Mit ‘Revolutionsstraße’ getaggte Artikel

From the inside – out! … So come on in!

17. Oktober 2009

Der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan war schon einige Male Thema in diesem Blog (s.u.). Er hat sich aus Naziran abgesetzt, und ich hoffe, dass er bei uns bleibt. Stefan Weidner besprach Cheheltans neuen Roman in der FAZ vom 13. Oktober 2009:

Vaterlose Gesellschaft
Moralchirurgie: Amir Hassan Cheheltans Iran-Roman

Fattah ist Arzt im mittleren Alter, unverheiratet, und sein Spezialgebiet ist das, was in der wissenschaftlichen Literatur Hymen-repair genannt wird – ein in Iran und anderswo in der islamischen Welt seit einigen Jahren blühender Zweig nicht der Schönheits-, sondern sozusagen der Moralchirurgie: Das Zusammenflicken vorehelich deflorierter Jungfernhäutchen. Dennoch ist es nicht die Klinik, die seinen Reichtum begründet hat, sondern seine einstigen Aktivitäten als williger Helfer der iranischen Revolution. Im berüchtigten Evin-Gefängnis zählte er in der Zeit der politischen Säuberungen Anfang der achtziger Jahre zu jenen, die die finalen Fangschüsse setzten. Mit zwei anderen, teils noch im selben Geschäft tätigen Kumpanen jener Tage trifft er sich nun allwöchentlich im Badehaus, wo sie, nachdem sie sich den nötigen Pegel an Wodka angetrunken haben, ihrer rechten islamischen Gesinnung versichern.

In dieser geschlossenen Welt ist das Wichtigste nicht, dem Geist des Islams gemäß zu handeln, sondern jede andere politische Meinung zu verachten, jede Abweichung zu unterdrücken. Alle Charaktere, denen Amir Hassan Cheheltan in die Seele schaut, zeichnen sich durch maximale Regimetreue aus. Diese Menschen sind nicht die Schergen des Regimes, sondern sie sind und verkörpern es. Die Mentalität erinnert an das Deutschland der späten Naziherrschhaft, und wer aus der Tiefe verstehen will, was gegenwärtig in Iran passiert, der wird um dieses Buch nicht herumkommen. Es ist deswegen um keinen Deut minder echte, große Literatur.

Amir Hassan Cheheltan ist den Lesern dieser Zeitung seit Jahren als mutiger Berichterstatter der laufenden Ungeheuerlichkeiten in Iran bekannt. 1956 geboren, ist er einer der herausragenden Schriftsteller der mittleren Generation in Iran. Die politischen Wirren seit dem Sturz des Schahs sind in seine Biographie eingeschrieben. Aber wie als Schriftsteller einen angemessenen Ausdruck für das Ungeheuerliche finden? Cheheltan ist Schüler von Huschang Golschiri (1937 bis 2000), der mit seinem als inneren Monolog gestalteten Psychogramm des letzten iranischen Qajarenprinzen “Prinz Ehtedschab” 1969 Berühmtheit erlangte. Es ist eine Literatur jenseits ideologischer Festlegungen und programmatischer Absichten; sie versucht der Welt, die sie schildern will (immer ist es diese ungeheuerliche), aus ihrer eigenen Logik heraus gerecht zu werden, und rückt ihr dabei so nah, dass sie wie eine unsichtbare Folie kaum noch von ihr zu unterscheiden ist. Dem Leser aber erscheint sie als Brennglas, das Unverständlichste und Fernste wird klar. Mit keiner Figur aus Cheheltans Roman möchte man sich als Leser identifizieren; und tut es am Ende doch unweigerlich mit allen.

Das Mädchen, dessen Ehre Doktor Fattah am Anfang des Buchs zusammenflickt, heißt Schahrsad, wie die Erzählerin von 1001 Nacht. Anders als ihre berühmte Namensschwester hat sie jedoch nicht die geringste Gelegenheit, selbst Geschichten zu erzählen und so ihr Leben zu retten. Auf fatale Weise ähnelt sie nämlich der Popdiva Googoosh (es gibt sie wirklich), die Fattah in seiner Jugend begehrte und die unerreichbar blieb, obwohl er beim Ausliefern von Spirituosen in einem Teheraner Reichenviertel gegen Ende der Schahzeit einen Blick auf sie im Pool erhaschen konnte. In seiner Obsession stellt er Schahrsad nach, vergewaltigt sie (“Wenn du willst, näh ich es dir wieder zusammen”) und hält um ihre Hand an. Es gelingt Cheheltan, noch diesem Ekel menschliche Züge zu verleihen, er karikiert ihn nicht.

Fattah ist jedoch nicht der einzige Bewerber. Der andere, Mustafa, ist fast eine Generation jünger, ein Kind der Revolution, ebenfalls schlichter Herkunft, aber nicht weniger fanatisch. Er arbeitet in der Frauenabteilung des berüchtigten Evin-Gefängnisses. Recht überzeugt von diesem Bewerber ist Schahrsads Familie nicht. Um Status und Seriosität von Mustafa zu überprüfen, soll ein Onkel aus der Provinz – einen Vater gibt es nicht – an Mustafas Arbeitsplatz Erkundigungen einziehen. Der Ahnungslose weiß nicht, wo er landet, ist zugleich beeindruckt und tief erschrocken und versucht, gegenüber Mustafas präpotentem Vorgesetzten halbwegs die Würde zu wahren, eine groteske und zugleich tief anrührende Szene, welche die Unmenschlichkeit des Systems noch einleuchtender macht.

Gegen die Zudringlichkeiten Fattahs und den materiellen Wohlstand, den er verspricht, scheint Mustafa machtlos, aber Schahrsad will ihn. Er zeigt sie als Regimegegnerin an, und lässt sie von einem Sonderkommando ins Gefängnis entführen, um von dort mit ihr zu fliehen. Doch der einmal entfesselten Kräfte wird dieser iranische Zauberlehrling nicht mehr Herr.

Das Buch enthält keine Zeile gegen den Islam, nicht einmal gegen die Regierung oder die Herrschaft der Mullahs. Aber es zeigt, wie ein System, das sich jeglicher öffentlicher und demokratischer Kontrollmechanismen entzieht, sich aufgrund des Egoismus seiner Vollstrecker zwangsläufig aushöhlen muss. Die große Metapher dieses Zustands ist die Vaterlosigkeit, im Persischen zugleich ein Schimpfwort für unehelich Geborene. Fattah, Mustafa und Schahrsad haben alle ihren Vater verloren. Die psychologische Konsequenz ist der Verlust des Bewusstseins für Recht und Gesetz.

Würde es der wiedervereidigte Präsident Ahmedineschad mit seiner Ankündigung ernst meinen, Willkür und Korruption Einhalt zu gebieten und die echte islamische Moral wiederherzustellen, er müsste die Publikation eines solchen Buchs sofort erlauben. Stattdessen erscheint es nun erstmals überhaupt auf Deutsch, in der meisterhaften Übersetzung von Susanne Baghestani, und ist Weltliteratur, bevor es überhaupt etwas anderes war.

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Time am 17. Oktober 2009

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Amir Hassan Cheheltan: “Teheran, Revolutionsstraße”. Roman. Aus dem Persischen von Susanne Baghestani. P. Kirchheim Verlag, München 2009. 208 S., geb., 22,- [Euro].

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http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/08/12/mehr-als-folter-oder-foltern/

http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/07/02/herzlich-willkommen-amir-hassan/

http://madrasaoftime.wordpress.com/2009/06/19/ein-ork-kennt-keinen-scherz/

und “Delany, Boney & Friends & Duane Allman” unter:
http://www.youtube.com/watch?v=-FM2z79oo-8


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