Immer wieder gern gesehen

Zu den wundervollsten Nachrichten dieses Jahres gehörte der Höllenritt von A*schl*ch bin K*cken. Stefan Luft berichtete in der FAZ vom 23. November von einer Tagung, die das oben stehende Foto (1) zum Thema hatte.

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Kriegsfotografie ohne Krieg 

Das Foto auf dieser Seite gehört zu den bekanntesten Bildern der jüngeren Zeitgeschichte: Die amerikanische Schaltzentrale in Erwartung der entscheidenden Minuten im Kampf gegen den Terroristen Bin Ladin. In Hildesheim machten sich nun die objektiven und subjektiven Hermeneuten aller Disziplinen daran, dieses Element einer „politischen Ikonographie der Gegenwart“ zu deuten.

Das Bild ist berühmt. Es fand ein Millionenpublikum, bevor es weltweit viele Zeitungen als Titelbild wählten. Seit mehr als einem halben Jahr fasziniert eine Aufnahme aus dem Situation Room des Weißen Hauses die Öffentlichkeit, auf der ranghohe Politiker, ihre Berater und Militärs der Vereinigten Staaten zu sehen sind, während sie über den Verlauf der Militäraktion informiert werden, deren Ziel die Tötung Usama Bin Ladins ist. Das schrieb der Fotograf, Pete Souza, unter das Bild, als er es zuerst auf Flickr.com veröffentlichte. Alles Weitere überließ man der Spekulation.

Die offenen Fragen zum Bild waren Anlass einer wissenschaftlichen Tagung, die kürzlich in Hildesheim stattfand. Was kann uns „Hillarys Hand – zur politischen Ikonographie der Gegenwart“ sagen? In acht Vorträgen näherten sich Philosophen, Psychologen, Pädagogen, Kulturhistoriker und Soziologen dem Bild aus ihren Perspektiven. Für sie war das Bild ein kultureller „Gegenentwurf der Präsentation des toten Gaddafi“ (Michael Diers), die propagandistische „Schließung der Agenda des 11. Septembers“ (Ulrich Oevermann), eine eigene Form „domestizierter Kriegsfotografie“ (Ruth Ayaß). So, wie die Protagonisten aus dem Bild herausstarren, so zieht es uns als Beobachter in es hinein. Das Bild zeigt uns „betroffene Täter“ (Gerhard Schweppenhäuser), unter ihnen den mächtigsten Mann der Welt, der merkwürdig klein und in „demütiger Haltung“ (Martin Schuster) erlebt, zu welchen Handlungen sein Amt zwingt.

Viele Ausführungen zum Bild bestätigten intuitive Beobachtungen: In dem Bild geht es um Weltgeschichte, die auf einen Augenblick verkürzt wurde. Es geht um den Gegensatz militärischer und humanistischer Weltgestaltung, gezeigt durch den Brigadegeneral am Computer und die Politikerin Hillary Clinton, die als Einzige, man unterstellt: erschrocken, auf ihr Erleben reagiert. Neben dem Präsidenten liegt ein „Burn Bag“, eine Tasche für Dokumente, die nach Gebrauch inklusive Inhalt verbrannt wird; auf dem Tisch liegt ein im Nachhinein verpixeltes Dokument – das erklärt dem Betrachter die Situation und „beglaubigt“ das Bild. Es passiert etwas Dramatisches.

Hillary Clinton befindet sich nicht nur auf dem ersten Blick im Zentrum. Technische Aspekte des Bildes unterstützen diesen Eindruck: Der Fokus liegt auf ihrem Gesicht, sie sitzt in der Mitte der rechten Bildhälfte, viele planimetrische Merkmale (die Aglaja Przyborski und Jürgen Raab aufzeigten) verweisen auf sie. Und die inszenierten Aspekte des Fotografen lassen sich durch Aspekte ihrer Selbstdarstellung komplettieren: Hillary Clinton ist auffällig anders gekleidet, sie zeigt ihre Hände und eine Geste, deren vermuteter emotionaler Gehalt durch die Beobachtung beinah physisch nachvollziehbar ist. Sie lässt, als Einzige, den Beobachter verstehen, was gerade passiert. Die Männer im Raum sind passive Beobachter, abgesehen von Brigadegeneral Webb. Er sticht durch seine Aktivität, seine Anwesenheit auf dem Sitz des Präsidenten, seine Uniform und seinen gesenkten Blick heraus. Hillary Clinton und Marshall Webb sind die Protagonisten. Es ist nicht Barack Obama, der in so vielen offiziellen Bildern des Weißen Hauses das Zentrum der Inszenierung bildet. Kein anderes offizielles Dokument des Weißen Hauses verdeutlicht den Wahlspruch „Yes we can“ (nicht „I can“) besser als dieses Bild.

Doch was bedeutet dieses Foto? Es wurde geplant, geschossen und gezielt ausgewählt. Ruth Ayaß arbeitete heraus, dass es seine Bedeutung vor allem durch das erhält, was es nicht zeigt. Das verpixelte Geheimdokument in der Bildmitte ist als Objekt noch sichtbar, ganz unsichtbar ist der Anlass des Bildes. Nur in Hillary Clintons Augen spiegeln sich die Bildschirme, auf die alle schauen. Das Bild zeigt keinen Krieg, nichts Martialisches, es lässt uns nur mittelbar teilhaben an dem, was Hillary Clinton offenbar schaudern lässt. Ulrich Oevermann stellte fest, dass dem Bild auch jedes Zeichen des Triumphes fehlt, obwohl es zu diesem Anlass veröffentlicht wurde.

Das Bild zeigt genau das Gegenteil, nämlich den Moment der Anspannung, als der Triumph noch nicht feststeht. Der Betrachter erlebt nicht nur, sondern vollzieht mit, was er sieht. Dadurch entfaltet sich eine sonderbare Form der Legitimation. Es geht weniger darum, ob Recht ist, was geschieht, als darum, ob es gelingt. Der Soziologe Oevermann überzeugte mit einer daran anschließenden Beobachtung: Dem Bild fehlt es an immanenter Prägnanz. Nur weil wir die Personen kennen, weil wir durch die Informiertheit über die begleitenden Umstände wissen, um was es geht, ist es für uns überhaupt interessant. Es hat symbolischen, aber keinen ikonographischen Wert. Trotz dieser Feststellung ruhte seine Interpretation auf einer Präsentation der von ihm entwickelten objektiven Hermeneutik, die sich auf das Bild, also auf alles im Rahmen Befindliche, beschränkte – und Antworten auf viele interessante Fragen aussparte. Dies war gleichsam das Muster der Tagung.

Zu kurz kamen die Karikaturen des Bildes zur Sprache, die in unfassbarer Fülle im Internet zu finden sind. Einer der Veranstalter (Michael Corsten) hatte die Fragen aufgeworfen: Was bedeutet es, die Bilder anzuschauen? Welche Bemühungen gibt es, die Bilder zu beherrschen? Gibt es eine „kollektive Bildverarbeitung“? Mit dem Internet entstand aber eine neue Kultur: Auf Bilder wird mit Bildern reagiert, auch, oder: gerade, bei ernsten Themen. Dass Bilder andere Potentiale der individuellen und kollektiven Bewältigung darstellen, stellte Martin Schuster fest: Texte erreichen Köpfe, Bilder erreichen Herzen.

Und nun reagiert das Publikum selbst mit Bildern. Gerade um das Bild aus dem Situation Room bildete sich ein dichtes Netz von Mash-Ups, also Karikaturen, die das Bild verändern oder an es anknüpfen. In einem hat der Präsident einen Videospiel-Controller in den Händen, in einem anderen wird das ganze Bild mit weiteren Beobachtern, zusammengesammelt aus der Popgeschichte der letzten fünfzig Jahre, überfrachtet. Die „Archäologie des Bildes“ blieb also unvollständig und die Frage nach der „politischen Ikonographie der Gegenwart“ in vielen Aspekten unbehandelt. Hillary Clinton erklärte übrigens später, sie habe die Hand vor den Mund gehalten, weil sie gerade allergiebedingt eine Niesattacke hatte.

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Time am 26. November
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1)  http://www.whitehouse.gov/photos-and-video/photogallery/may-2011-photo-day

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Eine Antwort zu „Immer wieder gern gesehen“

  1. Rechts vor Links sagt:

    Diese Sache mit bin Laden hat für meine Begriffe einen unangenehmen Beigeschmack. Etwas, das nach Mafia und Auftragsmord schmeckt.

    Bitte nicht falsch verstehen: Ich trauer bin Laden sicher nicht nach, aber einen alten Mann nachts in seinem Haus zu überfallen und ohne Gerichtsverhandlung einfach hinzurichten, na ja, das spricht nicht gerade für die USA, die ja nach eigenem Bekunden sonst viel Wert auf Menschenrechte und Demokratie legen. Ich finde, diese Rechte müssen auch bei einem Schwerverbrecher wie bin Laden gelten, zumal ja hier keine Gefahr in Vollzug war.

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