In der heutigen FAZ reflektierte der von mir sehr geschätzte Thomas Speckmann über den Begriff des „ungleichzeitigen Krieges“. Meine Meinung: erstens, egal wie man ihn nennt, Hauptsache, man denkt über ihn nach, und zweitens: Play to win!
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Gegenwärtige Zukunft als militärische Kategorie
Verstandener Libyen-Feldzug: Vom ungleichzeitigen Kriege
Welche Art von Krieg führen Washington und Brüssel in Nordafrika? Ist es einer der “neuen” Kriege? Ist er asymmetrisch? Sind die heutigen Waffengänge überhaupt als Kriege einzustufen? Die Bezeichnungen für die gegenwärtigen Konfliktformen sind fast so zahlreich wie die Kampfhandlungen selbst. Das verwendete Vokabular erscheint oft unpräzise. Nicht nur die Grenzen zwischen Krieg und Frieden, sondern auch die der Begriffe verschwimmen zunehmend.
Dem setzt Thomas Jäger einen weiteren Terminus entgegen, der im Gegensatz zu vielen anderen Begriffen die bewaffneten Auseinandersetzungen der Gegenwart treffend beschreibt: den ungleichzeitigen Krieg (“Ungleichzeitige Kriege”, in: “Die Komplexität der Kriege”. Hrsg. von Thomas Jäger, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010). Damit greift der Kölner Politikwissenschaftler auf den Gedanken der Ungleichzeitigkeit von Ernst Bloch zurück. Es sagt im Kern, dass Vergangenheit in der Gegenwart weiterwirkt, ohne von dieser aufgehoben zu sein. Damit versucht der Begriff der Ungleichzeitigkeit zu erfassen, dass Entwicklungen zwar realzeitlich gegenwärtig ablaufen, ihre realweltlichen Bindungen aber in unterschiedlichen ökonomischen und kulturellen Zeiten liegen können. Daher kann dieser Begriff nach Jägers Urteil auch dazu beitragen, eine Ausdifferenzierung der heutigen Kriegs- und Gewaltformen zu beschreiben und zu erklären. Denn die gegenwärtige Ausgestaltung des “Chamäleons Krieg” (Clausewitz) zeigt sich von allen drei Zeiten geprägt: Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft.
Jäger erkennt drei Ausgestaltungen der heutigen Kriege. Unter “gegenwärtige Gegenwart” fasst er Streitkräfte, die sich modern ausgerüstet und teilweise atomar bewaffnet gegenüberstehen. Die “gegenwärtige Vergangenheit”, wie sie derzeit in Libyen zu beobachten ist, zeigt sich geprägt von Gesellschaften, die unterschiedlich intensiv in den Prozess der Industrialisierung und Modernisierung eingebunden gewesen sind, was sich elementar auf die Organisation und Ausrüstung ihrer Streitkräfte auswirkt. Zugleich ragt hier die Vergangenheit in die Gegenwart hinein, indem archaische Formen des Kampfes die Konflikte prägen können, in die reguläre Armeen durch Terroristen, Guerrillakämpfer oder Partisanen gezwungen werden.
Kriegsparteien mit amodernen oder antimodernen Haltungen können zu anderen Formen von Gewalt greifen, als sie modernen Streitkräften zur Verfügung stehen. Ob diese dabei mit traditionellen oder mit modernen Waffen kämpfen, kann zwar einen Effekt auf die Feuerkraft und die Wirkung der Gewaltausübung haben. Für die Feststellung, dass die Akteure einen ungleichzeitigen Krieg führen, sieht Jäger aber als entscheidend an, mit welchem politischen Zweck und auf welchem gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungsstand der Krieg geführt wird.
Damit gelangt Jäger zum ersten Paradoxon: dass mit modernster Kommunikationstechnik und massenmedialer Präsentation sowie mit modernen Waffen für ein archaisches politisches System wie Gaddafis Regime gekämpft werden kann. Ein zweites Paradoxon besteht darin, dass diese Gewaltakteure, die einerseits als Kriegspartei auftreten, andererseits transnational agierende Unternehmer sind, wenn auch häufig mit illegalen Waren und als Schmuggler. Die territorial begrenzt geführten, ungleichzeitigen Kriege schließen sich hier an offene Gewaltmärkte wie das afrikanische Söldnerwesen im Dienst Gaddafis und den transnationalen Wirtschaftsaustausch an. Kapital und Waren werden weltweit gehandelt, was wiederum die eigentliche ökonomische Basis dieser Kriegsparteien darstellt. Die eigene Ökonomie wäre für einen längeren Krieg nicht ausreichend – zumal wenn Wirtschaftssanktionen verhängt werden.
Diese beiden Paradoxa weisen nach Jäger auf die Charakteristika derjenigen Akteure hin, die die gegenwärtige Vergangenheit bewahren, reproduzieren und deshalb den Typ des ungleichzeitigen Krieges hervorbringen. Dies ist erstens der Mangel an einer entwickelten industriellen Basis wie in den Krisenregionen Nordafrikas, die die entsprechenden Effekte auf die gesellschaftliche Entwicklung – von der Klassenbildung bis zur Individualisierung – ausübt. Die Gesellschaften sind nicht in den globalen Modernisierungsprozess einbezogen gewesen. Daher betrachten ihn starke Gruppierungen nun als Gefährdung ihrer Lebensweise, nicht anders als in bereits modernisierten Gesellschaften Teile derselben diesen Prozess als zerstörerisch ihrer Lebensweise gegenüber wahrgenommen haben.
Damit ist eine Denkweise verbunden, die nach Jägers Beobachtung auf dem Wert der Ungleichheit aufbaut. In den frühen zwanziger Jahren, für die Ernst Bloch seinen Begriff der Ungleichzeitigkeit am Beispiel Deutschlands entwickelt hatte, wurde bereits die konservative Bewegung um den Wert der Ungleichheit gruppiert. Auch in den ethno-nationalistischen “neuen Kriegen” oder in der neueren Politisierung der Religionen zur Rechtfertigung von Gewalt spielt die Vorstellung von der Ungleichheit der Menschen eine entscheidende Rolle.
Schließlich versuchen einige Kriegsakteure die Zukunft in die Gegenwart zu holen, indem sie über künftige Formen des Kampfes nachdenken, diese konzeptionell vorwegnehmen und damit die Grundlagen dafür schaffen, dass sich Kräfte auf diese Auseinandersetzungen vorbereiten und mithin Kriegsführungsfähigkeit gewinnen. Wenn sich zum Beispiel ein Staat, der über Satelliten verfügt und dessen gesellschaftliches Leben und Sicherheit wesentlich von ungehinderter Kommunikation abhängt, mit der Frage be-schäftigt, wie er verhindern kann, dass ein anderer Staat oder privater Akteur diese Kommunikationslinien unterbindet, dann steht er vor einem Problem der Verteidigung. Um sie aber effektiv ausführen zu können, muss die Streitmacht darüber nachdenken, auf welche Weise welche Angriffe ausgeführt werden könnten. Im Zuge dieses Prozesses erlangt der Akteur selbst die Fähigkeit, Satellitenkommunikation zu unterbinden. Da dies im internationalen Umfeld mehrere Staaten gleichzeitig unternehmen, herrscht zudem noch Misstrauen über die den jeweiligen Staaten zur Verfügung stehenden offensiven Fähigkeiten. Da diese Vorbereitungen für die unterschiedlichen Zukünfte auf die Gegenwart einwirken, nennt Jäger sie “gegenwärtige Zukunft”.
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Time am 30. März 2011
Tags: Thomas Jäger, Thomas Speckman
