Mit ‘Masoud Rahel’ getaggte Artikel

“Die Bundeswehr verliert… im Bundestag”

25. April 2010

Von Nils Minkmar (1) bringt die heutige FAZ einen Bericht über den afghanischen Philosophen Masoud Rahel (Titelfoto) und dessen Ansichten zum Krieg gegen die Taliban.

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Der afghanische Blick

Eine Art Entwicklungshilfe – der Philosoph Masoud Rahel
erklärt sein Land und die Aufgabe der Bundeswehr

Auch in der globalisierten Zeit versucht die deutsche Öffentlichkeit, mit dem gewohnten Personal und in vertrauten Tonlagen vorgetragenen, bewährten Gedanken klarzukommen. Kein Wunder, dass wir so verwirrt sind. Was ist eigentlich los in Afghanistan? Nach acht Jahren Bundeswehrpräsenz scheint es nur die Wahl zwischen zwei Posen zu geben: der des erfahrenen Geostrategen, der im Casino-Ton runterrasselt, warum “am Hindukusch” ohne fremde Armeen gar nichts läuft, und der des müden Gesamthistorikers, der die Vergeblichkeit aller guten Bemühungen dort mit der ewig widerspenstigen Beschaffenheit von Land und Leuten begründet. Und beides sind Lesarten von Karl May.

Kann ein afghanischer Intellektueller uns besser erklären, was die deutschen Soldaten dort sollen? Ich wagte nicht zu hoffen, dass er das sogar besser kann als die Bundeskanzlerin.

Ich kannte Masoud Rahel aus dem Studium in Saarbrücken, wo selbst die Professoren Mühe hatten, mit seiner Kompetenz und Verve mitzuhalten. Als er 1976 nach Deutschland kam, hatte er in Kabul schon Mathematik und Chemie studiert. Dort hatte ihm ein deutscher Freund am Telefon gesagt, Heidegger sei gestorben. Rahel wurde neugierig auf den toten Deutschen und besorgte sich ein Exemplar von “Sein und Zeit” auf Persisch. Schon auf Deutsch keine leichte Lektüre, ist diese ontologische Grundlegung in Farsi, wie er später sagte, “ganz und gar unverständlich”. Die Reise nach Deutschland, in die deutsche Sprache hatte die Philosophie zum Ziel. Nachdem die Sowjets Kabul erobert hatten, wurde sie seine Heimat.

Faktisch lebte er auf – wenn man Türschwelle und Fensterbänke einbezieht – vielleicht zehn Quadratmetern eines Wohnheims in Dudweiler, intellektuell aber kam er von Martin Heidegger auf Edmund Husserl und von Husserl auf Hegel.

Später verloren wir uns aus den Augen, aber ich hatte gehört, dass er, nun in Köln lebend, als einer der wichtigsten afghanischen Philosophen gilt.

Über den üblichen Weg war er nicht zu finden: Nichts im Telefonbuch, kaum ein brauchbarer Suchmaschineneintrag. Er hat sich, erklärte er mir später, mit Google angelegt und Seiten sperren lassen. Eines seiner Interviews mit einer afghanischen Zeitung war in die Fänge des Übersetzungsprogramms der Suchmaschine geraten, das Resultat sei fürchterlich gewesen. Unter anderem hatte das Programm seinen Namen in “Masoud Chomeini” geändert, also das Thema des Gesprächs, unter anderem die Geschichte Irans, und den Vornamen des Autors zusammengezogen. “Ich habe in San Francisco angerufen, dann in Hamburg, da sind überall nur Apparate, nirgends ist wirklich jemand.” Es hört sich an wie ein Heideggerscher Albtraum. Masoud Rahel klingt aber nicht wie ein vergeistigter Technikfeind, sondern wie ein afghanischer Aufklärer.

Und als solcher kritisiert er auch die deutsche Debatte um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan: “Die Soldaten sterben für eine sinnvolle Sache, aber wegen eines absurden Mandats.” Wenn jede Kugel, die da abgefeuert wird, erst die Genehmigung aller Fraktionen brauche, solle man es lieber sein lassen. “Sie haben nicht mal Hubschrauber. Dauert es nun wieder ein Jahr, bis die endlich Hubschrauber kriegen?” Im Krieg gegen die Taliban seien ein beschränktes Mandat und eine mangelhafte Ausrüstung fatal. Den mit den Taliban verbündeten Warlord Gulbuddin Hekmatyar kennt Rahel noch aus dem Studium: “Ein rücksichtsloser Irrer. Er war damals schon verhasst. Eigentlich ein Nazi.” Gegen ihn und die Taliban müsse man schon sehr entschlossen und effektiv handeln. Aber “die Bundeswehr verliert diesen Krieg nicht in Afghanistan, sondern im Bundestag”.

Es wäre zur Klärung der Bilder und Begriffe vielleicht hilfreich, schlägt er vor, nicht mehr nur auf Helmut Schmidt, Peter Scholl-Latour oder gar – da muss er lachen – Martin Walser zu hören. Die Taliban, sagt er, sind für die afghanische Geschichte völlig untypisch. Das seien im Wesentlichen die Kinder der von den Sowjets vertriebenen Flüchtlinge, die in den Koranschulen des pakistanischen Grenzgebiets Zuflucht gefunden hätten, verwahrloste Kinder, um die sich nur die Imame gekümmert haben. Doch in diesen von den Saudis finanzierten Koranschulen sei nicht die afghanische Tradition des Islam, der tolerante Hanafismus, sondern der saudische Wahabismus gepredigt worden: “Die Taliban sind ein soziologisches Problem!” Und es seien auch nicht viele, ungefähr achttausend. Das sei ein Pseudokrieg, den man auf keinen Fall mit den populären afghanischen Befreiungskriegen gegen die Briten oder die Sowjets verwechseln dürfe.

Mit Letzterem hätten die Taliban im Übrigen nichts zu tun, sagt er, die entstanden ja viel später. Und Al Qaida schon gar nicht. “Bin Ladin war als Kämpfer eine totale Niete. Man kannte ihn nur als Intriganten!” Die Taliban seien weder beliebt noch im Volk verankert. Und es sind wenige, aber sie reichen aus, eine ganze Region zu verunsichern: “Zehn Terroristen rennen auf der Zülpicher Straße herum, und ganz Köln ist destabilisiert!” Man müsse sich daran erinnern, dass am Beginn des Krieges, 2001, keine amerikanische Invasion stand. Es war die afghanische Nordallianz, die Kabul befreit hat. Insofern sei der Sturz der Taliban eine gemeinsame Aktion von Afghanen und Amerikanern gewesen. Das sei auch künftig der beste Weg. “Ich bin kein Antiamerikaner. Der Antiamerikanismus in Deutschland ist mir suspekt. Wo wäre dieses Land ohne den Einsatz der Amerikaner?”

Masoud Rahel bedauert jedoch deren nachlassende Wachsamkeit und Ablenkung durch den Irakkrieg, die den Wiederaufstieg der Taliban begünstigt habe: “In Afghanistan entstehen die Probleme nicht durch Engagement, sondern durch Desengagement.” Er begrüßt daher das sogenannte “Partnering”. Dieses Vorgehen macht auch Luftschläge aus großer Höhe verzichtbar, die zu Unglücken wie der Bombardierung der Tanklaster führen. Aus solchen Tragödien solle man lernen, mehr mit afghanischen Truppen zusammenzuarbeiten und am Boden zu operieren.

Um Afghanistan zu erklären, geht auch Masoud Rahel bis in die Zeit Alexanders des Großen zurück. Doch er widerspricht Helmut Schmidts Lieblingsanekdote, der Mazedonier sei durch Persien ein- und durch Indien wieder ausgereist. Rahel verweist auf die Ergebnisse der französischen Ausgrabungen bei Ai Khanoum in Nordafghanistan, die Spätfolgen seines Einflusses, nämlich eine große Stadt der griechisch-baktrischen Ära, freigelegt haben: eine griechisch inspirierte antike Hochkultur achthundert Jahre vor Karl dem Großen.

In dieser Sicht der afghanischen Geschichte ist es keineswegs so, dass sich dort wilde Stämme seit Urzeiten gegenseitig auf und ab jagen, sondern es finden sich zahlreiche Perioden des Friedens und der Stabilität unter einer Zentralregierung. Das gilt selbst für nähere Epochen: “In der Zeit zwischen 1914 und 1945 genoss Afghanistan eine größere Stabilität als das Deutsche Reich. Und auch zwischen 1933 und 1970 soll man mir erst mal zeigen, in welcher Phase das Land instabil gewesen sein soll.” Der tribalistische Einfluss sei dann wieder durch den Einmarsch der Sowjets, aber auch durch die Verhältnisse in Pakistan gestärkt worden. Dort leben 25 Millionen Paschtunen – “ein zweites, ein Schattenafghanistan” -, die ihre Stammesidentität weit ungestörter ausleben können, als es in Afghanistan möglich war. Außerdem herrsche bei den Regierenden Pakistans das beklemmende Gefühl, zwischen Indien und Afghanistan in die Zange genommen zu werden, weswegen man von dort aus die Taliban von Anfang an und bis heute unterstütze. Ohne den pakistanischen Geheimdienst ISI gebe es keine Taliban. Daher sei das Problem nur international in den Griff zu bekommen.

Es geht Masoud Rahel darum, die demokratischen und zentralstaatlichen Traditionen Afghanistans zu betonen, den Umstand, dass Afghanen sich durchaus selbst zu helfen wissen, dass sie eine stabile und tolerante Gesellschaft kannten und gerne wieder hätten, deren heutige Wiederbelebung allerdings darunter leidet, dass die gesamte Mittelschicht des Landes entweder ins Exil gegangen ist oder erst von den Sowjets und dann von den Taliban ermordet wurde.

Und Karzai? “Hamid Karzai ist weder intelligent noch integer!” Es sei ein Skandal, dass man niemand anderen gefunden habe, ihn zu ersetzen. Doch der Einsatz der Bundeswehr, sagt Rahel, habe weder mit Karzai etwas zu tun noch mit der Frauenemanzipation: Zehn Jahre lang hätten die Taliban die Mädchen und Frauen des Landes geknechtet, da sei kein westlicher Politiker auf den Gedanken verfallen, Truppen zu schicken. Nein, es gehe in Afghanistan um die regionale Bekämpfung eines globalen Problems. Das Problem manifestiere sich womöglich bald genauso in Jemen, in Sudan und in Somalia, und nun müsse man probieren, wie internationale Kooperation funktioniert, um es zu lösen. Die Stabilisierung Afghanistans ist nur das Mittel zu einem weltweit angestrebten Zweck.

Masoud Rahels Gedanken kommen ohne Kitsch und Pathos aus. Es gelingt ihm besser, die Aufgabe der Bundeswehr in Afghanistan zu beschreiben, als den deutschen Intellektuellen, ja sogar den dafür zuständigen Politikern. Sie könnten seine intellektuelle Entwicklungshilfe annehmen und künftig sagen: Die Soldaten der Bundeswehr sind Pioniere des in der Geschichte der Menschheit neuen Versuchs, weltweite Probleme gemeinsam zu lösen. Das ist jedenfalls die Idee.

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Time am 25. April 2010

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1) http://www.faz.net/s/RubD87FF48828064DAA974C2FF3CC5F6867/Doc~E1C017D6AA57A447B91C6975F4613918B~ATpl~Ecommon~Scontent.html


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