wunschdenken von einer “postislamistischen” Trend- beziehungsweise Kehrtwende innerhalb der IGMG. Zumindest das Verbot der “Internationalen Humanitäre Hilfsorganisation” (IHH), die der IGMG im weitesten Sinne zugerechnet wird, hätte die Rezensentin wachrütteln müssen. Man fragt sich schon verzweifelt, was Ihre Zeitung dazu bewogen haben mag, einen solchen Beitrag nicht nur zu übernehmen, sondern darüber hinaus auch noch in Szene zu setzen.

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Der taz-Artikel, auf den Frau Stegemann verweist, ist online nachzulesen (3). Daraus geht hervor, dass die Reinwaschung der Organisation seit Jahren eine Hauptbeschäftigung Schiffauers ist: “Wie ein Mantra wiederholt Schiffauer seit zehn Jahren in Interviews, Zeitungsartikeln und Aufsätzen: In der islamischen Gemeinschaft Milli Görüs hätten demokratische Reformer die Führung übernommen, die umstrittene Organisation sei nicht mehr islamistisch, sondern ‘postislamistisch’ (…) Während der Professor bereits Ende der 1990er-Jahre einen radikalen, demokratischen Kurswechsel bei Milli Görüs ausmachte, herrschte vielerorts noch eine ganz andere, zum Teil recht bedrohliche Lage. Milli-Görüs-Aussteiger wurden unter Druck gesetzt, bisweilen körperlich misshandelt; tausende von einfachen Mitgliedern wurden von islamistischen Holdings mit tatkräftiger Unterstützung von Milli-Görüs-Funktionären um ihre Ersparnisse geprellt; Journalisten, die über diese Machenschaften und über die Vernichtung von Existenzen berichteten, wurden eingeschüchtert und mit Prozessen überzogen.”

Eberhard Seidel weist darauf hin, dass Schiffauer sein Buch fast ausschließlich auf die Ausführungen nur dreier Funktionäre, von denen einer der Neffe des Organisationsgründers ist, der andere aber von der Staatsanwaltschaft “unter anderem wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung” durchleuchtet wird.

Seidel: “Die Postislamisten, wie Schiffauer die Reformer nennt, hatten niemals eine Mehrheit bei Milli Görüs. Ihr Einfluss ist begrenzt, vor allem bei der jüngeren Generation. Auch er kommt nicht umhin, dies nach zehn Jahren teilnehmender Beobachtung kleinlaut einzuräumen und damit seine Thesen zu relativieren. Wie kommt das? Am Ende seiner Ausführungen landet Schiffauer da, wo alle enden, deren Analysekraft Grenzen hat – bei Verschwörungstheorien: Schuld hat die Mehrheitsgesellschaft, die Milli Görüs nicht einfach in die Arme schließt.”

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Offenbar sind die Darstellungen Schiffauers falsch und einer Obsession oder einem Vertrag mit Milli Görüs geschuldet. Gleichwohl bleibt es m.E. sinnvoll, über alle möglichen Wege nachzudenken, damit Quers Prognose nicht eintrifft, der schrieb: “Lasset aber alle Hoffnung und Träume fahren und bereitet Euch stattdessen auf die finale Auseinandersetzung vor, gegen die Nordirland als ein harmloses Sandkastenspiel unter Kindern sein wird. Zeit für diese Vorbereitung für Körper und Seele sind noch ca. 10 Jahre. Längstens!”

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Time am 24. August 2010

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1) http://madrasaoftime.wordpress.com/2010/08/14/mehr-wissen-als-sie/
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Ursula_Spuler-Stegemann
3) http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=pb&dig=2010/04/03/a0059&cHash=9fcc423000

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Eine Antwort zu „Apokalypse? Nein danke!“

  1. quer sagt:

    “.. Gleichwohl bleibt es m.E. sinnvoll, über alle möglichen Wege nachzudenken,…”

    Time,
    das ist ein frommer und gar bedenkenswerter Wunsch. Mehr noch: Es ist ein frommer Wunschtraum. Ein Beispiel gefällig? Wenn man Amazon trauen darf, dann erwartet eine unglaubliche Zahl von Bürgern das Erscheinen des Buches von Sarrazin. Der hat – wie man hört – auch Lösungen parat. Und nun verfolgen Sie mal, wie 99% der Journallie in Deutschland diesem Buch und seinen Aussagen Häme, Hindernisse und Hürden in den Weg stellen. Vom Geifer der Betroffenen und ihrer willigen Kolaborateure (Politiker) samt der sog. “Integrationsbeauftragten” (möglicherweise von Erdogan bezahlt?) mal ganz abgesehen. Das ermutigt sicher das Volk. Stimmt’s?

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