Ein aufmerksamer Beobachter der arabischen Welt ist Sunnitenfreund Rainer Hermann, der regelmäßig für die FAZ schreibt. In letzter Zeit hat er sich zum Glück mehr und mehr den politischen Bewertungen, die oftmals in dimmihafte Schönredereien ausarteten, enthalten, und sich auf wirtschaftliche Berichte verlegt. Besondere Aufmerksamkeit widmet er dabei den kleinen Staaten auf der arabischen Halbinsel wie den VAE, Oman (1) und Katar (2), die er als Reform-Motoren ansieht.
Damit hat er nicht ganz Unrecht, berichtet Wiki doch z.B. über die katarische Universität:
„… hatte die Universität mit ca. 70 % einen vergleichsweise hohen Frauenanteil.“
Oder: „In Katar besteht die Todesstrafe weiterhin, allerdings wird sie derzeit kaum vollstreckt.“
Die Zukunft wird es zeigen, aber die geschmäcklerische, anbiedernde Schreibweise (z.B. türkische Buchstaben oder “Qatar” anstelle “Katars”) sollte die FAZ sogleich einstellen.
Lesen Sie zunächst einen Bericht vom 27. Dezember über Oman und anschließend einen aus der heutigen FAZ über Qatar.
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Oman erkauft sich Stabilität durch höhere Sozialausgaben
Das Erdöl ermöglicht den Ausbau des Wohlfahrtsstaats
Unter dem Eindruck der Proteste vom vergangenen Frühjahr hat die omanische Regierung für das kommende Jahr abermals die Schaffung von Arbeitsplätzen angekündigt. Finanzminister Darwisch Ismail al Baluschi sagte im Parlament, die Regierung werde im nächsten Jahr 30.000 Arbeitsplätze für die Hochschulabsolventen von 2012 schaffen, ferner 50.000 Arbeitslätze für arbeitslose junge Omaner. Bereits 2011 hat die Regierung 40.714 neue Arbeitsplätze in staatlichen Einrichtungen bereitgestellt.
Damit steigen die Ausgaben des Staatshaushalts 2012 von 9,1 Milliarden omanischen Rial, was 18 Milliarden Euro entspricht, auf 10 Milliarden Rial. Dem soll eine Zunahme der Einnahmen von 8,1 Milliarden auf 8,8 Milliarden Rial gegenüberstehen. Drei Viertel der Einnahmen stammen aus dem Verkauf von Öl und Gas, was ein Indiz für die weiter unzureichende Diversifizierung der wirtschaftlichen Basis außerhalb von Öl und Gas ist. Trotz des Budgetdefizits gehört Oman mit einer Staatsverschuldung von 6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt zu den Ländern mit der geringsten Verschuldung auf der Welt. Die Aktiva des omanischen Staatsfonds, in den die Überschüsse aus der Öl- und Gasproduktion fließen, werden auf 35 Milliarden Dollar geschätzt.
Zwei Gefahren lauern für die omanische Wirtschaft: ein Rückgang des Ölpreises und die Last der neuen sozialpolitischen Zusagen. Baluschi sagte im Parlament, dem Budget liege ein Ölpreis von 75 Dollar für ein Barrel Rohöl zugrunde. Anfang 2009 war der Preis jedoch auf unter 40 Dollar gefallen. Zum anderen setzt bei den wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen, die Sultan Qabus zur Eindämmung der Proteste im Frühjahr bekanntgegeben hatte, ein Gewöhnungseffekt ein, so dass die Omaner vom kommenden Jahr an auf diesem angehobenen Niveau weitere Wohltaten fordern könnten.
Die Maßnahmen, die Sultan Qabus überwiegend im zweiten Quartal 2011 verkündet hatte, addiert sich auf eine zusätzliche Last des Staatshaushalts von 3,9 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Sie umfassen neben der Schaffung der mehr als 40 000 neuen Arbeitsplätze vor allem die Anhebung der Löhne, Gehälter und Renten im öffentlichen Dienst (insbesondere in den sicherheitsrelevanten Institutionen), die Einführung von Arbeitslosengeld, eines Mindestlohns und Zuschüssen für Lebensmittel an Arme, die Ausweitung der Stipendien für Studierende sowie Maßnahmen zur Förderung des Sports und von Jugendaktivitäten.
Von den sechs Monarchien im Golfkooperationsrat (GCC) hat zwar nur Bahrain geringere Vorkommen an Öl und Gas als Oman. Mit einer bisher klugen Ausgabenpolitik reichten die Einnahmen dennoch zur Schaffung eines beachtlichen Wohlstands aus. Als Sultan Qabus 1970 den Thron bestieg, lag das Jahreseinkommen je Einwohner bei 343 Dollar. Heute erreicht es nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) 19.400 Dollar.
Nach Jahren einer abnehmenden Ölproduktion nimmt die Förderung seit einiger Zeit wieder zu. 2010 stieg sie leicht auf 870.000 Barrel am Tag, 2011 weiter auf 917.000 Barrel. Grund für den Anstieg ist, dass Oman bei der Anwendung der modernen „sekundären Ölfördertechniken“ (EOR), die eine erhöhte Ausbeutung der Ölförderung ermöglichen, zu den Weltmarktführern zählt. Mit den EOR-Techniken soll die Förderung in den kommenden Jahren nochmals um 253.000 Barrel am Tag ausgeweitet werden, erwartet die Fachzeitschrift „Middle East Economic Digest“. Omans Erdölreserven werden auf 5,6 Milliarden Barrel geschätzt, das sind 2 Prozent jener Saudi-Arabiens.
Das zähflüssige und schwefelhaltige, damit teure Erdöl Omans könnte noch 30 Jahre reichen. Im Vordergrund steht gegenwärtig indes der Ausbau der Gasindustrie. Oman produziert jeden Tag 4 Milliarden Kubikfuß Naturgas, das überwiegend in verflüssigter Form nach Japan, Korea und Spanien geliefert wird. Unterdessen reicht die Gasförderung nicht aus, um den wachsenden Bedarf der Kraftwerke, der neuen Anlagen für die Schwerindustrie und der Haushalte zu decken. Die Stromnachfrage wächst jedes Jahr um 8 Prozent, die Bevölkerung um 2 Prozent. In der Schwerindustrie expandiert Oman am Standort Sohar in den Branchen Stahl, Aluminium und Petrochemie. Da die eigene Gasförderung nicht ausreicht, muss Oman Gas aus Qatar importieren.
Anfang 2013 will BP entscheiden, ob es das Gasfeld Khazzan ausbeutet, das sich unter einer Fläche von 2800 Quadratkilometern im Inneren Omans erstreckt. Nachdem BP in die Vorarbeiten bereits 700 Millionen Dollar investiert hat, gilt die Wahrscheinlichkeit für einen Projektbeginn als hoch. Aus dem geologisch schwierigen Feld könnten jeden Tag 1,2 Milliarden Kubikfuß Naturgas gewonnen werden. BP hatte sich gegenüber der omanischen Regierung verpflichtet, in das Projekt, sollte es gestartet werden, 15 Milliarden Dollar zu investieren. Das wäre eine der größten ausländischen Investitionen, die je auf der Arabischen Halbinsel getätigt worden sind.
Der omanische Fünfjahresplan von 2011 bis 2015 sieht ein jährliches Wachstum der Wirtschaft von 6 Prozent vor. 2011 soll das Wachstum knapp 5 Prozent erreichen. Die omanischen Banken sind aus der Finanzkrise ungeschoren davongekommen, und der Tourismus entwickelt sich gut. Voraussetzung für die Fortsetzung dieser Stabilität ist, dass auch in der Privatwirtschaft ausreichend Arbeitsplätze geschaffen werden. Der Ausbau des Wohlfahrtstaats war dazu nach Einschätzung von Fachleuten ein falsches Signal, mit dem Ausbau der Gasförderung verbessert die Regierung jedoch den Standort Oman.
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Qatar und Shell verwandeln Erdgas in Ölprodukte
Nach Investitionen von 19 Milliarden Dollar
beliefert „Pearl GTL“ nun die Weltmärkte
Der Erfolg widerlegt alle Kritiker. „Pearl GTL“ ist in dem an Erdgas und Superlativen reichen Qatar das größte Energieprojekt, und der Energiekonzern Shell hatte nie zuvor an einem Standort mehr investiert. Das Projekt sprengt alle Dimensionen, und relativ jung ist die Technologie „Gas to Liquids“ (GTL). Bei ihr wird in einem aufwendigen Prozess Erdgas in Erdölprodukte verwandelt, etwa in Diesel und Kerosin. Sie sollen zum Antrieb von Fahrzeugen und Flugzeugen eingesetzt werden. In einem Projekt in Malaysia, das 1993 seine Produktion aufnahm, hatte Shell, das für diese Technologie mehr als 3500 Patente hält, erstmals den kommerziellen Betrieb von GTL gezeigt.
Das Projekt in der qatarischen Industriestadt Ras Laffan stößt in andere Größenordnungen vor. Nirgends ist zuvor eine auch nur annähernd so große GTL-Anlage gebaut worden. Shell investierte in das Projekt rund 19 Milliarden Dollar, und der Ölkonzern trug allein das Risiko. Analysten rechnen heute jedoch damit, dass sich das Projekt bereits in fünf Jahren amortisieren wird. Dann könnte „Pearl GTL“ ein Zehntel zur Förderung des Konzerns beitragen. Am 13. Juni 2011 legte im Hafen von Ras Laffan erstmals ein Tanker auf die Weltmärkte ab, und zum Jahreswechsel ist auch die zweite Phase des Megaprojekts abgeschlossen.
Damit profitieren von dem Projekt beide Seiten. Qatar bekommt Zugang zu modernster Technologie und muss keinen Cent investieren. Shell hingegen muss für das Erdgas nicht bezahlen, und die Produktionskosten liegen mit 6 Dollar für 1 Barrel verarbeitetes Erdöl unter denen von Raffinerien, die Rohöl verarbeiten. Shell kann die Produktionskosten von den Verkaufserlösen abziehen, die Nettoerlöse werden dann zu gleichen Teilen auf die beiden Partner aufgeteilt. Im Jahr 2004 hatten Qatar und Shell dieses Abkommen für die „Entwicklung und Produktionsteilung“ (DPSA) unterschrieben, sieben Jahre später nahm das Projekt die Produktion auf.
In den Jahren dazwischen arbeiteten teilweise 52.000 Arbeiter gleichzeitig auf der Riesenbaustelle. Draußen im Wasser wurden 22 neue Bohrtürme errichtet, die das Gas aus dem „North Field“, das als das größte Gasfeld überhaupt gilt, abzapfen. Zwei neue Gasleitungen von jeweils 60 Kilometer Länge transportieren das Gas auf das Festland nach Ras Laffan. Dort wird es in eine überdimensionale Anlage eingespeist, an deren Bau auch deutsche Unternehmen beteiligt waren. Strabag hatte die Zuschläge für den Hochbau erhalten, und die Linde AG lieferte eine Luftzerlegungsanlage, die in der Stunde 860 000 Kubikmeter Sauerstoff liefert. Nie zuvor war eine größere Luftzerlegungsanlage ausgeschrieben gewesen.
Qatar hatte 2006 eine erste, wenn auch kleine GTL-Anlage in Betrieb genommen, die am Tag 32.400 Barrel Erdölprodukte herstellt. „Pearl GTL“ ist um ein Vielfaches größer als diese „Oryx GTL“. Seine Kapazität liegt bei 140.000 Barrel Erdölprodukten und weiteren 120.000 Barrel Produkten mit höherer Wertschöpfung. Qatar und Shell teilen sich die Vermarktung. Das qatarische Unternehmen Tasweeq verkauft Kondensate, Kerosin und Naphtha, Shell verkauft hingegen, unter anderem, jeden Tag 50.000 Barrel Gasöl, eine Form von Diesel, und kann damit jeden Tag die Tanks von 160.000 Personenwagen füllen. Die amerikanische Aufsichtsbehörde „American Society for Testing and Materials“ hat 2009 eine Mischung von 50 Prozent klassischem Flugzeugtreibstoff und 50 Prozent GTL-Kerosin genehmigt. Seither setzt die qatarische Fluggesellschaft Qatar Airways zunehmend diese Mischung ein. Die Produktion von „Pearl GTL“ reicht bei einer solchen Mischung 50:50 für 500 Millionen Flugkilometer.
Mit der Umwandlung von Erdgas in Ölprodukte treibt Qatar die Diversifizierung seiner Produkte weiter, mit denen das Land seinen Gasreichtum an die Verbraucher zu bringen versucht. Qatar, halb so groß wie Hessen, verfügt über 14 Prozent der Gasvorkommen auf der Welt. Nur Russland und Iran haben größere Reserven. Der Export in Gasform kann nur über teure Leitungen erfolgen, der Export in Form von verflüssigtem Gas (LNG) setzt eine teure Technologie und aufwendige Schiffe voraus. Mit einer Kapazität von 77 Millionen Tonnen LNG im Jahr ist Qatar bereits der größte LNG-Hersteller. Die GTL-Technik ermöglicht Qatar nun, seinen Gasreichtum schneller und flexibler auf die Weltmärkte zu bringen.
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Time am 29. Dezember 2011
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1) http://madrasaoftime.wordpress.com/2010/04/16/oman-ist-anders-aha/
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Katar
Tags: Rainer Hermann, Sultan Qabus

