Mit ‘Hermann Parzinger’ getaggte Beiträge

Wie die Torks die Archäologie kidnappen

16. Dezember 2012

Allianoi

Die antike Bäderstadt Allianoi soll Opfer eines fragwürdigen Staudammprojektes werden. Der extrem rücksichtslose Umgang der Torks mit Zeugnissen der vormohammedanistischen Vergangenheit  hindert sie aber nicht daran, von westlichen Institutionen gerettete, gekaufte und restaurierte Relikte zurückzufordern.

Es gibt einfach kein Gebiet, auf dem sich die Mohammedanisten in einer Weise bewegen, die man leidlich akzeptabel nennen könnte. Überall verhalten sie sich anmaßend, überheblich, destruktiv, unkooperativ und dumm. So auch die Torks in Bezug auf die deutsch-türkischen Kulturbeziehungen. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, berichtete in der gestrigen FAZ.

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Piraten vor Pergamon

SOS Archäologie: Die Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Deutschland ist in der Krise. Gesten des guten Willens von deutscher Seite werden unfreundlich beantwortet. Lieber inszeniert sich die Türkei als Opfer eines „Kulturimperialismus“.

Mit großem Pomp wurde vor kurzem das neue türkische Botschaftsgebäude an der Tiergartenstraße in Berlin eröffnet. Diese größte Auslandsvertretung des Landes überhaupt, wie es heißt, soll auch die besondere Beziehung der Türkei zu Deutschland unterstreichen. Der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan kam zur Eröffnung höchstpersönlich nach Deutschland. Er warb für einen Beitritt seines Landes zur Europäischen Union und sah die Türkei als Teil Europas. Während Erdogan früher alle Versuche, in Deutschland lebende Türken zu einem besseren Erlernen der deutschen Sprache zu ermuntern, scharf kritisierte, hörte man nun ganz andere Töne: Die türkischen Bürger in Deutschland „sollten auch Hegel, Kant und Goethe verstehen“. Eine kulturpolitische Charmeoffensive also, aber gleich gekoppelt mit der Forderung nach der doppelten Staatsbürgerschaft.

Doch in den deutsch-türkischen Kulturbeziehungen ist derzeit von Charme wenig zu verspüren, vielmehr sind sie einer schweren Prüfung ausgesetzt. Türkische Kulturfunktionäre überziehen zahllose Museen weltweit mit Rückforderungen, ob sie nun begründet sind oder nicht. Alles soll an seinen Ursprungsort zurück, und der türkische Kulturminister Ertugrul Günay erklärt dieses Ziel sogar zu seiner „Herzensangelegenheit“. Ob er in seinem Herzen aber auch jene Objekte aus Syrien, dem Libanon und anderen Teilen des ehemaligen Osmanischen Reiches trägt, die heute in türkischen Museen stolz zur Schau gestellt werden? Der Ton der Gespräche ist dabei wenig diplomatisch, was unter historisch so engen Partnern wie Deutschland und der Türkei irritieren muss.

Die Strategie der Hardliner lässt es im Augenblick offenbar noch nicht einmal zu, ausgestreckte Hände zu ergreifen und nach einvernehmlichen Lösungen zu suchen. Das ist bedauerlich. Vom British Museum in London etwa fordert die Türkei die sogenannte Samsat-Stele aus dem 1. Jahrhundert vor Christus zurück, obwohl das British Museum das Stück 1927 in Syrien erworben hat. Wie man hört, wäre das British Museum durchaus bereit, das Objekt als langfristige Leihgabe der Türkei zu überlassen, allerdings in Verbindung mit einer engeren Museumszusammenarbeit. Solches Ansinnen wies die türkische Seite jedoch schroff zurück und bezichtigte umgekehrt das British Museum öffentlich der Kooperationsunwilligkeit. Zusammenarbeit gern, aber bitte schön zu den von der Türkei diktierten Bedingungen!

So ähnlich erging es den Staatlichen Museen zu Berlin. Wir erinnern uns: Die stark fragmentierte hethitische Sphinx aus Bogazköy, die 1917 zur Restaurierung nach Berlin kam, wurde im vergangenen Jahr an die Türkei übergeben, obwohl die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dazu nicht verpflichtet gewesen wäre, weil die Aktenlage die Eigentumsfrage offenlässt. Ob es Absprachen über den Verbleib der Sphinx in Berlin gegeben hat, bleibt anhand der Quellen unklar. Uns schien die privilegierte Position der deutschen Archäologie in der Türkei seit fast 150 Jahren Grund genug, die ganz besonders engen und freundschaftlichen Beziehungen beider Länder durch die freiwillige Geste dieser Übergabe zu vertiefen. Es war also keine Restitution. Gemeinsam mit der türkischen Seite unterzeichneten wir dabei ein Kooperationsabkommen, das eine Intensivierung der musealen und archäologischen Zusammenarbeit vorsah, wobei es auch um Leihgaben für die Pergamon-Ausstellung in Berlin ging. Die deutsche Seite hat ihre Verpflichtungen erfüllt, die Türkei jedoch nicht, keine einzige der Zusagen wurde bislang eingehalten: Keine Leihgaben für Berlin, und die zugesagte engere archäologische Kooperation scheint sich eher ins Gegenteil zu kehren. Eines ist klar: Die Sphinx war der Testfall für die Ernsthaftigkeit des türkischen Willens zu einer zukunftsorientierten Gestaltung unserer Kulturbeziehungen. Das Ergebnis war mehr als ernüchternd.

Natürlich wird man Verständnis dafür aufbringen, dass die Menschen in Ländern wie der Türkei danach fragen, wie es sein kann, dass Teile ihrer Kulturgüter heute in europäischen und nordamerikanischen Museen zu sehen sind. Anstatt aber über die gängige Praxis der Fundteilungen vor über hundert Jahren aufzuklären und damit die Mitverantwortung der früheren Regierungen dieser Länder deutlich zu machen, inszeniert man sich lieber auf schrille Art und Weise als ahnungsloses Opfer von verwerflichem Kulturimperialismus. Ausländische Archäologen aus Europa und Nordamerika hätten in jener Frühzeit der Archäologie das kulturelle Erbe der Türkei ausgeplündert, wobei man aber geflissentlich ausblendet, was dabei für den Erhalt und die Erforschung ebendieses Kulturerbes geleistet wurde. Der enorme Tourismusboom in der Türkei geht nicht zuletzt auch auf diese Anstrengungen zurück. Und jeder weiß doch, dass die wunderbaren hellenistischen Reliefs des Pergamon-Altars gerade in die Kalköfen des Dorfes Bergama wanderten, als Carl Humann in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts dort auftauchte und sie im wahrsten Sinne des Wortes für die Nachwelt rettete. Stattdessen suggeriert man Bilder von Lug und Trug und Diebstahl. Hier wird Archäologiegeschichte umgeschrieben, und diese neue Story ignoriert hartnäckig historische Wahrheiten. Um die Altertümer geht es dabei ohnehin zuallerletzt.

Wenn den türkischen Kulturfunktionären ihre Altertümer wirklich so wichtig sind, warum setzen sie sich dann nicht mit den ausländischen Grabungsteams an einen Tisch und entwickeln eine gemeinsame, partnerschaftliche Strategie für den Erhalt des archäologischen Kulturerbes? Ist es denn nicht ein Glücksfall, dass Archäologen aus aller Welt mit hoher Kompetenz und gutem Geld auch in der Türkei antike Stätten erforschen und damit für die Nachwelt bewahren wollen? Es ist richtig, wenn die türkische Antikenverwaltung dies nach eingehender Prüfung der Grabungsanträge steuert und prüft. Seit mehr als einem Jahrhundert gibt es keine Fundteilungen mehr, alles bleibt im Lande, es gibt für die Türkei nichts zu verlieren und viel zu gewinnen. Die heute in Anatolien tätigen ausländischen Expeditionen sind bereit, sich auf kooperativere Formen der Zusammenarbeit einzulassen. Zudem ist die Archäologie eine internationale Wissenschaft, und die Nationalität des Ausgräbers sollte doch eigentlich unerheblich sein, solange er über die nötige Fachkompetenz und die erforderlichen Finanzmittel verfügt. Stattdessen wirft man vielen ausländischen Grabungen jedoch Nachlässigkeit, mangelnde Investitionsbereitschaft und wissenschaftliche Versäumnisse vor, obwohl die meisten dieser Projekte für ihre Förderung eine strenge fachliche Evaluierung nach international anerkannten wissenschaftlichen Qualitätskriterien durchlaufen müssen. Es ist ein leicht zu durchschauendes Spiel, und man fragt sich: Geht es der türkischen Seite wirklich noch um Partnerschaft und zeitgemäße Kooperationsformen?

Die französischen Ausgrabungen sind inzwischen geschlossen worden. Die deutschen Unternehmungen sollen künftig in erster Linie rekonstruieren, so lautet die Ansage. Anastilosis ist das Zauberwort: weniger graben, lieber viel aufbauen. Der Tourismus muss schließlich zu seinem Recht kommen. Wen schert es da schon, dass dieser Rekonstruktionswahn aus denkmalpflegerischen Erwägungen vielfach überhaupt nicht sinnvoll ist. Es ist ein willkommenes Druckmittel, und da fügt es sich dann trefflich, wenn die meisten ausländischen Grabungen mit ihren Forschungsetats die Wiedererrichtung von Gebäuden gar nicht finanzieren können. Wer aber nicht rekonstruieren will, der soll auch nicht mehr graben. Ist das der Kernpunkt der türkischen Strategie?

Sind die ausländischen Wissenschaftler erst einmal aus dem Lande, so hat man mit den einheimischen Archäologen umso leichteres Spiel, sie zu Vollzugsbeamten der eigenen Tourismusbehörden zu machen. Mit Wissenschaft hat das alles nicht mehr viel zu tun. Wenn der Türkei der Erhalt ihres kulturellen Erbes wirklich so wichtig ist, warum hat man es dann nicht zu verhindern gewusst, dass so herausragende Plätze wie die antike Bäderstadt Allianoi nahe Pergamon oder die einzigartige mittelalterlich-islamische Metropole von Hasankeyf aufgrund fragwürdiger Staudammprojekte ohne angemessene Erforschung einfach in den Fluten versinken? Selbst die verzweifelten Aufrufe türkischer Wissenschaftler blieben im eigenen Land ungehört.

Es geht vor allem um Politik und schon längst nicht mehr um das berechtigte Anliegen des Kulturgüterschutzes. In dieses Bild passt nur zu gut eine am 19. Januar 2012 erfolgte Aktualisierung des türkischen Kulturgüter-Gesetzes, die weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit in Kraft gesetzt wurde. Die Novellierung dieses Gesetzes erlaubt es nunmehr, dass Kulturgüter, die lediglich von wissenschaftlichem Wert sind, immer dann, wenn sich Ähnliches bereits in der Schausammlung eines Museums befindet, unter Aufsicht des Ministeriums verkauft werden können. Um ihre überfüllten Depots zu entschlacken, dürfen die Museumsbeamten also mit staatlicher Genehmigung ihre eigenen Bestände veräußern. Selbst türkische Archäologen waren fassungslos von so viel Chuzpe.

Ist „nur“ wissenschaftlich wertvolles Kulturgut nun also nicht mehr erhaltenswert? Und wer trifft am Ende wirklich die Entscheidung, was veräußert werden kann? Darf also ein Museum, das in seiner Schausammlung zwei hübsche Keilschrifttafeln zeigt, die übrigen fünfzig aus dem Depot meistbietend an Privatleute verjubeln? Damit wird die vornehmste Aufgabe der Museen ausgehebelt, nämlich das kulturelle Gedächtnis der Menschheit zu bewahren, zu erforschen und zu vermitteln. Es ist entlarvend, wenn dieselben Leute, die auf der einen Seite dieses Gesetz erlassen haben, auf der anderen Seite nun plötzlich vor über hundert Jahren rechtmäßig ins Ausland gelangte Kulturgüter vehement zurückfordern.

Da überrascht es dann auch nicht mehr, wenn die türkische Regierung im August vergangenen Jahres ein weiteres Gesetz erlassen hat, das der Türkischen Akademie der Wissenschaften (TÜBA) ihre Autonomie nahm. Diese Akademie – ihre Mitglieder sind das „Who’s who“ der türkischen Wissenschaft – darf künftig ihre Mitglieder nicht mehr selbst wählen. Zwei Drittel davon inklusive des gesamten Präsidiums werden nunmehr direkt von der türkischen Regierung ernannt. Wissenschaftliche Selbstverwaltung ist Makulatur geworden.

Gegen diese unglaubliche Maßnahme hat sich ein internationaler Sturm der Entrüstung erhoben, die angesehensten Wissenschaftsakademien weltweit haben sich mit Protestbriefen an den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül gewandt und ihn eindringlich gebeten, diese Regelung rückgängig zu machen und der hochangesehenen Türkischen Akademie der Wissenschaften wieder ihre Selbständigkeit zurückzugeben. Doch nichts ist geschehen. Mehr als 140 Mitglieder, die besten Köpfe des Landes, haben ihre Mitgliedschaft bereits niedergelegt.

Ja, die Türkei ist auf dem besten Wege zu einem politischen und wirtschaftlichen Schwergewicht an der Schwelle vom Orient zum Okzident. Sie könnte leicht auch ein bedeutender wissenschaftlicher und geistiger Faktor in der Region sein, gerade deshalb ist diese Art der intellektuellen Selbstverstümmelung ein Skandal. Angesichts solcher Entwicklungen wird man sich mit Recht fragen dürfen, was die Türkei – einmal in der Europäischen Union angekommen – wirklich würde beitragen können? Nicht nur kulturpolitisch steht die Türkei an einem Scheideweg. Gewiss stehen die Zeichen für eine auch weiterhin florierende Wirtschaft günstig.

Nachhaltig kann diese Entwicklung aber nur sein, wenn das Land seine eigenen intellektuellen Kräfte nicht an die Leine legt, sondern ihr Gestaltungsfreiheit gibt. Das hat auch etwas mit Grund- und Menschenrechten und mit Meinungsfreiheit zu tun. Man mag noch kopfschüttelnd schmunzeln, wenn der amerikanischen Zeichentrickserie „The Simpsons“ Gotteslästerung unterstellt und der die Folge ausstrahlende türkische Fernsehsender zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt wird, auch wenn dies nicht wirklich witzig ist. Gar nicht mehr komisch wird es aber, wenn der weltbekannte Pianist Fazil Say aufgrund flapsiger Äußerungen zum Paradies der Verunglimpfung religiöser Werte beschuldigt wird. Ihm drohen nun im schlimmsten Fall bis zu anderthalb Jahre Gefängnis. Pussy Riot lässt grüßen. Man darf gespannt sein, wie das Gericht im Februar kommenden Jahres darüber entscheiden wird.

Viele Europäer betrachten die Türkei mit ihrer islamisch geprägten Kultur als Bestandteil Europas. Für Deutschland gilt dies in besonderer Weise, weil unser Land durch seine Geschichte und Hunderttausende türkischer Mitbürgerinnen und Mitbürger eng mit der Türkei verbunden ist. Insofern wäre es besser, wenn die Türkei die Strategie der kulturpolitischen Konfrontation aufgeben und wieder auf ihre historischen Partner zugehen würde. Die Zukunft kann nur dann gewinnbringend gestaltet werden, wenn beide Seiten auf einen offenen und fairen Dialog setzen und Respekt voreinander zur Grundlage ihres Handelns machen. Und diese gemeinsame Zukunft fängt schon beim Umgang mit den Resten der frühesten Vergangenheit an.

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Time am 16. Dezember 2012


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