Ali Sina über Spiritualität (#2)

Lesen Sie heute den zweiten Teil (1) von Dr. Sinas Ausführungen über „Spiritualität“ (2). Kern sind diesmal Reflexionen über die Haltung Albert Einsteins.

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Ist Spiritualität im Einklang mit der Vernunft?

Wahre Spiritualität steht nie im Widerspruch zur Vernunft. Man braucht ein Verständnis von Kunstfertigkeit und Schönheit, um eine Symphonie oder ein Gemälde zu ermessen. Gleichermaßen braucht man ein spirituelles Bewusstsein, um die Harmonie des Universums zu erkennen.

Große Geister der Menschheit waren oft spirituelle Leute. In seinem Buch „Einstein: Seine Leben und Universum“ schrieb der Autor Walter Isaacson: „Im Rückblick mag es logisch scheinen, dass eine Kombination von Ehrfurcht und Rebellion Einstein zu einem außerordentlichen Wissenschaftler machte. Was weniger bekannt ist, ist, dass diese zwei Züge ebenfalls seine spirituelle Entwicklung formten und die Grundlage seines Glaubens begründeten. Der rebellische Teil setzte zu Beginn seines Lebens ein, als er den Säkularismus seiner Eltern zurückwies und später Konzepte religiöser Rituale und einer Person Gott, die täglich auf der Welt wirke. Der ehrfürchtige Teil kam in seinen 50er-Jahren, als er sich in einem Glauben einrichtete, der darauf basierte, was er ‚spirituelles Manifest innerhalb der Gesetze des Universums’ nannte, sowie dem aufrichtigen Glauben an einen ‚Gott, der sich in der Harmonie der gesamten Existenz offenbare’.“

Einsteins jüdische Eltern hatten sich voll und ganz germanisiert und säkularisiert. Sie kümmerten sich nicht darum, ob etwas „koscher“ war und besuchten keine Synagoge. Der Vater Hermann nannte jüdische Rituale einen „antiken Aberglauben“. Als es für Albert Zeit wurde, zur Schule zu gehen, schickten sie ihn daher auf die nächstgelegene und kümmerten sich nicht darum, dass es eine katholische war.

Als einziger Jude zwischen 70 Schülern in seiner Klasse nahm Einstein am Standardkurs katholischer Religion teil und fiel dabei in Liebe zu Jesus. Jahrzehnte später sagte er: „Ich bin ein Jude, aber ich bin begeistert von der Lichtgestalt des Nazareners.“

Als er zehn war, gab ihm jemand wissenschaftliche Bücher, die er mit atemloser Aufmerksamkeit verschlang. Als er zwölf war, verwarf er Gott vollständig. Später schrieb er: „Durch die Lektüre gängiger wissenschaftlicher Bücher gelangte ich zu der Überzeugung, dass vieles in den Schriften der Bibel nicht wahr sein könne. Die Folge war eine positiv-fanatische Feier des freien Denkens gepaart mit dem Gefühl, dass die Jugend absichtlich vom Staat mit Lügen betrogen wird, das war ein niederschmetterndes Gefühl.“

Einstein hatte dennoch ein tiefgründiges Vertrauen in und eine Ehrfurcht vor der Harmonie und der Schönheit dessen, was er den Geist Gottes nannte, wie er sich in der Schöpfung des Universums und seiner Regeln ausdrücke.

Bei einer Dinnerparty, als Einstein 50 geworden war, erklärte ein Gast seinen Glauben an Astrologie. Einstein verspottete die Bemerkung als puren Aberglauben. Ein anderer Gast mischte sich ein und verunglimpfte gleichermaßen Religion. Der Glaube an Gott sei auch ein Aberglaube. Nun versuchte der Gastgeber, ihn zum Schweigen zu bringen, indem er einwarf, dass sogar Einstein religiöse Überzeugungen hege. „Das ist unmöglich!“ sagte der skeptische Gast, wandte sich an Einstein, um zu fragen, ob dieser tatsächlich religiös sei. „Ja, man kann es so nennen“, antwortete Einstein gelassen. „Untersuchen und durchdringen Sie mit unseren begrenzten Mitteln die Geheimnisse der Natur, und Sie werden herausfinden, dass es hinter allen erkennbaren Gesetzen und Verbindungen etwas Subtiles, Unbestimmbares und Unerklärliches gibt. Verehrung dieser Kraft jenseits allem, was wir verstehen können, ist meine Religion. In diesem Maße bin ich tatsächlich religiös.“ (Isaacson)

Als er gefragt wurde, ob er an Gott glaube, antwortete Einstein: „Ich bin kein Atheist. Ich kann mich, glaube ich, nicht als Pantheisten (3) bezeichnen. Das anliegende Problem ist zu unermesslich für unsere begrenzten Geister. Wir sind quasi in der Position eines kleinen Kindes, das eine riesige Bücherei voller Bücher in vielen Sprachen betritt. Das Kind weiß, dass jemand diese Bücher geschrieben haben muss. Es weiß nicht wie. Es versteht die Sprachen nicht, in denen sie verfasst wurden. Das Kind ahnt vage eine geheimnisvolle Ordnung im Arrangement der Bücher, aber es weiß nicht, was die ausmacht. Das, so scheint mir, ist die Haltung sogar des intelligentesten Menschen gegenüber Gott. Wir sehen das Universum grandios arrangiert und gehorchen gewissen Gesetzen, aber wir verstehen sie nur vage.“

Ich selbst bezeichne mich als Atheisten. Es geht nicht darum, dass ich nicht an Gott glaube. Ich glaube nicht an den Gott, der uns gelehrt wird. Als Galilei den Geozentrismus des Universums zurückwies, wies er nicht das Universum zurück; er wies die Anschaung der Leute von ihm zurück. Gleichermaßen lehne ich das Verständnis der Leute von Gott ab. Tatsächlich ist mein Gott nicht so anders als der von Einstein, obwohl ich, glaube ich, mehr von einem Pantheisten habe. Ich suche Gott nicht in religiösen Texten, Kirchen oder Tempeln. Ich suche ES in der Melodie des Lebens – in den Gesichter kleiner Kinder, und nicht nur menschlichen Kindern sondern den Kindern aller Wesen. Gott ist für mich alles, was Liebe ausströmt. ES ist nicht im Himmel; ES ist hier in genau jeder Person und jedem Tier. Um Pierre Teilhard de Chardin zu zitieren: „Wir sind nicht menschliche Wesen, die eine spirituelle Erfahrung haben, wir sind spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung haben.“

Babys sind die Quelle meiner Spiritualität.
Ich sehe Gott in den Kindern aller Wesen.

So wie die Sonnenstrahlen auf unterschiedliche Dinge scheinen und unterschiedlich reflektiert werden, ist jeder als Manifestation Gottes geboren, sie werfen sein Licht unterschiedlich zurück. Ich sehe Gott in jedem Lebewesen, und deshalb wertschätze ich das Leben. Ich glaube, dass der Respekt vor dem Leben eine unverzichtbare Eigenschaft der Spiritualität ist. In einem Interview wurde Bill Maher (4) gefragt, wie er seine Unterstützung der Abtreibung, welche eine liberale Position ist, mit der Unterstützung der Todesstrafe, welche eine konservative Position ist, in Übereinstimmung bringen könne. Er sagte, Leben habe keinen großen Wert, sogar Hunde könnten es tun (lebende Wesen gebären). Ich wünschte, ich könnte ihn fragen, ob er meint, dass sein eigenes Leben ebenfalls keinen Wert habe, oder ob es bloß die Leben anderer sind, die wertlos sind.

Für mich ist Leben das wertvollste, was existiert. Schauen Sie auf die Weite des Universums und die winzige Größe der Erde. So weit wir wissen, ist die Erde der einzige Platz, wo Leben existieren kann. Alles, was selten ist, ist wertvoll. Nichts ist seltener als Leben. Da gibt es tote Sonnen, die vollständig aus Diamant bestehen. Ich rede nicht von Diamantenbergen. Der ganze verdammte Stern besteht aus Diamant. Andere Sterne sind voll von schweren Metallen, Gold, Silber und Platin eingeschlossen. Was selten ist, ist Leben.

Oft missverstanden die Leute Einsteins religiöse Überzeugungen oder interpretierten sie vielleicht absichtlich falsch. Deshalb schrieb er im Sommer 1930 einen Text mit dem Titel „Woran ich glaube“. Er erklärte: „Das schönste Gefühl, das wir erfahren können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das fundamentale Gefühl, das an der Wiege aller wahren Kunst und Wissenschaft steht. Für wen dieses Gefühl ein Fremder ist, der kann sich nicht länger wundern und verzückt in Ehrfurcht stehen, er ist so gut wie tot, eine ausgelöschte Kerze. Zu spüren, dass es hinter allem, das erfahren werden kann, etwas gibt, das unsere Geister nicht erfassen können, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur indirekt erreicht: Das ist Religiosität. In diesem Sinn, und nur in diesem Sinn, bin ich ein frommer religiöser Mensch.“

Dies befriedigte jene nicht, die eine einfachere Antwort  haben wollten, etwa ob Einstein an Gott glaube oder nicht. Der orthodoxe jüdische Führer von New York, Rabbi Herbert S. Goldstein, sandte Einstein ein sehr direktes Telegramm: „Glauben Sie an Gott? Stop. Antwort bezahlt. 50 Worte.“ Einstein brauchte nur die Hälfte der gewährten Wortanzahl. Dies wurde die berühmteste Version einer Antwort, die er oft gab: „Ich glaube an den Gott Spinozas (5), der sich selbst in der gesetzesmäßigen Harmonie all dessen offenbart, was existiert, jedoch nicht an einen Gott, der sich für das Schicksal und die Taten der Menschheit interessiert.“

Obwohl er die orthodoxe Interpretation von Gott zurückwies, lehnte er konsequent die Zuschreibung ab, er sei Atheist. „Da gibt es Leute, die sagen, es gäbe keinen Gott“, erzählte er einem Freund. „Aber was mich ziemlich ärgert, ist, dass sie mich als jemanden anführen, der solche Ansichten unterstützt.“

Anders als viele Atheisten seiner und unserer Zeit hat Einstein niemals die verunglimpft, die an Gott glaubten, stattdessen tendierte er dazu, Atheisten zu verunglimpfen. „Was mich von den meisten sogenannten Atheisten trennt, ist das Gefühl einer tiefen Demut vor den unerreichbaren Geheimnissen der Harmonie des Kosmos“, erklärte er.

„Tatsächlich neigte Einstein eher dazu, Kritiker von Entlarvern zu sein, denen Demut und Ehrfurcht fehlte, als der von Gläubigen“, schreibt Isaacson.

„Die fanatischen Atheisten“, so Einstein in einem Brief, „sind wie Sklaven, die immer noch das Gewicht ihrer Ketten spüren, die sie nach hartem Kampf abgeworfen hatten. Sie sind Wesen, die in ihrem Groll auf die traditionelle Religion als ‚Opium der Massen’ die Musik ihrer Umgebung nicht hören können.“

Um jedes Missverständnis zu vermeiden, betonte er auch: „Die Hauptursache gegenwärtiger Konflikte zwischen den Sphären der Religion und der Wissenschaft liegt in diesem Konzept einer Person Gott.“

Einstein glaubte nicht an das Übernatürliche. „Für manche Leute“, so Isaacson, „dienen Wunder als Beweis der Existenz Gottes. Für Einstein zeigte das Nichtvorhandensein von Wundern die göttliche Vorsehung. Die Tatsache, dass die Welt fasslich ist, dass sie Gesetzen folgt, war für ihn verehrenswert.“

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Time am 27. November 2012

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1) http://madrasaoftime.wordpress.com/2012/11/26/ali-sina-uber-spiritualitat-1/
2) http://alisina.org/blog/2012/10/27/what-is-the-meaning-of-spirituality/
3) http://de.wikipedia.org/wiki/Pantheismus
4) http://de.wikipedia.org/wiki/Bill_Maher
5) http://de.wikipedia.org/wiki/Spinoza

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