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Permanent – und auf ewig

17. Oktober 2010

Marco Seliger berichtet in der heutigen FAZ aus Baghlan/Kundus/Afghanistan.

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Im permanenten Kampfeinsatz

Die Bundeswehr gerät in Afghanistan an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Das wissen auch die Taliban und ihre Verbündeten nur allzu gut.

Kurz bevor sich der Selbstmordattentäter in die Luft sprengt, redet er mit Florian Pauli. Weil der 26 Jahre alte Oberfeldwebel den afghanischen Bauern nicht versteht, ruft er einen Dolmetscher herbei, der sich mit den übrigen Soldaten in der einige Meter entfernten Wagenburg, der provisorischen Lagerstatt eines Fallschirmjägerzuges aus dem norddeutschen Seedorf, aufhält. Als der Übersetzer vorgehen will, explodiert der Sprengsatz. Der Attentäter hatte ihn mit Metallkugeln gespickt und unter seiner Tracht am Körper getragen. Der Schutzwall aus Fahrzeugen rettet den meisten Soldaten das Leben; drei von ihnen erleiden Splitterverletzungen. Florian Pauli hat aber keine Überlebenschance. Die von deutschen Pionieren erst einige Tage zuvor verlegte Brücke nahe der Ortschaft Aka-Khel, an der er am 7. Oktober Wache hielt, trägt jetzt seinen Namen. Der Sanitätsfeldwebel aus Halle/Saale wurde gestern beerdigt. Er ist der 44. Gefallene der Bundeswehr in Afghanistan.

Als Florian Pauli stirbt, greifen die Taliban an. Und sie machen das sehr professionell. Ihr Ziel sind deutsche und amerikanische Soldaten sowie deren afghanischen Partner, wenige Kilometer von Pul-i-Khumri entfernt, der Hauptstadt der südlich von Kundus gelegenen Provinz Baghlan. Deutsche Kampfeinheiten aus Fallschirm- und Gebirgsjägern halten hier mehrere provisorische Außenposten. Von dort überwachen sie einen der bedeutendsten strategischen Punkte in Nordafghanistan. Am sogenannten Highway-Triangle teilt sich die Hauptverkehrsstraße von Kabul in die Trassen nach Kundus und Mazar-i-Sharif. Seitdem die Versorgung der internationalen Truppen zunehmend über Zentralasien abgewickelt wird, erlangt die Nord-Süd-Route wachsende Bedeutung. Für sie gilt, was für alle großen Straßen in Afghanistan gilt: Wer sie beherrscht, kontrolliert das Land.

Jahrelang konnten die Taliban und andere aufständische Gruppen in dieser fruchtbaren, von den Flüssen Kundus und Baghlan durchzogenen Gegend ihr Unwesen treiben. Sie errichteten illegale Kontrollpunkte an den Straßen und trieben Schutzgeld von den Lastwagenfahrern ein, die die Isaf-Truppen im Süden mit Kraftstoff und Lebensmitteln sowie die Bevölkerung mit Waren aller Art versorgen. Die wenigen Isaf-Soldaten konnten dagegen nichts ausrichten, die oftmals unfähigen, korrupten und kriminellen einheimischen Sicherheitskräfte in Baghlan waren auch keine Hilfe. Die Taliban verschanzten sich in den Dörfern und zwangsrekrutierten Hilfskräfte für den Kampf.

Im Frühjahr dieses Jahres startete die Isaf in der Region die Operation “Taohid”. Mehrere hundert Bundeswehrsoldaten der in Mazar-i-Sharif stationierten Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force) gingen gemeinsam mit der afghanischen Armee in die Offensive. In wochenlangen Kämpfen eroberten sie die Dörfer am Highway-Triangle von den Taliban zurück. Um der Bevölkerung am Kundus-Fluss Handel und Austausch zu erleichtern, errichteten und reparierten die Soldaten Brücken. Die Übergänge sind wichtig, denn die eine Seite des Flussufers kontrollierten eine geraume Zeit lang die Taliban. Dort trieben sie Schutzgeld ein und zwangen die Menschen zur Zusammenarbeit.

Die andere Flussseite befand sich in der Hand einer Dorfmiliz des Terrorfürsten Gulbuddin Hekmatyar, auf dessen Konto zahlreiche Angriffe auf Isaf-Truppen in Afghanistan gehen. Die Miliz hat inzwischen mutmaßlich die Fronten gewechselt. Ihre Führer haben Präsident Hamid Karzai die Treue geschworen, ihre Kämpfer werden nun von amerikanischen Soldaten ausgerüstet, ausgebildet und betreut. Dieses Vorgehen ist Teil der Nato-Strategie zur Bekämpfung Aufständischer am Hindukusch. Danach sollen lokale Milizen, die es zu Hunderten in Afghanistan gibt, für die Regierung gegen die Taliban und ihre Verbündeten kämpfen. Karzai hat ihren Mitgliedern Amnestie sowie die spätere Eingliederung in die offiziellen Polizeikräfte angeboten.

In Baghlan zeigen sich erste Erfolge. Die ehemalige Hekmatyar-Miliz hat, wie Bundeswehrsoldaten berichten, maßgeblich zur Vertreibung der Taliban aus den Dörfern beigetragen. Die Deutschen operieren heute mit diesen Kämpfern, die ihnen vor kurzem noch Selbstmordattentäter schickten und sie in Hinterhalte lockten.

Die Operation “Taohid” dauert bis heute an. Um die Bad Reichenhaller Gebirgsjäger der “Quick Reaction Force” an der wackeligen Guerrillafront zu unterstützen, schickte das Isaf-Kommando in Mazar-i-Sharif Mitte September die Fallschirmjäger aus Kundus nach Baghlan. Seitdem sich die Seedorfer Einheit in der Region befindet, steht sie im permanenten Kampfeinsatz. Der 7. Oktober steht exemplarisch für den in Deutschland nach wie vor weitestgehend unbekannten Kriegsalltag der Truppen.

Nach dem Selbstmordanschlag, bei dem Florian Pauli sein Leben ließ, greifen etwa 100 Taliban zwei Außenposten der Deutschen und der Amerikaner an. Die Aufständischen setzen dabei auch mehrere Mörser ein, über die in Nordafghanistan bislang nur die Isaf-Truppen verfügten. Die Gefahr für die Soldaten droht nun nicht mehr nur von unten (Straßenbomben) und von der Seite (Gewehrkugeln und Panzerfaustgranaten), sondern auch von oben. Während des Kampfes werden mehrere Bundeswehrfahrzeuge schwer beschädigt. Dann gehen die Soldaten zum Gegenangriff über. Mit Schützenpanzern und unterstützt von amerikanischen Kampfhubschraubern und Flugzeugen reiben sie den Taliban-Verband nahezu vollständig auf. Dabei werden mehrere Dutzend Aufständische getötet.

Seit Monaten tobt der Kampf zwischen der Bundeswehr und den Taliban in Baghlan. Von Aufständischen befreite Dörfer werden von den deutschen Soldaten an die afghanische Polizei übergeben und bald darauf wieder von den Taliban besetzt. Die Polizisten sind der Schwachpunkt der Nato-Strategie. Sie sollen die freigekämpften Ortschaften halten, doch fehlen ihnen dazu Ausrüstung, Ausbildung, Motivation und finanzieller Anreiz. Eher laufen sie zu den Aufständischen über, eher geben sie ihre Stellungen kampflos auf, als dass sie sich überrennen und von den Taliban massakrieren lassen. Mehrfach musste die Bundeswehr gegen die Taliban um bereits einmal eroberte Ortschaften in Baghlan kämpfen.

Die große Strategie zur Aufstandsbekämpfung der Militärplaner in Washington, Brüssel und Kabul stößt deshalb an ihre Grenzen. Das allerdings veranlasst die Nato-Mitgliedstaaten nicht dazu, stärker in die Polizeiausbildung zu investieren. Dabei gilt sie als der Schlüssel zur erfolgreichen Aufstandsbekämpfung, so steht es zumindest im Afghanistankonzept der Allianz. Der Oberbefehlshaber der Nato, Admiral James Stavridis, bat die europäischen Verbündeten im September nachdrücklich, weitere 800 Polizeiausbilder nach Afghanistan zu schicken. Doch von London bis Tallinn erntete er nur den Hinweis, jetzt seien erst einmal die anderen dran.

Ohne eine wirksame Polizei wird die Bundeswehr wohl noch monatelang in Baghlan bleiben müssen. Dabei werden ihre Kampfverbände ebenso dringend in den Distrikten um Kundus gebraucht. Am Rand der Provinzhauptstadt sind knapp 1500 deutsche Soldaten in einem Feldlager stationiert. Und die Taliban und ihre Verbündeten sind gerade dabei, die Stadt zu umzingeln. Doch die Bundeswehr kann einfach nicht mehr leisten, muss sich auf ein Aufstandsgebiet konzentrieren. Das wissen die Taliban und ihre Verbündeten. Deshalb brauchen sie nur abzuwarten. Wenn die Bundeswehr sich für einen Einsatzschwerpunkt entschieden hat, müssen sie ihren eigenen Operationsraum nur verschieben. So geht das seit Monaten im Guerrillakrieg am Hindukusch. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

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Time am 17. Oktober 2010

Binden sie UNS?

1. August 2010

Ich habe in der Vergangenheit häufiger die Auffassung vertreten, wir sollten den Krieg in Afghanistan auf niedrigerem Niveau für unbegrenzte Zeit fortführen, um die Jihadisten dort zu binden. Es ist allerdings zu überlegen, ob eben dies nicht auch die Strategie der Mohammedanisten uns gegenüber sein könnte, die den Konflikt z.B. vielleicht fortführen, um von der “schleichenden Islamisierung” (Giordano) des Westens abzulenken.

Übrigens, wann immer von Kollateralschäden unter der afghanischen “Zivil”-Bevölkerung die Rede ist, sollte man an die vielen Drogentoten (und Toten im Zusammenhang mit der organisierten Kriminalität in diesem Zusammenhang) im Westen erinnern. 2002 waren das in der EU z.B. ca. 9.000 und in den USA 17.000 (1). Ist es da nicht berechtigt, von einem Drogenkrieg gegen den Westen zu sprechen?

In der heutigen FAZ bespricht Nils Minkmar das Buch “Sturz ins Chaos. Afghanistan, Pakistan und die Rückkehr der Taliban” von Ahmed Rashid (aus dem Englischen von Alexandra Steffes und Henning Hoff, Edition Weltkiosk, 340 Seiten, 19,90 Euro).

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Der afghanische Aufklärer

Ahmed Rashid schreibt die besten Bücher über Afghanistan.
Sein neues, alarmierendes Werk hatte schon politische Folgen.

Neun Jahre dauert der Krieg in Afghanistan, und er wird immer schlimmer. Dieser Juli war für die amerikanischen Kräfte der verlustreichste Monat seit Kriegsbeginn. Auch die deutschen Opfer werden immer größer, und ein Ende des Einsatzes scheint in weiter Ferne zu liegen.

Dennoch fällt es vielen schwer, die wesentlichen historischen und politischen Linien des Konflikts zu begreifen und sich eine Meinung zu bilden. Die Veröffentlichung der berühmten 90 000 Seiten vertraulicher militärischer Unterlagen auf der Internetseite Wikileaks zu Beginn der vergangenen Woche hat das Gefühl der Überforderung nur erhöht: Wer hat schon die Zeit und die Kenntnisse, das alles zu lesen und zu bewerten?

Der Vietnamkrieg hat Scharen von Studenten und angehenden Journalisten zu Südostasien- und Drittweltbegeisterten gemacht; im Afghanistankrieg bleibt solches Engagement aus. Weder steht eine mächtige Friedensbewegung auf den Straßen, noch ist die Emanzipation des afghanischen Volkes von der Terrorherrschaft der Taliban zur cause célèbre geworden. Fast scheint es, als würde die Privatisierung des Krieges, die das Kämpfen Söldnern und Profis überlässt, von den Bürgern intellektuell nachvollzogen, indem die Meinungsbildung einer kleinen Schar von Politikern und selbsternannten Experten überlassen wird. Gerade die deutsche Politik hat das auch jahrelang ganz gut gefunden, überzeugt davon, dass die pazifistischen Reflexe der eigenen Bevölkerung den komplizierten Realitäten der diplomatischen Verpflichtungen und realpolitischen Notwendigkeiten nicht standhalten würden. Um Afghanistan zu verstehen, das war der Eindruck, wenn man die öffentliche Debatte verfolgte, muss man entweder uralt sein, Paschtune oder vor Kandahar unter Feuer gelegen haben, am besten alles drei. So sitzt man dann auch nach einem Kriegsjahrzehnt ratlos vor den Fernsehnachrichten und misstraut den eigenen Aufwallungen. Doch den Luxus der ewigen Delegation unangenehmer Entscheidungen gibt es in einer parlamentarischen Demokratie nicht, und darum ist es höchste Zeit, die Gemütlichkeit hinter fernen Kriegsnebeln aufzugeben und sich aufzuklären, und das beste Mittel dazu ist immer noch ein gutes Buch. Es gibt kein besseres als Ahmed Rashids “Sturz ins Chaos.”

Die Pfiffigkeit und digitale Akrobatik der Wikileaks-Leute mag man ja bewundern, aber eigentlich bieten sie nur die Belege für die in Ahmed Rashids Büchern dargestellten Erkenntnisse. Ahmed Rashid schreibt und argumentiert wie ein aufgeklärter Historiker. Er verbindet seine persönliche Erfahrung aus jahrzehntelanger journalistischer Arbeit mit der Fähigkeit zur distanzierten und abwägenden Darstellung. Nach der Lektüre versteht man, dass die Verworrenheit und Undurchsichtigkeit der Verhältnisse in Afghanistan und Pakistan nicht etwa unserer geographischen und geistigen Entfernung vom Schauplatz geschuldet ist, sondern das Resultat einer politischen Strategie. Je schwerer sich der Westen damit tut durchzublicken, desto eher braucht er Partner am Ort – und wer bietet sich da charmanter an als der pakistanische Geheimdienst ISI? Der versteht von den Taliban sehr viel, nicht zuletzt, weil er sie erfunden, unterstützt und wiederbelebt hat. Zwischen pakistanischem Geheimdienst und den Taliban bestehen, so die Hauptthese von Rashids Buch, nicht nur starke persönliche und religiöse Bande, beide Gruppen sind auch durch handfeste materielle Interessen verbunden: Erst der Kampf gegen die Taliban beendete die Isolation Pakistans und ließ unvorstellbare Summen aus Amerika ins Land fließen. Pakistan hat ebenso wenig wie die Taliban ein Interesse an einer starken, säkularen afghanischen Zentralregierung. Schließlich teilen sich pakistanische und afghanische Taliban die Erlöse aus den Drogengeldern.

Die Taliban sind, das gilt es immer wieder zu betonen, keineswegs uralte, wilde Bergkrieger, die etwa schon gegen Alexander, Briten und Sowjets gekämpft hätten; sie sind ein ganz junges Phänomen. Sie entstanden, das ist in Rashids vorigem, nun auch als Taschenbuch wieder aufgelegtem Klassiker “Taliban” nachzulesen, in den überfüllten Camps afghanischer Flüchtlinge in Pakistan und wurden für die Interessen der pakistanischen Dienste instrumentalisiert, um die siegreiche afghanische Widerstandsbewegung gegen die Sowjets zu spalten und die Bildung eines starken afghanischen Zentralstaats zu verhindern.

Nach der Lektüre von Rashids neuem Buch kann man viele intellektuelle Platzhalter, etwa die Phrase vom gemeinsamen Kampf gegen den Terror, nicht nur nicht mehr hören, man kann sie vor allem nicht mehr glauben: Terror in diesen Dimensionen gibt es ohne die Unterstützung durch Staaten nicht. So wie die jüngsten Forschungen zum Linksterrorismus der siebziger und achtziger Jahre die entscheidende Rolle östlicher Geheimdienste für Logistik, Finanzierung und Rekrutierung von Terroristen betonen, so macht auch Rashid klar, dass die Taliban ohne den pakistanischen Geheimdienst ISI nie diese seit 2006 zu beobachtende Renaissance erfahren hätten.

Wenn wir also die Sicherheit Deutschlands am Hindukusch verteidigen, tun wir das mit einem Partner, der ein starkes Interesse daran hat, unser Gefühl der Unsicherheit fortbestehen und zur Panik anschwellen zu lassen. Denn so bleibt der pakistanische Geheimdienst immer gefragt, wie ein Club pyromanischer Feuerwehrleute.

Wer Rashids Buch gelesen hat, versteht auch, dass es sich Oskar Lafontaine und der ihm ergebene politische Verein zu leicht machen, wenn sie in der Afghanistan-Frage mit dem Pathos früher Pazifisten verkünden, Krieg als Mittel der Politik abzulehnen, und eine einseitige Beendigung fordern, die, daran lässt Rashid keinen Zweifel, binnen kurzem die Wiedererrichtung der Talibanherrschaft in Kabul bedeuten würde. Die spricht allen linken Idealen Hohn. Damit trüge der Westen nicht allein eine Mitschuld am zu erwartenden Bürgerkrieg und Rachefeldzügen in der Dimension des Terrors der Roten Khmer, er würde bald auch selbst zum Ziel neuer und verbesserter Attentatstaktiken. Denn im Kleinen, Rashid erinnert daran, hat man solche lokalen Befriedungsaktionen und “Deals” mit sogenannten gemäßigten Taliban bereits ausprobiert. Es gab mehrere Versuche pakistanischer Politiker, Talibanchefs gegen ihr Versprechen auf Waffenruhe einige Täler oder Provinzen zur autonomen Verwaltung zu überlassen. Sie alle führten dazu, dass die dort ansässige Bevölkerung floh und im Gegenzug Terrorlager entstanden. Fast alle in Europa geplanten oder durchgeführten Terroranschläge seit 2005 wurden in solchen mit pakistanischer Duldung bestehenden Talibanprovinzen vorbereitet.

Rashid ist insofern ein Aufklärer, als er die derzeitige Lage zwar angemessen düster schildert, aber auch zeigt, welche falschen Entscheidungen erst dazu geführt haben. Der Erfolg der Taliban ist kein Naturgesetz. Sie profitierten von den Fehlern des Westens. Der schwerste war wohl, die Geldströme aus dem Opiumanbau übersehen zu haben. Unter den Augen der Welt wurde Afghanistan zum Heroinproduzenten Nummer eins, der zuletzt 93 Prozent des weltweit erzeugten Stoffs lieferte. Es waren diese immensen Gewinne, die die Taliban nutzen konnten, um Waffen zu kaufen, Rekruten zu bezahlen und Selbstmordattentäter anzuwerben, deren Familien die Entschädigungen gut gebrauchen konnten. (Die Drogengelder sind nicht wesentlich. Die Taliban sind ein Teil des globalen Jihad, der alle Orks eint. Ohne Drogengelder würden sie eben im Ölgeld schwimmen, die Scheichs wissen doch gar nicht, wohin damit. T.)

Auch gegen Deutschland erhebt Rashid Vorwürfe. Jahrelang hätte sich die Bundeswehr vor Ort nur selbst beschützt und sich so verhalten müssen, als könnte der Krieg ohne Kampf gewonnen werden. Die Ausrüstung der Nato-Staaten sei so mangelhaft gewesen, dass sie in kritischen Fällen auf die amerikanischen Bomben zurückgreifen mussten, was unnötig Menschenleben gefordert hätte. Schließlich sei Deutschland bei der wichtigen Aufgabe der Ausbildung der afghanischen Polizei schlicht gescheitert.

Dennoch ist dies kein hoffnungsloses Buch. Zwar zeigt Rashid, wie der worst case aussehen könnte; das wäre der Sturz der pakistanischen Regierung durch die von ihnen geschaffenen Taliban, wodurch diese Feinde der Menschheit in den Besitz von rund hundert Atombomben kämen. Aber er legt auch überzeugend dar, wie eine entschlossene Talibanbekämpfungsstrategie aussehen müsste (Wie denn? T.). Der immense Erfolg seiner Bücher vor allem in den Vereinigten Staaten und Großbritannien blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Politik der dortigen Regierungen. Obamas Truppenverstärkung, mit der er die absurden Reduzierungen eines Donald Rumsfeld (Nicht absurd sondern eine andere Strategie. T.) korrigiert, erscheint nach dieser Lektüre wie ein überfälliger Schritt und ganz und gar nicht wie eine Imitation des Vietnamkrieges. Und die drastische Äußerung des britischen Premierministers, Pakistan würde den Terror exportieren, ist auch mit der Rashid-Lektüre zu begründen.

Ahmed Rashids luzider und spannender “Sturz ins Chaos” gehört in jeden Rucksack und auf jedes Regal.

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Time am 1. August 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Drogentote

Sie kaufen uns weg

29. Juli 2010

Hübsch anzusehen: Abu Dhabi (1), die Hauptstadt des gleichnamigen Emirates sowie der “Vereinigten Arabischen Emirate”

Skurril, was die heutige FAZ über eine aktuelle Resolution der UNO zu berichten weiß: “UN erklären Wasser zum Menschenrecht – Die Vereinten Nationen haben am Mittwoch den Anspruch auf reines Wasser in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aufgenommen. Die von Bolivien vorgelegte Resolution wurde in der Vollversammlung mit großer Mehrheit angenommen. Einige Staaten enthielten sich, Gegenstimmen gab es keine. Die Resolution bedeutet kein Recht auf Wasser im Sinne des internationalen Rechts, ist aber politisch von Bedeutung.”

Kewil schreibt dazu: “Sauberes Wasser ist jetzt ein Menschenrecht. Die Vereinten Nationen haben am Mittwoch den Anspruch auf reines Wasser in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aufgenommen. Man kann darüber lachen und auch noch Sonnenschein, saubere Luft und Regen in die Menschenrechte schreiben, aber so wie wir die globalisierte Welt kennen, könnte auch ein Staat klagen, und wir müssen Tankschiffe in die Sahara schicken…” (2)

Er hatte die Info aus der NZZ, in der auch Folgendes stand: “Nach Uno-Angaben enthielten sich 41 Staaten. Das waren vor allem Industrieländer, während die Staaten der Dritten Welt praktisch durchgängig für den Entwurf stimmten.”

Vor allem eines sollten die Industrieländer nun in der UNO zur Abstimmung bringen, nein, nicht “Human Rights for Snakes” (3), sondern das MENSCHENRECHT AUF ERDÖL.

Bisher läuft es doch so, dass wir den Orks das Öl für fantastische Preise abkaufen, so dass sie gar nicht wissen, wohin mit dem Geld. Dann kaufen sie sich bei uns ein. Und falls sie pleite gehen (4), erlassen wir ihnen die Schulden (5).

Rainer Hermann referiert in der heutigen FAZ in zwei Beiträgen die Bemühungen der krakenden Golfstaaten.

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Nach der Welt greifen

Wieder einmal war Abu Dhabi eine der ersten Adressen. Diesmal suchte der angeschlagene Ölkonzern BP den Rettungsring eines langfristig denkenden strategischen Investors. Allein die Bestätigung der Nachricht, dass sich der Vorsitzende Tony Hayward mit dem Kronprinzen von Abu Dhabi getroffen hatte, reichte aus, um den Sinkflug der BP-Aktie zu stoppen. Ein Staatsfonds des ölreichen Emirats soll BP vor einer Übernahme bewahren, so wie die Staatsfonds im vergangenen Jahr den Banken Barclays und Citigroup über die Klippen der Krise geholfen hatten.

Die großen Staatsfonds der ölproduzierenden Golfstaaten greifen nach der Welt. Sie beteiligen sich an großen Namen der Industrienationen, siedeln zukunftsträchtige Industrien bei sich an und investieren einen größeren Teil ihrer Petrodollars im aufstrebenden Asien. Eben erst hat Aabar aus Abu Dhabi 5 Prozent der größten italienischen Bank Unicredit erworben und wurde ihr zweitgrößter Aktionär. Die Qatar Investment Authority (QIA) war am Börsengang der größten chinesischen Bank beteiligt und erwarb über eine Tochtergesellschaft 5 Prozent am weltgrößten Wasserunternehmen Veolia aus Frankreich.

Das kühle kommerzielle Kalkül der Staatsfonds hat den Beteiligungen die Aura der märchenhaften Exotik genommen. Als die Kuwait Investment Authority im Krisenjahr 1974 bei Daimler einstieg und 1982 mit 25 Prozent bei der Hoechst AG, hatten viele die Nase gerümpft. Als Aabar im vergangenen Jahr an Daimler 9 Prozent erwarb und vor den Fängen eines schwedischen Hedge-Fonds bewahrte, atmeten hingegen viele auf. Denn die Staatsfonds haben sich als Aktionäre erwiesen, die dem Management keine Vorgaben machen, langfristig Gewinn sehen wollen und in Dekaden denken.

Die Qatar Investment Authority (QIA) ist noch auf Immobilien ausgerichtet. Neben den 17 Prozent an Volkswagen und einer Beteiligung an der Credit Suisse dominieren teure Häuser in London. Ihr gehören das Kaufhaus Harrods, ein Großteil des Viertels Canary Wharf, 27 Prozent an der Supermarktkette Sainsbury. Nun ist das Savoy Hotel im Fokus. Im monatlichen Rhythmus kommen Objekte hinzu, mal das Raffles Hotel in Singapur, dann ein Luxusresort auf den Seychellen. 30 Milliarden Dollar will QIA in diesem Jahr ausgeben, 2011 könnten es 50 Milliarden Dollar werden. In einer Woche im Mai hatte QIA Harrods gekauft und Investmentfonds in Indonesien und Malaysia aufgelegt. Interesse hat Qatar auch an der französischen Nuklearfirma Areva.

Überall sind die Staatsfonds ein Puffer gegen die großen Preisausschläge des Erdöls. In Kuweit finanzieren die Erlöse der Staatsfonds noch immer fast den gesamten Import. Abu Dhabi setzt sie auch ein, um Industrien jenseits von Öl und Gas anzusiedeln. Nach einer Schätzung des amerikanischen Sovereign Wealth Fund Insti-tute ist die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) mit Aktiva von 627 Milliarden Dollar der mit Abstand größte Staatsfonds. In die Schlagzeilen kommen aber die kleineren Staatsfonds: Abu Dhabi Mar übernahm Blohm+Voss (inkl. militärischem Sektor, s.6, T.) und baut nun Werften in Abu Dhabi; die IPIC erwarb 70 Prozent des Anlagenbauers Ferrostaal und will nun Teilhaber an der Gasleitung Nabucco werden; Aabar ist an Daimler und am Elektroautohersteller Tesla beteiligt, an Banken wie Unicredit und Banco Santander und mit 32 Prozent an Richard Bransons Virgin Galactic selbst an der künftigen kommerziellen Raumfahrt.

Neben Finanzinvestitionen und Immobilien ist die Ansiedlung von zukunftsträchtigen Industrien eine dritte Aufgabe. Oben auf der Liste steht die Herstellung von Mikrochips. Die Regierung von Abu Dhabi ist mit Globalfoundries, einer Partnerschaft mit der amerikanischen AMD, schon der zweitgrößte Hersteller. Seine wichtigsten Werke stehen in Dresden und New York, ein weiteres wird in Abu Dhabi gebaut. In ihm sollen die Studenten aus den Emiraten arbeiten, die schon jedes Jahr in Dresden ein Sommerpraktikum machen. Zu Hightech kommt die Luftfahrt. Mubadala beginnt in diesem Jahr mit der Produktion von Komponenten für Boeing und Airbus. In weniger als einem Jahrzehnt will das Unternehmen in Abu Dhabi ein eigenes Flugzeug entwickeln. In der Wüste des Emirats Abu Dhabi baut das Staatsunternehmen Masdar mit Partnern aus Spanien und Frankreich eines der größten Solarkraftwerke, in den Industriezentren Chinas investiert Bourouge in petrochemische Werke für die chinesische Automobilindustrie.

Die ölproduzierenden arabischen Golfstaaten sind ein Machtzentrum der Weltwirtschaft geworden. Ihre Staatsfonds nehmen jedes Jahr die Hälfte der amerikanischen Staatsanleihen in die Bücher, sie retten angeschlagene westliche Unternehmen und finanzieren Investitionen in Asien. Zu Hause legen sie den Grundstein für eine Zukunft nach dem Öl. Den Weg hat ihnen das benachbarte Dubai gewiesen, das nie viel Erdöl hatte. Während sich Abu Dhabi und Doha als Wirtschaftszentren etablieren, ist Dubai in der geographischen Mitte der Welt ein Drehkreuz für Menschen und Waren. Seine Fluggesellschaft Emirates wird mit den jüngsten Großaufträgen nicht zum letzten Mal Furore gemacht haben.

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Dorsch führt in Abu Dhabi Bauregie

Die Offenbacher Dorsch Gruppe hat in Abu Dhabi den Auftrag zur Bauleitung und Bauüberwachung des neuen Stadtteils al Ghadeer erhalten, der für 80 000 Einwohner angelegt ist. Der Immobilienentwickler Sorouh hat die Dorsch Holding GmbH-DC Abu Dhabi beauftragt, das Projekt al Ghadeer zu planen, das nahe am Flughafen Abu Dhabi und der Freizone Dschebel Ali von Dubai liegt. Das Projekt umfasst in der ersten Phase den Bau von 154 Villen, 518 Reihenhäusern und 1500 teilweise terrassenförmig angelegte Wohnungen, ferner medizinische Einrichtungen, eine internationale Schule, Parks, zwei Klubhäuser, Moscheen und Beförderungsangebote. Darüber hinaus sollen Infrastrukturleistungen für das Wassernetz gebaut werden. Die Dorsch-Gruppe, die in Abu Dhabi schon den neuen Hafen und zahlreiche kleinere Projekt plant, unterhält in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate eines der führenden Ingenieurbüros. Im Juni eröffnete Dorsch eine Tochtergesellschaft in Saudi-Arabien. Dort plant das Offenbacher Unternehmen den neuen Flughafen von Medina. Die Dorsch Gruppe ist in nahezu allen 22 arabischen Staaten tätig. In der syrischen Stadt Aleppo saniert sie das Wassernetz.

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Na, das läuft ja super. Aber es ist natürlich besser, wenn sich deutsche Bosse goldene Nasen verdienen, als wenn das ganze Geld in den afghanischen Jihad fließt. Der hat ohnehin zu allerletzt Geldprobleme, wie der aktuelle “Spiegel” (#30, S. 70ff.) im Zusammenhang mit dem Verrat von Wikileaks berichtet.

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Erst Ende 2005, Anfang 2006 und nur durch Geldzahlungen und Drohungen der Aufständischen, formierte sich der Widerstand gegen die internationale Truppenpräsenz – das geht aus zahlreichen Meldungen hervor, die davon berichten, wie der Bevölkerung für aktive Unterstützung der Aufständischen Geld geboten wird. 700 Dollar offeriert etwa die von al Qaida unterstützte Terrorgruppe Islamische Bewegung Usbekistans in der Grenzprovinz Takhar im Zuständigkeitsbereich der Bundeswehr den Einwohnern, falls diese helfen, die logistischen Hauptverkehrswege der Isaf-Truppe mit Straßenbomben zu verminen: “Afghanen aus der Gegend sollen die Sprengsätze platzieren, weil sie vergleichsweise unauffällig sind. Gezündet werden sie dann durch die Spezialisten”, verrät ein Isaf-Zuträger in eii ner Meldung. In Chapchi, einem Ort in der Provinz Badakshan und ebenfalls im deutschen Zuständigkeitsbereich, lobte ein Taliban-Kommandeur sogar 1.000 Dollar für die erfolgreiche Durchführung eines Angriffs aus. Viel Geld in einem Land mit weniger als 500 Dollar durchschnittlichem Jahreseinkommen.

Fanatische Überzeugung und finanzielle Anreize greifen in der Kriegsmaschinerie oft genug ineinander: “Wenn ihr noch Würde im Leib habt, tut euch zusammen und greift den Feind an, attackiert ihn mit ‘Stinger’-Raketen, koste es was es wolle, 150.000 oder 200.000 Dollar, ich bezahle”, fordert etwa der Warlord Gulbuddin Hekmatjar (ein Mann, der Klo H. Metzel besonders ähnlich ist. T.) die getreuen Anhänger seiner Hisb-i-Islami in der Provinz Logar auf. Es ist Mitte März 2006, und die Widerstandsbewegung lahmt noch immer gewaltig.

Hekmatjar ist ein Veteran. Er hat bereits gegen die Russen gekämpft und nach deren Vertreibung im Machtkampf um Kabul die Hauptstadt in Schutt und Asche gelegt. Nun ist er – bis auf weiteres – ein unbeugsamer Feind der Amerikaner.

Mehr als durch die aufpeitschenden Worte des in der Provinz Kunduz geborenen Islamisten dürfte die Kampfeslust seiner Gefolgsleute im Norden durch die an jeden Gruppenführer verteilten 100.000 bis 500.000 Afghani (2.000 bis 10.000 Dollar) befeuert worden sein. Worte und Investitionen des spendablen Extremisten wurden sorgsam in den Dokumenten festgehalten.

Während die Afghanen 2006 noch immer zögerten, sich in die neue kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem Westen und den Islamisten zu werfen, spielten ausländische Kämpfer, Araber, Tschetschenen, Usbeken und chinesische Uiguren, von Anfang an eine Schlüsselrolle. Es sind ideologische Hardliner, die al-Qaida nahestehen. Sie verfügten über einen Erfahrungsschatz mit Sprengstoffanschlägen und Selbstmordattentätern, wie er in Afghanistan bis dahin weithin unbekannt war. Die tödlichen Techniken aus dem Irak-Krieg wurden so an den Hindukusch transportiert.

Die berüchtigten ausländischen Kämpfer werden im Logbuch des Krieges erstmals am 15. Juli 2005 auch im Norden des Landes gemeldet. Fünf Tschetschenen seien in die Stadt Kunduz gekommen, sie sollen moderne Waffen an einen Taliban-Kommandeur übergeben und das Uno-Büro angreifen. Der angeblich geplante Anschlag findet zwar nicht statt, doch der beschriebene Transfer von technischem Know-how und neuen Waffensystemen an die Taliban wird später wesentlich zur deutschen Misere in Kunduz beitragen.

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Nun versuchen wir zwar auch, die afghanische Bevölkerung zu kaufen, die Hilfsgelder allerdings landen nicht bei den Menschen, wie im “Spiegel” (#27) zu lesen war:

“Viele Milliarden Dollar werden in Kisten und Koffern nach Dubai transportiert. Der Westen hat den Überblick über seine Hilfsgelder verloren… Es geht um riesige Geldmengen, die regelmäßig in Kisten und Koffern per Flugzeug außer Landes geschafft werden – über drei Milliarden Dollar in bar waren es, mindestens, seit 2007. Der bevorzugte Bestimmungsort: die Steueroase Dubai. Bei dem Geldabfluss kann es sich nicht nur um Gewinne aus legalen Geschäften handeln: Das gesamte Bruttoinlandsprodukt des Landes beläuft sich umgerechnet auf gerade mal 13,5 Milliarden Dollar.”

Und von dort aus geht es dann vermutlich wieder zurück an die Taliban.

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Time am 29. Juli 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Abu_Dhabi
2) http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/wasser_ist_ein_menschenrecht_1.6957435.html
3) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/01/menschenrechte-fur-schlangen/
4) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/11/26/macht-besser-keine-geschafte-mit-orks/
5) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/20/ich-weiss-ich-weiss/
6) http://www.welt.de/die-welt/wirtschaft/article6919301/ThyssenKrupp-beschliesst-Verkauf-von-Blohm-Voss-an-Araber.html
7) http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-71261436.html

Ihre Nationalhymnen (1): Afghanistan

31. Januar 2010

Ich habe vor, mich in lockerer Folge mit den Nationalhymnen der mohammedanistischen Länder zu beschäftigen und beginne mit Afghanistan (1).

Hier die Musik:

http://www.embassyofafghanistan.org/audio/afghanistan_national_anthem_w_lyrics.mp3

Das gefällt mir eigentlich ganz gut, es wirkt ein bisschen naiv und folkloristisch, hat aber durchaus Schmiss. Ohne Text hätte ich es vermutlich nicht als orientalisch/orkisch identifiziert. Komponist ist der afghanischstämmige Deutsche Babrak Wassa (2), der das Stück 2006 fertigstellte. Wassa hat seine musikalische Ausbildung in Moskau erhalten (was man zu hören meint). Wassa „beschrieb seine Komposition im Sechs-Achtel-Takt als ‚marschähnlicher’ als eine andere Version, die er – nach einem afghanischen Tanz – im Sieben-Achtel-Takt geschrieben hatte, ‚aber auch noch nicht militärisch’. Außerdem sagte Wassa, die Hymne klinge für westliche Ohren angenehm, obwohl Melodie und Harmonie afghanisch seien“, berichtet die Webseite eines von Wassa geleiteten Chores (3).

Der Text stammt von dem zeitgenössischen, paschtunischen “Dichter” Abdul Bari Jahani und heißt Milli Tharana oder Milli Surood (“Nationalhymne”).

Hier die englische Version (engl. Wiki, 4):

National Anthem

This land is Afghanistan
It is the pride of every Afghan
The land of peace,
The land of sword,
Each of its sons is brave

This is the country
Of every tribe,
The land of Balochs and Uzbeks
Pashtuns and Hazaras,
Turkmens and Tajiks

With them,
There are Arabs and Gujjars,
Pamiris, Nuristanis
Brahuis, and Qizilbash,
Also Aimaqs and Pashais

This land will shine for ever,
Like the sun in the blue sky
In the chest of Asia,
It will remain as heart for ever

We will follow the one God
We all say, “Allah is the greatest!”,
We all say, “Allah is the greatest!”,
We all say, “Allah is the greatest!”

Auf Deutsch (dt. Wiki, 5):

Nationalhymne

Dieses Land ist Afghanistan
Es ist der Stolz aller Afghanen
Das Land des Friedens,
Das Land des Schwerts
Alle seine Söhne sind tapfer

Das Land aller Stämme
Land der Belutschen und Usbeken
Paschtunen und Hazaras
Turkmenen und Tadschiken

Mit ihnen Araber und Gojaren
Bewohner des Pamir, Nooristanier
Barahawi und Qizilbash
Auch Aimaken und Pashaye

Dieses Land wird ewig leuchten
Wie die Sonne am blauen Himmel
In der Brust Asiens
Wird es ewig als Herz vorhanden sein

Wir folgen dem Einen Gott (Alla, T.)
Gott (Alla, T.) ist groß,
Gott (Alla, T.) ist groß.

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Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber da dies 2006 (und nicht etwa 206) die Nationalhymne der afghanischen Orks wurde, musste nicht spätestens da klar sein, dass eine freiheitliche Demokratie in diesem Land unmöglich ist?

„Land des Friedens, Land des Schwertes“, was für ein pathetischer und unsinniger Infantilismus. Die Tapferkeit der Söhne wird als wichtigste (und wohl leider auch einzige) Qualität der afghanischen Männer gerühmt (Frauen kommen natürlich überhaupt nicht vor). Was mir gefällt: Afghanistan als ein Land unter vielen, nicht als Zuchtherr aller anderen…

Es folgt die Aufzählung der ethnischen Gruppen bzw. “Stämme”, denn sie geben, quasi als Groß-Klans, die maßgeblichen Organisationsstrukturen des Landes. Da die Verwandtschaft, das „Blut“, so eine immense Rolle spielt, müssen rechtsstaatliche Regeln immer hinter diesen zurücktreten, und deshalb werden die Institutionen des Landes auch auf ewig korrupt bis ins Mark bleiben.

Den absoluten Tiefpunkt markieren die letzten Verse. Sie erklären den Fieslahm zur einzigen und absolut verbindlichen Religion und Weltanschauung des Landes. Dreimal soll „Abrakadabra“ gebellt werden. Auf mich wirkt das alles ziemlich feindschaftlich.

Interessant: In der deutsche Wiki-Version ist die dreimalige Wiederholung (vergl. Musikdatei) der letzten Zeile auf eine zweimalige reduziert worden, auch schon in der Transkription. Und vor allem, „Alla“ wurde hier mal wieder (schon in der ersten und anders als in der englischen Version) durch den christlichen „Gott“ ersetzt und solcherart mit diesem gleichgesetzt. Das ist typisch für den deutschen Orientalisten, der unter allen Orientalisten der Welt ganz besonders willfährig den Interessen der Mohammedanisten dient.

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Time am 31. Januar 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Afghanistan
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Babrak_Wassa
3) http://www.mgv-urbach.de/wassahymne.html
4) http://en.wikipedia.org/wiki/Milli_Tharana
5) http://de.wikipedia.org/wiki/Milli_Tharana

Hauptwaffe Bombe

21. Dezember 2009

In der heutigen FAZ berichtet Marco Seliger aus Afghanistan. Zur wichtigsten Waffe sind dort die selbstgebastelten Bomben geworden. Offenbar ist es unmöglich, den Besitz von Kunstdünger, der Hauptbestandteil dieser Bomben ist und in rauhen Mengen zur Verfügung zu stehen scheint, zu illegalisieren.

Die Taliban haben immer eine Antwort

Die Verluste der Nato-Staaten durch versteckte Bomben
in Afghanistan steigen

Es ist ein Hinterhalt, wie er im Handbuch für den Guerrillakrieg nicht besser beschrieben sein könnte. Am Morgen des 10. Juli 2009 erreicht eine britische Patrouille ein Dorf in der Nähe der afghanischen Stadt Musa Qala in der Provinz Helmand. Hier herrscht seit drei Jahren ein verlustreicher Kleinkrieg, das Gebiet ist Taliban-Land. Das Führungsfahrzeug ist weit in den Ort vorgedrungen, als es auf eine im Boden vergrabene improvisierte Bombe (IED, Improvised Explosive Device) auffährt. Als die Soldaten mit der Versorgung ihrer verwundeten Kameraden beginnen wollen, detoniert in unmittelbarer Nähe eine zweite, zielgenau ausgerichtete, mit Nägeln gespickte verdeckte Bombe. In das entsetzliche Chaos hinein wird anschließend aus den umliegenden Gebäuden mit Gewehren und Panzerfäusten gefeuert. Fünf britische Soldaten fallen, zahlreiche werden verwundet. “Unsere Armee”, resümieren britische Medien, “hat ihren schwärzesten Tag im Afghanistan-Krieg erlebt.”

Die Soldaten sind in eine Falle geraten, wie sie die Rote Armee während ihrer Invasion am Hindukusch in den achtziger Jahren hundertfach erlebt hat. “Im Prinzip”, sagt ein Nato-Offizier, “haben wir es in Afghanistan inzwischen mit der gesamten Bandbreite der Mudschahedin-Taktiken zu tun, nur dass sie verfeinert wurden.” Insbesondere bei der Verwendung improvisierter Sprengladungen haben die Aufständischen Militärexperten zufolge innerhalb kurzer Zeit erhebliche Fortschritte gemacht. Die Bomben sind ausgereifter und werden gezielter als vor zwei, drei Jahren eingesetzt. Die Folgen sind verheerend. Mehr als zwei Drittel aller Verluste in Afghanistan in diesem Jahr gehen auf den Einsatz von IEDs zurück (280 von 500, 2008: 169 von 295), hinzu kommen mehrere hundert schwerverletzte und teilweise für immer entstellte Soldaten. Vor allem Amerikaner, Briten und Kandier in Süd- und Ostafghanistan sterben heute nur noch selten durch eine Gewehrkugel. In ihrem Einsatzgebiet zählten sie in diesem Jahr insgesamt knapp 1100 improvisierte Bomben einschließlich Selbstmordattentätern, von denen zirka 500 ihr Ziel trafen. Diese Menge ist beispiellos im nunmehr achtjährigen Afghanistan-Einsatz. “Das ist ein IED-Krieg”, sagt ein amerikanischer Offizier.

Infrastruktur und Geographie am Hindukusch sind wie geschaffen für den Einsatz von perfiden Sprengsätzen, wie etwa auch “gerichtete Hohlladungen”, EFP genannt. Auf den unbefestigten Staubpisten durch karge Wüsten oder schroffe Täler, welche die Patrouillen häufig befahren müssen, lassen sich die Bomben – meist Artilleriegranaten oder Panzerabwehrminen, aber auch mit Düngemittel oder Sprit gefüllte Plastikkanister – leicht vergraben. In den vergangenen drei Jahren zündeten die Taliban die Mehrzahl der IEDs mit Hilfe von Handys aus der Ferne (Remote Controlled). Die Koalitionstruppen reagierten darauf mit dem Einsatz von Jammern, Geräten, die starke elektromagnetische Wellen erzeugen, die den Funkverkehr in der Umgebung stören. Daraufhin kehrten die Aufständischen in diesem Jahr zu traditionellen Bauweisen zurück, wonach die Bombe mechanisch aus der Nähe, etwa durch eine Druckplatte oder einen Zugdraht, gezündet wird. “Wir stehen in einem ständigen technologischen Wettlauf mit einem minimalistischen, erfindungsreichen und listigen Gegner”, sagt ein früherer Bombenexperte der Bundeswehr. “Die Taliban wissen auf jede unserer Reaktionen eine Antwort. Es ist eine nie endende Spirale.”

Seit einiger Zeit setzen die Taliban verstärkt Zweit- und Dritt-IEDs ein, die erst dann detonieren, wenn die Rettungskräfte am Ort der ersten Explosion eingetroffen sind. Die Aufständischen bereiteten die Attacken außerordentlich professionell vor. Zielorte würden eingehend begutachtet und die Folge-IEDs so konstruiert und ausgerichtet, dass sie größtmögliche Zerstörungen anrichten. Dieses Vorgehen kennen die amerikanischen Truppen schon aus dem Irak. Wie im Zweistromland fordert der Bombenterror jedoch auch in Afghanistan die meisten Opfer unter den einheimischen Sicherheitskräften und unter der Zivilbevölkerung. Armee und Polizei beklagen in diesem Jahr mehr als eintausend Tote. Seit Sommer 2009 bringen die Taliban immer häufiger “Megabomben” zum Einsatz. Sie bestehen aus mehreren hundert Kilogramm Ammoniumnitrat (Düngemittel), Metallspänen oder Glasscherben, die, etwa auf Lastwagen deponiert, in Menschenmengen oder Gebäude gesteuert und dort zur Explosion gebracht werden. Diese Bomben haben dann zwar nicht die Explosionskraft wie TNT-gefüllte Bomben, sind aber aufgrund ihrer Größe und der Anreicherung mit Splittern für Passanten tödlich.

Nato-Offiziere gehen davon aus, dass mit der Zahl der ausländischen Soldaten im kommenden Jahr auch die Zahl der durch IED verursachten Verluste in Afghanistan weiter steigen wird. Die Vereinigten Staaten ersetzen derzeit ihre schlecht gepanzerten Patrouillenwagen vom Typ HMMWV (“Humvee”) durch minengeschützte Transporter. Dazu verlegen sie mehrere tausend Fahrzeuge vom Typ MRAP (Mine Resistant Ambush Protected Vehicle), die ursprünglich für den Einsatz im Irak entwickelt worden waren, an den Hindukusch. Doch den Taliban ist es inzwischen gelungen, MRAPs durch den Einsatz von Wirkladungen einer Vergleichsgröße von mehr als 200 Kilogramm Sprengstoff zu zerstören. “Ab einer gewissen Sprengstärke nützen Technik und Panzerung nichts mehr”, sagt ein Bombenentschärfer der Bundeswehr. Die Sprengsätze sind einfach gebaut, billig zu beschaffen – und von strategischer Wirksamkeit. Ihr massenhafter Einsatz kann zermürben. “Vor uns liegt ein langer Kampf”, sagt ein amerikanischer General.

Amerikas Speerspitze in dieser Auseinandersetzung ist die Task Force “Paladin”. Diese Spezialeinheit soll die Netzwerke, die hinter jedem IED stehen, enttarnen. Dazu untersuchen die Fachleute auch den Sprengstoff und den Schaltkreis einer Bombe, um ihre Funktionsweise besser zu verstehen. “Wir wollen wissen, wer was wie baut”, sagt ein amerikanischer General. “Das ist Forensik auf dem Schlachtfeld.” Die Bundeswehr geht ähnlich vor. Auch sie hat Expertenteams für den Kampf gegen IEDs aufgestellt, die Informationen über IEDs sammeln und auswerten. Die Ergebnisse fließen in die Ausbildung der Soldaten ein. Das ist dringend notwendig. Nato-Offiziere berichten von einem Wissenstransfer zwischen den Kriegsschauplätzen: Was in Südafghanistan funktioniere und amerikanische Soldaten töte, tauche einige Monate später im Norden und Westen auf. Der verheerende Hinterhalt vom 10. Juli bei Musa Qala wurde in der Bundeswehr eingehend analysiert. In Kundus hatte sie es bereits in diesem Jahr mit einem Gegner zu tun, der darauf abzielte, ganze Einheiten zu vernichten. Er wird es im kommenden Jahr wieder versuchen.

Time am 21. Dezember 2009

Ewiger Aufstand

9. Dezember 2009

In der heutigen FAZ schreibt Leser Professor Dr.-Ing. Peter Rissler zur Tanklasteraffaire:

„Großartig! Noch nie hat ein Kampfeinsatz den Taliban so viel genützt wie hier. Stehlen zwei Tanklastwagen und bringen die gesamte deutsche Regierung ins Wanken! Vielleicht könnte man beim nächsten Mal mit drei Tankwagen auch die Frau Bundeskanzlerin zum Rücktritt bewegen. Eine denkbar traurige Reaktion der deutschen politischen Kaste! Dass die Taliban zuvor die gesamte Besatzung der Tankwagen niedergemacht hatten, zählt wohl nicht? Und wer kann mit Sicherheit feststellen, wer in Afghanistan Taliban ist und wer nicht? Tragen die Taliban inzwischen Uniformen? Zumindest die jetzt veröffentlichten Videos aus dem angreifenden Flugzeug lassen keinen Rückschluss darauf zu, ob die erkennbaren Personen den Taliban zuzurechnen sind oder nicht. Woher also die Gewissheit der Selbstgerechten? Es steht traurig mit der Solidarität der deutschen Gesellschaft, insbesondere der Politik mit den Soldaten. Sind diese keine deutschen Staatsbürger, welchen der Schutz des Staates ebenfalls zu gelten hat?“

Natürlich stimme ich Herrn Rissler im Kern zu, indes: Wir haben keine Atombomben und können daher die zerklüftete Landschaft Afghanistans nicht zu einer Glasscheibe einschmelzen, obwohl wir grade in dieser Region dringend Parkplätze bräuchten. Was sollen wir also tun? Nehmen wir an, wir spielten dort ein Spiel: Das Erreichen welcher Ziele würde uns zu GEWINNERN machen?

Ein sehr prominenter US-amerikanischer Politikberater meint, so Rezensent Herfried Münkler, unter herkömmlichen Kriterien hätten wir bereits verloren. Das Wort hat also William R. Polk („Aufstand. Widerstand gegen Fremdherrschaft“. Vom Amerikanischen Bürgerkrieg bis zum Irak. Aus dem Englischen von Ilse Utz. Hamburger Edition, Hamburg 2009. 340 S., geb., 32,- [Euro]):

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Wer vertritt das Eigene? Und wer ist der Fremde?

Hat der Westen in Afghanistan schon so viele Fehler  gemacht, dass die Niederlage unvermeidlich ist? William Polk rechnet mit den politisch- kulturellen Borniertheiten von Aufstandsbekämpfern ab.

Für die Afghanistanstrategie der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten hat William Polk keine gute Nachricht: Die vergleichende Analyse ähnlicher Aufstände zeigt, dass es für den Westen am Hindukusch so gut wie keine Erfolgsaussichten gibt, selbst dann nicht, wenn die Nato-Truppen in einer direkten Konfrontation mit den Kampfverbänden der Taliban siegreich wären. Die bewaffnete Auseinandersetzung stellt nach Polks Auffassung nämlich die unwichtigste der drei Komponenten eines Aufstands wie seiner Bekämpfung dar. Viel größeres Gewicht kommen der Politik und der Verwaltung zu, und hier habe der Westen die Auseinandersetzung in Afghanistan längst verloren.

Die in den ersten zwei Jahren des Afghanistan-Engagements gemachten Fehler seien nicht wiedergutzumachen, so Polk, und deswegen werde die von General David Petraeus und anderen entwickelte neue Strategie der Aufstandsbekämpfung nur in eine weitere Niederlage führen. Polks Ratschlag lautet darum, der Westen solle seine militärische Präsenz in Afghanistan so schnell wie möglich beenden und zusehen, dass er mit dem sich dann dort durchsetzenden Regime politisch vernünftige Beziehungen entwickele. So spare man Geld und Menschenleben.

William R. Polks Empfehlungen haben Gewicht. Polk gehört zu jenem Typus politischer Wissenschaftler, wie es ihn nur in den Vereinigten Staaten gibt: Von der Universität ist er während der Kennedy-Ära in die unmittelbare Politikberatung gegangen, um dann wieder in die universitäre Forschung und Lehre zurückzukehren und sich danach erneut als Experte für die arabische Welt und den Mittleren Osten in die Beratungsverantwortung nehmen zu lassen. Vor allem freilich gründet sich Polks Ruf darauf, dass er bereits 1963 in einem Vortrag am National War College die Niederlage der Vereinigten Staaten in Vietnam vorausgesagt hat.

Die Überlegungen, die seiner damaligen Prognose zugrunde lagen, hat Polk nunmehr auf ein gutes Dutzend Aufstandsbewegungen angewandt und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass die entscheidende Auseinandersetzung politisch sei und um die Identifikation der Ordnungsmacht als „fremd“ geführt werde. Ist es den zunächst wenigen Rebellen erst einmal gelungen, sich selbst als die Verteidiger des Landes sowie seiner Sitten und Gepflogenheiten zu etablieren, während die Gegner als Fremde markiert werden, die von außen kommen und die Eigenheiten des Landes zerstören, haben sie den entscheidenden Schritt zum Sieg bereits getan. Und das ist nicht selten der Fall, bevor die bewaffnete Auseinandersetzung ihren Höhepunkt erreicht hat.

Die Kontroverse um die Frage, wer das Eigene vertritt und wer der Fremde ist, wer für das „Innen“ steht und wer „von außen“ kommt, ist die entscheidende Auseinandersetzung eines Aufstandes, und es gehört seit dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zu den Borniertheiten der Aufstandsbekämpfer, dass sie diese politische Front nicht hinreichend beachten und stattdessen alle Energie auf die militärische Auseinandersetzung konzentrieren. Polks erstes Beispiel dafür ist die britische Strategie gegen den Siedleraufstand in den Neuenglandstaaten, aus dem schließlich die Vereinigten Staaten hervorgegangen sind. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade die Amerikaner die ausschlaggebenden Faktoren ihres Siegs im Unabhängigkeitskrieg nicht begriffen und den Erfolg der Kontinentalarmee George Washingtons zugeschrieben haben, die doch eigentlich alle großen Schlachten gegen die Briten verloren hat.

Die Anführer eines Aufstands haben demnach durchaus die Chance, militärisch zu verspielen, was sie politisch bereits gewonnen haben, und sie tun das, wenn sie ihre militärischen Fähigkeiten überschätzen und einen Krieg, den sie zwangsläufig durch seine Dauer gewinnen, abkürzen wollen, indem sie die Entscheidung auf dem Schlachtfeld suchen. Titos Partisanen im Zweiten Weltkrieg stellen hier eine absolute Ausnahme dar, bei der zu beachten ist, dass der Partisanenkrieg in Jugoslawien Bestandteil einer kontinentalen Auseinandersetzung war, weswegen die in ihm gemachten Erfahrungen nicht generalisiert werden können. Der Amerikaner George Washington und der Nordvietnamese Vo Nguyen Giap haben durch militärische Unbedachtheit ihre Aufstandsbewegungen an den Rand einer Niederlage gebracht. Was sie gerettet hat, war der Umstand, dass die militärische Niederlage durch nichtintendierte Effekte zum politischen Sieg wurde. Auch die französischen Fallschirmjäger hatten die Schlacht um Algier gewonnen, aber durch die angewandten Methoden, wie etwa Folter, den Krieg politisch verloren.

Neben der politischen Auseinandersetzung um die Position des Autochthonen, wie Carl Schmitt dies in seiner „Theorie des Partisanen“ genannt hat, und der Stigmatisierung der Aufstandsbekämpfer als „Fremde“, wie sie Polk vor allem herausstellt, spielt der Kampf um die Kontrolle beziehungsweise Loyalität der lokalen Verwaltung eine entscheidende Rolle; für Polk ist sie jedenfalls wichtiger als die bewaffnete Auseinandersetzung. So hatten die Vietminh beziehungsweise Vietcong systematisch die örtlichen Honoratioren und die von der Regierung eingesetzten Verwaltungsbeamten ermordet und so Autorität und Kompetenz der Ordnungsmacht von unten her zerstört.

Vergleichbares beschreibt Polk für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, wo der eigentliche Feind der Rebellen gegen die britische Herrschaft die Loyalisten im eigenen Land waren. Als der Krieg zu Ende ging, waren um die hunderttausend gegenüber der britischen Krone loyale Siedler geflohen oder getötet worden. Auf die Übergriffe gegen die ihnen treuen Untertanen hatten die Briten mit militärischen Repressionen reagiert, und dadurch waren sie mehr und mehr zu Fremden geworden, während diejenigen, die das hätten verhindern können, in die Minderheit gerieten und vertrieben wurden. Eine ähnliche Entwicklung kann Polk in der Guerrillabewegung von 1808 bis 1813 in Spanien beobachten.

Gibt es aber nicht doch eine Reihe von Beispielen, bei denen die Aufstandsbekämpfung erfolgreich gewesen ist? In der Literatur werden üblicherweise der Mau-Mau-Aufstand in Kenia und die gescheiterte Rebellenbewegung in Malaysia angeführt. Der britische Feldmarschall Templer hat dafür die Formel „Winning hearts and minds“ geprägt, die heute das Mantra der Terrorismus- und Partisanenbekämpfung darstellt. Aber auch in Kenia war schließlich die Entlassung aus dem britischen Empire nicht zu vermeiden, und in Malaysia wurde der Aufstand wesentlich von der chinesischen Minderheit im Lande getragen, die sich leicht in die politisch tödliche Rolle der Fremden drängen ließ.

Und die griechischen Partisanen nach dem Zweiten Weltkrieg? Polk macht für ihre Niederlage die politische Isolierung gegenüber dem Ostblock, die Schließung der Grenze zu Jugoslawien und die politische Spaltung der Aufstandsbewegung verantwortlich. Gibt es eine Erfolgsstrategie der Aufstandsbekämpfung, dann läuft sie auf die politische Spaltung der Rebellen hinaus, die dadurch ihre Rolle als Verteidiger des Eigenen verlieren.

Hier müsste auch eine Polks Beobachtungen und Hinweisen folgende Afghanistanstrategie ansetzen. Mit dem Begriff der „gemäßigten Taliban“ ist vor geraumer Zeit ein Versuch dazu unternommen worden. Darin liegt nach wie vor die strategische Alternative zu einer weiteren Truppenverstärkung, die, selbst wenn sie militärisch Erfolge zeitigt, die entscheidenden Probleme nicht zu bearbeiten vermag. In Polks vergleichender Untersuchung von Aufständen des 18. bis 20.  Jahrhunderts lassen sich viele gute Gründe dafür finden, in Afghanistan nach anderen Lösungen zu suchen, als weitere Truppen zu schicken.

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Ich meine, daß die Spielregeln und das Spielziel nicht von den Orks, sondern von uns bestimmt werden sollten. Ich verweise wiederum auf meinen Beitrag „Fort Pointing Man“ (1) und sage, wir brauchen ihr Heroin nicht, und ansonsten haben sie auch nichts Interessantes zu bieten. Aber weil nach ihren Bergen an Wertlosigkeit nur noch der Mond kommt, sind sie der ideale Ort, um global gesehen attraktive Jihadistenfallen dort zu platzieren. Afghanistan, die Orkfalle der Welt! Laßt uns das doch bitte mal so ein-, zweitausend Jahre durchziehen… vielleicht findet bis dahin einer den magischen Ring wieder.

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Time am 9. Dezember 2009

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(1) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/30/fort-pointing-man/

Die Orks verdienen keine Demokratie

21. November 2009

Heute brachte die FAZ einen wie stets exzellenten Bericht von Friederike Böge aus Kundus:

Wir  sind da

Wie es sich in Kundus lebt, das weiß auch die Bundeswehr nicht. Nur gepanzert wagt sie sich aus ihrem Lager in die Stadt. Unsere Autorin hat zwei Jahre dort gewohnt. Nun ist sie noch einmal zurückgekehrt – zwischen alle Fronten.

Als ich vor fünf Jahren nach Kundus zog, war die Stadt ein verschlafenes Nest mit Schlammstraßen, auf denen sich bunt geschmückte Kutschen durch Schlaglöcher quälten. Überall wurde gebaut, kleine Geschäfte öffneten, Flüchtlinge kehrten zurück, Zukunft lag in der Luft. Im Hotel “Kundus” fanden regelmäßig Bürgerversammlungen statt, in denen über die Parlamentswahl diskutiert wurde, den Karikaturenstreit, die Hochwasserprävention. Bis auf die Rufe der Mullahs morgens um fünf war es so ruhig, dass viele Deutsche, die mit der Bundeswehr oder den Hilfsorganisationen kamen, spöttisch von Bad Kundus sprachen. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier einmal von tieffliegenden Kampfflugzeugen geweckt werden könnte. So wie heute Morgen um drei.

Die Stadt, die ich vor drei Jahren verlassen habe, ist heute Frontstadt in einer Provinz, die einem Kriegsgebiet gleicht. Fast wöchentlich werden Soldaten der Bundeswehr angegriffen, und gerade sollen bei einer Offensive der afghanischen Armee und amerikanischer Spezialeinheiten hundertdreißig Taliban getötet worden sein. Nur in gepanzerten Fahrzeugen wagen sich die Deutschen, deren Lager wie ein Ufo auf einem Hügel über der Stadt sitzt, noch durch die Stadt, die sie schützen wollten.

Sie fahren vorbei am Südtor von Kundus, wo der Polizeiposten mit Sandsäcken zu einer kleinen Festung umgebaut ist. Vorbei an der Baumwollfabrik, welche die Stadt in den sechziger Jahren groß gemacht hat und wo heute Arbeiter träge in den Gängen warten. Auf der Hauptstraße geht es zum Verkehrskreisel, auf dem ein Polizist zwischen Autos und Motor-Rikschas steht. Die Eiscremeläden, in denen indische Musikvideos laufen, sind abends in pinkfarbenes Neonlicht getaucht, es sei denn, es ist Stromausfall. Auf dem Bürgersteig schweißen Jungs ohne Schutzkleidung Eisentore zusammen. Geldhändler wedeln mit Dollarbündeln, es gibt Hochzeitsschmuck, chinesische Billigschuhe, Plastikstühle, Teppiche, und in den Gassen dahinter reihen sich die Häuser, Lehmmauer an Lehmmauer. Es wirkt, als habe sich die Stadt seit meiner Abreise kaum verändert.

Als ich in Kundus lebte, arbeitete ein junger Mann für mich als Übersetzer. Er war einer derjenigen, die sich damals auf die Leute aus dem Westen eingelassen haben. Jetzt soll ich ihn in dieser Geschichte Mirwais Amiri nennen, weil er Angst hat, seinen richtigen Namen zu tragen. Wir treffen uns bei ihm, in einem Gehöft am Stadtrand mit Ziehbrunnen und Hühnern. Eine Schwester bringt Tee und Mandeln, und Mirwais erzählt, wie er vor ein paar Tagen auf dem Markt war und Ketchup kaufte. Aus Versehen sei ihm die Flasche heruntergefallen und zerbrochen. Als er sie trotzdem bezahlen wollte, hielt ihn eine Frau zurück. “Du kannst die Tomatensoße nicht benutzen”, sagte sie, “also brauchst du sie nicht zu bezahlen.” Dann habe sich eine andere eingemischt und gesagt: “Lass den ruhig zahlen, der hat genug Geld, der arbeitet für die Ausländer.”

Mirwais lacht, er lacht darüber, dass er nicht wusste, wer die Frau war, sie trug eine Burka, dass aber sie wusste, wer er war. Eigentlich ist die Geschichte aus genau diesem Grund gar nicht witzig. Seit Monaten geht er jeden Morgen mit Büchern unter dem Arm ins Büro, damit die Leute denken, er sei Student, dabei arbeitet er für eine deutsche Hilfsorganisation. Freunden, die davon wussten, hat er erzählt, er habe gekündigt. Diese Angst, mit Ausländern in Verbindung gebracht zu werden, kannte ich von früher nicht. Sie kam erst, als die Taliban in der Provinz Kundus wieder Fuß fassten.

Mirwais legt eine DVD in den Recorder. Auf dem Bildschirm erscheint ein junger Mann, Schnauzbart, Seitenscheitel, Hemd und Bundfaltenhose. Er läuft die Hauptstraße von Kundus hinunter, vorbei an Kebabständen, Frauen in weißen Burkas, reisigbeladenen Kamelen und Männern mit beigefarbenen Pluderhosen, die in Plastiksandalen dahinschlappen. Der Film ist ein Dokument für die kulturelle Verwirrung eines Übersetzers, der sich zwischen zwei Welten bewegt. Der Mann auf dem Bildschirm ist Mirwais selbst. Er hat seinen Bruder gebeten, ihn zu filmen, weil Verwandte ihm vorgeworfen hatten, sein Gang sei arrogant geworden, seit er mit Deutschen zusammenarbeite. “Ich gehe doch ganz normal”, sagt er.

Mirwais gehört zur neuen Elite von Kundus, die mit der Präsenz von Bundeswehr und Hilfsorganisationen entstanden ist. Sie suchten junge, unbelastete Mitarbeiter, die Englisch sprachen und einen Computer bedienen konnten, und weil das nur wenige waren, stiegen deren Gehälter rasch und veränderten das soziale Gefüge ganzer Familien. Mit neunzehn Jahren verdiente Mirwais sechsmal so viel wie sein Vater, der Lehrer war. Um diese Demütigung zu lindern, gab Mirwais das Geld jeden Monat bei seinen Eltern ab. Trotzdem stieg er zum heimlichen Familienoberhaupt auf, Onkel baten ihn nun um Rat und Hilfe. Inzwischen leben von seinem Gehalt zwanzig Verwandte.

In den vergangenen drei Jahren sind die Taliban wieder nach Kundus eingesickert. In diesem Jahr eröffneten sie im Norden eine zweite Front, als sie im Süden und Osten unter Druck gerieten. Außerdem versorgen die Amerikaner ihre Truppen seit Monaten über Kundus, weil die Route über Pakistan unsicher geworden ist. Damit hat die einst isolierte Provinz für beide Parteien eine neue strategische Bedeutung erlangt. In den paschtunisch besiedelten Distrikten konnten die Taliban alte Netzwerke aktivieren, die ihnen Unterschlupf gewähren. Über Händler aus diesen Distrikten reicht ihr Einfluss bis in die Innenstadt von Kundus, in der sich nun die Stimmung verändert hat.

In der Moschee hört Mirwais die Leute sagen, die Ausländer hätten Menschen wie ihm das Gehirn gewaschen (Interessant, das gewaschene Gehirn mal positiv gewendet: Ein gewaschenes Hirn ist sauber und rein, ein ungewaschenes ist schmutzig, so schmutzig wie die Gedanken des perversen Klohametts, T.), und natürlich haben all seine Begegnungen, die Reisen zu Fortbildungen nach Bonn und Berlin eine Wirkung getan. Wenn Mirwais mit seiner Frau zusammen einkaufen geht, unterhalten sie sich in der Öffentlichkeit. Wenn sie Freunde nach Hause einladen, muss sich seine Frau nicht im Nachbarzimmer verstecken. Das sind Verstöße gegen die Konvention. “Meine Art zu denken hat sich verändert”, sagt Mirwais und klingt wie einer, der sich selbst im Spiegel betrachtet. Eigentlich müsste er seiner Schwester jeden Morgen verbieten, in Jeans zur Schule zu gehen. Das würde sie sogar von ihm erwarten. Aber er nimmt das nicht so ernst. Deshalb hat nun sein jüngerer Bruder diese Aufgabe übernommen.

Der Regisseur Volker Schlöndorff hat einmal beschrieben, wie die Präsenz amerikanischer Soldaten im Deutschland der fünfziger Jahre ihn geprägt habe. “Wir liefen einfach zum Feind über, der sich um kein ,Betreten verboten’ kümmerte, auf Rasen und Blumenbeeten herumkurvte, ein Bein cool aus dem Jeep baumelnd. Die Zivilisation der Amerikaner hatte uns einfach mehr zu bieten als ,das deutsche Erbe’ der Eltern und Lehrer.” Kann es sein, dass Mirwais fasziniert war von der Zivilisation der Deutschen, in deren Büros Akten und Sitzungstermine mehr galten als Teetrinken und der Respekt vor dem Alter?

Spät, vielleicht zu spät, hat die internationale Gemeinschaft auf die Rückkehr der Taliban reagiert. Sie hatten sich in den Stammesgebieten in Pakistan reorganisiert, während Amerika Al Qaida in Afghanistan gemeinsam mit alten Bürgerkriegsveteranen bekämpfte, die das Land in Schutt und Asche gelegt hatten. Sie halten heute im Parlament, in der Polizei und in den Provinzen wieder alle Fäden in der Hand. Die Korruption, der Machtmissbrauch der eigenen Regierung und die zivilen Opfer bei militärischen Operationen der Ausländer machte die Bevölkerung bald zynisch. Ohne sie aber können die Taliban nicht erfolgreich bekämpft werden. In diesem Umfeld gelingt es radikalen Kräften immer leichter, den Leuten einzureden, ihr Land sei von fremden Mächten besetzt.

Nurulhoda Maulawizada Karimi leitet die Koranschule von Kundus. Der Mullah mit dem wuchtigen Bart weiß, dass Koranschulen im Westen einen üblen Ruf haben, aber das verleitet ihn nur zu einem Scherz. “Wir haben hier 1500 Taliban”, sagt er zur Begrüßung, “Studenten – auf persisch Taliban.” Er bittet in die Bibliothek, einen Raum voller handgeschriebener Bücher, an dessen Ende ein einzelner Computer steht. Er lobt den Bau von Straßen, Kliniken und Schulen. Doch es habe auch negative Veränderungen gegeben. “Vor allem das Privatfernsehen”, sagt er, “statt zu lernen, gucken unsere Kinder Seifenopern, und die Mädchen tragen Kleider wie indische Schauspielerinnen.” Die Leute hätten die Bedeutung von Demokratie falsch verstanden. “Sie missbrauchen sie, um halb nackt herumzulaufen.” Es klingt nicht, als sei Nurulhoda ein Reformer. Er ist es aber.

Vor zwei Jahren hat er die Leitung der Schule übernommen, auf der einige Lehrer noch von den Taliban eingestellt worden waren. Er legt die Hände an die Schläfen, um zu zeigen, wie eingeschränkt deren Blickfeld war. Er setzte Naturwissenschaften und Poesie auf den Plan und ließ das Diskutieren und Moderieren üben statt immer nur den Koran zu rezitieren. Als die Regierung ihm keine neuen Bücher schickte, schloss er kurzerhand einen Sponsorenvertrag mit einem Teehersteller ab. Heute hält er über das Internet Verbindung zu islamischen Lehranstalten in Iran, Ägypten und der Türkei. “Wir wollen an der modernen Entwicklung teilhaben”, sagt er. Wenn es nach ihm ginge, sollte der Westen mit den Religionsgelehrten eine islamische Demokratie in Afghanistan einführen. Um die Rechte der Frauen müsse man sich keine Sorgen machen. Frauenrechte gebe es auch im Koran. Das zeige sich schon daran, dass sie in islamischen Ländern nicht so hart arbeiten müssten wie im Westen.

Es war, als ich vor fünf Jahren nach Kundus kam, um für eine deutsche Hilfsorganisation zu arbeiten, damals viel von Zivilgesellschaft die Rede. Das Wort “civil society” fehlte selten in Projektanträgen und öffentlichen Reden. Dabei wusste fast niemand so genau, was damit gemeint war. Sprachen die Leute nur “die Sprache der intervenierenden Macht”, um Gelder abzugreifen, wie der Afghanistan-Experte Conrad Schetter einmal schrieb? Hatten westliche Hilfsorganisationen sich von einer kleinen, modernen Elite blenden lassen und dabei die konservative Mehrheit aus dem Blick verloren?

Muslima Waliji ist Chefin der Frauenorganisation “Peace Window for Women”. Sie sitzt in einem großen Büro, in das alle paar Minuten Frauen mit einer Frage oder einem Papier zur Unterschrift kommen. Ihr Sohn und ein Wächter scheinen die einzigen Männer auf dem Gelände zu sein. Waliji hat ihr Kopftuch auf die Schultern rutschen lassen, die Burka hängt neben der Tür. “Die Leute hätten sich Schritt für Schritt dem neuen System genähert”, sagt sie. “Aber dafür brauchten sie Vertrauen und Sicherheit.” Das Vertrauen in den Staat sei durch Korruption erschüttert worden, und die Gefahr durch militante Kräfte habe die Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement erstickt.

Muslima Waliji ist schon seit langem eine bekannte Frau in Kundus. Als die Sowjetunion Ende der siebziger Jahre Afghanistan besetzte, wurde sie von den neuen Machthabern zur Leiterin der Behörde für Frauenangelegenheiten in der Nachbarprovinz Takhar ernannt. Manche Einheimische halten ihr den Aufstieg heute noch vor. Trotzdem ließ sie sich, als die Bundeswehr nach Kundus kam, wieder auf ein neues politisches System ein. Nach dem Sturz der Taliban ging sie schon am nächsten Tag in ihre alte Schule, um wieder als Lehrerin zu arbeiten, später gründete sie eine Frauenorganisation. Frauen wie Waliji wurden damals vom Westen gern herumgereicht, weil sie die Hoffnung auf ein anderes Afghanistan verkörperten. Sie wurde zu den Besuchen deutscher Minister geladen, der Name Wieczorek-Zeul geht ihr noch leicht über die Lippen, und sie trat bei Veranstaltungen als Rednerin auf, bei denen sich das lange isolierte Land mit der Welt zu synchronisieren suchte. Damals wurde in Kundus mit viel Aufwand der Tag der Pressefreiheit begangen, der internationale Frauentag, der Tag des Kindes. Es erschien wie ein Fortschritt. Oder wollte das der Westen nur so sehen?

Sayed Faruq Omar ist oberster Richter von Kundus, ein Mann mit einem Spitzbart und einer ironischen Zahnlücke. Sein Haus ist ungewöhnlich schlicht für einen Mann in seiner Position, kahle Räume mit verschlissenen Sitzkissen, ein trostloser Innenhof ohne Blumen. Wie die meisten Regierungsvertreter auf Provinzebene hat Omar gegen die Sowjettruppen gekämpft und später im Bürgerkrieg. Beides tat er unter der Führung von Gulbuddin Hekmatyar, der heute zu den meistgesuchten Terroristen der Welt zählt. Leute wie Omar stellten Bundeswehr wie Hilfsorganisationen vor ein Dilemma. Man wollte und musste mit ihnen zusammenarbeiten, sie waren die afghanische Regierung, und doch wusste man nie , wen man vor sich hatte. Für die anderen mag Sayed Faruq Omar ein Warlord gewesen sein, für mich war er erst einmal mein Chef.

Abends saß er über dem Wörterbuch und lernte Englisch oder brachte sich bei, mit dem Computer umzugehen. Später ging er als vermutlich ältester Student Afghanistans noch einmal an die Universität, um sein Jurastudium abzuschließen. Er bemühte sich, im neuen System seine Stellung zu wahren, und es half ihm, dass er sich mit dem alten auskannte. Als sein Name einmal auf einer Fahndungsliste auftauchte, weil er angeblich Staatsland zu einem Spottpreis erworben hatte und deshalb der Generalstaatsanwalt aus Kabul kam, ihn zu verhaften, warnte ihn örtliche Polizeichef, den er von früher kannte. Die Sache verlief sich, und das Viertel, in dem er damals ein Haus baute, was er heute teuer vermietet, heißt im Volksmund “Rais Abad”, was “Ort der Chefs” bedeutet. Es ist zu einem Symbol der Korruption in der Regierung geworden. “Hätte ich den Kaufpreis ablehnen sollen, den der Gouverneur angeboten hat”?, fragt Omar. “In unserem Gericht ist doch selbst die Anti-Korruptionsbehörde korrupt.” Und: “Wer nichts nach Hause bringt, bekommt Ärger mit seiner Frau.”

Als ich noch für Sayed Faruq Omar arbeitete, habe ich nie gefragt, wie es kam, dass er einer von Hekmatyars Milizenchefs wurde. Als ich ihm diese Frage nun stelle, scheint es fast, als habe er darauf gewartet. Er rückt seinen grünen Mantel zurecht und beginnt zu erzählen, streng chronologisch, vier Stunden lang. Auf kritische Nachfragen gibt er fast immer die gleiche Antwort: “Das war damals so.”

Die Söhne, neun und elf sitzen gelangweilt daneben, als Vater vom Krieg erzählt. In den achtziger Jahren hatte er nach Pakistan fliehen müssen, als sein Bruder wegen Mitgliedschaft in einer Widerstandsgruppe vom kommunistischen Geheimdienst verhaftet worden war. In Pakistan traf er dann Hekmatyar, der ihm half, weil er wie Omar aus Imam Sahib kam, einer Kleinstadt im Norden der Provinz Kundus. Er finanzierte ihm ein Jurastudium in Saudi Arabien. Doch als er nach zwei Jahren zurückkehrte, musste er auf einmal kämpfen lernen. “Wir wurden auf einen Workshop des pakistanischen Geheimdienstes geschickt”, sagt Omar, “und konnte wählen zwischen Kursen für Minen legen, Panzerfaust und Kalaschnikow schießen.” Er sagt tatsächlich “Workshop” und meint es wohl ironisch. So werden im Volksmund alle Kurztrainingsprogramme genannt, mit denen westliche Hilfsorganisationen das Land überziehen. Ist der Westen in seinen Augen nur eine weitere ausländische Macht, die Afghanistan ihre Werte aufzwingen will?

Stundenlang erzählt Omar über die Kämpfe, die er erst gegen und dann mit dem Usbekenführer Abdul Rashid Dostum, erst gegen und dann mit dem Tadschikenführer Ahmad Shah Massoud, erst gegen die Taliban ausgefochten hat und dann mit ihnen. Damals hatten sie gedroht, seine Heimatstadt anzugreifen, wenn ihnen der örtliche Kommandeur nicht zweihundert Männer stelle. Die undankbare Aufgabe, sie zu führen, sei dann ihm zugekommen, sagt Omar. Beim ersten Schusswechsel seien viele jedoch desertiert, er selbst sei erst gar nicht an die Front gefahren und habe sich bald ins hundert Kilometer entfernte Tadschikistan abgesetzt. Es scheint immer Krieg gewesen zu sein im Leben von Sayed Faruq Omar, aber von den Seitenwechseln kann einem schwindlig werden. Warum hat er denn gekämpft, wenn Gegner und Verbündete nicht mehr zu trennen waren? “Das war damals so”, sagt er.

Eines Tages wird die Bundeswehr aus ihrem Lager über Kundus abziehen. Wenn die Hilfsorganisationen dann nicht mehr sicher sind, werden auch sie gehen. Was wird dann bleiben?

Der Übersetzer Mirwais Amiri wird nach Kabul ziehen müssen, wenn er ohne die Ausländer auf einmal in Gefahr ist in Kundus. Die Frauenrechtlerin Muslima Waliji wird womöglich ihre Frauenorganisation aufgeben und wieder als Lehrerin arbeiten, wie nach dem Abzug der Sowjettruppen. Für den Religionslehrer Maulawi Nurulhoda macht es sicher keinen Unterschied, ob die Deutschen da sind. Und Richter Sayed Faruq Omar wird wohl sagen, das mit der Demokratie und der Idee von einem modernen Staatswesen, das war damals so.

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Ich komme auf meinen Vorschlag “Fort Pointing Man” (1) zurück: In Afghanistan ist es m.E. das vornehmste Ziel, die Kräfte mohammedanistischer Terroristen aus aller Welt zu binden. Dabei sind die Terroristen auch dann noch Terroristen, wenn sie in Millionenstärke gegen unsere Mauern anrennen sollten oder wenn das ganze afghanische Volk auf ihrer Seite stände.

Deshalb verstehe ich auch weder Mirwais Amiri noch seine deutschen Auftraggeber: Wir erfahren, daß Mirwais große Angst um sein Leben hat. Sie ist so begründet, daß er mit Hilfe einer Videokamera übt, seinen Gang zu kontrollieren – der Gang kann über Leben und Tod entscheiden. Wir erfahren, dass Mirwais 20 Familienmitglieder ernährt und zum heimlichen Familienoberhaupt aufgestiegen ist, bei dem sich die Onkels Rat holen. Warum aber kauft er zB. nicht zehn von diesen Onkels und Cousins Waffen, damit sie ihm beistehen können? Im Wilden Westen trug doch jeder Mann einen Revolver an der Hüfte (manche sogar zwei), und jede Frau hatte einen Derringer in der Handtasche oder im Strumpfband. Warum sollte das heutzutage in unzivilisierten Gegenden anders laufen? Was erwartet der Westen dort zu erreichen? Sind die Indianerkriege schon völlig in Vergessenheit geraten? Wieso sind unsere Freunde unbewaffnet, während die Taliban vor (amerikanischen) Waffen starren?

Das Land dort braucht zudem – anders als Amerika – doch überhaupt keiner, es ist für die Menschheit völlig irrelevant, welche Orkbande welche andere massakriert. Es ist doch eigentlich sogar je mehr je besser: Jeder gegen jeden und alle halten sich gegenseitig schön klein. Wenn einer dieser fiesen Typen zu sehr aufsteigt, sollten wir gleich seine Gegner stark machen. Sayed Faruq Omars Geschichte deutet m.E. überdeutlich in diese Richtung (Talente und Freunde – wie den kleinen Jungen auf dem Foto oben – können wir ja “herausfischen”).

Als unser Fehler Nummer eins kristallisiert sich in meinen Augen heraus, daß wir dort – ebenso wie später im Kosovo – verhindert haben, daß die Bolschewisten ihren Job machen konnten (ich denke nicht, daß die afghanische Niederlage wesentlich für das Ende des Kommunismus war). Als Fehler Nummer zwei sehe ich es an, daß wir nicht verhindert haben, daß mit den Taliban wieder eine Gruppe das Land dominieren und staatliche Strukturen nutzen konnte. In beiden Fällen hat der Westen tatkräftig am Erstarken der Monster mitgewirkt. Einerseits hat er die Horden gegen die Sowjets ausgerüstet, andererseits den pakistanischen Geheimdienst hochgepäppelt, der seinerseits ja quasi personalidentisch mit den Taliban ist.

Ja, “Nachher ist man immer klüger”, aber allmählich wird diese ständige Wiederholung des gleichen Fehlers so richtig ärgerlich, und die Diskussion läuft meiner Ansicht nach auch völlig in die falsche Richtung, wenn Friederike Böge meint: “Eines Tages wird die Bundeswehr aus ihrem Lager über Kundus abziehen.” Warum sollte sie das tun, bevor der Mohammedanismus vernichtet ist? Nein, wir sollten von dort NIE wieder weggehen, und zwar auch dann nicht, wenn dereinst der Mohammedanismus bedeutungslos geworden ist. Wir sollten aber auch keinen anderen Anspruch haben, als die Orks ordentlich vorzuführen. Demokratie können wir ihnen nicht bringen, die müssen sie sich selbst erarbeiten und vor allem: VERDIENEN.

Time am 21. November 2009

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(1) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/30/fort-pointing-man/

auch (Benzindiebe stellen Schadenersatzforderungen): http://www.n-tv.de/politik/Deutschland-soll-zahlen-article599707.html

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PS1.: Ist ja ein freundliches Foto, aber warum steht ein Okjunges mit einer großen Tasche ungehängt (in die sehr viel Nitro passt) derartig nah an einem unser Jungs?

PS2.: Heute (221109) in N-TV, neue amerikanische Strategie: http://www.n-tv.de/politik/Milizen-gegen-die-Taliban-article600674.html

Fort “Pointing Man”

30. September 2009

Am 25. September hatte Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ einen Überblick über unsere Afghanistan-Mission gegeben:

Die Aufgabe bleibt

(…) Was auf die neue Koalition in Berlin zukommt, das ist in den vergangenen Tagen in der Lagebeurteilung des amerikanischen Oberkommandierenden in Afghanistan und in der auch in Amerika immer heftiger werdenden Debatte über Ziele, Strategie und Truppenstärken angedeutet und vorweggenommen worden. General McChrystal verlangt noch mehr Soldaten, noch mehr Ausbilder, noch mehr Aufbauhelfer – kurz: noch mehr Ressourcen -, um die Taliban niederzuringen und die Lage für die einheimische Bevölkerung zu verbessern. Andernfalls drohe der Einsatz in einer Niederlage zu enden. Der General verlangt überdies ganz unverblümt, dass die ausländischen Soldaten ein größeres Risiko eingehen sollten, um die Afghanen zu schützen. Damit stößt er bei seiner eigenen Regierung auf Widerstand, die der anfängliche Kampfesmut wieder zu verlassen scheint und die schon die nächste strategische Kehrtwendung erwägt, sowie bei den Demokraten im Kongress; die amerikanischen Wähler sehen den Krieg ebenfalls mit wachsendem Verdruss. Und natürlich schreckt Washingtons Partner die Vorstellung, fortan noch höhere Verluste zu riskieren, selbst wenn ihre eigenen Militärs der Analyse des amerikanischen Befehlshabers zustimmen.

Wie will man schließlich die Taliban bezwingen, wie verhindern, dass sie ganze Landstriche übernehmen und die Bevölkerung terrorisieren, wenn die internationale Truppenpräsenz zu dünn ist und westliche Soldaten, auch die deutschen, wie befohlen immer seltener ihre Lager verlassen – mit der Begründung, Aufständische hielten sich in den Dörfern auf? Das sollen die Isaf-Truppen ja gerade verhindern. Zweifellos wird die Präsenz der Taliban zunehmen, wenn ihnen das Land überlassen wird, zumal das afghanische Militär auf absehbare Zeit nicht selbst für Sicherheit wird sorgen können. Dessen Ausbildungsdefizite sind übrigens schon lange bekannt.

Präsident Obama fragt zu Recht: Tun die Vereinigten Staaten und auch die Nato-Staaten das Richtige, führt ihre Strategie zum Ziel? Es ist Unsinn, das Gespenst an die Wand zu malen, dass die Taliban und ihre terroristischen Spießgesellen demnächst in Kabul einrückten, wenn die Nato dieses oder jenes nicht tue. Aber acht Jahre nach dem Sturz der Taliban-Regierung muss der Westen sich endlich darüber klarwerden, WAS ER EIGENTLICH ERREICHEN WILL UND WAS DIE PRIORITÄTEN SIND. Geht es darum, zu verhindern, dass Al Qaida Afghanistan wieder zu ihrer regionalen Operationsbasis macht? (Ja, T.) Geht es um die Bekämpfung lokaler Aufständischer (Ja, T.) und um den Aufbau halbwegs stabiler staatlicher Strukturen (Nein, T.)? Oder geht es vor allem um die Festigung Pakistans (Nein, T.)? An dem Ziel hat sich die Strategie, an der Bedeutung des Ziels der Einsatz zu orientieren. Wenn unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird, kann der Betrieb nicht nachts eingestellt werden.

Es ist wiederholt besorgt gemutmaßt worden, die Regierung Obama werde von ihren europäischen Partnern verlangen, eine größere Last zu tragen, letztlich also mehr Soldaten zu entsenden. So richtig laut ist diese Forderung bislang nicht vorgetragen worden; in der Einschätzung General McChrystals ist sie implizit vorhanden. Die künftige Bundesregierung sollte nicht darauf warten, ob Forderungen dieser Art gestellt werden oder nicht. Sie sollte selbst handeln: indem sie die lange Mängelliste ihrer eigenen Offiziere ernst nimmt und manche widersinnige Einsatzbeschränkung aufgibt. Wird darüber hinaus in der Nato Einvernehmen darüber erzielt, dass tatsächlich Anstrengungen aller Art in Afghanistan zu verstärken sind, dann sollte sie sich nicht verweigern.

Eine Niederlage, wie immer sie verbrämt würde, hätte gravierende Folgen für das Bündnis und die Sicherheit seiner Mitglieder. Getrennt kämpfen, vereint verlieren – das ist eine unheilvolle Perspektive. Weiter so wie bisher kann es nicht gehen. Dafür sind die Kosten zu hoch. Das gegenwärtige (gedrosselte) Engagement führt aber nicht dazu, unsere Ziele zu erreichen.

In der heutigen FAZ präzisiert Leser Volker Rockel diese Situation mE. sehr eingängig:

Die Bundeswehr als Papiertiger in Afghanistan

Zu den Berichten über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan: Die offensichtlich orientierungslos geführte Debatte der politischen Führung um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan erschreckt. Man führe sich bitte noch einmal vor Augen: Der Norden Afghanistans, also der deutsche Verantwortungsbereich des Regionalkommandos Nord, hat eine Größe, die ungefähr 50 Prozent der Landfläche Deutschlands entspricht.

Ein Kontingent von derzeit 4240 deutschen Soldatinnen und Soldaten (davon übrigens 310 Reservisten) hat also den Auftrag, in dieser Fläche gemeinsam mit den weiterhin mäßig ausgebildeten und ausgerüsteten afghanischen Sicherheitskräften den Schutz der afghanischen Bevölkerung vor Übergriffen der Taliban sicherzustellen. Es soll ein “robustes” Mandat sein, das die Bundeswehr in Afghanistan für die UN umsetzen soll. Doch ein Blick auf die zur Verfügung stehenden militärischen Kräfte der Bundeswehr im Norden des Landes ernüchtert: Die Masse des derzeitigen deutschen Kontingents sind “Unterstützungskräfte” (zur Entschärfung von Bomben und Sprengfallen), Militärisches Geologiewesen, Wehr- und Truppenverwaltung. Nach eigener optimistischer Schätzung bleiben dann noch etwa 800 bis 1000 deutsche Soldatinnen und Soldaten übrig, die zur Verfügung stehen, um unter Berücksichtigung des Schichtbetriebs an sieben Tagen der Woche tatsächlich operative Aufgaben wahrzunehmen, die annähernd dem eigentlichen Auftrag dienen: Unterstützung der vorläufigen Staatsorgane Afghanistans und ihrer Nachfolgeinstitutionen bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Sicherheitslage in Afghanistan und der damit verbundenen Herausforderungen ist klar: Dieser Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist im Ergebnis ein politischer Papiertiger. Denn das, was diese wenigen deutschen Soldaten tatsächlich operativ im militärischen Sinne ihres Auftrages (friedenserzwingender Einsatz) erreichen können, ist wegen der eskalierenden Bedrohungslage durch die Taliban faktisch null. Die jüngste Kritik des Nato-Oberbefehlshabers in Afghanistan, General McChrystal, ist berechtigt: Das deutsche Kontingent ist derzeit nicht in der Lage, seinen Auftrag militärisch angemessen auszuführen.

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Vor einigen Jahren las ich in der FAZ einen Bericht ihres mE. hervorragenden Afrika-Korrespondenten Thomas Scheen über irgendeinen Bürgerkrieg in irgendeinem der dortigen Müllhaufen. Die Audienz bei dem Chef einer größeren Soldatentruppe ließ auf sich warten. Thomas Scheen vertrat sich ein wenig die Beine und gelangte an einen Fluß, der die Grenze zwischen zwei der verfeindeten Parteien darstellte. Über den Fluß führte eine Brücke. Auf der Mitte der Brücke hampelte ein Junge in zerrissenen Militärklamotten herum, ein Gewehr in der einen Hand, in der anderen einen fetten Joint. Er verspottete die Feinde und versuchte, sie zu Fehlern zu verleiten und vor die Visiere der Scharfschützen zu bringen. Seine eigenen Leute feuerten ihn lautstark an. Nach meiner Erinnerung kam er kurz ans Ufer, weil der Joint alle war, und Thomas Scheen konnte ein paar Worte mit ihm wechseln, wobei er feststellte, dass der Junge völlig stoned war. Er sei der “Pointing Man”, erfuhr der Korrespondent, und das sei ein sehr cooler Job. Nach dem Interview mit dem Warlord zog es Herrn Scheen erneut zur Brücke, aber es stand nicht derselbe Junge auf der Brücke sondern ein neuer “Pointing Man”. Der andere war tot – “Berufsrisiko”.

In Bezug auf die Frage, “was wir in Afghanistan eigentlich erreichen wollen und was die Prioritäten sind” (Frankenberger) schlage ich nun vor, dass unser Engagement in diesem verlorenen Land das eines “Pointing Man’s” sein sollte. Damit meine ich nicht, dass das Leben unserer Mitbürger leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte, im Gegenteil. Ich bin bei allem Respekt nicht General McChrystals Ansicht, “dass die AUSLÄNDISCHEN Soldaten ein größeres Risiko eingehen sollten, um die AFGHANEN zu schützen”, es sei denn, die Kinesen machen mit und verleihen uns 2-3 Millionen gut ausgebildete und ausgerüstete Volksarmisten zu einem akzeptablen Preis.

Ich meine, dass es für uns reicht, ein großes Fort auf einem Höhenzug zu errichten, von dem aus relativ risikoloser Flugverkehr gewährleistet werden kann (1). Sicher kann man mit 5.000 Mann nicht ein Areal von der Größe der halben Bundesrepublik verteidigen (s.o.), ein Fort aber und dessen nähere Umgebung wären für die Läusematratzenträger nicht zu knacken und sicher auch ein starker Magnet für uns wohlgesonnene Kräfte, die wir in die Fähigkeit versetzen könnten, die Verteidigung ihres Lebens in die eigenen Hände zu nehmen. Wie die Irren würden die Orks aus aller Welt gegen unser “Fort Pointing Man” und die Forts unserer Freunde (also insgesamt 30 – 50) anrennen und darüber ganz vergessen, den Jihad zu uns zu tragen. Sicher könnten wir so auf komfortable Weise außerordentlich viele von ihnen zur Strecke bringen. Das ganze Land könnte man aus der Luft mit Waren, Druckerzeugnissen usw. zus*heissen. Vermutlich wäre gelegentlich die eine oder andere Strafexpedition fällig, Drohnenoperationen die Regel. Unsere eigenen notorischen Verbrecher könnte man vor die Wahl stellen, entweder im Zuchthaus zu versauern, oder aber sich in der deutschen Afghanistan-Legion zu bewähren. Die Perspektive der Operation “Pointing Man” ist zwar langfristig und könnte zu einem festen Kulturgut unserer Gesellschaft werden (die Kreuzfahrer konnten bspw. Akkon ca. 200 Jahre halten (2) – jedoch warum nicht in Tausendern rechnen?), aber die Kosten würden vermutlich relativ gering sein. In unseren Kulturbetrieb (der auch eine wirtschaftliche Bedeutung hat) integriert würde die “Pointing Man”-Mythologie dort sicher einen bedeutenden Platz einnehmen, dh. “was abwerfen”. Auch wäre ein Abenteuer-Tourismus vorstellbar, der zB. den Weltraumtourismus weit in den Schatten stellen würde.

Aber besonders eins dürfen wir von unserem afrikanischen Vorbild auf keinen Fall übernehmen: die Drogen! Denn “The War on Terror” ist weitgehend identisch mit “The War on Drugs”!

Time am 30. September 2009

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(1) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/06/24/entweder-oder-aber-nicht-weder-noch/

(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Akkon

weitere Links:

http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/14/wir-sollten-bleiben-fur-immer/

http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/08/04/nachher-weis-mans-immer-besser/

http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/07/05/toten-nicht-ohne-lizenz/

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PS1.: Unter
http://weblog-sicherheitspolitik.info/2009/10/08/afgpak-meldungen-08-10-2009/ berichtet das “Weblog Sicherheitspolitik” am 8.10.2009 von der neuen amerikanischen Strategie, Außenposten aufzugeben und die Präsenz auf wenige aber starke Basen zu beschränken.

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PS2.: OT, aber aktuell sehr lesenswert: “Wozu SPD?”
http://www.faz.net/s/RubE60152C79A424CDD91E9268CF021D4A0/Doc~E9C59FC4DF1404B74BF56F4A529475A47~ATpl~Ecommon~Sspezial.html

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PS3.: Lesenswert, über die Wirkung des Drohneneinsatzes bei den Läusematratzenträgern: http://weblog-sicherheitspolitik.info/2009/10/22/drohneneinsatze-in-nordwest-pakistan-psychologische-wirkung/

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PS4.: Dieser ist offenbar mein 200. Beitrag! Cheers!

Der Herr läßt Hirn vom Himmel regnen

15. September 2009

Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Erst vor kurzem hatte ich auf einen plötzlichen Sinneswandel der Serbenjäger Carla del Ponte und Michael Martens aufmerksam machen können (1). Heute nun liefert Schiitenversteher FAZ-Ali1 Wolfgang Günther Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah Lerch einen Artikel zum Thema “Stinkhistan” ab, der seine Eintrittskarte zum Counterjihad sein könnte. Hatte er bisher vor allem dadurch aufmerksam gemacht, dass er kein noch so großes Orkverbrechen nennen konnte ohne zu meinen, es durch irgend eine mittelalterliche Hexenverbrennung relativieren zu müssen, dadurch, dass er nie “Hisbullah” schrieb, ohne sogleich ein “Partei Gottes” anzufügen, so stellt er heute mE. klarsichtig und präzise den Kern der Mission in dieser Vorhölle heraus. Das Wort hat jetzt WGL:

“… Dass außerdem gerade in dem Land am Hindukusch militärische Aktionen unter einem ganz besonderen Stern stehen, zeigt die lange Geschichte des Landes, in der es Fremden seit Alexander dem Großen niemals gelang, sich auf Dauer festzusetzen. Zuletzt, bevor die Mudschahedin übereinander herfielen und am Ende für fünf Jahre den Taliban weichen mussten, hatte die sowjetische Weltmacht dort nach fast zehn Jahren ihr militärisches Desaster erlebt. Sie wollte Afghanistan in ihren Block eingliedern, der allerdings bald darauf zerfiel. Der Erfolg der Mudschahedin war daran nicht unbeteiligt.

Auch jetzt ist die Lage volatil (d.h. “flüchtig, verdunstend” und scheint mir eine übertriebene Charakterisierung, T.). Die westlichen Politiker haben in der Vergangenheit jedoch viel zu selten klar ausgesprochen, dass es bei dem gegenwärtigen Einsatz in dem so schwierig zu regierenden Land VOR ALLEM um UNSERE EIGENE Sicherheit geht, genauer: um die Sicherheit vor dem transnationalen Terrorismus (JIHAD, also Mohammedanismus, T.) in Deutschland und Europa. Die Parole ‘Afghanistan den Afghanen’ ist gewiss richtig; es ist Sache der Afghanen zu entscheiden, wie sie leben wollen, auch wenn es wünschenswert wäre, dies geschähe in einer wirklichen Demokratie. Bis dahin aber ist es weit – wenn es überhaupt dazu kommen sollte. Und von außen allein ist dies tatsächlich nicht zu erreichen.

Die Frage nach der Sicherheit ist indessen eine Angelegenheit, die NICHT NUR die Afghanen betrifft, sondern auch den Rest der WELT. Auch bei den Nachbarn in Mittelasien oder in Iran verursacht die Vorstellung, die Taliban könnten als Wiedergänger auftreten und neuerlich an die Macht kommen, nichts anderes als Albdrücken. Und es ist schon richtig, dass Deutschlands Sicherheit, wie Peter Struck sagte, auch am Hindukusch (der zwar noch HINDUkusch heißt, dessen Namensgeber, die Hindus, dort jedoch allesamt von den Orks geschlachtet worden sind, T.) verteidigt wird. Während der Taliban-Herrschaft (1996 bis 2001) versank Afghanistan nicht nur in einer steinzeitlichen Form des Islams (dem sogenannten einzig echten UND wahren Fieslahm, T.), sondern in wenigstens sieben großen Lagern wurden TAUSENDE von Terroristen ausgebildet. Deren Arm reichte bis zu den Zwillingstürmen von New York, aber auch nach Deutschland. Noch immer müssen sich unsere Behörden und Gerichte mit den Auswirkungen des Taliban-Regimes befassen.

Gelegentlich ist zu hören, nach einem Abzug der Isaf-Truppen wie auch aller anderen, die immerhin mit einem Mandat der Vereinten Nationen am Hindukusch stehen, würden die Taliban, wenn sie wieder an die Macht gelangten, auf Terror verzichten, sie hätten ihr Ziel dann ja erreicht: den Abzug der Fremden. Mehr wollten sie gar nicht. Führer der Taliban hätten dies im Gespräch sogar angedeutet, wenn nicht gar versichert.

DOCH WARUM SOLLTEN SIE DAS TUN? Die INNERE Logik ihrer dschihadistischen Ideologie, die in der Tendenz EXPANSIONISTISCH (sogar FASCHISTISCH, T.) ist, würde ja GANZ dagegen sprechen – hätten sie doch über das mächtigste Militärbündnis der Welt nach ihrer Lesart “gesiegt”, so wie seinerzeit die Mudschahedin über die Truppen Moskaus. Schon immer hatte der Triumph über die beiden “ungläubigen westlichen” Großmächte, zu denen die Islamisten auch die Sowjetunion (und heute Russland) rechne(te)n, zum festen Bestand islamistischen Denkens gehört. Ein Abzug der westlichen Truppen, die dort nur eine einigermaßen stabile Ordnung ohne Terror herstellen sollen und wollen, würde zusätzlich dazu führen, die Siegesgewissheit islamistischer Theorien theologisch sozusagen zu überhöhen, denn man hätte ja offenkundig nach dem nichtsäkularen Verständnis der Taliban den Segen des Allerhöchsten. Zudem würden islamistische und dschihadistische Gruppen in der islamischen Welt aufs Neue gestärkt, zum Nachteil all jener Muslime – und das sind gar nicht so wenige -, die auf Reformen dringen und für Modernisierungsprozesse in der islamischen Welt stehen.

Ein Sturz des Regimes von Präsident Hamid Karzai, möglicherweise dessen Ermordung wären nach einem baldigen Abzug wahrscheinlich eine Angelegenheit weniger Wochen, wenn nicht Tage. Man könnte zudem Wetten darüber eingehen, wann die Taliban, unterstützt durch Paschtunen aus dem benachbarten Pakistan und andere radikale Kräfte, wie Al Qaida, in Kabul und den größten Teilen des Landes wieder die Herrschaft an sich reißen würden. Ein zweites “Islamisches Emirat” oder “Islamisches Kalifat Afghanistan” unter Mullah Omar oder wem auch immer würde – nur dieses Mal noch befeuert durch den geradezu gigantischen militärischen Triumph der “Koranschüler” – zur Keimzelle neuerlicher islamistischer Expansion, auch und gerade mit terroristischen Mitteln. Es würden wohl wieder Ausbildungs-Camps errichtet werden. Pakistan wäre ein besonders begehrtes, zudem nahe gelegenes Angriffsziel.

Wer – wie etwa die Partei Die Linke – einen sofortigen Abzug verlangt, kann jedoch auch nicht wollen, dass Deutschland und die übrigen europäischen Länder zu totalen ÜBERWACHUNGSSTAATEN werden. Das aber MÜSSTEN sie “andenken”, wenn eine neue TERRORWELLE von AUSSEN oder INNEN auf sie zurollte. Verglichen mit den Maßnahmen, die dann notwendig wären, erscheint alles, was bereits heute gilt, als harmlos. Die Mission am Hindukusch ist seit Beginn weder einfach noch risikolos. Doch dort zu bleiben, bis die Afghanen effektiv selbst für die eigene (und damit auch anderer) Sicherheit sorgen können, ist wohl ohne eine wirkliche Alternative.”

Genauso ist es mE., und es geht nicht mehr um die Frage “ob”, es geht allein um die Frage “wie”!

Wolfgang, wenn Sie ihr umfangreiches Wissen jetzt für die Erhaltung der Freiheit und der Demokratie einsetzen wollen, bin ich überaus erfreut und heiße Sie herzlich willkommen beim Counterjihad.

Time am 15. September 2009

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(1) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/08/31/carla-del-paulus-friends/

1001mal gut und noch einmal:

http://www.youtube.com/watch?v=osTrMe76kes

Wir sollten bleiben – für immer

14. September 2009

“30 Unschuldige mussten sterben” titelte die heutige “taz” zum Thema “Counterjihad in Afghanistan”, den sie “AfghanisthanKRIEG” nennt.

Wir kennen Bandenkriege und Ehekriege, sogar ein KriegsGERICHT. Alles mögliche wird “Krieg” genannt! Manchmal gibt es Dienstgrade, manchmal Regeln, manchmal, aber nicht zwingend, Uniformen. Eine Frage nagt an uns: “Was unterscheidet den Krieg gegen die Taliban vom Krieg gegen AIDS?”

Über die Schuld oder Unschuld einer Seele aber wird – ohne Frage – allein der Herr befinden.

Der eine oder andere minderjährige Ork, der nach Mitternacht Benzin stehlen ging, und dabei von einer Talibanmine oder einer deutschen Bombe getötet wurde, ist also vielleicht in seiner Karriere als Jihadi gestoppt worden – aber nichts sonst. Nur weil diese Buben nach deutschem Recht minderjährig sind, sind sie mE. nicht automatisch UNSCHULDIG! Was wissen wir über diese 16-Jährigen? Wie oft haben sie ihre kleinen Schwestern vergewaltigt? Wieviele ihrer zahlreichen mongoloiden Verwandten haben sie in die tiefe Schlucht gestoßen? Wie oft haben sie den schwulen Esel des Großvaters gef*ckt und ihn danach für seine angebliche Schamlosigkeit verprügelt? Armer schwuler Esel!

Dr. Michael Domes, Oberstabsarzt der Reserve, schreibt in der heutigen FAZ:

“Der Leitartikel “Fataler Angriff” (F.A.Z. vom 8. September) und die gesamte Diskussion über den Luftangriff auf zwei Tanklastwagen bei Kundus veranlasst mich, vier Fragen zu stellen, deren Beantwortung jedoch jedem Kritiker zu dieser Thematik etwas die Augen öffnen sollte (wenn er dazu bereit ist). Natürlich möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass jedes zivile Opfer in einem Konflikt ein Opfer zu viel ist. Ein Luftangriff um circa 1.30 Uhr: Was machen Kinder und unbeteiligte Zivilpersonen um diese Uhrzeit an einem Flussbett außerhalb einer Ortschaft in einem Unruhegebiet? Bodentruppen statt Luftangriff: Wie hätten die jetzigen Kritiker auf tote deutsche Soldaten reagiert, die bei einer solchen Aktion nahezu sicher zu beklagen gewesen wären? Schwerer Bombenanschlag auf deutsches Feldlager: Welche Position hätten die jetzigen Kritiker eingenommen, wenn ein schwerer Bombenanschlag ein deutsches Lager getroffen hätte, mit Dutzenden deutscher Opfer, nachdem sich herausgestellt hätte, die rollende Bombe war vorher geortet worden und hätte vernichtet werden können? Kritik der Vereinigten Staaten: Wie kommt es, dass die jetzigen Kritiker in Deutschland, die in der Regel Amerika und seine Außenpolitik aufs schärfste verurteilen, nun ungefiltert amerikanische Angaben als korrekt zugrunde legen?”

Wirklich Fragen, auf die auch ich sehr gerne Antworten hätte, so wie auch auf Fragen dieser Art (FAZ, 140909) von Professor Dr. Hans Armin Weirich:

“Zu ‘Die Dreifach-Untersuchung von Kundus’ (F.A.Z. vom 7. September): Das tragische Geschehen in Kundus wirft viele Fragen auf. Diskutiert wird vor allem die Frage, ob der Einsatzbefehl – in der Rückschau gesehen – richtig und zweckmäßig war. Ohne die näheren Umstände zu kennen, möchte ich mir darüber kein Urteil erlauben. Ich vermisse allerdings die Stellung der wichtigen Vorfrage: Wie war es möglich, dass die Taliban in unmittelbarer Nähe der Bundeswehr zwei vollgetankte Tanklastwagen aus dem Besitz der Bundeswehr ‘entwendet’ haben. Warum waren sie nicht militärisch gesichert? Das betrifft Fragen nach der Logistik, der militärischen Organisation und der Kampfbereitschaft. Ich hoffe, dass es da keine Führungsdefizite gibt.”

In der Tat: Die sind doch ziemlich wertvoll, nicht nur militärisch, zwei Tanklaster voll Sprit. Und die läßt man da mit nur je zwei ORKS Besatzung in der Gegend rumgurken? Drei der vier Fahrer wurden geschlachtet. Haben die denn überhaupt noch nicht begriffen, dass sie dort im Zentrum des Bösen agieren, und dass das Benzin nicht von Mümmelmannsberg nach Winsen an der Luhe gebracht werden muß? Mann, automatische Waffen höchster Güte sind doch für alle Halbwelt spottbillig zu haben – aber für ehrbare Bürger und Tanklasterfahrer offenbar nicht – DAS MUSS SICH ÄNDERN!

Übrigens, verstehen Sie die Linke? Ich glaube, dabei handelt es sich um eine ziemlich große Gruppe von Nasenbären sowie etwa zehn Dompteure, welche diese vielen Bären auch ohne Ringe an ihren Riechern beliebig herumführen können. Die Headline für die Bären, der Text für die Checker: Die Bären gucken auf die großegroße Headline des Zentralorgans, aber der darunterstehende Text, der für die meisten Leser der “taz” aber wohl zuviele Buchstaben enthält, sagt das Gegenteil.

Die heutige “taz” (HL s.o.): “Baktasch stellte sich trotz der Tötung von Zivilisten vor die in die Kritik geratene Bundeswehr und sagte: ‘Definitiv sind die Verantwortlichen die Taliban.’ In einer vergleichbaren Lage hätten ‘nicht nur die deutschen Truppen, sondern alle Regierungs- und internationalen Truppen so gehandelt”, betonte Kommissionsmitglied Baktasch. “Wenn diese Tanklastzüge in den Händen des Feindes geblieben wären, hätte er sie für terroristische Absichten genutzt… Die Gegend, in der es zu dem Luftangriff gekommen sei, sei kein Wohngebiet gewesen… Die nächsten Häuser seien mindestens drei Kilometer entfernt gewesen. Aus der Luft sei nicht festzustellen gewesen, sich Zivilisten bei den Tanklastzügen aufhielten. Nachdem die meisten Opfer unter den Taliban seien, “war es für den Terrorismus und al-Qaida in Kundus ein schwerer Schlag”.

Frederike Böge in der FAZ vom 130909:

“‘Sehen Sie den blauen Corolla?’, fragt Kommandeur Faramuz. ‘Der Mann am Steuer ist der Bruder eines Taliban-Kommandeurs.’ Er fahre täglich durch die Gegend, um die Positionen der Polizei auszuspionieren. ‘Und dort.’ Faramuz zeigt auf eine Baumgruppe einen Kilometer östlich der Polizeistation. ‘Dort sitzen sie jede Nacht in den Gräben und warten darauf, dass wir einen Fehler machen.’ Vor einem Monat hätten sich auch noch die JUNGEN MÄNNER aus dem gegenüberliegenden Dorf dieser Gruppe angeschlossen. ‘Sie dachten, dass die Feinde Kundus angreifen würden und wollten an der BEUTE teilhaben.’

Faramuz und seine Männer sichern das östliche Stadttor der Provinzhauptstadt Kundus im Norden Afghanistans. Sie glauben, dass sie den Feind kennen und dass sie wissen, wie er besiegt werden kann. Sie brauchten bessere Waffen, sagt Faramuz, denn die Aufständischen seien besser ausgerüstet als die Polizei. Und die deutschen Truppen müssten sie dabei besser unterstützen. ‘Aber sie sind nicht aktiv.’ Solche Beschwerden hört man häufig in Kundus. Das Gefühl der Bedrohung ist in den vergangenen Monaten stetig gestiegen. ‘Die Taliban sind stark geworden, weil die ausländischen Truppen und die afghanischen Sicherheitskräfte nicht ernsthaft gegen sie vorgegangen sind’, sagt Maulawi Abdullah, ein Mitglied des Provinzrates. In seinem Heimatdistrikt Dasht-e Archie hätten die Deutschen kürzlich vier Panzer verloren. Doch anstatt anzugreifen, hätten sie keine Reaktion gezeigt. ‘Zwei oder drei Bomben aus der Luft, und die Gegend wäre wieder friedlich gewesen’, sagt er. Hätten dabei nicht Zivilisten getroffen werden können? ‘In der Gegend gibt es KEINE Zivilisten’, behauptet Abdullah. Dort gebe es nur die Familien der Taliban. ‘Für uns sind das auch Aufständische. Sonst hätten sie ihre Cousins und Söhne überzeugt, sich nicht den Taliban anzuschließen.’

Als die Bundeswehr vor einer Woche zwei gestohlene Tanklastwagen bombardieren ließ, war Maulawi Abdullah zufrieden: ‘Das war das BESTE, was die Deutschen in Kundus seit ihrer Ankunft getan haben.’ Unter den Toten seien 45 Talibankämpfer gewesen. Das sei ein großer Erfolg. Dass offenbar auch Zivilisten getötet wurden, betrachtet er als gerechte Strafe. Die Opfer hätten sich an dem gestohlenen Benzin bereichern wollen. Das sei ‘haram’, eine Sünde nach islamischem Recht. Maulawi Abdullah ist kein Einzelfall. Viele Regierungsmitglieder äußern sich ähnlich, bis hin zum Gouverneur von Kundus, Mohammad Omar.

Die Fronten verlaufen zum einen zwischen Kriegsgewinnlern und -verlierern. Auf der einen Seite stehen Regierungsmitarbeiter und Mitarbeiter internationaler Organisationen, die Zugang zu den Fleischtöpfen des Staates und der Entwicklungshilfe haben. Auf der anderen Seite stehen jene, die nicht von der neuen politischen Ordnung profitiert haben.”

Wiederum berichtet die “taz” vom 14. September, dass es aus Steinies Ministerium ein Papier mit seinem Segen gebe, welches den Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan für das Jahr 2011 vorsehe. Entschuldigen Sie bitte, aber ist deutsche Außenpolitik jetzt quasi zum Koitus der Nationen mutiert? Rein gehen – raus gehen – und alle fühlen sich wohl? Nicht mit Time! Ich sage Ihnen klar, der menschliche Körper hat einen Kopf, da ist das Gehirn drin, welches denken kann, und er hat einen A*sch, da kann er die Sch*eiße daraus ablassen. Was für eine Perversion ist das, einen Mensch zu kreieren mit einem A*sch anstelle des Kopfes. Sehen Sie, die mohammedanistische Welt hat sich, von Gott vor die Wahl gestellt, für den Unterleib entschieden, und das übereifrige A*schghanistan eben für den A*sch! Warum sollten wir ändern, was das a*schghanische Volk für sich entschieden hat? Wir sollten nur darauf achten, dass die nicht alles vollsche*ssen!

Ich schließe mit mE. treffenden Überlegungen von Hans-Walter von Hülsen aus der heutigen FAZ:

“Der Bericht über den Luftangriff nahe Kundus und der Leitartikel ‘Ernüchterung’ von Klaus-Dieter Frankenberger in der F.A.Z. vom 5. September enthalten drei Sätze, die zu denken geben. Da ist zunächst die Aussage, dass das Büro des afghanischen Präsidenten verlauten ließ: ‘Unschuldige Zivilisten sollten bei Militäroperationen nicht getötet oder verletzt werden.’ Unschuldig an den Zuständen in Afghanistan, ja sogar unschuldiger als alle Afghanen, sind unsere Soldaten, die ja unter anderem zu seinem Schutz dort sind. Zivilisten und am Kampf Unbeteiligte zu verschonen ist sicher auch Absicht der Isaf. Aber da die Taliban-Terroristen Zivil tragen und sich in der zivilen Bevölkerung verstecken bedeutet diese Forderung, dass die Isaf den Kampf dort einstellen müsste. Es wird dann allerdings nicht verhindert werden können, dass Präsident Karzai weggefegt und Afghanistan zur ungestörten Basis des fundamentalistischen Islam für den Terror gegen die westliche Welt wird.

Frankenberger schreibt: ‘… die Verluste werden immer höher, mehr und mehr Amerikaner glauben nicht, dass die ,Kosten’ den Einsatz rechtfertigen.’ Und: ‘Denn ein anderes Vorgehen und die Vorgabe realistischer Ziele können eines nicht ersetzen: ausreichende militärische, zivile und finanzielle Mittel.’ Sehr richtig! Im Kampf gegen den grenzenlos grausamen und regellosen Gewalteinsatz der Taliban-Terroristen, für die der Tod von Zivilisten ein Terrormittel zum Fügsammachen der Bevölkerung ist, helfen nur drei Mittel: Erstens muss die eigene Gegengewalt überlegen und die Unterstützung der Taliban für die Bevölkerung eindeutig gefährlicher sein als die Drohungen der Taliban. Zweitens muss sich für die Bevölkerung die Kooperation mit den Nato-Kräften und den westlichen Aufbauteams deutlich mehr lohnen als das Sich-Fügen unter die Taliban. Und drittens muss man die Sicherheit der Bevölkerung vor den Taliban gewährleisten können. All dies erfordert weit mehr Kräfte und Mittel, als die Nato-Staaten derzeit bereit sind, einzusetzen. Begrenzte, dosierte Machtdemonstration führt jedoch nur zu unabsehbarer Dauer des Einsatzes und ins Endlose steigenden Kosten, zum Risiko hoher Verluste auch an Menschenleben und letztlich zum Scheitern. Ein bisschen Machteinsatz ist wie ein bisschen schwanger.

Noch eine Beobachtung sei hier angefügt: Unseren Parlamentariern und vielen Ministern von EU und Nato-Staaten scheint die Sorge um das Leben (angeblich) ziviler Afghanen (Benzindieben?) näher am Herzen zu liegen als die um das Leben unserer Bundeswehr- (Nato-)soldaten. Ich erinnere daran, dass die von der Bundeswehr dort eingesetzten Soldaten deutsche Staatsbürger sind. Ihre Sicherheit und ihr Überleben muss für unsere Regierung und unsere Abgeordneten höhere Priorität haben. Auch wenn es Soldaten sind, sie sind keine Opfermasse. Darum muss ihre Zahl, ihre Ausrüstung und müssen ihre Einsatzregeln auf die Möglichkeit der Auftragserfüllung und ihren Selbstschutz optimal ausgerichtet sein. Dazu gehört auch, dass im Kampf der verantwortliche Führer vor Ort unmittelbar handeln und günstige Gelegenheiten ausnutzen kann, ohne erst die Genehmigung übergeordneter rückwärtiger Instanzen einholen zu müssen, die die Lage nie so gut einschätzen können wie er. Sind diese Bedingungen gegeben?

Es gibt einfache Grundsätze, von denen ich hier nur einige nennen will: Verlorenes Terrain und verlorenes Material ist immer wiederzugewinnen oder zu ersetzen, verlorenes Leben und verlorene Zeit nie. Gelegenheiten sind immer nur von kurzer Dauer. Tue nie, was der Feind sich wünscht, aber stets, was er fürchten muss. Überlegenheit im Brennpunkt an Zahl, Feuerkraft, Beweglichkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und Entschlossenheit des Handelns sind Voraussetzungen für den Erfolg im Kampf. Nur wenn die Nato-Staaten das wollen und die Isaf die notwendigen Voraussetzungen dafür erhält, wird sie ihren Auftrag in angemessener Zeit erfüllen können.”

Spielen SIE, um zu verlieren? Dann sind Sie Punk, born to lose, born to die! Ich spiele for fun, and it’s big fun to win! That’s ROCK! Angeln Sie einen Fisch, um ihn anschließend zurück in den See zu werfen? Zeugen und begleiten Sie ihre Kinder, damit ihre Staatsführung – so wie die iranische – diese als Kanonenfutter in die Minenfelder jagt? Wir sind jetzt in Stinkhistan gelandet, und also sollen wir dort bleiben mit Nasenklammern auf Staatskosten, uns festkrallen auf eine nachhaltige Art, an die man sich in zweitausend Jahren noch erinnern wird. Wir sind jetzt HIER, und wir werden NIE wieder weggehen!

Say STAY!

Time am 14. September 2009


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