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Nicht ohne Todesdrohung

19. Dezember 2012

Kafiren

Den verabscheuenswerten Mohammedanismus nimmt ohne Todesdrohung freiwillig nur der an, der machtbesessen oder debil ist. Vor 116 Jahren erwischte es in Afghanistan das bis dahin isoliert lebende Volk der Kafiren, das heute rund 90.000 Menschen umfasst (1).

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Die Kafiren 

Nuristan, früher allgemein als Kafiristan bekannt, ist eine abgeschiedene, sich über 12.500 km² erstreckende Gebirgsregion an den Südhängen des Hindukusch, im Nordosten von Kabul und nördlich von Jalalabad gelegen, mit tief eingeschnittenen und durch hohe Bergzüge voneinander getrennten Tälern, in denen die Nuristani leben. Dank der jährlichen Monsunregen ist die Region bewaldet mit Steineichen und Himalayazedern, die hier ihr westlichstes Verbreitungsgebiet finden.

Die Waldgrenze liegt bei 3.100–3.500 m über dem Meeresspiegel. Die Bergpfade sind oftmals nicht einmal für Pferde oder Esel passierbar. Im Winter sind die Dörfer meist wochenlang durch tiefen Schnee voneinander getrennt. Die Pässe im Gebirge sind von Dezember bis in den April verschneit. Die extreme Umwelt Nuristans war für die Bildung einer übergreifenden Volksbildung ungünstig. Die Grundlage politischer Einheiten waren Solidarisierung sowie der Zusammenschluss der Bewohner einzelner Täler oder gar nur von Talabschnitten.

Die Einwohner Nuristans sind stolz, gastfrei und freundlich, auch streitbar und, wenn sie gekränkt werden, äußerst rachsüchtig. Sie waren jahrhundertelang unabhängig und erzogen ihre Söhne zu Kriegern und tüchtigen Jägern, die mit Pfeil und Bogen und später mit Luntenmusketen und Feuersteingewehren umzugehen wussten. Der Haupterwerbszweig der Nuristani sind die Almwirtschaft in Form der Haltung von Rindern und Ziegen sowie der Acker- und Obstbau. Während die Viehzucht allein den Männern obliegt, untersteht die Feldarbeit den Frauen. Getreide, Hirse und Mais werden auf bewässerten Flächen angebaut, und die oft winzigen Terrassenfelder werden mit den altertümlichen Pflugspaten umgepflügt.

Im Frühsommer bereits treiben die Männer ihre Herden auf die Hochweiden, die sich auf unterschiedlichen Höhenstufen der Berge befinden, verarbeiten dort während der Almweidezeit die Milch der Tiere zu verschiedenen Produkten für ihre winterliche Vorratshaltung und betreuen auch in Winter, während der Zeit der Stallfütterung, die Tiere. Von diesem Wirtschaftsbereich sind Frauen völlig ausgeschlossen. Er ist für sie absolutes Tabugebiet, da ihre physisch bedingte Unreinheit (Menstruation und Gebären) der „Reinheit der Tiere“ schaden könnte. Als Ergänzung der Ernährung kommen zu den Produkten von Viehzucht und Ackerbau noch Honig und Wein sowie auch zahlreiche Jagdbeute.

Früher wurden Reis, Tee und Salz gegen Naturalien bei muslimischen Händlern aus den nuristanischen Randgebieten eingetauscht. Die steilen Täler erlaubten den Nuristani vielfach nur die Anlage von Hangstufendörfern, bei denen die Häuser treppenartig übereinander gebaut wurden. Baumaterial war das Holz aus den üppigen Wäldern Kafiristans. In exogame Sippen bewohnte die Bevölkerung die oftmals geschlossenen Dorfeinheiten. Polygynie kam nur in reichen Verhältnissen vor. Die einzelnen Sippen eines Dorfes oder einer größeren politischen Einheit standen miteinander in einem stetigen Wettstreit um Ansehen und Ehre, der innerhalb fest institutionalisierter Formen ausgetragen wurde.

Politischen Einfluss konnte nur jemand gewinnen, der ganz bestimmte Forderungen erfüllte. Als ein „richtiger Mann“ beispielsweise galt nur, wer einen oder schon mehrere Feinde getötet hatte. Gelegenheit dazu boten nicht nur die häufigen Kriege zwischen den nuristanischen Tälern, sondern auch die Raub- und Plünderungszüge auf die muslimischen Siedlungen im nuristanischen Randgebiet. Ein Versager hatte unter Sanktionen zu leiden und wurde verächtlich behandelt. Männer und Frauen konnten ihr Ansehen in der gesamten Dorf- wie auch Talgemeinschaft durch die Ausrichtung ganzer Zyklen aufwendiger Feste für die Gemeinschaft steigern. Nach jahrelangem Sparen und Horten von Naturalien und Vieh sowie zahlreichen vorbereitenden Riten wurde im Rahmen eines Festes oftmals der gesamte Besitz verteilt.

Der Spender blieb verarmt an materiellen Gütern, bereichert jedoch an Ehre und Ansehen zurück. Er besaß nun, je nach Art des Festes, ein Anrecht auf  bestimmte Trachtenstücke, z.B. Kopfbedeckungen, Ornamente am Schnitzwerk seines Hauses, durfte auf  einer offenen Terrasse auf  einem Stuhl sitzen, was gewöhnlich der Bevölkerung verboten war und noch vieles andere mehr. Festgeber wirkten in der kafirischen Gesellschaft auf Grund ihres Ansehens als Meinungsbildner, erhielten Ämter und besaßen Einfluss bei wichtigen Entscheidungen. Gleichfalls üppige Feste für einen verstorbenen Angehörigen berechtigten zur Errichtung lebensgroßer, hölzerner Totenfiguren vor dem Dorf, die von den verachteten Handwerkern angefertigt wurden.

Oft stellten sie den Toten auf  einem manchmal doppelköpfigen Pferd reitend dar. Diese, wie auch andere Arten der Monumente, gaben Auskunft über den Rang und die Position eines Verstorbenen. Die vorislamische Religion, die auch heute noch teilweise weiterlebt, ist wegen der großen Fülle und Unterschiedlichkeit ihrer Ausdrucksformen nur kurz charakterisiert. Die Kafiren besaßen eine für den gesamten Hindukusch-Karakorum- Raum einmalig vielfältige und bunte Götterwelt mit einer reichen Mythologie.

KafirmädchenDie wesentlichsten Merkmale dabei waren ein Götterpantheon mit männlichen und weiblichen Gottheiten, den zu Ehren komplizierte Rituale an offenen Altären, in Heiligtümern und Tempeln abgehalten wurden, Reinheits- und Unreinheitsvorstellungen, die mit Bergen, Pflanzen und Tieren verbunden waren, sowie auch das Vorhandensein einer Priesterkaste. Beziehungen des kafirischen Pantheons zum altiranischen und vedischen sind nachgewiesen. Die offenkundigen Überbleibsel der vorislamischen Religion wie symbolisch ausgestaltete Schnitzereien, eine eigene Zeitrechnung, eigenständige Traditionen in Kleidung, Musik und Tanz, die Herstellung von Wein sowie die ungewöhnliche Häufung blonder Haare und blauer Augen prägten ein recht exotisches Bild von den Nuristani, die damals noch Kafiren hießen.

StuhlGegen Ende des 19. Jh. genossen sie in Europa eine gewisse Berühmtheit. Ihre blauen Augen und blonden Haare und die Benutzung von Stühlen zum Sitzen hielt man in Asien für absolut außergewöhnlich und konnte sich diese Besonderheiten nur damit erklären, dass es sich bei dieser Bevölkerung um Nachfahren der Griechen handle, die einst mit Alexander dem Großen nach Indien gezogen und in die kafirische Bergwelt versprengt worden waren. Als quasi europäischen, wenn auch verlorenen Volksgenossen brachte man den Kafiren namentlich in England eine beträchtliche Sympathie entgegen. Die Unzugänglichkeit ihres Siedlungsgebietes, in dessen Kern weder Timur noch der Moghulkaiser Babur auf ihren Kriegszügen vorzudringen vermochte, wurde erst Ende des 19. Jh. überwunden.

Wie das östlich benachbarte Dardistan war Kafiristan in den Kampf Englands und Russlands um Einflusszonen in Zentralasien geraten. 1893 wurde es auf englischen Beschluss dem Hoheitsgebiet König Abd Uhrahmans von Afghanistan unterstellt. Dieser verband als ein fanatischer Muslim die Durchsetzung seiner politischen Gewalt mit der Zwangsislamisierung der Kafiren und der Verbrennung ihrer heiligen Stätten, wobei viele Werte der einstigen kafirischen Kultur vernichtet wurden. Die heutige Selbstbezeichnung „Nuristani“ für die Bevölkerung Nuristans geht auf das Jahr 1895/96 zurück, als nach der muslimischen Unterwerfung das bis dahin als „Kafiren = Ungläubige“ bezeichnete Volk der damals auch als Kafiristan benannten Region umbenannt wurde in „Nuristani = die Erleuchteten“  und die Region in „Nuristan = Land des Lichtes“.

In der heutigen Zeit verstehen sich alle Nuristani als Muslime, so dass die verunglimpfende Fremdbezeichnung „Kafiren“ der Vergangenheit angehört und auch unterbleiben sollte. Eine fundierte Studie aus heidnischer Zeit über die östlichen Kam-Kafiren ist dem britischen Geheimagenten G. S. Robertson zu verdanken, der sich im Auftrag der angloindischen Regierung 1890/ 91 dort aufhielt. Trotz der rigorosen Islamisierung – wer Widerstand leistete wurde getötet, deportiert oder aber versklavt – lebte das traditionelle alte Heidentum in der Abgeschiedenheit weiter, die auch im 20. Jh. noch kaum durchdrungen wurde.

Der in den 70er Jahren des 20. Jh. verstärkt einsetzende Tourismus hat, ähnlich wie bei den Kalasha auf der gegenüberliegenden Seite der afghanisch-pakistanischen Grenze, zu einem Ausverkauf ihrer Holzschnitzereien, wie Stühle, Truhen, Stelen und Götterfiguren, geführt. Die Behandlung der „Kafiren“ als eine kulturelle Besonderheit hat allerdings auch zur Entwicklung einer gemeinsamen Identität der Nuristani beigetragen. Der am 27. Dezember des Jahres 1979 erfolgte sowjetische Truppeneinmarsch in Afghanistan, der daraufhin sich entwickelnde Bürgerkrieg und die bis in die heutige Zeit immer wieder aufflackernden Unruhen in dem Gebiet, besonders nach der Bekämpfung der Taliban durch die Amerikaner und die damit erfolgte wochenlange Bombardierung von Dörfern, ließen nicht nur den Tourismus schnell wieder in Vergessenheit geraten, sondern auch das gegenwärtige und zukünftige Schicksal der nuristanischen Bevölkerung, das ebenso unklar ist, wie das vieler anderer Völker in der Region des Hindukusch.

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Time am 19. Dezember 2012

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1) http://www.langwhich.com/lexikon/sprachen-und-voelker-der-erde/nuristani


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