In der heutigen FAZ gibt es einen mE. interessanten Artikel von dem meist ja sehr gut informierten FAZ-Ali2 Rainer Hermann über das Aussterben der orientalischen Christen:
“Die Reise Papst Benedikts XVI. in das Heilige Land war auch eine Reise zu christlichen Kirchen, deren Existenz bedroht ist. Die christlichen Araber waren in der Vergangenheit Garant dafür, dass arabische Nation und Islam nicht deckungsgleich waren. Solange Christen in Nordafrika, der Levante und Mesopotamien leben, ist die Region, in der das Christentum entstand, nicht der ‘islamische Nahe Osten’. Sollte der Exodus der Christen andauern, wird er es aber sein. Benedikt appellierte daher in Amman an die Christen, ‘stark im Glauben’ zu sein, um den ‘Schwierigkeiten und Unsicherheiten’ standzuhalten.”
Besonders beeindruckend sei die Vielfalt der christlichen Kirchen im syrischen Damaskus: “Nach Damaskus wurde der Sitz des historischen Patriarchats von Antiochien verlegt, einer der fünf Patriarchensitze der frühkirchlichen Pentarchie. Als Papst Johannes Paul II. 2001 Damaskus besuchte, begleiteten ihn gleich drei Patriarchen, die sich auf diese Tradition berufen: der Patriarch der syrisch-orthodoxen Kirche, der griechisch-orthodoxe Patriarch von Damaskus und der griechisch-katholische Patriarch der melkitischen Kirche.”
Orientalische Christen indentifizieren sich laut Hermann zunächst quasi ethnisch als “Christen” und nicht als Angehörige einer bestimmten christlichen Kirche: “Die syrisch-orthodoxen Christen, deren Zentrum Damaskus ist, die aber auch im Tur Abdin in der Türkei ein historisches Siedlungsgebiet haben, sind Nachkommen der Assyrer. Sie sprechen Aramäisch und sind keine ethnischen Araber. Ähnliches gilt für die Kopten Ägyptens, die sich auf das ‘Volk der Pharaonen’ zurückführen, oder aber für die Christen des Libanon, die sich als Nachkommen der Phönizier verstehen. Die meisten Christen in der arabischen Welt sind keine ethnischen Araber. Eine weitere Besonderheit fällt auf: Nur wenige gehören der lateinischen Christenheit an, also der katholischen oder einer protestantischen Kirche. Die lateinische Kirche des Westens kam erst mit den Kreuzzügen in den Nahen Osten. Bis heute haben die orthodoxen Christen nicht vergessen, dass der vierte Kreuzzug 1204 Konstantinopel galt, ihren Patriarchen absetzte, nicht aber Jerusalem aus den Händen der Muslime befreite.” Ja, diese Schande wird sicher ewig auf der (West-) Christenheit lasten.
Die beeindruckende Vielfalt christlicher Kirchen im Orient sei Resultat der Trennung der Welt in das Reich von Byzanz einerseits und das der persischen Sassaniden andererseits während der ersten christlichen Jahrhunderte: “Wer, wie die Armenier und Nestorianer, unter den Sassaniden lebte, konnte nicht an den frühen Konzilien von Nicaea und Chalkedon teilnehmen und entwickelte sich anders. Ferner sträubten sich die orientalischen Christen zunehmend gegen die byzantinische Reichskirche, deren Dogmen – etwa von der Lehre der zwei Naturen Christi – sie nicht folgen wollten.”
Hermann: “Viele der orientalischen Kirchen haben Liturgie, Theologie und religiöse Praktiken zu einem großen Teil aus der Frühzeit des Christentums bewahrt… Johannes Damascenus (1), der 754 im Kloster Mar Saba starb, (konnte) in seinem Hauptwerk “Die Quelle der Erkenntnis” Überlegungen darüber anstellen, dass der Islam… eine Mischung aus der Gnosis, dem monophysitischen Glauben und dem Arianismus, einer frühchristlichen Häresie, gewesen sei.”
Noch seien die Christen die “einzige größere” nicht-orkische Gruppe im Orient: Mit einem Anteil von nur 2 (!) Prozent. Das sind aber immerhin noch 15 Millionen. Vor einem Jahrhundert habe der Anteil der Christen noch bei 20% gelegen. Früher, so Herrmann, habe der Dimmi-Status vor allem Sicherheit für die Christen und Juden bedeutet (der erfahrene Counterjihadi winkt hier natürlich müde lächelnd ab). Immerhin erkennt Hermann: “Heute degradieren die Islamisten mit demselben Konzept Nichtmuslime zu Bürgern zweiter Klasse und verkehren das Konzept des Dhimmi in ein repressives Instrument. Folgen hat das in Gesellschaften, die sich – wie in Ägypten – im täglichen Leben islamisieren. In keinem arabischen Land besteht für Nichtmuslime eine wirkliche Religionsfreiheit, auch nicht in der Türkei, wo der laizistische, gegenüber Religionen restriktive Staat nur Glaubensfreiheit zulässt. Lediglich die autonome Region Irakisch-Kurdistan duldet christliche Mission.”
Besonders stark sei der Exodus aus dem Irak, den mit 500.000 seit 2003 die Hälfte der irakischen Christen verlassen habe. Ihr Anteil sei in den letzten 40 Jahren von sechs auf zwei Prozent der Bevölkerung gesunken, ebenso hoch sei beispielsweise nurmehr ihr Anteil in den Palliegebieten und in Israel.
Jedoch, so behauptet Hermann: “Einzig in Ägypten sind die Islamisierung der Gesellschaft und der damit verbundene Druck der wichtigste Grund für die Abwanderung der Christen. Unter dem Vorwand der Schweinegrippe hat die ägyptische Regierung alle Schweine, die von den koptischen Christen gezüchtet werden, töten lassen. Mit einem Anteil von einem Zehntel der 80 Millionen Einwohner leben in keinem anderen Land des Nahen Ostens so viele Christen wie in Ägypten. Im Libanon sind 1,5 Millionen Christen, das ist ein Drittel der Bevölkerung. Wie ihre Verwandten sind sie erst vor dem Bürgerkrieg geflohen, der 1990 endete, dann vor der schlechten Wirtschaftslage.”
Weitere Gründe für das Verschwinden der Christen beständen in der geringeren Geburtenrate und der besseren Ausbildung, insbesondere in Bezug auf Fremdsprachen, so dass sie eher bereit seien, auszuwandern.
Aber zurück nach Damaskus, Hermann konstatiert für Syrien: “Am wenigsten problematisch ist die Lage für die Christen im Syrien Assads, wo der Islam aus der Politik herausgehalten wird und die Menschen stolz sind auf eine lange Tradition des meist friedlichen Miteinanders der Religionen.”
Das ist interessant. Wiki (2): “Etwa 75 % der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, 6 % sind Nusairier (Alawiten) und gut 1 % sind schiitische Ismaeliten oder seltener Imamiten. Um die 2 % sind Drusen, die vor allem im Süden Syriens leben. Etwa 15 % sind Christen verschiedener Konfessionen. Diese leben auch im Raum Damaskus, Homs und Aleppo traditionell in ihren Dörfern.” Auch Staatschef Zippy-the-pinhead Al Arschab (3) ist übrigens Alawit. Was mag er gedacht haben, als er die höchste Auszeichnung seines Landes dem Kindermörder Samir Kuntar überreichte (4)?
Vielleicht sollte es strategisch gesehen ein wichtiges Ziel werden, Syrien aus der iranischen Umarmung zu lösen. Zwar dienen sich die Christen im Orient, was ich verabscheue, traditioneller Weise gerne ihren Orkherren gegen die Juden an, aber ihr hoher Anteil bietet Optionen, die woanders nicht gegeben sind. Auch ist das Land mit einem BIP/Einwohner von 1.946 US$ nicht völlig verrottet wie Bangladesh, Guinea-Bissau & Co. mit einem BIP von unter 500 US$. Sind die Golan-Höhen (5) ein unbezahlbarer Preis? Sie sind ur-israelisches Land, fruchtbar und strategisch wichtig, sie sind sehr wertvoll, keine Frage.
Die heutige FAZ meldet: “Netanjahu für Gespräche mit Syrien ‘Ohne Vorbedingungen’ – Nach seiner Rückkehr aus Washington hat sich der israelische Ministerpräsident Netanjahu zum ersten Mal bereit erklärt, ohne Vorbedingungen sofort mit Syrien zu verhandeln. Dabei dürften aber die Sicherheitsbedürfnisse Israels nicht außer Acht gelassen werden, sagte er, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.”
Schaun wir mal! Aber was die Christen dort unten betrifft, meine ich: Es wächst auseinander, was nicht zusammengehört!
Time am 22. Mai 2009
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(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Damascenus
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Syrien
(3) http://de.wikipedia.org/wiki/Baschar_al-Assad
(4) http://www.haaretz.com/hasen/spages/1040544.html
(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Golan-Höhen
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Kewils Archiv zum Thema Kreuzzüge:
http://kewil.myblog.de/kewil/art/157875944
http://kewil.myblog.de/kewil/art/159173036
http://kewil.myblog.de/kewil/art/161123576