Im Zeichen der Kirschblüte

In der heutigen FAZ gibt es einen sehr einfühlsamen Aufsatz von Ian Buruma (1) in der Übersetzung von Matthias Fienbork, der deutlich macht, warum unsere fernen Nachbarn in Japan so leicht unsere Freunde sein können (während dies in Bezug auf unsere unmittelbaren Nachbarn, die dauerhysterischen Mohammedanisten, unmöglich ist).

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Schönheit ist nur das Gesicht des Schreckens

Zwischen Fatalismus und magischem Denken: Ihre Kulturgeschichte lehrt die Japaner den Umgang mit Katastrophen.

Theorien über Nationalcharakter sind mit Vorsicht zu genießen. Das menschliche Verhalten ist viel zu eigenwillig, als dass man es an Faktoren wie Klima oder natürlicher Umgebung festmachen könnte. Und doch wird man vernünftigerweise annehmen können, dass Menschen, die am Fuß eines Vulkans leben, eine etwas andere Lebenseinstellung haben als die Bewohner einer sanften englischen oder bayerischen Hügellandschaft. Vor allem dürften sie kaum Jahrzehnte damit verbringen, an Vulkanhängen Kathedralen zu bauen. Grandiose Bauwerke für die Ewigkeit zu errichten wäre töricht, wenn man davon ausgehen muss, dass die Natur sie jederzeit zerstören kann.

Alle Menschen wissen, dass sie sterben werden, aber nicht alle betrachten Städte als ebenso vergänglich wie das Leben. Europäer beispielsweise können sich zumindest der Illusion hingeben, dass manche Dinge ewig halten. Diese Illusion hatten Japaner nie. Sie können es sich auch nicht leisten. Ihr Land ist viel zu erdbeben- und tsunamigefährdet. Die traditionellen japanischen Häuser aus Holz und Papier waren so flexibel, dass sie kleineren Beben widerstanden, und so leicht, dass die Bewohner eine Überlebenschance hatten, wenn das Haus einstürzte. Aber sie brannten auch leicht. In der Zeit, als Tokio noch Edo hieß, brachen so oft Großbrände aus, dass die Leute mit einem gewissen Stolz den Gefahren von Feuersbrunst trotzten, den sogenannten “Blumen von Edo”.

Im zwanzigsten Jahrhundert wurde Tokio zweimal fast vollständig zerstört: 1923 durch ein Erdbeben, das sich um die Mittagszeit ereignete und den größten Teil der Stadt durch Feuer vernichtete, und ein zweites Mal 1945 durch amerikanische Luftangriffe, bei denen mehr als hunderttausend Menschen durch Brandbomben umkamen, die “Molotow-Blumenkörbe” genannt wurden. Und zweimal schafften es die Japaner, aus dem zerstörten Tokio in Rekordtempo eine noch modernere, noch rasantere Stadt wiederaufzubauen.

Die Unberechenbarkeit der Naturgewalten mag zur buddhistischen Schicksalsergebenheit der Japaner beigetragen haben. Der Buddhismus ist nur eine der großen japanischen Religionen. Die andere ist der Shintoismus, ein altjapanischer Kult. Daneben gibt es den Konfuzianismus, eine chinesische Moralphilosophie. Alle drei prägen das japanische Denken und Verhalten. Besonders im Buddhismus mit seiner Vorstellung eines ewigen Kreislaufs von Tod und Wiedergeburt geht es um Vergänglichkeit und Verlust. Da man Erdbeben oder Tsunamis nicht verhindern kann, ist es am besten, den Gedanken an eine jederzeit mögliche Zerstörung als notwendigen Bestandteil des Lebens zu akzeptieren. Einer der gebräuchlichsten Ausdrücke im Japanischen (wie das “that’s not fair” im Englischen) lautet Shikata ga nai, “es ist nicht zu ändern”.

Das bedeutet nicht, dass das Leben in Japan nichts zählt. Die Japaner leben genauso gern und nehmen genauso großen Anteil am Leben ihrer Angehörigen und Freunde wie die Engländer oder Bayern. Wenn überhaupt, dann sollte die Erkenntnis, dass das Leben in jedem Moment zu Ende sein kann, die Menschen dazu bringen, noch bewusster zu leben. Tatsächlich gibt es in Japan genauso große Unterschiede wie anderswo. Manche Japaner genießen das Leben mehr als andere. Aber die Vorstellung, dass nichts von Bestand ist, prägt die Kultur auf besondere Weise. Man sieht das beispielsweise in der Kunst.

Wir alle sind traurig, wenn etwas Schönes vergeht. Die Japaner machen fast einen Kult daraus. Eben deswegen spielt die Kirschblüte eine so große Rolle, weil sie nur kurze Zeit dauert. Kaum hat man seine Sake-Schale auf diese rosafarbene Pracht erhoben, ist sie auch schon vorbei.

Die Japaner, heißt es, seien viel eher bereit als andere Völker, Selbstmord zu verüben. Das stimmt nicht. In einigen anderen Ländern – Litauen oder Südkorea – sieht die Statistik viel düsterer aus. Doch im traditionellen Drama und selbst in modernen Popsongs wird die melancholische Schönheit des Todes in der Blüte der Jugend gefeiert. Nicht umsonst wurden die Kamikaze-Piloten in zeitgenössischen Schlagern als “Kirschblüten” bezeichnet.

Die Vergänglichkeit des Lebens ist ein beliebtes Thema in Dichtung und Malerei, im Film und selbst in der Architektur. Die zerstörerischen Naturgewalten sind also nicht nur Quelle von Angst oder Fatalismus, sondern auch von Kreativität. Sie sind gewissermaßen Teil der japanischen Kultur. Im Alltag hat das positive wie negative Auswirkungen. Das Gefühl, dass der Mensch nicht viel tun kann, um angesichts von Naturkatastrophen oder autoritären Herrschern sein Schicksal zu bestimmen, kann zu einer Aufkündigung von individueller Verantwortung führen. Wenn Menschen Verantwortung übernehmen, dann oft in einem formalen Sinn – im Namen der Familie oder des Unternehmens und durchaus auch für anderer Leute Fehler.

Die Japaner haben ein ausgeprägtes kollektives Verantwortungsgefühl. Man kümmert sich um die Gemeinschaft, von der Familie bis hin zur Nation. Die Idee einer universalen Brüderlichkeit im christlichen Sinne ist dem traditionellen japanischen Denken fremd. Zwar hat Japan den Vereinten Nationen viel Geld überwiesen, nicht zuletzt, um nach dem Zweiten Weltkrieg den Respekt der Welt zu gewinnen. Die Japaner haben oft geholfen, wenn andere Länder von Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen heimgesucht wurden. Aber in der Vergangenheit ist es ihnen schwer gefallen, ausländische Hilfe anzunehmen, weil sich das nicht mit der japanischen Ehre vereinbaren ließ. Die japanischen Behörden fanden, dass sich das Land selbst zu helfen habe. Als 1995 weite Teile der Stadt Kobe durch ein Erdbeben zerstört wurden, lehnte die Regierung ausländische Hilfsangebote ab, zum Schaden der Opfer. All das hat mit einem kollektivem Pflichtgefühl zu tun, dem Privatinitiative fremd ist. Der amerikanische Individualismus – auch das zum Teil ein Mythos – würde traditionellen Japanern als kindische Illusion erscheinen. Das kann Ausdruck philosophischer Reife sein. Aber es verlangt einen hohen politischen Preis. Der Zweite Weltkrieg mit seinen ungeheuren Zerstörungen wurde nach der Niederlage 1945 von vielen nur als neuerliche Naturkatastrophe, als eine Art Erdbeben empfunden. Diese Haltung verstärkte sich noch durch die beispiellose Zerstörungskraft der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Diese neue Waffe wurde als höhere Gewalt betrachtet, als etwas, das außerhalb jeder Kriegserfahrung lag, geradezu als Magie. Deshalb war die Kapitulation nach dem Bombenabwurf nicht ehrenrührig. Was konnte ein aufrechter Krieger schließlich gegen eine solche Waffe ausrichten? In der Bevölkerung entwickelte sich die gleiche Denkweise. Man konnte nichts dagegen tun, also fühlte sich auch niemand verantwortlich. Das ist keine produktive Sicht auf die Vergangenheit.

Andererseits reagierten die meisten Japaner in bewundernswerter Weise auf die katastrophale Niederlage. Quasi über Nacht begann eine Nation von chauvinistischen Kaisertreuen, ihre Gesellschaft in liberalerem, demokratischerem Geist zu erneuern. Nirgendwo wurde der Wiederaufbau aus Ruinen tatkräftiger, entschlossener und auch optimistischer betrieben als im Nachkriegsjapan. Wie die Einwohner des alten Edo, die nach jedem Erdbeben oder Feuersturm wieder von null anfingen, gingen die Japaner sogar gestärkt aus dem Zusammenbruch hervor.

Das wird gewiss auch für die jüngste Katastrophe gelten. In mancherlei Hinsicht hat sie schon das Beste in den Japanern hervorgebracht und auch bemerkenswerte Veränderungen erkennen lassen. Viele Beobachter staunen über die allgemeine Disziplin – nirgendwo Plünderungen, nirgendwo Unruhen, nirgendwo offene Panik. So war es nicht immer. 1923 ermordete ein wütender Mob viele Koreaner, die für alles verantwortlich gemacht wurden, vom Erdbeben bis hin zu vergiftetem Wasser. Nicht diesmal. Man hat Vergleiche zu der Situation in New Orleans nach Katrina gezogen, bei denen die Japaner sehr gut abschneiden. Auch die Bereitschaft der japanischen Regierung, diesmal ausländische Hilfe anzunehmen, ist ein gutes Zeichen.

Ein schönes Symbol für den immerwährenden Kreislauf von Zerstörung und Erneuerung ist der Shinto-Schrein in Ise in Zentraljapan. Shinto (“Weg der Götter”) ist eine Art Natur- und Fruchtbarkeitskult, der aber auch die Launenhaftigkeit der Natur anerkennt – in der shintoistischen Welt können gefährliche Vulkane heilig sein. Magisches Denken, wie es die Reaktion auf Hiroshima und Nagasaki kennzeichnete, war in gewisser Weise typisch für den Shintoismus. Die Götter können nicht nur wohlgesinnt sein, sondern auch zerstören. Alles kann Elemente des Heiligen in sich tragen – der Berg Fuji, Flüsse, der Kaiser oder der riesengroße Katzenfisch, der in alten Zeiten als Auslöser gewaltiger Erdbeben angesehen wurde.

Kraft, zumal potentiell zerstörerische Kraft, muss mit Opfergaben und Gebeten besänftigt werden. Die Kraft, die im Schrein von Ise angebetet wird, ist eng mit der kaiserlichen Familie verbunden, die nach allgemeiner Auffassung auf die Sonnengöttin Amaterasu zurückgeht. Der Schrein ist so heilig, dass nur Angehörige der Kaiserfamilie Priester oder Priesterinnen werden können. Dieser heiligste aller Schreine wurde vor 1500 Jahren errichtet. Er ist sehr alt und zugleich sehr neu. Denn alle zwanzig Jahre wird er abgerissen und in identischer Gestalt aus frischem Zedernholz neu gebaut. Wie das Land, wie alle Geschöpfe der Natur, so erneuert sich dieser Schrein unablässig selbst. Dauerhaft ist einzig seine Vergänglichkeit.

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Time am 19. März 2011

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Ian_Buruma

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2 Antworten zu „Im Zeichen der Kirschblüte“

  1. jack sagt:

    Die Japaner leben mit Naturkatastrophen und dem Tod, man hat sie anerkannt als das zum Leben gehörende.
    Bei uns hören die Katastophen auch nicht auf, nach der japanischen radioaktiven Verseuchung ganzer deutscher Landstriche, nun die nächste:
    Knut ist tot!
    Wie werden “unsere” Kinder und unsere Erwachsenen darauf reagieren? Die wunderschönen Bilder und Lobgesänge über dieses kleine süße Raubrier, das uns aus seinen Äuglein anschaute und “uns” zeigte, daß “wir” noch Emotionen besitzen.
    Jetzt ist er tot, einfach so, nun sind unsere Kinder mit dem Tod konfrontiert, vor ihrer Zeit, sie sind noch nicht bereit dazu.
    Ich warte auf die Prozessionen zum Berliner Zoo, weinende menschen und “Warum?”-Schilder.
    Warum wird diese Nation so hart gebeutelt?! :)

  2. jack sagt:

    STERN.DE: “Mach’s gut, Knut”
    BZ: “Wie wir alle zu Knuts Mutter wurden”
    FOCUS Online: “Nach Knuts Tod fließen Tränen”
    Bild: “Die wichtigsten Stationen in Knuts Leben”
    WELT ONLINE: “Nach Tod von Knut: RBB ändert Programm”
    Tagesspiegel: “Berlin: Tod eines Superstars”
    Berliner Umschau: “Berlin trauert um Eisbär Knut”
    Berliner Kurier: “Wowereit reagierte bestürzt”
    Kindercampus-Internet für Kinder: “Die Welt trauert um einen Star – Eisbär Knut ist gestorben”
    taz: “Bleibt der Welt denn nichts erspart?”
    Suite101.de: “Eisbär Knut ist tot: Erinnerungen an Ziehvater Thomas Dörflein”
    Promiflash.de: “Er wurde nur 4 Jahre alt – Die Welt trauert um Eisbär Knut”

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