Mit ‘Ian Buruma’ getaggte Artikel

Im Interview: Heinrich August Winkler

1. Januar 2012

Die FAZ brachte am 25. Dezember des vergangenen Jahres ein Interview mit dem deutschen Historiker Heinrich August Winkler (1), von dem vor mehr als zwei Jahren anlässlich seines Werkes „Geschichte des Westens“ bereits einmal die Rede in der MoT gewesen war (2). Die Fragen stellte Claudius Seidl.

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Wo fängt der Westen an, wo hört der Osten auf?

Herr Professor, was ist das überhaupt der Westen? Und wo verlaufen seine Grenzen?

Historisch betrachtet ist der Westen: das lateinische Europa. Jener Teil Europas, der im Mittelalter und darüber hinaus sein spirituelles Zentrum in Rom hatte. Denn das ist der Teil Europas, in dem die Geschichte der Gewaltenteilung beginnt. Die Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt, auch die von fürstlicher und ständischer Gewalt. Ich denke an das Wormser Konkordat von 1122 und die Magna Charta von 1215 in England. Und nur dort, wo es diese Vorgeschichte gab, konnte sich die Trennung von gesetzgebender, vollziehender und rechtsprechender Gewalt durchsetzen. Nur im Okzident gab es die großen Emanzipationsprojekte, die Renaissance, die Reformation, die Aufklärung. Im byzantinisch-orthodoxen Osten fand das alles nicht statt.

Sie nennen die Reformation: War die aber nicht ein Rückschlag?

Einerseits ja. Das Luthertum hat mit seinem Staatskirchentum eine Veröstlichung Deutschlands bedeutet. Andererseits hat Luther, indem er das individuelle Gewissen aufgewertet hat, einen immensen Beitrag zur Moderne geleistet. Theologisch war die Reformation eine deutsche Revolution, von den weitgeschichtlichen Wirkungen her eine angelsächsische. Es waren englische und amerikanische Nonkonformisten, die als Erste demokratische Ideen entwickelt haben.

Aber wo verlaufen heute die Grenzen. Wo hört der Westen auf, wo fängt der Osten an?

Die Trennung zwischen dem lateinischen und dem orthodoxen Europa ist heute noch greifbar – man muss sich nur vor Augen führen, welche Probleme die EU-Mitglieder Bulgarien, Rumänien, Griechenland mit der Gewaltenteilung, mit dem “rule of law”, heute noch haben.

Der Westen besteht also aus Westeuropa und Nordamerika?

Man kann von einer transatlantischeu Kooperation sprechen: Der moderne Westen ist das Ergebnis zweier Revolutionen, der amerikanischen von 1776 und der französischen von 1789. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, wie sie die französische Nationalversammlung verabschiededet hat, war wesentlich inspiriert von Lafayette, der im amerikanischen Unabhängigkeimkrieg gekämpft hatte, und Thomas Jefferson, dem damaligen amerikanischen Botschafter in Paris.

Die Französische Revolution lief erst auf den Terror, dann auf Napoleon hinaus. Die amerikanische war erfolgreicher.

Tocqueville hat einmal gesagt, zu Beginn der Französischen Revolution war noch viel von Montesquieu die Rede, also von der Teilung der Gewalten, später nur noch von Rousseau. Und Rousseaus volonté générale, die auch unabhängig vom empirischen Volkswillen postuliert werden kann, ist nicht unbedingt eine demokratische Idee. Auch totalitäre Bewegungen konnten sich immer auf Rousseau berufen.

Ist seither der Westen nach Osten gewandert? Hat der Westen seine Ostgrenze erweitert?

Es hat 200 Jahre gedauert, bis sich die Ideen von 1776 und 1789 im ganzen Westen durchgesetzt hatten. Es gab ja viele Länder, die sich dagegen gewehrt haben; am bekanntesten ist der sogenannte deutsche Sonderweg, das Widerstreben der deutschen Eliten, die Volkssouveränität, die repräsentative Demokratie, die unveräußerlichen Menschenrechte zu akzeptieren. Der Erste Weltkrieg war in der Sicht vieler Deutscher auch der Konflikt zwischen Ordnung, Zucht, Innerlichkeit, den „Ideen von 1914“ einerseits; Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, den „Ideen von 1789“ andererseits.

Ist Deutschland inzwischen wirklich im Westen angekommen? Hat nicht auch Gerhard Schröder vom deutschen Weg gesprochen? Und spüren deutsche Politiker nicht immer wieder die Versuchung, gewissermaßen die Äquidistanz zu halten, zwischen Russland und Amerika?

Das Wort vom „deutschen Weg“ ist in der Ära Gerhard Schröders kurz aufgetaucht. Und ganz schnell wieder verschwunden. Kein ernsthafter deutscher Politiker wird in Frage stellen, dass Deutschland ein Land des Westens ist, zum atlantischen Bündnis und der Europäischen Union gehört. Die Ideologie der Mittellage hat ausgedient. Was soll sie auch, in einer Zeit, da unser östlicher Nachbar Polen sich dezidiert zum Westen bekennt? Und das entspricht ganz dem historischen Selbstverständnis Polens.

War die Stimmenthaltung in der Libyen-Frage ein Bekenntnis zum Westen?

Das war ein Tiefpunkt der deutschen Außenpolitik. Zum ersten Mal hat sich Deutschland von seinen wichtigsten Verbündeten abgekoppelt. Gerhard Schröders wohlbegründetes Nein zum Irak-Krieg war mit Frankreich abgestimmt. In der Libyen-Frage hat Deutschland im Sicherheitsrat gegen Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten gestimmt – zu einem Zeitpunkt, da es darum ging, ein Blutbad in Bengasi zu verhindem. Das war ein Sündenfall, von dem ich allerdings glaube, dass er Lernprozesse ausgelöst hat.

Gibt es den Westen überhaupt noch – als Projekt?

Viele meinten ja nach dem Ende des Ostblocks, der Epochenwende der Jahre 1989 bis 1991, dass der Westen seine raison d’etre verloren habe. Andere haben vorausgesagt, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis sich westliche Regierungsformen und westliche Werte in der ganzen Welt durchgesetzt haben würden. Beide haben sich geirrt. Die Anschläge vom 11. September 2001 richteten sich nicht nur gegen Amerika, sondem gegen den Westen insgesamt. Wenn der Westen daran zweifelt, dass es ihn gibt, belehren ihn seine Gegner eines Besseren.

Driften aber Amerika und Europa nicht immer weiter auseinander?

Ich glaube, dass die meisten Kontroversen zwischen Europäern und Amerikanern letztlich Dispute um die unterschiedliche Auslegung gemeinsamer Werte sind. Aber in einer multipolaren Welt, in der manche der aufsteigenden Nationen, China vor allem, dezidiert antiwestliche Ordnungsvorstellungen vertreten, kommt alles darauf an, dass Amerika und Europa über all den Unterschieden ihre Gemeinsamkeiten nicht vergessen. Und je mehr Amerika sich zum pazifischen Raum hin orientiert, je abhängiger Amerika wirtschaftlich von China wird, desto wichtiger wird es, dass Europa in wichtigen Fragen ein einheitliches Votum abgibt. Nur dann kann es ein starker Partner der USA sein.

Der Westen, das Abendland, definiert sich selber ja als einen der Welt, dem ein anderer Tei gegenübersteht: der Osten, das Morgenland. Wer sich, um den Gegensatz kurz anschaulich zu machen als Reich der Mitte definiert, dem ist alles andere bloß Peripherie. Wer ist denn heute dieses Gegenüber?

Ich glaube nicht, dass der Westen eines Gegners bedarf. Aber die Prägungen des Westens werden immer dann besonders deutlich sichtbar, wenn sie in Frage gestellt werden von einer Macht wie China, wo die Würde des Individuums und die Freiheit des Einzelnen sehr viel geringer geschätzt werden als im Westen.

Heißt das, dass wir unsere Menscben- und Freiheitsrechte für uns behalten sollen?

Es gibt gerade aus China ein bewegendes Dokument, die Charta 08, im Wesentlichen verfasst vom Nobelpreisträger Liu Xiaobo. Sie wird von kommenden chinesischen Generationen in eine Reihe gestellt werden mit der Virginia Bill of Rights und der Erklärung der Menschenrechte durch die französische Nationalversammlung. Ich glaube nicht, dass die Chinesen sich mit dem winzigen Maß an Freiheit, das sie heute haben, begnügen werden. Ich glaube an die subversive Kraft des normativen Projekts des Westens. Der Westen hat längst aufgehört, die ganze Welt zu dominieren. Aber sein normatives Projekt hat die Chance, die Welt noch gründlich zu verändern.

Deutsche Politiker tun gern so, als ob die ununveräußerlichen Menschenrechte nur die kulturelle Ausnahme des Westens wären – und bei Russen, Persern, Chinesen herrschen halt andere Verhältnisse. Angelsachsen sind da härter, konfliktbereiter.

Manche deutschen Denkbestände haben alle Epochenwenden überlebt. Max Weber nennt in seiner Auflistung der großen Hervorbringungen des Westens von 1920 die Rationalität des Rechts, das rationale Wirtschaftsdenken, die rationale, harmonische Musik. Nicht aber Gewaltenteilung, Volkssouveränität, repräsentative Demokratie. Undenkbar, dass damals ein französischer, englischer oder amerikanischer Soziologe so über den Westen gesprochen hätte. In Deutschland gibt es immer noch ein paar Vorbehalte gegenüber der Art und Weise, wie Angelsachsen und Franzosen auf der Universalität der Menschenrechte bestehen.

Noch in den neunziger Jahren hat Ian Buruma in einem berühmten Essay erläutert, dass Asiaten sich nicht als Asiaten verstehen, sondern als Chinesen, Inder, Japaner und so weiter. Heute teilt Ihr Kollege Niall Ferguson die Welt auf in „the West and the rest“. Und eine Kollegin aus Taiwan hat mir neulich erzählt, sie sei in Ägypten als Schwester begrüßt worden. Begründung: Wir sind doch alle der Osten. Drängt der Westen den Rest der Welt in dieses Restsein?

Vielleicht sollten wir, angesichts der deutschen Erfahrungen und im Unterschied zu den naiven Vorstellungen amerikanischer Neokonservativer, nicht immer gleich mit der Tür ins Haus fallen und die Demokratie in ihrer westlichen Form zum Nahziel erklären. Das demokratische Mehrheitsprinzip kann nur da funktionieren, wo sich eine Zivilgesellschaft entwickelt hat, wo es Gewaltenteilung und die Herrschaft des Rechts gibt. Dass es eine Mehrheit gegen die Demokratie geben kann, das hat Deutschland in den letzten Jahren der Weirnarer Republik erfahren. Daraus ergibt sich kein Argument gegen die Demokratie – wohl aber gegen die Annahme, dass Demokratie im Mehrheitsprinzip aufgeht.

Überschätzen wir die Demokratie – und unterschätzen den Rechtsstaat?

Demokratie ohne Rechtsstaat ist nicht davor gefeit, in Tyrannei umzuschlagen. Davor hat John Stuart Mill schon 1859 gewarnt – und der war ein englischer Liberaler, dem man nur schwer deutsches obrigkeitsstaatliches Denken vorwerfen kann.

John Stuart Mill sagte auch, dass die Schlacht am Thermopylenpass als Datum der englischen Geschichte wichtiger als die Scblacht von Hastings sei. Warum haben Sie die griechische Antike herausgekürzt aus der Geschichte des Westens?

Ich habe die unmittelbare Kontinuität betont, die vom jüdischen und christlichen Monotheismus zum modernen Westen führt. Der Gedanke der Gleichheit aller Menschen vor Gott geht dem Gedanken der Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz voran. Und in der Gottesebenbildlichkeit steckt schon die Menschenwürde. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist – in diesem Wort Jesu ist die Emanzipation des Menschen und die Säkularisierung der Welt als Möglichkeit angelegt.

Und Athen, die Erfindung der Demokratie?

Die amerikanischen Gründerväter der modernen repräsentativen Demokratie haben die attische Versanunlungsdemokratie geradezu als abschreckendes Beispiel für die Herrschaft von Demagogen beschrieben – und ihre Regierungsform als bewusstes Gegenmodell dazu entwickelt. Auffallend ist ja, dass gerade dort, wo Griechenland unmittelbar fortwirkte, in Byzanz also, die Entwicklung nicht stattfand, die zu Aufklärung, Emanzipation, Demokratie führte. Die Grenze zwischen Ostrom und Westrom wirkt noch im heutigen Europa. Im Übrigen gehe ich auf die Nachwirkungen des politischen Denkens der Antike ausführlich ein.

In Europa leben immer mehr Migranten aus nichtwestlichen Ländern, in Amerika sind es die Chinesen, die die meisten Schuldtitel halten. Bedroht beides den Westen als Projekt?

Die Einwanderung aus nichtwestlichen Ländern kann der Westen sehr gut bewältigen, wenn er darauf beharrt, dass sein Wesenskern nicht zur Disposition steht: die unveräußerlichen Menschenrechte, der Rechtsstaat, die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und was die Abhängigkeit Amerikas von China angeht, so steht der eine ebenso große Abhängigkeit Chinas von den Vereinigten Staaten gegenüber. Der Westen würde seine Glaubwürdigkeit und seine Selbstachtung verlieren, wenn er den Anspruch auf die universale Geltung der Menschenrechte leugnen würde. Er muss sie niemandem aufzwingen, aber er kann dafür werben, indem er sich selbst daran hält. Und jene ermuntert und unterstützt, die sich, wie Ai Weiwei, wie Liu Xiaobo, zu diesen Werten bekennen.

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Time am 1. Januar 2011

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_August_Winkler
2) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/22/winklers-geschichte-des-westens/

Im Zeichen der Kirschblüte

19. März 2011

In der heutigen FAZ gibt es einen sehr einfühlsamen Aufsatz von Ian Buruma (1) in der Übersetzung von Matthias Fienbork, der deutlich macht, warum unsere fernen Nachbarn in Japan so leicht unsere Freunde sein können (während dies in Bezug auf unsere unmittelbaren Nachbarn, die dauerhysterischen Mohammedanisten, unmöglich ist).

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Schönheit ist nur das Gesicht des Schreckens

Zwischen Fatalismus und magischem Denken: Ihre Kulturgeschichte lehrt die Japaner den Umgang mit Katastrophen.

Theorien über Nationalcharakter sind mit Vorsicht zu genießen. Das menschliche Verhalten ist viel zu eigenwillig, als dass man es an Faktoren wie Klima oder natürlicher Umgebung festmachen könnte. Und doch wird man vernünftigerweise annehmen können, dass Menschen, die am Fuß eines Vulkans leben, eine etwas andere Lebenseinstellung haben als die Bewohner einer sanften englischen oder bayerischen Hügellandschaft. Vor allem dürften sie kaum Jahrzehnte damit verbringen, an Vulkanhängen Kathedralen zu bauen. Grandiose Bauwerke für die Ewigkeit zu errichten wäre töricht, wenn man davon ausgehen muss, dass die Natur sie jederzeit zerstören kann.

Alle Menschen wissen, dass sie sterben werden, aber nicht alle betrachten Städte als ebenso vergänglich wie das Leben. Europäer beispielsweise können sich zumindest der Illusion hingeben, dass manche Dinge ewig halten. Diese Illusion hatten Japaner nie. Sie können es sich auch nicht leisten. Ihr Land ist viel zu erdbeben- und tsunamigefährdet. Die traditionellen japanischen Häuser aus Holz und Papier waren so flexibel, dass sie kleineren Beben widerstanden, und so leicht, dass die Bewohner eine Überlebenschance hatten, wenn das Haus einstürzte. Aber sie brannten auch leicht. In der Zeit, als Tokio noch Edo hieß, brachen so oft Großbrände aus, dass die Leute mit einem gewissen Stolz den Gefahren von Feuersbrunst trotzten, den sogenannten “Blumen von Edo”.

Im zwanzigsten Jahrhundert wurde Tokio zweimal fast vollständig zerstört: 1923 durch ein Erdbeben, das sich um die Mittagszeit ereignete und den größten Teil der Stadt durch Feuer vernichtete, und ein zweites Mal 1945 durch amerikanische Luftangriffe, bei denen mehr als hunderttausend Menschen durch Brandbomben umkamen, die “Molotow-Blumenkörbe” genannt wurden. Und zweimal schafften es die Japaner, aus dem zerstörten Tokio in Rekordtempo eine noch modernere, noch rasantere Stadt wiederaufzubauen.

Die Unberechenbarkeit der Naturgewalten mag zur buddhistischen Schicksalsergebenheit der Japaner beigetragen haben. Der Buddhismus ist nur eine der großen japanischen Religionen. Die andere ist der Shintoismus, ein altjapanischer Kult. Daneben gibt es den Konfuzianismus, eine chinesische Moralphilosophie. Alle drei prägen das japanische Denken und Verhalten. Besonders im Buddhismus mit seiner Vorstellung eines ewigen Kreislaufs von Tod und Wiedergeburt geht es um Vergänglichkeit und Verlust. Da man Erdbeben oder Tsunamis nicht verhindern kann, ist es am besten, den Gedanken an eine jederzeit mögliche Zerstörung als notwendigen Bestandteil des Lebens zu akzeptieren. Einer der gebräuchlichsten Ausdrücke im Japanischen (wie das “that’s not fair” im Englischen) lautet Shikata ga nai, “es ist nicht zu ändern”.

Das bedeutet nicht, dass das Leben in Japan nichts zählt. Die Japaner leben genauso gern und nehmen genauso großen Anteil am Leben ihrer Angehörigen und Freunde wie die Engländer oder Bayern. Wenn überhaupt, dann sollte die Erkenntnis, dass das Leben in jedem Moment zu Ende sein kann, die Menschen dazu bringen, noch bewusster zu leben. Tatsächlich gibt es in Japan genauso große Unterschiede wie anderswo. Manche Japaner genießen das Leben mehr als andere. Aber die Vorstellung, dass nichts von Bestand ist, prägt die Kultur auf besondere Weise. Man sieht das beispielsweise in der Kunst.

Wir alle sind traurig, wenn etwas Schönes vergeht. Die Japaner machen fast einen Kult daraus. Eben deswegen spielt die Kirschblüte eine so große Rolle, weil sie nur kurze Zeit dauert. Kaum hat man seine Sake-Schale auf diese rosafarbene Pracht erhoben, ist sie auch schon vorbei.

Die Japaner, heißt es, seien viel eher bereit als andere Völker, Selbstmord zu verüben. Das stimmt nicht. In einigen anderen Ländern – Litauen oder Südkorea – sieht die Statistik viel düsterer aus. Doch im traditionellen Drama und selbst in modernen Popsongs wird die melancholische Schönheit des Todes in der Blüte der Jugend gefeiert. Nicht umsonst wurden die Kamikaze-Piloten in zeitgenössischen Schlagern als “Kirschblüten” bezeichnet.

Die Vergänglichkeit des Lebens ist ein beliebtes Thema in Dichtung und Malerei, im Film und selbst in der Architektur. Die zerstörerischen Naturgewalten sind also nicht nur Quelle von Angst oder Fatalismus, sondern auch von Kreativität. Sie sind gewissermaßen Teil der japanischen Kultur. Im Alltag hat das positive wie negative Auswirkungen. Das Gefühl, dass der Mensch nicht viel tun kann, um angesichts von Naturkatastrophen oder autoritären Herrschern sein Schicksal zu bestimmen, kann zu einer Aufkündigung von individueller Verantwortung führen. Wenn Menschen Verantwortung übernehmen, dann oft in einem formalen Sinn – im Namen der Familie oder des Unternehmens und durchaus auch für anderer Leute Fehler.

Die Japaner haben ein ausgeprägtes kollektives Verantwortungsgefühl. Man kümmert sich um die Gemeinschaft, von der Familie bis hin zur Nation. Die Idee einer universalen Brüderlichkeit im christlichen Sinne ist dem traditionellen japanischen Denken fremd. Zwar hat Japan den Vereinten Nationen viel Geld überwiesen, nicht zuletzt, um nach dem Zweiten Weltkrieg den Respekt der Welt zu gewinnen. Die Japaner haben oft geholfen, wenn andere Länder von Erdbeben oder anderen Naturkatastrophen heimgesucht wurden. Aber in der Vergangenheit ist es ihnen schwer gefallen, ausländische Hilfe anzunehmen, weil sich das nicht mit der japanischen Ehre vereinbaren ließ. Die japanischen Behörden fanden, dass sich das Land selbst zu helfen habe. Als 1995 weite Teile der Stadt Kobe durch ein Erdbeben zerstört wurden, lehnte die Regierung ausländische Hilfsangebote ab, zum Schaden der Opfer. All das hat mit einem kollektivem Pflichtgefühl zu tun, dem Privatinitiative fremd ist. Der amerikanische Individualismus – auch das zum Teil ein Mythos – würde traditionellen Japanern als kindische Illusion erscheinen. Das kann Ausdruck philosophischer Reife sein. Aber es verlangt einen hohen politischen Preis. Der Zweite Weltkrieg mit seinen ungeheuren Zerstörungen wurde nach der Niederlage 1945 von vielen nur als neuerliche Naturkatastrophe, als eine Art Erdbeben empfunden. Diese Haltung verstärkte sich noch durch die beispiellose Zerstörungskraft der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki. Diese neue Waffe wurde als höhere Gewalt betrachtet, als etwas, das außerhalb jeder Kriegserfahrung lag, geradezu als Magie. Deshalb war die Kapitulation nach dem Bombenabwurf nicht ehrenrührig. Was konnte ein aufrechter Krieger schließlich gegen eine solche Waffe ausrichten? In der Bevölkerung entwickelte sich die gleiche Denkweise. Man konnte nichts dagegen tun, also fühlte sich auch niemand verantwortlich. Das ist keine produktive Sicht auf die Vergangenheit.

Andererseits reagierten die meisten Japaner in bewundernswerter Weise auf die katastrophale Niederlage. Quasi über Nacht begann eine Nation von chauvinistischen Kaisertreuen, ihre Gesellschaft in liberalerem, demokratischerem Geist zu erneuern. Nirgendwo wurde der Wiederaufbau aus Ruinen tatkräftiger, entschlossener und auch optimistischer betrieben als im Nachkriegsjapan. Wie die Einwohner des alten Edo, die nach jedem Erdbeben oder Feuersturm wieder von null anfingen, gingen die Japaner sogar gestärkt aus dem Zusammenbruch hervor.

Das wird gewiss auch für die jüngste Katastrophe gelten. In mancherlei Hinsicht hat sie schon das Beste in den Japanern hervorgebracht und auch bemerkenswerte Veränderungen erkennen lassen. Viele Beobachter staunen über die allgemeine Disziplin – nirgendwo Plünderungen, nirgendwo Unruhen, nirgendwo offene Panik. So war es nicht immer. 1923 ermordete ein wütender Mob viele Koreaner, die für alles verantwortlich gemacht wurden, vom Erdbeben bis hin zu vergiftetem Wasser. Nicht diesmal. Man hat Vergleiche zu der Situation in New Orleans nach Katrina gezogen, bei denen die Japaner sehr gut abschneiden. Auch die Bereitschaft der japanischen Regierung, diesmal ausländische Hilfe anzunehmen, ist ein gutes Zeichen.

Ein schönes Symbol für den immerwährenden Kreislauf von Zerstörung und Erneuerung ist der Shinto-Schrein in Ise in Zentraljapan. Shinto (“Weg der Götter”) ist eine Art Natur- und Fruchtbarkeitskult, der aber auch die Launenhaftigkeit der Natur anerkennt – in der shintoistischen Welt können gefährliche Vulkane heilig sein. Magisches Denken, wie es die Reaktion auf Hiroshima und Nagasaki kennzeichnete, war in gewisser Weise typisch für den Shintoismus. Die Götter können nicht nur wohlgesinnt sein, sondern auch zerstören. Alles kann Elemente des Heiligen in sich tragen – der Berg Fuji, Flüsse, der Kaiser oder der riesengroße Katzenfisch, der in alten Zeiten als Auslöser gewaltiger Erdbeben angesehen wurde.

Kraft, zumal potentiell zerstörerische Kraft, muss mit Opfergaben und Gebeten besänftigt werden. Die Kraft, die im Schrein von Ise angebetet wird, ist eng mit der kaiserlichen Familie verbunden, die nach allgemeiner Auffassung auf die Sonnengöttin Amaterasu zurückgeht. Der Schrein ist so heilig, dass nur Angehörige der Kaiserfamilie Priester oder Priesterinnen werden können. Dieser heiligste aller Schreine wurde vor 1500 Jahren errichtet. Er ist sehr alt und zugleich sehr neu. Denn alle zwanzig Jahre wird er abgerissen und in identischer Gestalt aus frischem Zedernholz neu gebaut. Wie das Land, wie alle Geschöpfe der Natur, so erneuert sich dieser Schrein unablässig selbst. Dauerhaft ist einzig seine Vergänglichkeit.

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Time am 19. März 2011

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Ian_Buruma

Die Lust des Blinden zu führen

18. Juni 2010

“Der Blinde führt die Blinden” von Walter Heckmann (1) 1991

Wolfgang Günther Lerch gedachte in der gestrigen FAZ des Orientalisten Gernot Rotter, der letzte Woche verstarb. Herr Rotter ist u.a. Übersetzer der “Sira”, also der Biografie von Klo H. Metzel (2).

Ob er ein guter Übersetzer ist, kann ich nicht beurteilen, aber es ist natürlich ein großes Verdienst, sich durch den gesammelten Schwachsinn des Lebens eines perversen Irren zu kämpfen, dessen böser Geist heutezutage zu einer Bedrohung für die ganze Welt geworden ist. Auch die beiden Vorworte Rotters zu verschiedenen Auflagen der Biografie sind sachlich.

Dubios mutet allerdings die Gesellschaft an, in die er sich bei der Veröffentlichung begeben hat. Sein Verleger Salim Spohr ist Konvertit, eingefleischer Demokratiefeind, sehr rührig und völlig durchgeknallt (3), was nicht heißt, dass er kein eingefleischter Geschäftsmann wäre (4). Den Klappentext der Sira hat er mit absurdem Gefasel gefüllt. Beim Mohammedanismus gehe es um die “Wiedererneuerung des Glaubens an den einen und einzigen Gott…“, oder: “Betrachtet ein Muslim das Leben seines Propheten in dessen Vielschichtigkeit und Fülle als unvergleichliches Geschenk eines über die Maßen barmherzigen Gottes an die Menschheit, so rühren ihn die vielbezeugte Vortrefflichkeit und Lauterkeit seines Charakters immer wieder zu Tränen“, oder: “das… wirkmächtige Leben dieses wunderbaren Mannes…”.

Dies sind alles andere als wissenschaftliche oder nüchterne Aussagen, das ist dumpfes, romantisches und verlogenes Gesabbel eines kostümierten Narren und angesichts des blutrünstigen Inhaltes der Sira im Grunde ein Skandal. Was man über diesen “wunderbaren” Mann in der Sira lesen muss, ist die Beschreibung eines elend niedrigen Charakters und brutalen Verbrechers, der stolz auf seinen verkommenen Geist ist. Dass Herr Rotter hier nicht nur nicht auf einer Kommentierung bestanden hat, sondern sogar das schleimige Gesülze von “Sheik” Spohr zuließ, sollte ihn der wissenschaftlichen Sphäre zutiefst suspekt machen.

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Er ließ Allahs Plagiator auffliegen

Streiter gegen ein verzerrtes Islam-Bild:
Zum Tod des Orientalisten Gernot Rotter

Drei Männer haben ihn maßgeblich beeinflusst: der Religionswissenschaftler Gustav Mensching, der marxistische Philosoph Ernst Bloch – der ihn in seiner religionsskeptischen Überzeugung prägte – und Josef van Ess, der Tübinger Orientalist, dessen Assistent er eine Zeitlang war. Gernot Rotter war bis zu seiner Emeritierung 1993 Professor für gegenwartsbezogene Orientwissenschaft am Orientalischen Seminar der Universität Hamburg. Er studierte in Bonn Islamwissenschaft zu einer Zeit, da dieses Fach fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit betrieben wurde – von einigen wenigen Leuten, die man damals gern als Exoten bezeichnete. Das hat sich radikal geändert, und Rotter, der sich immer auch für den modernen Orient und die Politik interessierte, war das gerade recht. Wer ihn in Tübingen im Seminar erlebte, schätzte seinen bisweilen an Sarkasmus grenzenden trockenen Humor.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er mit einer publizistischen Arbeit bekannt: In dem Buch “Allahs Plagiator” konnte er zeigen, dass der Journalist und Nahost-Reporter Gerhard Konzelmann in seiner Mohammed-Biographie seitenweise von ihm abgeschrieben hatte, ohne die Quelle anzugeben. Seitdem nahm er immer wieder Stellung zu aktuellen Ereignissen im Nahen Osten, zum Beispiel im Karikaturenstreit. Stets lag ihm dabei am Herzen, ein verzerrtes Islam-Bild im Westen zu korrigieren, gleichzeitig aber auch mit muslimischen Vorurteilen durchaus hart ins Gericht zu gehen.

Der mit einer Arbeit über die “Stellung des Negers in der arabisch-islamischen Gesellschaft bis zum 16. Jahrhundert” bei Mensching promovierte und bei van Ess über die Dynastie der Omajjaden von Damaskus habilitierte Islamkundler kannte den modernen Orient gut, zumal aus den vier Jahren, die er als Direktor des deutschen Orient-Instituts in Beirut verbrachte. Als Orientalist lag sein Schwerpunkt – neben der aktuellen Entwicklung der islamischen Gesellschaften – im Historischen. Seine von ihm herausgegebene Bibliothek Arabischer Klassiker, für die er auch als Übersetzer tätig war, gehört zum Bestand jener Bücher, aus denen sich auch der Laie über klassische Originaltexte der muslimischen Kultur informieren kann. Dazu gehört eine Übertragung der berühmten “Sira rasul Allah” des Ibn Ishaq, der zum Standard gewordenen Propheten-Biographie.

Rotter wurde 1941 in Troppau geboren und war der Sohn des Journalisten Walter Rotter. Mit seinem Bruder zusammen, dem Mittelalter-Historiker Ekkehart Rotter, veröffentlichte er das Werk “Venus, Maria, Fatima” – eine Kritik der Frauenfeindlichkeit in Islam und Christentum. Politisch vorübergehend für die Grünen im Landtag von Rheinland-Pfalz engagiert, blieb er danach ein Ratgeber in Fragen der Migration und Integration muslimischer Menschen in Deutschland. In der vorigen Woche ist Gernot Rotter im Alter von 69 Jahren gestorben.

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Dass Menschen mit Blindheit geschlagen oder eingeschränkt sind, kommt vor. Warum aber drängt es so viele geistig eingeschränkte Menschen in Führungspositionen? Warum wollen sie mit Macht ihre Anschauungen wider den gesunden Menschenverstand oder jedwede Evidenz zur Norm erheben?

Steckt eine perverse Lust dahinter? Sind sie alle gekauft?

Ebenfalls in der gestrigen FAZ kritisierte Kermani-Verteidiger (5) Friedrich Wilhelm Graf (6) einen aktuellen Aufsatz (7) des Niederländers Ian Buruma (8), welcher Ayaan Hirsi Ali als “Fundamentalistin der Aufklärung” bezeichnet hatte.

Buruma scheint Wissenschaft als Instrument zur Volkserziehung mißzuverstehen. Das Ergebnis der “wissenschaftlichen” Untersuchung wird bei ihm zu Beginn festgelegt, und dann erstellt er eine Datensammlung in diesdem Interesse. Graf: “Buruma folgt einer klaren religionspolitischen Agenda. Er will die vielen Europäer, welche die wachsende Einwanderung aus dominant muslimischen Gesellschaften als Bedrohung europäischer Identität wahrnehmen und im Islam eine prinzipiell demokratiefeindliche Religion sehen, von der Demokratiefähigkeit der Korantreuen überzeugen.” So wie Spohr, der auf dem Klappentext über die “Lauterkeit” von Klos Charakter faseln kann, während der Text zwischen den Deckeln eine einzige Anhäufung von Scheußlichkeiten bietet, häuft Buruma einen Wortberg gegen das Offensichtliche an: Denn der Mohammedanismus ist immer gewalttätig, unfrei und expansiv. Selbstredend verweigert sich Buruma der Methode der Falsifikation.

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Wie lassen sich die Götter zähmen?

Ian Burumas neues Buch vergleicht auf drei Kontinenten das Verhältnis von Politik und Religion. Er betont die Demokratiefähigkeit der Korantreuen.

Der deutschen Öffentlichkeit ist Ian Buruma spätestens durch sein Buch “Mord in Amsterdam”, eine dichte Beschreibung des 2004 verübten Attentats auf den islamophoben Filmemacher Theo van Gogh, bekannt. Der Niederländer mit britischer Mutter, der inzwischen in New York lehrt und in den letzten Jahren zahlreiche Essays zu den neuen Religionskonflikten der Gegenwart veröffentlicht hat, ist stolz darauf, in Kindheit und Jugend von religiöser Sozialisation verschont geblieben zu sein, und bezeichnet sich als liberalen Agnostiker. Nach Abschluss eines kulturwissenschaftlichen Studiums mit Schwerpunkten in Chinesischer Literatur und Japanischem Film lebte er als Schauspieler und Tänzer in Tokio, bevor er als Dokumentarfilmer, Fotograf, Reiseschriftsteller und Journalist unterhaltsam über zahlreiche asiatische Gesellschaften berichtete. Als Feuilletonchef von “The Far Eastern Economic Review” verstand er sich als Mittler zwischen Ost und West.

Auch sein neuester Essay über nun endlich zu zähmende Götter, hervorgegangen aus Vorlesungen in Princeton, demonstriert die seltene journalistische Fähigkeit, ebenso geistreich und ironisch über Religion in China und Japan zu plaudern wie über Glaubenskämpfe in den Vereinigten Staaten und in einigen europäischen Gesellschaften. Im Vergleich von Entwicklungen auf drei Kontinenten gelingen Buruma eine Reihe von originellen, überraschenden Beobachtungen. Aber der lockere Ton, in dem er seine Sicht der Glaubensdinge entfaltet, bringt es auch mit sich, dass oft nur Stereotypen reproduziert werden. Harte Arbeit am religionsanalytischen Begriff liegt Buruma fern. Zentrale Diskurse der modernen Religionskulturforschung kennt er nicht.

Mit großer Überzeugungskraft betont Buruma, dass man über Spannungen von Religion und Politik niemals allgemein, sondern sinnvoll nur mit Blick auf bestimmte geschichtlich geprägte Kontexte reden kann. Amerikaner hätten nun einmal ganz andere Vorstellungen der öffentlichen Rolle von Religion als viele europäische Denker entwickelt. Die meisten Amerikaner sähen in religiösen Organisationen Kräfte der aktiven Stärkung demokratischer Bürgertugend. Viele Europäer hingegen urteilten über die Fähigkeiten der Kirchen, demokratische Prozesse zu unterstützen, eher skeptisch, kritisch.

Besonders gut kennt Buruma sich natürlich in den Niederlanden aus. Hier kann er zeigen, dass der modische Multikulturalismus, der die Debatten um die Einwanderung von Muslimen lange Zeit prägte, nur die Fortschreibung der niederländischen Kolonialpolitik ist. Die Holländer hatten in ihren Kolonien, ähnlich wie die Briten, eine Politik indirekter Herrschaft verfolgt, mit entschiedener Trennung einheimischer ethnischer Gruppen, die man je einzeln und relativ isoliert effizienter kontrollieren und beherrschen konnte. Weniger überzeugend sind einige Aussagen über Religion und Politik in den Vereinigten Staaten. Zwar zitiert Buruma gern Tocquevilles “Demokratie in Amerika” und Gründungsväter wie insbesondere Thomas Jefferson.

Doch nimmt er die hohe Vielfalt religiösen Lebens in den Vereinigten Staaten kaum zur Kenntnis. Nicht alle Evangelicals unterstützen die Republikaner, und die pauschale Rede von den “liberalen Säkularisten” unterschlägt, dass es neben der Christian Right in den jüdischen wie protestantischen Lebenswelten vor allem der Ostküste immer auch wichtige Kräfte liberaler Religion gab und noch gibt. Mit der Behauptung, dass zwischen 1920 und 1970 religiöse Organisationen keinen relevanten Einfluss auf die amerikanische Politik genommen hätten, ignoriert Buruma die Bürgerrechtsbewegung, die entscheidend von protestantischen Black churches und Kirchenführern wie Martin Luther King getragen wurde.

Buruma folgt einer klaren religionspolitischen Agenda. Er will die vielen Europäer, welche die wachsende Einwanderung aus dominant muslimischen Gesellschaften als Bedrohung europäischer Identität wahrnehmen und im Islam eine prinzipiell demokratiefeindliche Religion sehen, von der Demokratiefähigkeit der Korantreuen überzeugen. Tocquevilles These, dass man mit der Religion des Propheten keine Demokratie gestalten könne, lehnt er ab. Die Prinzipien der parlamentarischen Demokratie seien Muslimen keineswegs fremd. In Indonesien hätten gerade muslimische Akteure, die gut 150 Millionen tief Gläubige repräsentieren, eine der wenigen halbwegs funktionierenden Demokratien Südostasiens aufgebaut und gestärkt. Für die autoritären Züge in der türkischen Politik seien keineswegs nur islamistisch orientierte Kräfte, sondern mindestens ebenso stark jene Säkularisten verantwortlich, die in blinder Treue zu Kemal Atatürk einen zutiefst illiberalen Laizismus predigten und alle Religion aus dem öffentlichen Raum zu verbannen suchten.

Für die europäischen Gesellschaften setzt Buruma deshalb auf eine entschieden liberale Religionspolitik. Die Europäer müssten neu lernen, die bürgerlichen Freiheitsrechte auch der ganz anderen, entschieden Frommen anzuerkennen, und es gelassen ertragen, wenn sie ihren Glauben im öffentlichen Raum demonstrativ bekunden; niemand werde ja gezwungen, sich ihre Glaubensvorstellungen zu eigen zu machen. Umgekehrt sollen die europäischen Muslime nach innen hin dafür werben und sorgen, dass gewaltbereite junge Islamisten der zweiten oder dritten Generation, die hier geboren und aufgewachsen sind, das Gewaltmonopol des weltanschaulich neutralen Verfassungsstaates zu akzeptieren lernen. Über pathetische Appelle und viel Sollensrhetorik gelangt Buruma hier nicht hinaus. Er ignoriert die Vielfalt der religionsrechtlichen Verhältnisse in Europa und sieht nicht, dass man zwar rechtlich prägnant Staat und Kirchen beziehungsweise Religionsgemeinschaften trennen kann, solche institutionelle Trennung aber keineswegs gleichbedeutend mit der Unterscheidung von Politischem und Religiösem ist. So bleibt er im Entscheidenden vage.

Mit dem Aufklärer Spinoza hofft er darauf, dass der Gottesglaube die Menschen freundlich und friedlich stimme. Spinoza ging davon aus, dass eine starke weltliche Obrigkeit die Glaubensgemeinschaften unter starker Kontrolle halten müsse. Dazu kann Buruma sich aus naheliegenden liberalen Gründen nicht entschließen. Er setzt auf die “Werte” der Aufklärung, eine vage Toleranz, fordert aus Sicherheitsgründen aber zugleich, die globalen Kommunikationsnetze der Islamisten, speziell ihre Propaganda im Internet, zu überwachen und zu zerschlagen. Was denn zu tun sei, wenn ihr Glaube die Gottesfürchtigen unfreundlich, aggressiv und kriegerisch stimme, weiß er in einer zusammenhängenden Argumentation nicht zu sagen. So bekundet er, bei aller belehrenden Grenzüberschreitung zwischen Ost und West, Europa und den Vereinigten Staaten, Christentum und Islam, ungewollt auch viel Ratlosigkeit.

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Die Blindschleiche Buruma auf Führungsmission steckt den Kopf in den Sand und erwartet, dass wir es ihm alle nachmachen. Ein kräftiger A*schtritt könnte ihm evtl. das Augenlicht zurückgeben.

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Time am 18. Juni 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Heckmann
2) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/22/sira-1-einfuhrung-und-massenmord/
3) http://www.islampress.de/2007/7/27/warum-wir-den-koenig-lieben
4) http://islam.de/2302.php
5) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/05/19/1075/
6) http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Graf
7) Ian Buruma: “Taming the Gods”. Religion and Democracy on Three Continents. Princeton University Press, Princeton & Oxford 2010. 132 S., geb., 15,99 Euro.
8- http://de.wikipedia.org/wiki/Ian_Buruma


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