Posts Tagged ‘Michail Schtscheglow’

Das Muster erkennen

29. Dezember 2012

Kasan-Kathedrale

Ab jetzt ohne Tanne: Kathedrale in Kasan/Russland

In der FAZ-Redaktion scheint sich die Erkenntnis weiter zu verbreiten, dass die weltweite Entwicklung in Bezug auf den Mohammedanismus für den Westen und seine Anhänger alles andere als günstig verläuft. Noch sieht man vor allem einzelne Regionen und verweigert sich der Erkenntnis des Gesamtmusters, welches das Muster des 1.400jährigen, gefräßigen Jihad ist, der sich selbst „Islam“ nennt. Dass der „arabische Frühling“ in Wirklichkeit ein „jihadistischer Frühling“ ist, wird jetzt vielen vor allem aufgrund der massiven Verfolgung der Christen (Juden gibt es dort schon nicht mehr) in den betreffenden Staaten deutlich. 

Richard Wagner ging in seinem Leitartikel am 27. Dezember nun soweit, „kraftvolle politische Unterstützung“ für die verfolgten Christen zu fordern, die über „lasche Aufrufe“ hinausgehen müsse, „nicht in Ländern Urlaub machen, in denen (Christen) unterdrückt würden.“

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In Bedrängnis

Es steht der katholischen Kirche gut zu Gesicht, wenn sie in ihre Fürbitten nicht nur die Notleidenden in jedem noch so entlegenen Winkel der Erde einschließt, sondern auch für ihre eigenen Mitglieder an einem herausgehobenen Tag wie dem zweiten Weihnachtstag betet. Wie zur traurigen Vergegenwärtigung der Dringlichkeit dieses Tuns wurden, wenige Stunden nachdem Papst Benedikt XVI. in seiner Weihnachtsansprache die Anschläge auf Christen in Nigeria beklagt hatte, von mutmaßlich islamistischen Terroristen wieder tödliche Anschläge auf Kirchen im Norden des Landes verübt. Solche mörderischen Vorfälle sind der Kamm einer Welle wachsender Bedrängungen und Bedrohungen, denen sich Christen auf der ganzen Welt ausgesetzt sehen – vor allem in islamisch geprägten Ländern.

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob man, wie es der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, getan hat, das Christentum als die „meistverfolgte Religion in der ganzen Welt“ bezeichnen kann; denn nicht in jedem einzelnen Fall werden Christen systematisch gesellschaftlich oder staatlich benachteiligt oder gar existentiell bedroht. Es zeugt aber von Mut, sich einem gerade hierzulande weitverbreiteten Affekt entgegenzustellen, der bereit zu sein scheint, alles unter seine Fittiche zu nehmen, solange es nur weit genug von allem Christlichen entfernt ist. Auch Bundeskanzlerin Merkel bekam diesen Affekt kürzlich zu spüren, als sie auf der EKD-Synode auf das Los der Christen hinwies und sich dann von politisch korrekten Menschenrechtsorganisationen und Grünen-Politikern anhören musste, man müsse alle bedrohten Minderheiten gleichermaßen schützen und dürfe Religionsgemeinschaften nicht gegeneinander ausspielen – das war nie die Absicht der Kanzlerin gewesen.

Das Eintreten des Papstes und der deutschen Bischöfe für Christen in aller Welt, verbunden mit unverstellter Kritik an den unguten Entwicklungen in den Ländern des sogenannten arabischen Frühlings, allen voran Ägypten, hin zu wachsender religiöser Intoleranz, bleibt aber vergeblich, wenn es keine kraftvolle politische Unterstützung erfährt. Ohne diese bliebe am Ende nur der etwas lasche Aufruf Zollitschs, Christen sollten nicht in Ländern Urlaub machen, in denen ihre Glaubensbrüder und -schwestern unterdrückt würden.

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Auch Günther Nonnenmacher gab sich in seinem Leitartikel in der heutigen FAZ sehr pessimistisch. Er hat erkannt, dass in Syrien nicht der alte Gegensatz Amerika-Russland stellvertretend ausgefochten wird, sondern dass es hier um den Überlebenskampf einer orkischen, nicht-sunnitischen Minderheit geht. So treffend seine Analyse im Einzelnen ist, unternimmt es doch nicht, seinen Blick über die ganze Welt schweifen zu lassen, um das Muster des Jihad zu erkennen. Wenn er dies täte, würde er erkennen, dass die Entwicklung in Syrien durchaus eine sein kann, die uns in Europa in ein paar Jahrzehnten bevorsteht, wenn wir unsere Anstrengungen zur Dekonstruktion des Nazislahm nicht vehement verstärken.

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Syrien-Konflikt

Assad ist nicht ein Diktator von Moskauer Gnaden, sondern Führer einer religiösen Minderheit, der Alawiten, die um ihr Überleben kämpft. Deshalb ist zu befürchten, dass Syrien auch ohne Assad noch lange kein befriedetes Land sein wird.

Die Entwicklung in Syrien ist in den vergangenen Monaten über alle internationalen Friedensinitiativen und -pläne hinweggegangen. In einem Kampf, der immer unbarmherziger geführt wird und der inzwischen alle Anzeichen eines Religionskrieges angenommen hat, gibt es letztlich immer weniger zu vermitteln. Spätestens seit der Diktator Assad die syrischen Städte ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung von seiner Luftwaffe beschießen und bombardieren lässt, ist sein Anspruch verfallen, bei Verhandlungen über die Zukunft des Landes noch irgendeine Rolle zu spielen.

Unübersichtlich ist das Feld der bewaffneten Opposition, deren Spannweite von säkularen Kräften bis zu Dschihadisten reicht. Inwieweit die unbewaffnete Opposition in Syrien oder diejenige im Exil auf diese Gruppen überhaupt noch Einfluss hat, ist nicht klar. Die Dynamik dieses Konfliktes, auch im Verhältnis zu den Nachbarstaaten, wirkt immer schwerer beherrschbar.

Das ist der Hauptgrund dafür, dass nun auch Washington und Moskau sich intensiver um eine Beendigung des Massakers kümmern. Weder Amerika noch Russland haben ein Interesse daran, dass der gesamte Nahe Osten destabilisiert wird. Für Washington geht es unter anderem um seinen Einfluss in der arabischen Welt; dazu kommt die prekärer werdende Lage Israels in einem immer stärker vom politischen Islam geprägten Umfeld. Für Moskau ist – neben geostrategischen Überlegungen – die größte Sorge, dass die religiöse Dynamik islamistische Strömungen im eigenen Land befeuert oder seine muslimischen Nachbarrepubliken ergreift und in Brand setzt.

Allerdings hätten Amerikaner und Russen, selbst wenn sie sich auf eine Linie einigen könnten, die Kräfte noch lange nicht gezähmt, die in dem syrischen Bürgerkrieg seit mehr als einem Jahr eskaliert sind. Die Ereignisse und Entwicklungen in anderen Ländern der Arabellion zeigen, dass es zuverlässige „Klienten“ äußerer Mächte, die sich von Washington oder Moskau dirigieren ließen, nicht mehr gibt. Die nationalen Revolutionen haben jeweils eine Eigendynamik gewonnen, die von außen schwer zu beeinflussen ist. Assad ist nicht ein Diktator von Moskauer Gnaden, sondern Führer einer religiösen Minderheit, der Alawiten, die um ihr Überleben kämpft. Deshalb ist zu befürchten, dass Syrien auch ohne Assad noch lange kein befriedetes Land sein wird.

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Dass bald Schluss sein wird mit Zehntausenden von Alawiten und Christen und mit Assad, scheint eine ausgemachte Sache zu sein. Dabei hatte sich der Diktator wie ehedem Saddam mit aller Kraft an die Sunna-Orks angebiedert und sogar dem palarabischen Kindermörder Kuntar die höchste Auszeichnung des Landes verliehen (2)

In Russland ist man syrischen Verhältnissen näher als in Europa, was kein Wunder ist, da man endlose Grenzen mit Orkstaaten und ganze Orkvölker im Inneren hat. Lesen Sie einen diesbezüglichen Artikel aus der FAZ vom 27. Dezember von Michael Ludwig, der mit der Formulierung schließt: „In welche Richtung sich Tatarstan entwickelt, ist offen.“ Damit meint er wohl, dass offen ist, ob Tatarstan im Kreis der Zivilisationen verbleibt oder ob es völlig in die Orksphäre abrutscht. Ich meine, es kommt vor allem auf die Kraft an, die der Counterjihad entwickeln kann, damit dies nicht geschieht.

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Die tatarische Tannenbaumdebatte

Im Kreml von Kasan an der Wolga gibt es dieses Jahr zu Neujahr keinen festlich beleuchteten Baum mehr. Das ist ein Teil eines langen Streits über russische und muslimische Symbole.

Über dem Kreml von Kasan ragen vier Minarette hoch in den Himmel. Seit einigen Jahren überragen sie die russische orthodoxe Kathedrale in der Festung aus dem 16. Jahrhundert. Nur an einigen wenigen Tagen im Jahr hatten die Minarette der Kul-Scharif-Moschee zuletzt noch Konkurrenz: wenn zu Neujahr vor der Kremlmauer eine möglichst hohe Festtanne aufgestellt und festlich beleuchtet wurde. Aber die zentrale Tanne hat ihren Platz vor dem Sitz der Regierung der Republik Tatarstan bis auf weiteres verloren.

Vielen Muslimen in der Region an der Wolga gelten die Tanne und die Feiern zum Neujahrsfest als Symbole einer fremden Kultur, als unislamisches, verwerfliches und gar gefährliches russisches Brauchtum. Vergangenes Jahr hatten islamische Fundamentalisten Flugblätter an Häuserwände geklebt, auf denen Muslime dazu aufgerufen wurden, sich vor den Neujahrsfeiern zu hüten: Es sei eine große Sünde, Tannen zu schmücken und Kindern zu erlauben, sich an den Händen zu fassen und – Jungen und Mädchen – gemeinsam einen Reigen um die Festbäume in der Stadt oder um die Tanne zu Hause zu tanzen. Wer Väterchen Frost und das Schneemädchen Snjegurotschka verehre, die in Russland den Kindern zu Neujahr Geschenke bringen, der begehe Vielgötterei. Hinzu komme moralische Verwerflichkeit, zumal auch Muslime von der russischen Gewohnheit in Versuchung geführt werden könnten, die Feiern in ein mehrtägiges Besäufnis ausarten zu lassen. Dieses Jahr gab es zwar keine Flugblätter, aber auf islamistischen Internetseiten wurden die Warnungen wiederholt.

Antichristlich ist die islamische Neujahrskritik nicht unbedingt, denn die Tanne spielt in der Russischen Orthodoxen Kirche kaum eine Rolle – sie ist Teil des Neujahrsfestes, das seit den dreißiger Jahren in der Sowjetunion ein Ersatz für das Weihnachtsfest sein sollte, das in Russland am 6. Januar gefeiert wird. Ganz verzichtet wurde auf öffentliche Tannen in Kasan auch dieses Jahr nicht – 162 sind es, über das ganze Stadtgebiet verteilt: Fast die Hälfte der Bevölkerung der Stadt sind noch immer Russen. Sie werden auch dieses Jahr mit ihren ganzen Familien auf die Neujahrsmärkte strömen, um die Tannen herumtanzen, Kinder werden Väterchen Frost, einen Mann mit weißem Rauschebart und Weihnachtsmannmütze, und das Mädchen Snjegurotschka bewundern.

Aber die Russen sind auf dem Rückzug – auch demographisch. Nach der jüngsten Volkszählung bilden die muslimischen Tataren in der Republik Tatarstan wieder die Mehrheit, während die Russen dort zur größten Minderheit wurden. Die Moschee im Kreml von Kasan, eine der größten in Europa, die von 1996 bis 2005 gebaut wurde, ist das sichtbarste Symbol für den Anspruch der Tataren, in der nach ihnen benannten Teilrepublik auch zu bestimmen. Rafael Hakim, der Anfang der neunziger Jahre der Ideologe einer Bewegung für die Souveränität Tatarstans war und als Berater Minitimer Schajimijews, des ersten Präsidenten Tatarstans nach dem Ende der Sowjetunion, die Politik gegenüber Moskau prägte, bekennt offen, dass die Entscheidung zum Bau der Moschee im Kreml politische Gründe gehabt habe. Es sei darum gegangen, in diesem Zentrum der Macht Flagge zu zeigen und mit baulichen Mitteln die „historische Gerechtigkeit“ wiederherzustellen, nach Jahrhunderten russischer Herrschaft, Zwangstaufen, Vertreibungen der muslimischen Bevölkerung aus angestammten Siedlungsgebieten und nach siebzig Jahren atheistischer Sowjetherrschaft. Es habe zu viele Kirchen und „zu wenig Halbmonde“ im Land gegeben.

In Tatarstan wird gerne daran erinnert, dass der Islam in dieser Region Russlands ältere Wurzeln hat als das Christentum. Im Jahr 922 kam eine arabische Gesandtschaft ins Reich der turkstämmigen Wolgabulgaren, und diese nahmen in ihrer Hauptstadt Bolgar den Islam an. Etwa drei Jahrhunderte später wurde Bolgar von den mongolischen Tataren erobert und Teil des Herrschaftsgebietes der Goldenen Horde. Beide Ethnien mischten sich. Zu Russland kam Tatarstan erst ein halbes Jahrtausend später, als Zar Iwan der Schreckliche das Khanat von Kasan eroberte.

Von der großen Moschee und deren Minaretten in Bolgar waren nur die Fundamente übrig geblieben. Wie in Kasan wird auch dort baulich demonstriert, dass sich die Zeiten geändert haben. Neben der Kirche, mit der das Russische Reich einst demonstriert hatte, dass das orthodoxe Christentum in Tatarstan den Islam als herrschende Religion abgelöst hatte, wurde nun auf den Fundamenten der alten Moschee eine neue gebaut. Wichtig scheint bei dieser „Rekonstruktion“ nicht nur gewesen zu sein, dass der Halbmond sich neben dem Kreuz über die Ebene an der Wolga erhebt, sondern auch, dass dieses Minarett die Kirche eindrucksvoll überragt. Wer vom Fluss landeinwärts schaut, erblickt am Horizont, dort, wo vielleicht einmal die Grenzen der großen mittelalterlichen Stadt Bolgar verliefen, die „Weiße Moschee“.

Auch der Name der Moschee im Kreml von Kasan knüpft an diese Geschichte an: Sie ist nach dem Imam Kul Scharif benannt, der im 16. Jahrhundert die Verteidigung Kasans gegen die Truppen des Moskauer Zaren Iwan organisierte und im Kampf sein Leben verlor. Dass die Eroberung Kasans durch Zar Iwan ein weltgeschichtlich bedeutsames Ereignis war, weil es ihm gelang, den nördlichsten Stützpunkt des Islams auf Jahrhunderte unter christliche Herrschaft zu zwingen und Moskaus Anspruch zu untermauern, nach Rom, das zerstört war, und nach Byzanz, das unter osmanische Herrschaft geraten war, als „drittes Rom“ die Belange der gesamten Christenheit zu vertreten, ist verblasst. Für die Tataren von heute ist es jedenfalls ohne Belang.

Religion und tatarischer Nationalismus gehen dabei Hand in Hand – dabei gibt es unter den Tataren höchst unterschiedliche Vorstellungen davon, wie der Islam auszusehen habe. Danis Safargali, tatarischer Nationalist von der „Patriotischen Front Altyn Orda“ (Goldene Horde), bevorzugt den sogenannten traditionellen russländischen Islam und hält die Trennung von Staat und Islam für unverzichtbar. Rustam Safin, Imam der schäbig wirkenden kleinen Kasaner Moschee Al Ichlas, hängt dagegen offenbar einer Richtung an, die auf fundamentalistische Einflüsse aus Arabien schließen lässt – auch wenn er beteuert, nicht in einem arabischen Land, sondern in Tatarstan den Islam studiert zu haben. In der offiziellen Geistlichkeit sieht Safin Marionetten der Regierenden, in dem lockeren „traditionellen Islam“ die Fortführung des sowjetischen Bestrebens, Muslime mit Wodka zu demoralisieren. Den Bau der Kul-Scharif-Moschee hält er für überflüssig, die teure Spezialanfertigung des weltgrößten Exemplars des Korans ebenfalls. Das Geld hätte man lieber im Interesse der Menschen ausgeben sollen, sagt er. Ihnen in ihren materiellen Nöten zu helfen und sie zum Gehorsam gegen Allah zu führen sei viel wichtiger als solche Symbole. So halte er es in seiner Moschee, sagt Rustam Safin – sie hat ihren Platz im einstigen Kesselhaus der Heizungsanlage einer Wohnsiedlung gefunden. Und wenn die Gläubigen es einst wünschten, sei es auch nicht ausgeschlossen, dass in Tatarstan ein Kalifat, ein Gottesstaat, entstehe.

In Tatarstan suchen gerade junge Menschen Halt – und bei dieser Suche hat der Islam, wie er in der Al-Ichlas-Moschee gelehrt wird, mit seinen einfachen Regeln Vorteile. Das Verbot von Alkohol, dessen zerstörerische Rolle viele kennen, spielt dabei eine wichtige Rolle. Eine junge Frau, die sich für den Islam entschieden hat, spürt zwar ein gewisses Unbehagen an der Stellung der Frau in ihrer Religion – aber wenn ein künftiger Ehemann es wünsche, werde sie auch den Hidschab tragen, sagt sie.

In einem wichtigen Punkt stimmen die beiden Antipoden, der Nationalist Safargali und der Fundamentalist Safin, überein: Die Ermordung des stellvertretenden Muftis von Tatarstan und der Sprengstoffanschlag auf den Mufti im Juli sowie die darauf folgenden Aktionen des Inlandsgeheimdienstes FSB gegen angebliche Islamisten in Tatarstan seien russische Provokationen gewesen. Es sei nur darum gegangen, sich eine Handhabe zur Vernichtung der politischen und wirtschaftlichen Autonomie zu verschaffen, die Tatarstan einst dank Präsident Schajmijew – und dessen Berater Hakim, der übrigens einen Reformislam anstrebt – errungen habe und über die die Republik in gewissem Ausmaß noch immer verfüge. Safargali ist zudem überzeugt, dass die Russen noch immer versuchten, die Tataren durch Druck zu assimilieren. „Für uns hat die russische Kultur, von der Putin spricht und die aus Sauna, Zieharmonika, Wodka und Balalaika besteht, aber keinerlei Anziehungskraft“, sagt der ehemalige Offizier voller Spott.

Safargalis Organisation verbreitet unter den Tataren ihre Sicht der tatarischen Geschichte, propagiert Sprache und Kultur und verbreitet die Grundsätze des Islams im Volk. Er selbst glaubt, dass die föderalen Verfassungsgrundsätze Russlands unter Putin ausgehebelt worden seien. Dagegen gebe es nur ein Mittel: aus der Föderation eine Konföderation zu machen. Dadurch würde auch sichergestellt, dass die Einkünfte der nach russischen Maßstäben relativ reichen Republik Tatarstan im Lande blieben und nicht ab einer bestimmten, von Moskau festgelegten Obergrenze an die Zentrale abgeführt werden müssten.

Auch von Vertretern des offiziellen Islams werden Forderungen vorgebracht, die in Moskau nicht gut ankommen. Der Leiter der zentralen geistlichen Verwaltung der Muslime Russlands, Mufti Talgat Tadschuddin, fordert, im Staatswappen der Russischen Föderation, das auf das Zarenwappen zurückgeht, Veränderungen vorzunehmen, damit auch die Muslime darin angemessen abgebildet seien. Zum gekrönten Doppeladler und der Zarenkrone, die Kreuze zieren, müsse ein Halbmond ins Wappen aufgenommen werden. Tadschuddin wird in seiner tatarischen Heimat von den Muslimen nicht sonderlich geschätzt. Daher hat das Verlangen, den Halbmond ins Staatswappen aufzunehmen, noch keinen offiziellen Fürsprecher gefunden.

Ganz in den leeren Raum ist Tadschuddins Forderung indes nicht gefallen. Auch der Nationalist Danis Safargali fordert, das Staatswappen Russlands neutral zu gestalten. Muslime dürften, bildlich gesprochen, nicht gezwungen werden, sich unter das christliche Kreuz der orthodoxen Russen zu beugen. Im gleichen Atemzug kritisiert er, dass die Kirche sich mit Förderung des Kremls immer mehr als Staatskirche im gemischtkonfessionellen Russland gebärde. Putins Gerede von der Notwendigkeit eines neuen russländischen Patriotismus oder davon, dass die Russen den Kern der Föderation bildeten und die russische Kultur das Fundament der russländischen Nation sei oder die russische Sprache der verbindende Faktor für die Einheit aller Völker, sei nur Vernebelungstaktik, die den russischen Chauvinismus verdecken solle.

Einiges von dem, was Safargali sagt, findet – anders formuliert – auch Eingang in die offizielle Politik der kremltreuen Führung Tatarstans. Der frühere Präsident Minitimer Schajmijew, der als „Staatsrat“ noch immer wichtige politische Fäden zieht, hatte im November öffentlich die „imperiale Nostalgie“ Moskaus gegeißelt und vor Versuchen gewarnt, durch Neuziehung der territorialen Grenzen zwischen den Föderationssubjekten die nationalen Republiken zu überwinden. Jüngst verlangte Schajmijew, dass den nationalen Republiken besondere Vertreter in der Duma zugestanden werden müssten, damit der Gesetzgeber nicht gegen deren Interessen handele.

Beim russischen Gegenpol in Tatarstan herrscht eine andere Sicht. Michail Schtscheglow vom russischen Kulturverein zum Beispiel nimmt Putins Forderung vom alles und alle verbindenden (christlichen) Russentum sehr ernst. Moskau müsse nun Taten folgen lassen und sowohl politisch als auch finanziell, mehr für die Selbstbehauptung der Russen in Tatarstan unternehmen. Bis zu 1000 Russen seien bereits zum Islam übergetreten, sagt er. Die russische Sprache drohe ins Abseits gestellt zu werden. Er wolle nicht irgendwann aus Tatarstan als „Ungläubiger“ vertrieben werden wie die Russen aus dem Nordkaukasus. Tataren dürften Aussagen wie die Schtscheglows dagegen als Beweis für die Existenz einer russischen „Fünften Kolonne“ zur Schwächung der erreichten Selbständigkeit an der mittleren Wolga bewerten.

In den Disputen in Tatarstan deuten sich möglicherweise bereits die Konturen möglicher Konflikte zwischen Moskau und den muslimisch geprägten Teilrepubliken Russlands an, die in Zukunft an Bedeutung gewinnen könnten. Es ist gut möglich, dass die tatarische Tannenbaumdebatte in nicht allzu ferner Zukunft wie ein harmloses Vorgeplänkel aussieht. Die Zahl der orthodoxen Christen hat sich in Russland in den vergangenen drei Jahren um drei Prozent verringert, die der Muslime ist um sechs Prozent gewachsen – und diese Tendenz wird sich nach Ansicht von Demographen fortsetzen. Präsident Putin hat bislang außer der Ankündigung, dass ethnische Gebiete mit eigenem Recht und eklatanten Abweichungen von der russisch geprägten „Leitkultur“ nicht geduldet würden, wenig konkrete Schritte benannt – außer dem Vorschlag, wieder Schuluniformen einzuführen, um den Hidschab an Lehranstalten zu verhindern. Gibt er sich als Befürworter einer größeren Rolle der orthodoxen Kirche als Klammer für das Russentum, handelt er sich von Muslimen den Vorwurf ein, er wolle offenbar den christlichen Gottesstaat. In Dagestan oder Tschetschenien im Nordkaukasus dagegen sind die Exklaven, vor denen er warnt, schon Wirklichkeit. In welche Richtung sich Tatarstan entwickelt, ist offen.

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Time am 29. Dezember 2012

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/syrien-konflikt-unkontrollierbar-12008356.html
2) http://www.haaretz.com/news/assad-awards-convicted-murderer-kuntar-syria-s-highest-medal-1.258115


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