Lesen Sie zunächst einen Artikel von Daniel Gerlach aus der FAZ vom 28.04.2009, in dem wir Churchill (vor dem “River War”, 1) in Afghanistan begegnen:
Der verrückte Fakir und die Taliban
Winston Churchill scheute keinerlei Herausforderungen, es sei denn, sie waren sportlicher Natur. Doch zwei Monate vor seinem 24. Geburtstag lernte Churchill, die Beine in die Hand zu nehmen, wenn ein ehrenvoller Zweikampf keinen Aussicht auf Erfolg versprach.
An einem heißen Tag im September 1897 stand Churchill auf einer Anhöhe in der Provinz Malakand im Nordwesten des heutigen Pakistan und sah einen paschtunischen Stammeskrieger mit gezogenem Dolch auf sich zumarschieren. Churchill zog die Pistole, schoss zweimal daneben und gab Fersengeld, bis er eine versprengte Truppe britischer Infanteristen erreichte, die ihm das Leben rettete.
Ohne diesen Spurt hätte die Geschichte Großbritanniens womöglich einen anderen Verlauf genommen. Damals war Churchill Frontberichterstatter für britische Zeitungen und „eingebettet“ in die Malakand Field Force – ein britisches Expeditionskorps, das ausrückte, um die aufständischen Stämme in der Nordwestprovinz des Kronkolonie Indien zur Räson zu bringen.
Dieser Kolonialkrieg trug sich in etwa dort zu, wo heute die pakistanische Armee gegen die Taliban und mit ihnen verbündete Clan-Milizen kämpft: Buner, Malakand, das Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan und das – bei Wanderurlaubern einst sehr beliebte – Swat-Tal.
Dieses unwegsame Gebiet ist durchzogen von Gebirgsketten, deren Topografie sich bestenfalls mit Hilfe eines Helikopters erschließen lässt. Um die Mentalität ihrer Bewohner zu begreifen, ist diese Perspektive allerdings nicht hilfreich.
In Pakistans Nordwesten franst staatliche Herrschaftsgewalt aus. Lange vor der bedrohlichen Offensive der Taliban haben sich die Bewohner dieses Gebiets staatlicher Kontrolle erfolgreich widersetzt. Das aus einem Notstand geborene Misch-System der „föderal verwalteten Stammesgebiete“ stärkte das Selbstbewusstsein der dortigen Paschtunen.
Pakistanische Machthaber jeglicher Couleur, ob Militärdiktator Zia ul-Haq oder Premierministerin Benazir Bhutto, förderten den paschtunischen Nationalismus im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, denn auf diese Weise hofften sie, ihren Einfluss im benachbarten Afghanistan zu vergrößern. Inzwischen haben die Strategen in Islamabad eingesehen, dass sich die „paschtunische Karte“ gegen sie gewendet hat.
Was westliche Beobachter befremden mag, ist nicht die sprichwörtliche Sturköpfigkeit der Paschtunen, sondern der bemerkenswerte Erfolg der radikalen, islamistischen Fanatiker in ihrem Gebiet. Selbst alteingesessene, mächtige Clanführer, die den Taliban lange kritisch bis feindselig gegenüber standen, mussten sich den Extremisten beugen.
Tatsächlich ist der mittelalterlich anmutende Islam der Taliban und ihrer Verbündeten in der Nordwestprovinz kein neues Phänomen, geschweige denn auf Usama bin Ladens Präsenz zurückzuführen. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts brachten Prediger den Wahhabismus nach Britisch-Indien und verbreitet damit das Gedankengut einer radikalen Sekte, die allein den wörtlichen Koran als Grundlage politischen Handelns anerkannte und durch eine überaus aggressive Dschihad-Rhetorik von sich reden machte.
Der Hass der Wahhabiten richtete sich zwar auch gegen die imperialistischen Europäer, vor allem aber gegen die muslimische Mehrheit, die einen zum Teil sehr farbenfrohen, von anderen Kulturen beeinflussten Islam lebte. Insofern hatten und haben die Wahhabiten keine moralische Not damit, andere Muslime umzubringen.
Es konnte damals niemanden verwundern, dass sich der Wahhabismus in der multikulturellen Welt des indischen Subkontinents nicht durchsetzte, außer bei den Paschtunen-Stämmen im Nordwesten. Denn in ihrer Lebensweise besaßen sie bereits viele Gemeinsamkeiten mit den Beduinen der Arabischen Halbinsel.
Einige Mullahs reisten, mithilfe europäischer Dampfschifflinien, zum Koranstudium nach Arabien und kamen dort mit dem Wahhabismus in Berührung. Diese Ideologe schien wie zugeschnitten auf Muslime, die keinen Zugang zu Bildung hatten und dem aus ihrer Sicht dekadenten, städtischen Leben Geringschätzung entgegen brachten.
Ironischerweise waren die wenigsten Paschtunen imstande, den Koran, dessen wörtliche Auslegung ihnen die Prediger ans Herz legten, überhaupt zu lesen.
Nach dem so genannten Sepoy-Aufstand gegen die Briten in Indien im Jahr 1857 fanden militante Muslime aus anderen Teilen Indiens in den Stammesgebieten Zuflucht und genossen das Gastrecht der Paschtunen in etwa so, wie viele Jahrzehnte später Bin Ladens arabische Kämpfer. Der Wahhabismus vermengte sich mit dem so genannten Paschtunwali, dem Ehrenkodex der Paschtunen. Hinzu kam, dass die Briten Ende des 19. Jahrhunderts mehrmals versuchten, ihre Macht auf Afghanistan auszudehnen – nicht allein, um ihre Nordwestgrenze zu stabilisieren, sondern weil sie fürchteten, dass die Russen ihnen dabei zuvorkommen könnten.
Zu Recht (?, T.) empfand der Afghanen-Emir Abdurrahman dies als Bedrohung und stachelte die Paschtunen tatkräftig gegen die Briten auf. Die radikalen Mullahs, die in dieser Zeit immer wieder in der Nordwestprovinz auftauchten, passten ihm bestens ins Konzept. Ein gewisser Mullah Sadullah, den die Briten den „verrückten Fakir“ nannten, verkündete den bevorstehenden Untergang des Empires und setzte sich an die Spitze eines Aufstands. Der Fakir renommierte mit seiner angeblichen Unverwundbarkeit und der britische Generalstab sandte nun 40.000 Mann, um die Paschtunen vom Gegenteil zu überzeugen.
Den Gurkhas, Sikhs und Highlanders im roten Rock machte niemand etwas vor, wenn auf gebirgigem Terrain gefochten wurde. Doch Kriegskorrespondent Churchill beobachtete, wie schwer sich die hochgerüstete Armee mit der asymmetrischen Kriegführung der Paschtunen tat. Angesichts der vielen Soldaten, die in der Septemberhitze bluteten und schwitzen, sah sich Churchill mit der erbärmlichen Kehrseite des Imperiums konfrontiert: „Was sind wir doch selbst für Schatten und was für Schatten rennen wir nach“, schrieb er mit den Worten des Dichters Edmund Burke.
Grimmig entschlossen marschierten die Briten in die Berge. Das Bild des Pfeifers George Findlater, der mit einer Kugel in der Schulter und einem durchschossenen Knöchel begeistert in seinen Dudelsack blies, um die Highlanders zur Attacke anzufeuern, mochte die Paschtunenkrieger befremden – ebenso wie Churchill der Anblick jenes „Wilden“, der ihm, nur mit einem Dolch bewaffnet, geradewegs vor den Lauf seiner Pistole rannte.
Damals wie heute existierte ein Widerspruch zwischen der endzeitlichen Dschihad-Rhetorik der Mullahs und den Interessen der Stämme, die sich ihnen angeschlossen hatten: Letzteren ging es nicht darum, die Ungläubigen aus ganz Indien zu vertreiben. Im Gebirge besaßen sie gute Chancen, eine Übermacht so sehr zu frustrieren, dass sie sich zurückzog.
Im offenen Feld, etwa in den Ebenen des Punjab oder dort, wo heute die pakistanische Hauptstadt Islamabad liegt, wären sie chancenlos gewesen. Und obwohl die Situation heute eine andere ist als vor rund 112 Jahren, so ähnelt das militärische Kräfteverhältnis zwischen der pakistanischen Armee und der Stammesallianz der Taliban doch den damaligen Zuständen.
Die Clan-Chefs in Swat, Buner und Mohand sind auch heute in der verzwickten Lage, zwischen den radikalen Kräften auf der einen Seite und einer bedrohlichen Staatsmacht auf der anderen Stellung zu beziehen. Einige sind mit den Taliban verschwägert, aber nicht alle heißen sie willkommen, ebenso wie damals viele Patriarchen den Fanatismus der Wahhabiten als Anmaßung empfanden. Denn deren Bewegung verhinderte nicht nur eine pragmatische Politik, sondern schwächte unter Umständen, wie heute die Taliban, die traditionellen Autoritäten.
Im Herbst 1897 stand den Briten nicht der Sinn nach Kompromissen, und die von Churchill informierte öffentliche Meinung schien sie darin zu bestärken. Nach wochenlangen Kämpfen brachen sie den Widerstand der Paschtunen. Der verrückte Fakir hatte sich aus dem Staub gemacht und viele Stammesführer suchten den Glimpf mit Großbritannien. Es sollte jedoch das (bisher, T.) einzige Mal bleiben, dass eine fremde Armee die Paschtunen auf ihrem eigenem Terrain besiegte.
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An der FAZ schätze ich auch besonders das Engagement und die Informiertheit ihrer Leserbriefschreiber, zu denen häufig Größen aus Politik und Wirtschaft gehören, wie zB. Otto Graf Lambsdorff, Theo Waigel uvam. Lesen Sie einen Kommentar zum vorstehenden Aufsatz von Jan Caspers aus der FAZ vom 6. Mai:
Die anderen Paschtunen
Daniel Gerlach ist für den Versuch, in seinem Artikel “Der verrückte Fakir und die Taliban” die Mentalität der Paschtunen über die Hubschrauberperspektive hinaus historisch zu verstehen, grundsätzlich zu loben. In zwei Punkten wäre allerdings ein Nachtrag angebracht.
Zum einen war schon in der britischen Kolonialverwaltung umstritten, ob beziehungsweise inwieweit der afghanische Emir Abdur Rahman Khan, außenpolitisches Mündel der Briten und Träger der höchsten britischen Auszeichnung in Indien, den Aufstand von 1897/98 unterstützt hat. Auf jeden Fall war er, obgleich selbst Paschtune, aktiv an der Aushandlung der Durand-Linie beteiligt, die bis heute die paschtunischen Stammesgebiete zwischen Pakistan und Afghanistan zerteilt. Vor dem Hintergrund der damaligen imperialistischen Interessen (sowie aktueller politischer Allianzen) muss die scheinbare und tatsächliche Unabhängigkeit eines lokalen Herrschers immer genauer hinterfragt werden.
Zum anderen versäumt Gerlach, dem Stereotyp des ewigen Kriegervolkes, das sich für unbesiegbar hält und aufgrund seiner Weltfremdheit schon im neunzehnten Jahrhundert dem Wahhabismus anheimfiel, ein Gegenbeispiel entgegenzusetzen: 1929 gründete Khan Abdul Ghaffar Khan, paschtunischer Adliger und Mitstreiter Gandhis, mit den Khudai Khidmatgar oder “Dienern Gottes” eine waffenlose Armee von zeitweise mehr als 100.000 paschtunischen Männern und Frauen, die auf der Grundlage des Korans und des Paschtunwali-Ehrenkodex – von Gerlach in dieser Kombination nur als Nährboden für Extremismus erwähnt – den britischen Kolonialherren über zehn Jahre gewaltfreien Widerstand leisteten und für die Unabhängigkeit Indiens kämpften. Die Rothemden, wie sie nach ihrer Uniform genannt wurden (Fraueneinheiten trugen schwarze Uniformen), schworen einen Eid der Gewaltlosigkeit und Gemeinnutz, gründeten ein weitverzweigtes Netz von Schulen und stellten sich, selbst unbewaffnet, bewaffneten Einheiten der Briten entgegen. Die Kolonialverwaltung reagierte mit Massenverhaftungen, Folter und Luftangriffen auf paschtunische Dörfer, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges vor allem auch mit schwarzer Propaganda, die eine Kollaboration mit Gandhis hinduistischer Unabhängigkeitsbewegung als unislamisch anprangerte. Nach der Staatsgründung von Pakistan wurden die Khudai Khitmatgar von der neuen Obrigkeit verboten; Ghaffar Khan, der insgesamt 33 Jahre in britischen und pakistanischen Gefängnissen verbrachte, starb 1988 in Peschawar, noch immer unter Hausarrest.
Vor dem Hintergrund einer bewaffneten Intervention, die erklärtermaßen eine gesellschaftliche Erneuerung Afghanistans zum Ziel hat, ist es unbedingt anzuraten, sich nicht allein britischer Quellen zu bedienen, in denen von paschtunischen Stammeskriegern mit gezogenem Dolch und reicher Ernte an Hass und Rache geredet wird, sondern auch dieses Beispiel von Paschtunen zu nennen, die friedlich und unter großen Opfern für ihre berechtigten Interessen stritten.
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“… die auf der GRUNDLAGE des KORANS… den britischen Kolonialherren über zehn Jahre GEWALTFREIEN Widerstand leisteten…”, hier geriet ich ins Stocken. Ich bin zwar begeistert über den gewaltfreien Widerstand, den ich dort nicht für möglich gehalten hätte, aber dieser auf der Grundlage des KORANS? Unglaublich! Der KORAN und GEWALTFREI? Albrecht… DÜRERfrei, Rock ohne ROLL, Heavy ohne METAL? Mag sein, dass es das GIBT, die Welt ist groß, und nicht jeder Afghane ist ein Windhund, jedoch scheint mir ein BEWEIS dafür – wie zB. eine SAMMLUNG DER WEISSEN STELLEN DES KLORANS – noch auszustehen! Ich, der ich bereits viermal den Kloran komplett gelesen habe, fürchte, es GIBT keine “weissen” Stellen (habe aber bisher zugegebener Maßen auch nicht DAHINgehend gelesen). Der Koran scheint mir schwarz und böse durch und durch. Maximal ist es mal “nicht-GANZ-so-schlimm”. Aber FREUNDLICHKEIT, VERGEBUNG, VERZEIHEN uä., das habe ich bisher dort nicht gefunden. Dass die Paschtunen ihre Flower-Power-Armee aufgestellt haben, damals, ist für MICH also ein Zeichen dafür, dass JESUS auch den finstersten Kerker der Welt ERLEUCHTEN und aufbrechen kann.
Time am 7. Mai 2009
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(1) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/27/churchill-1-the-river-war/