Ali Sina über Spiritualität (#1)

In mehreren Teilen möchte ich Ihnen einen längeren Aufsatz von Dr. Ali Sina vorlegen, der um das Thema „Spiritualität“ kreist (1).

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Was bedeutet „Spiritualität“?

Jemand hat mir eine Mail geschickt und gefragt, ob es so was wie „Spiritualität“ gibt. Das ist so, als ob man fragen würde, ob es Vernunft oder Intelligenz oder Liebe gibt. Natürlich gibt es Spiritualität. Die Frage ist aber, wie man sie definiert.

Etymologisch bedeutet „spirituell“ alles, was zum Geist oder zur Seele gehört und nicht zur physischen Natur und Stofflichkeit.

Für einen Christen bedeutet Spiritualität, eine intime und persönliche Beziehung zu Gott zu haben, der außerhalb der Schöpfung existiert und sich selbst in menschlicher Gestalt in der Person Jesu Christi offenbarte, quasi so, wie die Sonne in einen Spiegel scheint.

Nicht-religiöse, säkulare Leute definieren Spiritualität als humanistischen Begriff. Sie betonen Moral und Qualitäten wie Liebe, Mitgefühl, Toleranz, Vergebung, Verantwortung und Sorge für andere, sowie „Aspekte des Lebens und menschlicher Erfahrung, die über einen reinen materialistischen Blick auf die Welt hinausgehen, ohne notwendigerweise den Glauben an eine übernatürliche Realität oder ein göttliches Sein zu akzeptieren.“ (2)

Eine Grunddefinition von Spiritualität ist die Empfindsamkeit eines Menschen in Bezug auf Angelegenheiten, die nicht von materieller oder körperlicher Natur sind. Essen, Trinken, physisches Wohlbefinden und Sex sind Funktionen des Körpers, wohingegen Liebe, Fairness, Mitgefühl und Liebenswürdigkeit Angelegenheit des Geistes sind. Sie sind Qualitäten, die nicht unmittelbar von unseren Sinnen wahrgenommen werden können, aber man kann sie kraftvoll spüren, und ihre Auswirkungen können aus unseren Beobachtungen abgeleitet oder geschlossen werden.

Für die meisten Menschen bedeutet Spiritualität die Konzentration auf das „Innere des Lebens“. Diese Definition wird mehr oder weniger von Menschen aller Glaubensrichtungen und Nichtgläubigen akzeptiert.

Grundlage dieses Verständnisses ist die Prämisse, dass wir Menschen und vielleicht die gesamte Schöpfung als etwas betrachten, das mehr ist als nur stofflich. Es setzt voraus, dass es eine Realität in jedem Lebewesen gibt, die immateriell ist, unsichtbar und jenseits unseres gegenwärtigen Wissens. Da ist etwas in uns, was wir mit unseren Sinnen spüren können. Wir sind nicht dieselbe Person wie vor zwanzig Jahren. Jede Zelle und jedes Atom in unserem Körper hat sich verändert, und trotzdem bin ich jetzt immer noch dieselbe Person und Sie auch. Es gibt da etwas Konstantes in uns. Das nennen wir das „Ich“. Die Eigenschaftes des „Ichs“ ändern sich aber das „Ich“ nicht.

Wird dieses „Ich“ untergehen, wenn unser Körper seine Funktionen einstellt, oder wird es überleben? Ist es eine Körperfunktion wie das Licht in einer Lampe oder ein Bestandteil davon wie die Elektrizität. Wenn es eine Funktion wäre, sollte man davon ausgehen, dass die Funktion eingestellt wird, wenn das Instrument aufhört zu arbeiten. Wenn es aber ein Bestandteil wäre, könnte man argumentieren, das es fortbesteht auch dann, wenn das Instrument nicht mehr arbeitet. Elektrizität sogar dann, wenn die Lampe verbrannt wird. Aber jetzt lassen Sie uns nicht in dieses Thema einsteigen, weil es erstens zu kompliziert ist, und weil ich zweitens nicht die Antwort kenne. Lassen Sie uns sagen, dieses „Ich“ ist unserer Geist.

Was Spiritualität nicht ist

Ich erwarte nicht, Spiritualität auf rationalem Weg zu verstehen. Wenn Spiritualität als Liebe, Mitgefühl, Toleranz und Aufopferung definiert wird, gibt es wenig Raum für die Vernunft, um sie zu erklären. Eine Person, die in einen eisigen Fluss springt und ihr Leben riskiert, um das Leben eines Fremden zu retten, handelt nicht in Übereinstimmung mit der Vernunft. Das Verhalten einer solchen Person kann ausschließlich spirituell verstanden werden.

In seinem Buch „Mein Leben mit den Heiligen“, das 2006 veröffentlicht wurde, erzählt James Martin eine Geschichte über Mutter Theresa. Ein Mann sah sie die Wunden eines Leprakranken reinigen und sagte: „Das würde ich nicht für eine Million Dollar tun.“ Mutter Theresa erwiderte: „Ich auch nicht.“

Mutter Theresas Verhalten kann nicht rational erklärt werden. Aber es kann spirituell verstanden werden. Sie tat es aus Liebe. Sie sagte zu dem Mann: „Aber ich möchte es gerne für Christus tun.“ Sie sah Christus oder Gott in diesem Leprakranken.

Es gibt keine Möglichkeit, dies rational zu erklären, aber es kann auch nicht einfach abgetan werden. Es inspiriert uns, hilft uns auf, bewegt uns und macht uns besser.

In seinem ersten Brief an die Korinther schrieb Paulus (2,14): „Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich verstanden werden.“

In Bezug auf die Liebe von Mutter Therasa zu dem Leprakranken ist diese Textpassage absolut sinnvoll. Was sie tat, kann nur durch spirituelles Urteilsvermögen verstanden werden. Aber wenn wir die Textpassage als Erlaubnis dafür nehmen, an jedes beliebige Kauderwelsch, jede Absurdität und jeden Unsinn zu glauben, dann ist das nicht Spiritualität. Das ist schlicht und einfach eine Torheit.

Lassen Sie uns als Beispiel mal die Schöpfungsgeschichte in der Genesis nehmen. Die wörtliche Übersetzung widerspricht der Wissenschaft, der Vernunft und dem gesunden Menschenverstand. Es ist eine Torheit, diese Erklärung, wie die Welt dazu kam zu sein, zu akzeptieren. Diese Geschichte ist erwiesenermaßen falsch. Liebe und Hingebung stehen, obwohl sie nicht rational erklärt werden können, nicht dagegen. Deshalb lassen Sie uns klar sehen, dass wir unter Spiritualität nicht Dummheit verstehen.

Wenn wir alles akzeptieren würden, das „spirituell“ gegen die Vernunft angeht, also unkritisch und blind, wie könnten wir Wahrheit von der Unwahrheit unterscheiden? Wie könnten wir die absurden Behauptungen Mohammeds oder irgendeines anderen Betrügers zurückweisen? Sollen wir seine Mi’raj (Himmelfahrt, T.) glauben oder seine anderen absurden Behauptungen? Falls nicht, warum nicht? Falls jeder unsinnige Spruch „spirituell“ akzeptiert werden muss, werden wir ohne ein Mittel zurückgelassen, um die Spreu vom Weizen zu trennen und zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Der Glauben an Widersinnigkeit ist nicht Spiritualität. Es gibt nichts Spirituelles dabei, dumm zu sein.

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Time am 26. November 2012

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1) http://alisina.org/blog/2012/10/27/what-is-the-meaning-of-spirituality/
2) http://en.wikipedia.org/wiki/Spirituality

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Eine Antwort to “Ali Sina über Spiritualität (#1)”

  1. anne vorwald Says:

    ich denke sie lesen irgendwann meine antwort, in ganzen gesehen ist alles so wie gesagt, bzw. geschrieben richtig und dennoch ist es mir zu sehr vom intellekt gesteuert…denn ich finde verstand und liebe vereint ist eine spirituelle handlung und führt zum verstänsnis was auch eine spirituelle seele versteht…es sind nicht die klugen worte. herzlicht und seelenlicht im sinne von liebe zu sich selbst und zu anderen, das nährt uns ohne zu denken. im so sein wie du bist, liegt das größte geheimnis….was andere spirutualität nennen.
    anne vorwald, bremen FB

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