Fünf Minuten reichen

Die evangelische Erlöserkirche (1) in Jerusalem um 1900

Als weihnachtliche Nachlese lege ich Ihnen heute einen Aufsatz des fotogenen Dr. Gil Yaron (2) aus der FAZ vom 24. Dezember vor.

Er befasst sich noch einmal eingehender mit dem in Israel von Liebermans Partei geplanten „Schutz-der-akkustischen-Umwelt-Gesetz“, das die Senkung des Geräuschpegels zum Ziel hat, der von sakralen Orten im allgemeinen und den Moscheekreischern im besonderen ausgeht (3).

Albernerweise bezeichneten Dimmis wie z.B. Sebastian Engelbrecht vom ARD diese menschenfreundliche Idee als „faktische Diskriminierung“ der arabischen Bürger Israels.

Hier in Norddeutschland hat die evangelische Kirche es nicht nötig, Menschen vom Wort Jesu zu überzeugen, indem sie sie nervt und im Schlaf stört. Die Kirchenglocken erklingen regelmäßig nur fünf Minuten am Samstagabend um 17:55 Uhr zum „Einläuten des Sonntags“. Unregelmäßig werden sie bei Beerdigungen oder bei Hochzeiten eingesetzt, aber dort wirken sie weitaus dezenter als beispielsweise die perversen Autokorso-Hupkonzerte, die die Orks veranstalten, wenn sie wieder eine ihrer Töchter verschachert haben.

Manchmal finde ich den Klang der Glocken demgegenüber so schön, dass ich gerne länger zugehört hätte. Und jemanden mit der Totenglocke zu Grabe zu tragen oder mit dem gesamten Geläut in die Ehe zu begleiten, gibt dem Geschehen eher einen würdigen Rahmen, als dass es ein akkustischer Religionskrieg ist. Dieses Läuten für besondere Anlässe und die regelmäßigen fünf Minuten in der Woche halte ich aber für absolut ausreichend, um auf sich aufmerksam zu machen.

Aus diesem Grund hoffe ich, dass sich Bibi Netanjahu doch noch ein Herz fasst und Anastasia Michaeli Samuelson von „Israel Beiteinu“ unterstützt, die den israelischen Bürgern etwas mehr Ruhe verschaffen möchte. Fünf Minuten reichen.

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Lauter Heilige

Seit Jahrhunderten versuchen Juden, Christen und Muslime in Jerusalem den Ton anzugeben. Egal, ob sie dabei Hörner, Glocken oder Lautsprecher einsetzen, sie lassen die anderen Religionen nicht in Ruhe.

Die Details des Einsatzes hatte man tagelang minutiös geplant, jetzt hing es nur noch davon ab, dass der sechzehn Jahre alte Abraham Elkayam nicht im letzten Augenblick Mut und Atem verlor. Er sollte sich durch die Linien misstrauischer britischer Soldaten schmuggeln und vor der Klagemauer zu Jom Kippur, dem höchsten religiösen Feiertag der Juden, nach altem Brauch ins Widderhorn, auf Hebräisch Schofar, blasen. Obwohl das die Briten verboten hatten. Noch immer leuchten die Augen des inzwischen Achtzigjährigen, wenn er von jenem Moment im September 1947 spricht, als er einer Supermacht die Stirn bot.

Die jüdischen Gebete zu Füßen des Tempelbergs und der Al-Aqsa-Moschee, Juden und Muslimen gleichermaßen heilig, waren seit 1928 zum Brennpunkt des brodelnden Konflikts zwischen Palästinensern und Zionisten geworden. Vorher hatten Juden nach der Zahlung eines Bakschisch das Schofar blasen dürfen, aber in der aufgeheizten Stimmung in Palästina der dreißiger Jahre begannen die Araber, jedes Anzeichen jüdischer Präsenz in Jerusalem zu bekämpfen. Anfangs trieben Hirten ihre Esel durch die betende Menge. Später eskalierte der Kampf, als beide Seiten versuchten, den Gegner zu übertönen. Zuerst installierte der Waqf, die muslimische Verwaltung der Moscheen auf dem Tempelberg, einen Muezzin über der Klagemauer. Danach ließ er vor Ort regelmäßig einen „Dhikr“ abhalten – ein muslimisches Ritual, in dessen Rahmen mit Untermalung von Flöten und Trommeln stundenlang die 99 Namen Allahs und Koransuren zitiert werden. Die immer lauter werdenden Gebete heizten die Stimmung zwischen Juden und Muslime so lange an, bis 1929 aus dem Schreiwettbewerb ein handfestes Pogrom wurde, bei dem Hunderte starben.

Die Briten setzten eine Untersuchungskommission ein, um Regeln für das Beten festzulegen: Die Juden erhoben gegen das Dhikr Einspruch „wegen des begleitenden widerlichen Kraches“, schrieb die Kommission und empfahl: „Muslime sollte es verboten werden, die Dhikr-Zeremonie während der jüdischen Gebete auszuführen oder die Juden auf irgendeine andere Weise zu verärgern.“ Juden hingegen „sollte es nicht gestattet sein, das Schofar neben der Klagemauer zu blasen oder jede andere vermeidbare Störung der Muslime vorzunehmen“, so die Kommission. Es sollte zwischen den Parteien herrschen.

Jemanden wie Abraham Elkayam forderte so etwas nur heraus: „Der Ton des Schofars symbolisiert die Erlösung des Volkes Israel“, sagt der Rentner und dass er sich „in meinem Land doch nicht den Mund verbieten lasse“. Als er damals ins Horn blies, und das markerschütternde Gejaule ertönte, trieben die Briten die Betenden mit Schlagstöcken auseinander. Abraham Elkayam wurde verhaftet und abgeführt. Aber das störte den jungen Eiferer nicht. Er hatte Geschichte geschrieben. Er war der letzte Jude, der vor der Eroberung Ostjerusalems durch die Jordanier 1948 an der Klagemauer ins Schofar blies. Bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967, als Israel die Altstadt Jerusalems eroberte, verhinderten die Jordanier den alten Brauch vor dem jüdischen Heiligtum.

Heute ertönen muslimische Gebete, christliches Gebimmel und das Geheule von Sabbatsirenen im Heiligen Land, alle versuchen einander zu übertönen. „Die Christen in der Altstadt beschweren sich über den Krach der Moscheen“, sagt Reverend David Pileggi von der Christ Church neben dem Jaffa-Tor in Jerusalem, „es ist unerträglich geworden.“ Vom Dach seiner Kirche blickt er auf die Moschee nebenan, wo vier neue Lautsprecher silbrig in der gleißenden Wintersonne funkeln. Fünf Mal täglich dringt hier der „Adhan“, der Gebetsruf der Muslime, mit solcher Wucht aus der Anlage, dass „man sich selbst kaum denken hört“, so Pileggi. „Die Gebete werden lauter, die Lautsprecher zahlreicher.“

Nicht nur in Jerusalems Altstadt rüsten die Minarette akustisch auf. Glaubt man der Knessetabgeordneten Anastasia Michaeli, dann bedarf der Lärm aus Israels rund 400 Moscheen gesetzlicher Regelung. Sie will die Anwendung von „Lautsprechern auf Gotteshäusern“ verbieten. Dabei möchte das fotogene Mitglied der nationalistischen „Israel Beiteinu“ die Initiative „als eine Frage des Umweltschutzes und der Lebensqualität“ verstanden wissen, nicht als Versuch, Imame mundtot zu machen. Doch das Lautsprecherverbot für Gotteshäuser, das hauptsächlich Moscheen betreffen würde, war Israels Hardliner-Premier Benjamin Netanjahu zu heikel. Er legte es vorerst auf Eis. Es wäre die vorerst letzte Regelung in einem akustischen Glaubenskampf gewesen, der inzwischen fast dreizehn Jahrhunderte währt.

Die erste war der „Pakt von Omar“, der auf das Jahr 717 datiert und Kalif Omar II. zugeschrieben wird. Darin verpflichteten sich die christlichen Untertanen der muslimischen Eroberer „unsere Religion nicht offen zur Schau zu stellen oder Menschen zu ihr zu bekehren.“ Ferner versprachen sie „die Klöppel in unseren Kirchen nur sehr leise zu benutzen. Wir werden unsere Stimmen nicht heben, wenn wir unsere Liebsten zu Grabe tragen. Unsere Häuser werden diejenigen der Muslime nicht überragen.“ Auch wenn der Vertrag wahrscheinlich rückdatiert und nicht von Omar II. verfasst wurde, regelte er doch für Jahrhunderte die akustische Unterlegenheit von Christen und Juden. Spätestens als die Macht von den genussfreudigen Kalifen der Omajjaden auf die frömmelnden Abbasiden überging, mussten die Glocken ganz verstummen. Bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts herrschte rund um die Kirchen des Osmanischen Reiches Stille, weshalb der erste britische Konsul in Jerusalem, James Finn, 1854 noch vermutete, dass „der Klang von Glocken den Einwohnern Jerusalems unbekannt war“.

Historisch gesehen, war das falsch: Die Kreuzfahrer hatten Glocken in der Heiligen Stadt installiert. Im Museum „Studium Biblicum Franciskanum“ in der Jerusalemer Alstadt wacht Direktor Pater Alliata über dreizehn Kreuzfahrerglocken, die zumeist im Libanon gegossen wurden. Ein Exemplar stammt sogar aus China und fand seinen Weg über Nestorianische Kirchen in Persien ins Heilige Land. Der Chroniker Wilhelm von Tyrus berichtet vom Bau eines Glockenturms neben der Grabeskirche, die im Jahr 1022 stark beschädigt worden war. „Im Jahr 1182 empörte sich der Erzbischof über die Kirchen der Johanniter nebenan, die die Grabeskirche überragten und mit ihren Glocken übertönten“, so der Historiker Jürgen Krüger.

Im Jahr 1187 ließ der Eroberer Saladin alle Glocken demontieren, der Turm verstummte erneut. Bis der Krim-Krieg (1853 bis 1856) dem Pakt von Omar das Aus bescherte. Großbritannien und Frankreich verlangten von Sultan Abdülmecid I. einen Preis für ihren Beistand. Die „Kapitulationen“, mit denen sich der russische Zar bereits seit dem achtzehnten Jahrhundert im Osmanischen Reich einmischte, gestanden nun auch ihnen wachsenden Einfluss zu. Fortan ließ der Sultan die Ungläubigen in seinem Reich wieder bimmeln. Konsul James Finn hängte diesen Machtzuwachs der Briten buchstäblich an die große Glocke, die fortan „über dem Eingang zu unserem Gelände“ vor der Christ Church in Jerusalems Altstadt schellte. Wenig später spross ein Glockenturm in die Höhe, „und von da an wurde die Glocke – keine große, aber mit einem guten, vollen Klang – jederzeit für den Gottesdienst geläutet“, schrieb Finn.

Die anderen Großmächte Europas wollten nun auch in Jerusalems Himmel den Ton angeben. Bald wetteiferten sie um den Ruhm des höchsten Kirchturms und des größten Klöppels. Kein Hindernis war zu gewaltig, um die Macht des eigenen Reiches in Jerusalem aller Welt vor Ohren zu führen. Deutschland gewann das Rennen, als 1911 die 6120 kg schwere „Herrenmeisterglocke“ auf dem Ölberg ertönte. Dort überblickt sie seither vom 45 Meter hohen Turm der deutschen Himmelfahrtskirche die Heilige Stadt. Ein gewisser „Baurath Hoffmann“ begleitete das Rieseninstrument auf dem Weg von der Gießerei Franz Schilling in Apolda. In Jaffa per Schiff angekommen und nur 82 Kilometer von Jerusalem entfernt versank das sechsköpfige Gespann mit der Glocke in Schmutz und Sand. „Der Wagen zerbrach und unter unsäglichen Mühen mußte die Glocke auf Schlitten und Rollen nach dem Quai zurückgeschleppt werden“, notierte Hoffmann. Erst nachdem Jaffas Straßen auf eigene Kosten in Stand gebracht worden waren, kam der Herrenmeister nach Jerusalem. „Und was hat die Geschichte gekostet!“ Für den Weg bis nach Jaffa waren es 615,92 Mark, für die kurze Strecke bis zur Baustelle auf dem Ölberg 1476,40 Mark.

Firas Qazaz sind solche Streiche fremd. Der Sprössling einer altehrwürdigen Jerusalemer Patrizierfamilie schreitet täglich zwei Mal von seiner Zwei-Zimmer-Wohnung durch die Gassen der Altstadt zum Haram a-Scharif, dem drittheiligsten Ort des Islams. Dort erklimmt er ein Minarett und schwebt mit seiner Stimme durch orientalische Tonleitern, um Muslime zum Gebet zu rufen. Vor acht Jahren wurde Firas zum jüngsten der vier Muezzins der Al-Aqsa-Moschee erkoren. Die Wahl war leicht, schließlich sei seine Familie „für ihre gute Stimme bekannt und bekleidet diesen Posten seit mehr als 500 Jahren“, sagt der schüchterne 24 Jahre alte Mann stolz.

„Der ,Adhan‘, der Aufruf zum Gebet, ist eine der ältesten Bräuche des Islams“, sagt Dr. Najeh Bkerat, Vorsitzender der Manuskriptabteilung des Waqf der Al-Aqsa, der sein Doktorat über Muezzins schrieb. Laut alten Überlieferungen stellte die wachsende Gemeinde in Medina den Propheten Mohammed vor das Problem, wie er seine Anhänger zum Gebet rufen sollte. Anfangs wurde erwogen, wie die Juden das Schofar zu blasen oder wie die Christen Glocken zu läuten. Andere wollten die Sitte der Zoroaster übernehmen und ein Feuer anzünden. Schließlich überzeugte der Traum Abdallah ibn Saids. Abdallah hatte darin den genauen Wortlaut des heutigen Adhan gehört und trug ihn vor. Doch da er eine fürchterliche Stimme hatte, schlug Mohammed vor, den Text dem Schwarzen Bilal beizubringen, der damit zum ersten Muezzin der Geschichte wurde: „Alle waren von Bilals Stimme verzückt“, zitiert Bkerat islamische Quellen.

Auf die Erfindung des Muezzins folgte die Entwicklung des Minaretts. „Zuerst rief Bilal von einem hohen Stein, dann von einem Baum, später von der Kaaba in Mekka“, sagt Bkerat. In Indien, Anatolien und im Iran hatten die Moscheen bis zum vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert keine Minarette. Zu einem organischen, integrierten Bestandteil der Moscheen wurde das Minarett erst unter den Mameluken im Mittelalter. Historiker lokalisieren das erste Minarett in Damaskus, wo der Turm eines römischen Tempels umfunktioniert wurde. Doch für Palästinenser ist klar: „Das erste Minarett der Welt wurde in Jerusalem gebaut“, so der tiefgläubige Bkerat. Nach dem Tod Mohammeds soll Bilal vor lauter Trauer aufgehört haben, den Adhan vorzutragen. Erst mit der Eroberung Jerusalems dreizehn Jahre später ließ er seine Stimme wieder vom Felsen auf dem Haram a Scharif erklingen. „Die Freunde Mohammeds waren zu Tränen gerührt“, sagt Bkerat und ist dabei selbst sichtlich bewegt. Danach sollen noch der Omajjadenkalif al Walid bin Abdel Malik, Sohn des Erbauers des Felsendoms, das erste Minarett der Welt gebaut haben.

Diese Überlieferungen hallen in Firas nasaler Stimme wieder, wenn er den Adhan anstimmt. Andächtig schließt er seine Augen und intoniert das Glaubensbekenntnis des Islams, wiegt sich ekstatisch vor und zurück. Seine Nasenflügel beben jedes Mal, wenn er das „M“ in die Länge zieht. Wie alle seine Vorfahren hat Firas seinen Beruf vom Vater erlernt, eine professionelle Gesangsausbildung wie im Westen kennt man in Arabien nicht. Lehrgänge für Muezzins gibt es nur wenige. Firas träumt davon, eines Tages an der Al-AzharUniversität in Kairo einen belegen zu können.

„Die Melodien des Adhan sind von Land zu Land verschieden“, sagt Bkerat, der am liebsten dem neunzig Jahre alten Muezzin in Medina lauscht: „Er stammt aus Buchara und klingt so wunderbar orientalisch“, schwärmt der Gelehrte. Trotz musikalischer Variationen habe sich der Wortlaut des Adhan jedoch „nie verändert und ist auf der ganzen Welt bei allen Muslimen identisch“. Das ist allerdings Wunschdenken. Denn Glockenklang, Schofarton und Adhan zeichnen nicht nur Trennlinien zwischen Religionen, sondern sind auch Ausdruck innerer Machtkämpfe. So fügen Schiiten ihrem Adhan zwei Sätze hinzu: Vor allem ihre Bekundung, dass „Ali der Stellvertreter Allahs!“ sei, bringt Sunniten zur Weißglut.

Auch das große Schisma in Ost- und Westkirche ist hörbar. Die orthodoxe Ostkirche, die lange unter islamischer Herrschaft existierte, passte sich ihrem untergeordneten Status musikalisch an. Statt mit Glockengebimmel ruft sie bis heute ihre Anhänger mit dem leiseren Semantron zum Gebet, einem langen Stab aus Holz oder Eisen, der mit Hilfe eines Hammers einen Gongton erzeugt. Das simple Instrument begann seinen Siegeszug noch im sechsten Jahrhundert, als es die in Ägypten und Palästina üblichen Trompeten ersetzte. Die erinnerten die frühen Christen vielleicht zu sehr an den jüdischen Brauch, den Sabbat mit Trompetenstößen vom Tempelberg anzukündigen. Noch heute finden sich im armenischen Viertel Jerusalems oder in der griechisch-orthodoxen Sektion der Grabeskirche solche Holzbalken oder Eisenstangen, lange Zeit Symbole für die Zweiteilung der Christenheit: Im römisch-katholischen Westen bimmelte man mit Glocken, während der orthodoxe Osten bis zum vierten Kreuzzug im dreizehnten Jahrhundert fast ausschließlich auf Semantra einschlug.

Auch zwischen Israels Juden sind schrille Töne keine Seltenheit. Dass ultraorthodoxe Breslaver mit dröhnenden Bässen durch säkulare Stadtteile fahren und bei jeder roten Ampel wild hüpfend auf den Kreuzungen tanzen, um für ihre Version des Judentums zu werben, gilt dabei noch als geringe akustische Aufdringlichkeit. In gleich mehreren israelischen Städten ringen ultraorthodoxe gegen säkulare Stadtbewohner, die keine Sabbatsirenen mehr hören wollen. Dabei reicht der Brauch, den heiligen Wochentag mit Trompeten oder dem Schofar zu empfangen, Jahrtausende zurück. In der Diaspora wurde der Brauch von Freiwilligen aufrechterhalten. Ihre Kadenzen warnten die Gläubigen vor dem Eintritt des Sabbats und erinnerten Hausfrauen, die Kerzen rechtzeitig anzuzünden.

Umso größer war die Enttäuschung eines gewissen Schmuel Stern, als der ehemalige Militärmusiker in der Armee des Zaren zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Jaffa an Land ging und feststellen musste, dass in Tel Aviv niemand den Sabbat ankündigt. Stern ergriff die Eigeninitiative und wurde angeblich zum ersten Stadttrompeter Tel Avivs. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte sich dieser Brauch etabliert. Längst genügte eine Trompete nicht, in vielen Stadtteilen tutete man nun freiwillig oder für ein symbolisches Gehalt. Ende der dreißiger Jahre ereilte die Moderne den Sabbat. Von September 1938 an ersetzten in Tel Aviv Luftschutzsirenen die Trompeten. Bis in die fünfziger Jahre war dies der Brauch, doch nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Unabhängigkeitskrieges 1948 erschraken die Menschen, wenn die Sirenen aufheulten. Die Stadtverwaltung stellte deswegen sieben Taxifahrer ein, die hupend den Sabbat ankündigten. Peinlichst achtete sie darauf, dass sie „neue Wagen“ fuhren um „einen guten Eindruck“ zu hinterlassen.

Im Keller von Mosche Bendett in Tel Aviv steht noch immer das Holzschild vom Dach des Taxis, mit dem er freitags durch die Straßen fuhr. Zwanzig Jahre lang überprüfte der heute 84 Jahre alte Mann in seinem Kalender, wann der Sabbat anfängt, schob die mit Ziffern beschriebenen Holztäfelchen ein, um die entsprechende Uhrzeit anzugeben, montierte die Tafel auf seinem Coronado-Straßenkreuzer und fuhr los: „Es war richtig schön“, sagt der in Warschau geborene dekorierte Kriegsheld. Kinder liefen hinter dem Wagen her, manche fuhren auf der Rückbank mit. „Überall, wo ich vorbeifuhr, rannten die Hausmütter auf die Terrassen um sich zu erkundigen, wann sie ihre Sabbatkerzen anzünden müssen.“ Doch der alte Brauch ist zunehmend umstritten. In Jitzchak Rabins Regierung erließ Umweltministerin Ora Namir 1992 eine Richtlinie, die Hupen nur bei Lebensgefahr zuließ. Es war der Beginn eines Kampfes zwischen denjenigen, die den heiligen Krach befürworten, und denjenigen, die am Wochenende einfach nur ihre Ruhe wollen. In vielen Städten gehen Stadtverwaltungen heute mit rechtlichen Mitteln gegen Synagogen, Toraschulen und Privatleute vor, die den Sabbat mit Sirenen begrüßen wollen.

Spätestens 2006 wurden Sirenen und Hupen vielerorts mit hassidischer Musik ersetzt. „Streifenwagen“ religiöser Organisationen beschallen freitagnachmittags ganze Stadtteile mit dem Sabbatlied von Shlomo Alkabez. Aus Angst vor städtischen Beamten organisieren die Fahrer ihre Einsätze im Untergrund. Das soll „die Menschen beruhigen und den Sabbat mit Freude einführen“, sagte Rabbiner Jakob Halperin, Millionär und Eigentümer einer Brillenladenkette, der mehr als 250 Lautsprecher spendete, aus denen im ganzen Land fromme Musik plärrt.

So umstritten der Krach aus Moscheen, Kirchen und Synagogen sein mag – er erzeugt die einmalige Kakophonie des Heiligen Landes. Zwar beklagt sich der muslimische Geistliche über fromme Juden, die absichtlich die Gebete der Muslime stören, und Siedler verklagen Muezzins, die ihre Lautsprecher laut aufdrehen, um sie aus ihrem Land zu vertreiben. Säkulare Juden prozessieren gegen Synagogen, die ihren Ruhetag mit lauten Psalmen vergällen, und Christen ringen darum, wer wann welche Glocke läuten darf. Doch wenn der Adhan von Firas Qazaz von den Bergen Judäas widerhallt, sich mit dem Geläut vom Ölberg und Gesumme betender Juden vor der Klagemauer vermischt, halten selbst Ungläubige manchmal kurz inne und lauschen dem einzigartigen Vielklang Jerusalems.

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Time am 30. Dezember 2011

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Erlöserkirche_(Jerusalem)
2) http://www.info-middle-east.com/
3) http://madrasaoftime.wordpress.com/2011/12/12/zwingt-sie-zur-bescheidenheit/

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2 Antworten zu „Fünf Minuten reichen“

  1. W. Caldonazzi sagt:

    Danke für deine Arbeit! Hoffentlich bleibt dein Bolg auch 2012 was er bisher war: ein scharfzüngiger und intellektuell anspruchsvoller Beitrag zur Bekämpfung der Volksverdummung.

    Alles erdenkliche Gute für 2012!

    W. Caldonazzi

  2. Time sagt:

    Hallo Caldonazzi,

    vielen Dank für die ermunternden Worte. Ich werde mir Mühe geben und wünsche Dir und allen Leserinnen und Lesern ein heiteres Jahr 2012.

    Time

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