Mit ‘Kemal Atatürk’ getaggte Beiträge

Leserbrief-Counterjihad (#31)

20. Dezember 2012

Leserbrief

Einen rabenschwarzen Kommentar zur torkischen Kulturpolitik lieferte in der heutigen FAZ Leser Bernd Schäfer.

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Nur der Blick des Muslims

Zu „Piraten vor Pergamon“ (1): Die Türkei befindet sich auf einem abschüssigen und falschen Weg. Auch in diesem Artikel wird deutlich, dass die türkische Geschichte heute neu unter islamischem Blickwinkel interpretiert wird. Kein Museumsdirektor, der gleichzeitig Mitglied der AKP ist, würde die gezeigte nackte Venus-Statue heute in seinem Museum ausstellen, weil sie nicht dem islamischen Verständnis von Kunst entspricht. Aus diesem Grund kann auch wissenschaftlich wertvolles Kulturgut verkauft werden, denn vieles davon passt nicht in das Wunschbild von Islamisten, da ist es besser, das Geld dafür in der Hand zu haben. Die Bevölkerung steht desinteressiert daneben und sieht noch nicht einmal richtig zu. Was zählt, ist der wirtschaftliche Erfolg des Landes und die bessere Lebenssituation des Einzelnen. Und im Windschatten davon wird das Land Schritt für Schritt umgebaut, weg von den laizistischen Ideen Atatürks hin zu einem islamischen Staat.

Aus liberal-europäischer Sicht kann man es gut finden, wenn die Schuluniformen in der Türkei gerade abgeschafft werden. Tatsächlich bedeutet dies, dass jede Schülerin und in Kürze auch jede Lehrerin mit Kopftuch zur Schule kommen darf und es in einigen Jahren tragen muss. Der nächste Schritt wird bei der Wahl 2013 vollzogen werden, wo durch das passende Zuschneiden der Wahlkreise und das Einbeziehen von ländlichen Regionen mit hohem AKP-Anteil in die städtischen Wahlbezirke die letzten Bastionen der CHP wie zum Beispiel Izmir geschleift werden. Vor diesem Hintergrund sind einfühlsame Interviews mit den Vordenkern des Islams, wie von Rainer Hermann mit Fethullah Gülen geführt (2), fehl am Platz, denn dieser wortgewandte Vertreter des Islams bereitet den Boden für die knallharte islamische Exekutive, die keinen anderen Blick auf die Welt zulässt als den eines Muslims.

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Time am 20. Dezember 2012

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/archaeologie-piraten-vor-pergamon-11993585.html
2) http://www.faz.net/aktuell/politik/arabische-welt/prediger-fethullah-guelen-im-f-a-z-gespraech-islam-und-moderne-stehen-nicht-im-widerspruch-11983556.html

Ab nach Japan

28. April 2012

Als für den widerwärtigen türkischen Film „Fetih 1453“ (1), der den Eroberer Konstantinopels und perversen Massenmörder Mohammed II. feiert, ein Komponist der Filmmusik gesucht wurde, verfiel man natürlich sogleich auf den weltbekannten Fazil Say (2). Dieser jedoch lehnte ab (3), weil er denken kann, anständig ist und eine menschenfreundliche Gesinnung hat.

Inzwischen beginnt man in der Türkei, dem Musiker die Hölle heiß zu machen, wie Wolfgang Günther Lerch in der heutigen FAZ berichtete.

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Schwarze Erde

Kara Toprak – Schwarze Erde – war das Lieblingsgedicht Kemal Atatürks, des Gründers der Türkischen Republik. Es stammt von Asik Veysel, einem 1973 verstorbenen blinden Volksdichter, dessen Verse enorm populär sind und in der Türkei zur türkischen Lang- und Kurzhalslaute vorgetragen werden. In diesen Zeilen findet der Dichter, völlig vereinsamt, Trost allein in der schwarzen Erde seiner anatolischen Heimat; das ist der Osten um die Stadt Sivas. „Hüzün“, die den Türken nachgesagte Nationaleigenschaft einer metaphysisch grundierten Melancholie und Trauer, ist die bevorzugte Stimmung der Gedichte Veysels, der schwere Schicksalsschläge zu meistern hatte.

Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say hat sich von ihm zu einer Komposition „Schwarze Erde“ anregen lassen, die er auch selbst vorträgt. Seit Jahren ist Say in den Konzertsälen der ganzen Welt zu Hause, spielt er das Repertoire von Mozart bis Ravel. Auch beim Rheingau Musikfestival und in Frankfurt gastierte er schon. Mehr und mehr wird der 41 Jahre alte Musiker, in Ankara als Sohn Ahmet Says, eines Musikwissenschaftlers und Schriftstellers, geboren, jedoch auch als Komponist geschätzt. Zu seinem Œuvre gehört neben dem Klavierkonzert „Seidenstraße“ ein Oratorium über den Dichter Nazim Hikmet. Urbild dieser türkischen Oratorien ist das Oratorium um den Mystiker Yunus Emre von dem türkischen Komponisten Ahmet Adnan Saygun (1907–1991).

Seit einiger Zeit hat der Weltbürger Fazil Say, der – früh als Hochbegabung erkannt – unter anderem in Düsseldorf und Berlin musikalisch ausgebildet wurde, Schwierigkeiten in seiner Heimat. Seit den Wahlerfolgen der AKP von Ministerpräsident Erdogan 2002, die einen konservativ islamischen Hintergrund hat, klagt Say über wachsende Intoleranz, schon 2007 erwog er eine Auswanderung. Nun heißt es gar, er wolle sich in Japan niederlassen. Der Anlass: Es gibt offenbar Bestrebungen, ihn vor Gericht zu zerren, weil er die Religion verunglimpft habe. Zwar ist die Türkei theoretisch ein laizistischer Staat, doch in einer Gesellschaft, in der sich neunzig Prozent der Bevölkerung als gläubig bezeichnen, tut sich ein bekennender Atheist wie Say schwer. Und er erboste die Frommen, als er sich auf sarkastische Weise über die Paradiesesvisionen im Koran erregte. Breite Schichten verprellte er zudem, als er die Arabesk-Musik als „Schund“ kennzeichnete, dessen man sich zu schämen habe. Diese sentimentale Musik alla Turca, deren Star Orhan Gencebay ist, wird in der Türkei – im Unterschied zur osmanischen Kunstmusik – tagaus, tagein konsumiert wie anderswo die Schlager. Die Türkei hat eine Tradition der klassischen Musik, die bis zu Giuseppe Donizetti, dem Bruder Gaetanos, zurückreicht, der als Kapellmeister des Sultans Abdülmecit (1839–1861) fungierte. Und das Land hat bekannte Klaviervirtuosen hervorgebracht. Für die besonders Frommen freilich ist das gesungene Mevlid-i serif, ein Epos auf die Geburt Mohammeds von Süleyman Celebi, wichtiger als die europäische Klassik. Fazil Say wird indes Weltbürger bleiben, ob er die Türkei nun verlässt oder nicht.

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Es gibt jedoch nicht nur „offenbar Bestrebungen, ihn vor Gericht zu zerren“, sondern es sind ganz konkret staatsanwaltliche Ermittlungen „wegen des Verdachts auf Volksverhetzung durch beleidigende Äußerungen über den Islam“ aufgenommen worden, die ihm drei Jahre Haft einbringen könnten, wie die „Rheinische Post“ berichtete (4). Zudem hat er ganz direkt die türkischen Theokraten beleidigt, indem er nach einem besonders eilig vorgetragenen Gebetsruf in einer Moschee fragte, „ob der Muezzin wohl schnell zur Freundin oder zum Schnaps habe zurückkehren wollen“. (5)

In der Türkei und unter den Türken in Deutschland wird denn auch nach Kräften gegen Say gehetzt. „Fazil Say twittert sich zum Gespött der Türkei“ titelt „Turkish Press“ (6), die insbesondere durch ein absolut grottenmäßig schlechtes Deutsch auffällt. Weil er sich über das Kopftuch der Journalistin Esra Elönü lustig gemacht hat, wird ihm von der Zeitung „Radikal“ vorgeworfen: „Fazil Say reduziert die Frau zum Objekt der Begierde“.

Die ganze Entwicklung zeigt nach Meinung von Verheugen & Co natürlich eindeutig, dass die Türkei zu Europa gehört (7), und Wolfgang Günther Lerch übt auch schon mal ein bisschen, indem er das türkische Alphabet in der FAZ einführt (Ich habe aber alles rausoperiert, hihihi).

Ich hoffe, Say wartet mit seiner Auswanderung nicht solange, bis es zu spät ist.

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Time am 28. April 2012

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1) http://madrasaoftime.wordpress.com/2012/03/06/mal-wieder-entlarvt/
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Fazil_Say
3) http://www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2012/02/408744/fazil-say-ich-wollte-nicht-die-musik-zu-„fetih-1453-komponieren/
4) http://www.rp-online.de/panorama/ausland/justiz-ermittelt-gegen-bekannten-pianisten-1.2789421
5) http://www.br.de/radio/br-klassik/sendungen/leporello/fazil-say-japan-auswanderung100.html
6) http://www.turkishpress.de/2012/04/27/fazil-say-twittert-sich-zum-gespoett-der-tuerkei/id4973
7) http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/18/wir-brauchen-die-turkei/


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