Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan, der m.W. den Iran dauerhaft verlassen hat und in Berlin lebt, war schon mehrmals Thema in diesem Blog. In seinem neuen Roman, den Stefan Weidner in der FAZ vom 7. Januar vorstellte, zeichnet er u.a. ein ungewohntes Bild von der demokratisch gewählten Regierung Mossadegh, die mit Hilfe der CIA gestürzt wurde. Diesbezüglich sind meine Kenntnisse und Urteilskraft gering. Bemerkenswerter fand ich daher die vielfältige Schilderung von staatlicher, gesellschaftlicher und struktureller Gewalt im Naziran, die dort alles zu durchdringen scheint und die menschlichen Beziehungen verheert. Ebenfalls wichtig war für mich die Erkenntnis, wie sehr der Mohammedanismus die Iraner in seinen Klauen hat.
Einem Abschnitt in Weidners Text muss ich entschieden widersprechen. Er schreibt zwar:
„Die islamische Revolution, die Religion und Gruppenzwang statt Aufklärung und individuelle Lebensführung propagiert, passt in dieses Muster.“
Aber auch:
„Ihr Sohn hat unter der Folter Gesinnungsgenossen verraten. Vor der Schande, die damit über sie kommt, rettet auch sie sich in den Aberglauben.“
Nun ist der Mohammedanismus zweifellos ein blutrünstiger Aberglauben, dass man sich in ihn jedoch „retten“ kann, ist ganz unbedingt unmöglich. Eine Geisteskrankheit als Rettung zu bezeichnen ist eine Verhöhnung unseres Verstandes und Gottes, der ihn uns geschenkt hat.
_____
Selbstzufriedenheit ist nicht Sinn des Regierens
Gejagte Jäger: Amir Hassan Cheheltans Roman liest sich wie eine Dokufiktion über den amerikanisch-iranischen Hass. „Amerikaner töten in Teheran“ ist ein Wunder der iranischen Exilliteratur.
Ein Zyniker könnte behaupten, dass die islamische Revolution in Iran ein Segen war – nicht für die Vereinigten Staaten, aber doch für die Amerikaner. Nie sind so wenige Amerikaner in Teheran gestorben wie seit 1980 – schon weil seit der Besetzung der amerikanischen Botschaft keine amerikanischen Offiziellen mehr im Land waren. Aber wenn die Mullahs der US Air Force die unbemannten Drohnen vom Himmel angeln, führen sie auf unblutige Weise ein bald hundert Jahre altes Katz-und-Maus-Spiel fort: Das lernen wir in Amir Hassan Cheheltans geheimnisvollem Roman „Amerikaner töten in Teheran“.
Das Buch ist so schillernd und schwer zu greifen wie der Titel: Sind die Amerikaner hier Subjekt oder Objekt? Töten sie oder werden sie getötet? Im Roman geschieht, ganz wie in der Realität, natürlich beides. Aber: Ist es überhaupt ein Roman? „Amerikaner töten in Teheran“ erinnert über weite Strecken an eine Art Dokufiktion. Reale Ereignisse werden literarisch neu inszeniert, die Personen sind teilweise historisch, und einen Disclaimer suchen wir am Anfang des Buchs vergeblich.
Die amerikanisch-iranische Antipathie, lernen wir, war nicht immer da. In der ersten der sieben Episoden des Buchs, die fast das ganze zwanzigste Jahrhundert abdecken, wird Major Robert Imbrie als Vizekonsul aus Istanbul an die amerikanische Botschaft in Teheran versetzt, und „zu jener Zeit galt die Vorliebe für Amerika noch nicht als Schande“. Als großer Feind galt die Kolonialmacht Großbritannien mit ihrer neu erwachten Gier nach Erdöl, während die Vereinigten Staaten noch als ehrliche Makler erschienen, die nach dem Ersten Weltkrieg für die Souveränität der Völker im Nahen und Mittleren Osten eintraten.
Die Ermordung des ersten Amerikaners in Teheran scheint eher ein Versehen gewesen zu sein. Nachdem Imbrie versucht hatte, einen heiligen Brunnen zu fotografieren, wird er von einem abergläubischen Mob durch die Straßen gejagt und schließlich zu Tode geprügelt. Wenn es aber ein bloßer Unfall war, was bedeutete der geheimnisvolle, mehrfach auftauchende Motorradfahrer, der die Menge zu kontrollieren schien? Diese erste Episode des Buchs bleibt so rätselhaft wie alle weiteren, aber die Irrationalität, der Aberglaube und die von Furcht und Neid genährte Paranoia gegenüber den Fremden ziehen sich leitmotivisch durch den Text.
Die zweite und politisch folgenreichste Episode spielt 1953, als die CIA aus Angst vor einem kommunistischen Iran den Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Mossadegh organisierte, den Schah zurückbrachte und damit ein bis heute fortwirkendes Trauma unter den Iranern auslöste. Diesmal waren es die Amerikaner, die töteten und sich mit den rückschrittlichen und irrationalen Kräften in Iran verbündeten. Selbst in dieser scheinbar eindeutigen Episode aber, die den geschichtlichen Fakten so nah ist, greift Cheheltans Kunst des Schwebezustands.
Die kaum vierzig Seiten sind ein großer Moment in der iranischen Literatur schon deshalb, weil sie die gängige Sichtweise, die von nahezu allen Iranern gleich welcher Couleur geteilt wird, behutsam, aber doch unübersehbar, umkehren: Die CIA hatte bei diesem Umsturz ihre Finger im Spiel, gewiss; aber letztlich waren es doch die Iraner selbst, die Mossadegh vertrieben: opportunistische, schahtreue Militärs, die Geistlichen und wieder ein von irrationalen Gefühlen getriebener Mob. Mossadegh und seine Leute werden – und das kommt im Rahmen der iranischen Diskussionen fast schon einem Sakrileg gleich – als unentschiedene Schwächlinge dargestellt, die die Chance verspielen, das Flugzeug des Schahs abzuschießen, und die den absehbaren Putsch wie ein unausweichliches Schicksal hinnehmen. Oder hat Mossadegh einfach nur human gehandelt, wie es die Worte nahelegen, die der Autor ihm in den Mund legt? „Das würde ein Blutbad geben. Regieren um jeden Preis? Das ist mir unmöglich!“ – „Der Sinn des Regierens ist nicht, mit sich selbst zufrieden zu sein!“ – „Aber auch nicht, sich deswegen zu hassen.“ Cheheltan schafft es tatsächlich, auch in dieser aufgeladenen Episode dem Leser kein Urteil vorzugeben. Im Rahmen der hochpolitisierten iranischen Literatur, gerade auch des Exils, ist dies ein kleines Wunder.
Die große Zeit der Jagd auf die Amerikaner in Teheran waren die siebziger Jahre, als das Regime des Sshah immer rascher seinem Ende entgegenschlitterte und jeder Angriff auf die Amerikaner als Angriff gegen den Schah galt. Resa, Sohn eines Mossadegh-treuen Hauptmanns, besucht am Abend, bevor er den amerikanischen Oberst Hawkins erschießt, ein Bordell. „Bevor ich sterbe, muss ich mit einer Frau geschlafen haben. Nur wenn man lebt, weiß man das Leben zu schätzen. Was wissen wir denn davon, wo wir es uns doch selbst verboten haben?“
Als Resa schon in den Gefängnissen des Schahs sitzt, wird diese Lehre von seiner Schwester Mina auf ihre Weise interpretiert. Ohne Umstände geht sie mit George, einem jungen Amerikaner, ins Bett. Zuvor diskutiert George mit einem iranischen Professor über die persische Seele. Gibt es so etwas denn? Kann die Literatur, wie der Professor behauptet, einen Schatten auf das Schicksal eines Volkes werfen? „Ihre ständige Präsenz, selbst im gegenwärtigen Jahrhundert, macht unser Leben komplizierter, statt es zu erhellen.“ Der Amerikaner widerspricht, und auch seine Geliebte versucht, indem sie mit ihm schläft, den vorgegebenen Verhaltensmustern zu entkommen. Wenige Tage später werden beide bei einem Restaurantbesuch durch einen Anschlag getötet.
Die islamische Revolution, die Religion und Gruppenzwang statt Aufklärung und individuelle Lebensführung propagiert, passt in dieses Muster. Aber die Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran im November 1979 spart Cheheltan überraschenderweise aus. Ihn interessieren die Individuen am Rand der öffentlichen Wahrnehmung. In den letzten beiden Episoden rückt die Mutter Resas ins Zentrum. Ihr Sohn hat unter der Folter Gesinnungsgenossen verraten. Vor der Schande, die damit über sie kommt, rettet auch sie sich in den Aberglauben.
Vorsichtig, fast wie im Umgang mit einem Patienten, hält der Autor den Iranern den Spiegel vor. Nicht für uns, die wir es lesen, sondern für sie, die es wegen der Zensur nicht lesen können, ist dieses subtile Buch geschrieben. Die plumpen westlichen Leser (und mit ihnen übrigens die beiden Übersetzer) bewegen sich darin wie der Elefant im Porzellanladen und hätten es an vielen Stellen vermutlich gern expliziter und weniger deutungsoffen. Dass Cheheltan dieses Bedürfnis, anders als viele Exilautoren, nicht bedient, ist ihm hoch anzurechnen. Authentischer als hier ist die iranische Literatur der Gegenwart für deutsche Leser derzeit nicht zu erfahren.
_____
Time am 9. Januar 2012
