Grün ohne Grenzen

10. Juli 2020

Lesen Sie einen wie stets hervorragenden Artikel von Stefan Frank von „mena-watch“ (1).

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Lösen ausgerechnet Bäume
den nächsten israelisch-libanesischen Krieg aus?

Eine libanesische Umweltschatzorganisation pflanzt Bäume an der Grenze zu Israel, um so der Terrororganisation Hisbollah Angriffe zu erleichtern.

„Ein Konflikt um Bäume könnte den nächsten israelisch-libanesischen Krieg auslösen“ – so lautet die auf den ersten Blick überraschende Schlagzeile einer Reportage, die vor einigen Tagen im Wall Street Journal erschien.

Die Zeitung hatte ihren Kriegsberichterstatter Dion Nissenbaum zusammen mit dem Beiruter Journalisten Nazih Osseiran und dem Fotografen Lorenzo Tugnol auf die libanesische Seite der stark gesicherten israelisch-libanesischen Demarkationslinie geschickt, der sogenannten Blauen Linie, die von der UNO 1978 auf einer Landkarte gezogen wurde.

Vom Libanon versucht die vom Iran bewaffnete und finanzierte schiitische Terrororganisation Hisbollah seit Jahrzehnten, Israel zu infiltrieren, um Israelis zu töten oder zu entführen. Auch mit Tunneln: So wird die Blaue Linie von ihr buchstäblich untergraben.

Der größte Vorfall der letzten 15 Jahre ereignete sich am 12. Juli 2006, als Hisbollah-Kämpfer – begleitet von Raketenangriffen, die der Ablenkung dienten – in israelisches Territorium eindrangen. Sie überfielen zwei israelische Militärfahrzeuge aus dem Hinterhalt, töteten drei Soldaten und entführten zwei weitere Soldaten, Eldad Regev und Ehud Goldwasser.

Der Angriff löste den zweiten Libanonkrieg aus, den der damalige israelische Ministerpräsident Ehud Olmert mit dem Ziel führte, Regev und Goldwasser zu befreien. Zwei Jahre später, als Olmert zustimmte, den in Israel inhaftierten Hisbollah-Terroristen und Kindermörder Samir Kuntar im Austausch gegen Regev und Goldwasser freizulassen, erhielten Regevs und Goldwassers Angehörige nur zwei Särge zurück; die beiden waren an den Verletzungen gestorben, die sie bei dem Hisbollah-Überfall erlitten hatten.

Terroristen aus dem Libanon

Schon bevor die Hisbollah Anfang der 1980er Jahre auftauchte, hatte es in Galiläa, wie der Norden Israels heißt, grausame Terroranschläge gegeben, die von Terroristen verübt wurden, die aus dem Libanon unbemerkt nach Israel eindrangen.

Vor allem nach 1967, als Judäa, Samaria, der Gazastreifen, das gesamte Ostufer des Sees Genezareth und die Golanhöhen im Sechs-Tage-Krieg unter israelische Kontrolle gekommen waren (und somit als Sprungbrett für Terroranschläge ausschieden), avancierte der Libanon zum bevorzugten Ausgangspunkt für grenzüberschreitende Überfälle auf Israelis.

Besonders blutig waren die Geiselnahme von 105 Schülern und zehn Erwachsenen in einer Schule in Ma’alot im Mai 1974, bei der 25 Kinder und sechs Erwachsene getötet wurden, und das Küstenstraßenmassaker im März 1978, bei dem 39 Israelis getötet wurden, darunter 13 Kinder. Beide Taten wurden von Jassir Arafats PLO verübt (im ersten Fall war es die DFLP, im zweiten die Fatah).

Umweltschutz im Namen des Terrors

Früher konnten Touristen an der israelisch-libanesischen Grenze einen breiten Streifen Sand besichtigen, der jeden Tag säuberlich geharkt werde. Dies geschah, damit man morgens sehen konnte, ob in der Nacht jemand die Grenze überquert hatte. Heutzutage versucht Israel, die Grenze mit allerlei Hightech zu sichern. Doch die Terroristen wollen die Überwachung des Grenzgebiets verhindern. Hier kommen die Bäume ins Spiel. Dion Nissenbaum und Nazih Osseiran schreiben:

„Im Zentrum der Spannungen, die einen brandneuen Krieg zwischen Israel und dem Libanon auslösen könnten, stehen Baumgruppen, die entlang der unscharfen Grenze gepflanzt wurden“

Die Bäume wurden entlang der israelischen Sperranlage gepflanzt und sollen, so die Reporter, „diesen Ort nicht einfach grüner machen“. Sie sollen den israelischen Überwachungskameras die Sicht verdecken. Gepflanzt wurden sie von einer „Umweltschutzorganisation“, die zur Hisbollah gehört und sich „Grün ohne Grenzen“ nennt.

Den Schutz dieser Bäume nutzte die Hisbollah, als sie im September 2019 eine israelische Patrouille mit Panzerabwehrraketen angriff. Spricht man die „Umweltschützer“ darauf an, so die Reporter, erklärten sie, dass sie nichts damit zu tun hätten, wenn die Hisbollah die Bäume für Terroranschläge nutze.

Assaf Orion, ein pensionierter israelischer Soldat, sagte den Journalisten, dass „Grün ohne Grenzen“ der Hisbollah einen „dünnen Schleier“ an die Hand gebe, mit dem sie ihre Verantwortung leugnen könne. „Es ist nicht ‚Grün ohne Grenzen’, es ist ‚Gelb an der Grenze’“, so Orion in Anspielung auf das gelbe Emblem der Terrororganisation.

2010 gab es entlang der Grenze ein folgenreiches Scharmützel, als libanesische Soldaten auf israelische Soldaten schossen, die auf der israelischen Seite der Grenze Bäume ausgruben. Dabei wurden ein israelischer Soldat, zwei libanesische Soldaten und ein libanesischer Journalist getötet. In jüngster Zeit, so die Reporter, habe das libanesische Dorf Kfar Kila begonnen, zusammen mit „Grün ohne Grenzen“ Bäume auf der israelischen Seite der Blauen Linie zu pflanzen, „an einer der vielen Stellen, wo die UN-Linie nicht deutlich markiert ist“.

Bäume gegen Zionisten

„Grün ohne Grenzen“ geriert sich zwar als „Umweltorganisation“, der es um „Wiederaufforstung“ gehe, macht aber gleichzeitig keinen Hehl daraus, dass die Bäume einem militärischen Zweck dienen – dass sie direkt an der Grenzmauer gepflanzt werden, um israelische Überwachungskameras zu verdecken.

Zu einer solchen Pflanzaktion hatte „Grün ohne Grenzen“ im April sogar Reporter eingeladen, die über diesen „Akt des Widerstands“ berichteten. Die englischsprachige libanesische Website the961 schrieb damals:

„Die jüngste Initiative ist eine Schau des Widerstands des libanesischen Volkes gegen das Ausspionieren des Libanon durch die israelische Regierung. Natürlich sind Bäume keine Lösung, um die Massenüberwachung des Libanon durch Israel zu stoppen, aber sie machen es etwas schwieriger.“

Seit Jahren beklagt sich Israel bei den Vereinten Nationen zudem darüber, dass „Grün ohne Grenzen“ ein Vorwand der Hisbollah ist, entlang der Grenze Beobachtungsposten und andere militärische Infrastruktur zu errichten.

Auch die New York Times sprach kürzlich in einem Beitrag von „Beobachtungsposten der Hisbollah, die als Stationen einer Umweltgruppe getarnt sind“. „Grün ohne Grenzen“ bekennt sich dazu, eine Vorfeldorganisation der Hisbollah zu sein, die Pflanzaktionen finden oft gemeinsam mit Parlamentsabgeordneten oder anderen Funktionären der Hisbollah statt, auch zu Ehren von „Märtyrern“ – so nennt die Miliz jene Mitglieder, die im Krieg gegen Israel ums Leben kommen. Der Präsident von „Grün ohne Grenzen“, Hajj Zuhair Nahle, sagte 2017:

„Wir verstecken diese Verbindung [zur Hisbollah] nicht. Das kann man allen unseren Broschüren und Medienkampagnen entnehmen. Wir schreiben: ‚Die Bäume sind die Schatten des Widerstands’.“

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Time am 10. Juli 2020

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1) https://www.mena-watch.com/loesen-baeume-den-naechsten-israelisch-libanesischen-krieg-aus/

Mythos Andalusien (#2)

8. Juli 2020

Von Andreas Kilb erschien bei „FAZ.NET“ ein lesenswerter Beitrag (1).

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Spanien unter dem Islam

Damals war religiöse Toleranz Familiensache

Achthundert Jahre aus der Vogelperspektive: Brian A. Catlos erzählt die Geschichte von Al-Andalus im Stil einer Streaming-Serie und dekonstruiert die Mythen der Reconquista und ihrer Feinde.

Al-Andalus, das islamische Spanien, ist ein Kampfplatz der Geschichtswissenschaft. Während es die einen als Hort religiöser Toleranz und kultureller Hochblüte preisen, betonen die anderen seine Rolle als Motor des afrikanisch-muslimischen Sklavenhandels und seine ideologische Verhärtung unter der Herrschaft von Almoraviden und Almohaden. Der Ton der Debatte hat sich zusätzlich verschärft, seit die ideologischen Vordenker von Al Qaida und IS die Rückeroberung von Al-Andalus auf ihre Fahnen geschrieben haben. Die Frage, ob das Kalifat von Córdoba eine höhere Zivilisationsstufe erreicht hatte als seine christlichen Widersacher, ist für manche Historiker zur Glaubensfrage geworden. Das west-östliche Duell der Kulturen, zurückgespiegelt ins Mittelalter, findet zwischen Buchdeckeln statt.

Der amerikanische Religionswissenschaftler Brian A. Catlos will dagegen zeigen, dass der andalusische Kulturkampf „auch eine Geschichte von Allianzen und Freundschaften“ war: zwischen Königen, Kalifen, Grafen und Emiren wie zwischen Gelehrten, Künstlern und einfachen Leuten. Um das zu beweisen, fährt er die gesamte knapp achthundertjährige Biographie von Al-Andalus mit dem historischen Kameraauge ab, oft aus der Vogel-, seltener aus der Straßenperspektive. Sie haben alle ihren Auftritt, der Eroberer Tarik ebenso wie Boabdil, der letzte Emir von Granada, die Geistesgrößen Ibn Ruschd, Ibn Wafid und Abulcasis, der Feldherr Almansor und der unvermeidliche Cid.

Der Vorteil dieser linearen, mit Karten und Illustrationen unterlegten Erzählweise liegt darin, dass sich die einzelnen Lebensphasen von Al-Andalus wie Episoden einer Streaming-Serie nacheinander abspulen: die frühe Expansion, die ersten Omajjaden, das Kalifat, die Taifa-Reiche, die almoravidische Restauration, das Emirat von Granada, sein Ende und die Vertreibung des Islams aus Spanien. Andererseits erfährt man zu wenig über die historischen Prozesse und Strukturen, die diese Epochen miteinander verklammern.

Die Clans kämpften für ihre Privatinteressen

Offenbar war der westgotische Adel, der die iberische Halbinsel bis 711 beherrschte, rasch zur Kollaboration mit den Invasoren bereit; warum leistete er, anders als die hispanische Kirche, nicht mehr Widerstand? Und warum fiel es den Muslimen umgekehrt so leicht, Christen und Juden in ihr Herrschaftssystem einzubinden? Abd ar-Rahman III., der erste Kalif von Córdoba, war Enkel einer baskischen Prinzessin und Sohn einer christlichen Konkubine. Um mit seiner hellen Haut und den blauen Augen arabischer zu wirken, färbte er seinen Bart schwarz. Toleranz war für seinesgleichen nicht nur Staatsräson, sondern Familiensache.

Ein Grund für diese Familiarität zwischen Alteingesessenen und Eroberern könnte in der Strukturähnlichkeit ihrer Sozialbeziehungen liegen. Goten, Araber und Berber waren in Clanverbänden organisiert. Einer dieser Clans, die Banu Qasi, stammte von einem zum Islam konvertierten römisch-gotischen Adligen namens Cassius ab. Bis zum späten zehnten Jahrhundert bildete das Territorium der Banu Qasi einen Puffer zwischen den christlichen Königen von Pamplona und den Emiren von Saragossa; eine der Niederlagen, welche die Heere der Franken regelmäßig bei Roncesvalles kassierten, geht auf ihr Konto. Ein anderer, arabischstämmiger Clan, die Banu Sarradsch, rivalisierte im fünfzehnten Jahrhundert mit den herrschenden Nasriden um die Macht im Emirat von Granada. Keiner der beiden Sippen wäre es eingefallen, für übergeordnete Ziele Krieg zu führen: Sie kämpften für ihre Privatinteressen im Rahmen der politischen Großwetterlage.

Heiratsallianzen waren kein taugliches Mittel der Politik

Anders lagen die Dinge in den städtischen Zentren am Guadalquivir und besonders in der Hauptstadt Córdoba. Hier regierte seit 756 der letzte überlebende Zweig der alten Kalifensippe der Omajjaden über ein zunehmend stabiles und durch den Import von orientalischer Gelehrsamkeit und Alltagskultur auch zivilisatorisch hochentwickeltes Machtgefüge. Im Jahr 929 nahm Abd ar-Rahman III. angesichts der schwindenden Macht der Kalifen in Bagdad selbst deren Titel an. Aber schon unter seinem Enkel Hischam zerfiel das Kalifat in ein Dutzend Kleinstaaten, die Taifa-Reiche.

Ein Grund dafür lag darin, dass es Hischams erfolgreichem Feldherrn und Kämmerer al-Mansur nicht gelungen war, den schwachen Kalifen vom Thron zu stoßen und eine neue Dynastie zu begründen. In Konstantinopel hatte kurz zuvor der Flottenadmiral Romanos Lakapenos durch Verheiratung seiner Tochter mit dem minderjährigen Kaiser die Macht an sich gerissen und das byzantinische Reich vor dem Ansturm der Bulgaren bewahrt. In Córdoba waren Heiratsallianzen dagegen kein taugliches Mittel der Politik, weil der Harem des Herrschers zwar unbegrenzt aufnahmefähig, aber zur Herstellung von Legitimität kaum imstande war. Das Kalifat implodierte, weil es sich nicht weiterentwickeln konnte. Dazu kam, dass seine Eliten den Heeresdienst an Sklaven- und Söldnerverbände abgetreten hatten. Al-Mansur ersetzte sie durch nordafrikanische Berber. Nach seinem Tod plünderte eine Berberarmee die wehrlose Hauptstadt.

Catlos’ Überblicksdarstellung legt solche strukturellen Betrachtungen nahe, ohne sie selbst anzustellen. Stattdessen richtet der Autor sein Augenmerk darauf, die Mythen zu dekonstruieren, mit denen das historische Geschehen im Nachhinein eingefärbt wurde. Die Reconquista, die „Rückeroberung“ Spaniens durch die Christen, wurde erst zum Begriff, als deren Kleinkönigreiche vom elften Jahrhundert an militärisch die Oberhand gewannen.

Ähnlich verhält es sich mit dem Thema der religiösen Toleranz im spanischen Islam, über deren Ausmaß sich Edward Said und Bernard Lewis zerstritten haben. Auch hier gilt, dass das politische Interesse der weltanschaulichen Rechtfertigung vorausging. Im neunten Jahrhundert etwa konnten es sich die Emire von Córdoba leisten, die christliche Märtyrerbewegung in ihrem Reich durch relativ milde Zwangsmaßnahmen zu ersticken. In der Taifa-Zeit hingegen verminderte sich mit den Handlungsspielräumen der Machthaber auch deren Duldungsbereitschaft. Dennoch war das Massaker von 1066 an den Juden von Granada kein ethnisches Pogrom, sondern der Höhepunkt eines Machtkampfs zwischen den Anhängern des jüdischen Wesirs Joseph ibn Naghrela und der Berberdynastie der Ziriden. Zu Massenmorden an Juden wie in Mitteleuropa vor dem Ersten Kreuzzug oder beim Ausbruch der Pestepidemie von 1349 ist es in Al-Andalus nie gekommen: Dieser Vernichtungswille war eine Spezialität des Christentums.

Der Phantomschmerz über den Untergang der andalusischen Sonne, den manche muslimische Intellektuelle pflegen, erhält durch diesen Band wenig Nahrung: dafür ist der Ton, den es anschlägt, bei allem Überschwang im Detail zu nüchtern, seine Perspektive auf die Ereignisse zu illusionslos. In der Reconquista, zeigt Catlos, siegte nicht die bessere, sondern die besser organisierte, militärisch überlegene und ideologisch gefestigte Seite über eine durch Clan-Fehden und religiöse Streitigkeiten geschwächte islamische Gesellschaft. Den Kulturkampf um Al-Andalus wird Brian Catlos mit seinem Buch vermutlich nicht befrieden können. Aber vielleicht macht die Lektüre es ein wenig leichter, sich auf gemeinsame Spielregeln zu einigen.

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Time am 8. Juli 2020

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1) https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/al-andalus-eine-geschichte-der-muslime-in-spanien-16834137.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Libanon im freien Fall

7. Juli 2020

Die naziranische Terrorhilfsgruppe Hisballa hat den Libanon ruiniert.

Lesen Sie einen Bericht von Thore Schröder vom „Spiegel“ (1).

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Krise im Libanon

„Bald ziehen wir unter eine Brücke“

Der Libanon kollabiert: Menschen können sich kaum noch Lebensmittel leisten, die Kriminalität steigt und oft haben nicht mal mehr die Ampeln Strom.

In der Krise setzen manche Libanesen auf bizarr anmutende Wertanlagen. Vor der Louis-Vuitton-Filiale in Beiruts Innenstadt bildete sich am vergangenen Samstag eine zehn Meter lange Schlange. „Das Geschäft akzeptiert einen Kurs von 3750 Pfund pro Dollar“, erklärte eine Kundin, Mitte 50, auberginefarbene Haare, den Andrang, „aber leider sind die Taschen nun schon ausverkauft, ich werde mir wohl Schuhe kaufen müssen.“

Die libanesische Landeswährung, die offiziell noch immer zum Kurs von 1507 Pfund an den Dollar gebunden ist, hat auf dem nun maßgebenden Schwarzmarkt seit September rund 85 Prozent ihres Werts verloren und liegt aktuell bei 7500 Pfund pro Dollar. Besonders rasant war der Verfall seit Mitte Juni.

Der Libanon ist bankrott. Der Crash begann, weil die Banken ihre Schulden nicht mehr bedienen konnten und beschleunigte sich durch die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie sowie die neuen Sanktionen gegen das Regime im wirtschaftlich eng verbundenen Nachbarland Syrien.

Viele Bürger versuchen nun ihr Geld auszugeben, bevor die Inflation es auffrisst. Überweisungen von libanesischen Konten ins Ausland sind verboten, Konsum im Inland aber erwünscht. So kommt es auch, dass die Immobilienpreise um ein Drittel gestiegen sind – obwohl sich das Land in der größten Krise seit 30 Jahren befindet.

Für den Großteil der Bevölkerung geht es aber dieser Tage nicht um Eigentumswohnungen oder Damenhandtaschen, sondern ums Überleben. Die Regierung schätzte schon vor drei Monaten, dass 75 Prozent der Bevölkerung Hilfe brauchen. Seitdem hat sich der Kollaps noch deutlich beschleunigt. Weil die Währung immer weiter nachgibt, bieten Libanesen in einer Facebook-Gruppe Kleidungsstücke im Austausch für Babynahrung oder Küchenöl an.

Im palästinensischen Flüchtlingslager Schatila, einem klaustrophobisch eng bebauten Slum im Süden Beiruts, sitzen Susan und Zaher Kanaan mit ihren Söhnen Hassan, Ahmed und Mohammed im Wohnzimmer ihrer Dreizimmerwohnung. Ein Ventilator bläst schwüle Luft durch den Raum, vor dem Fenster schlängelt sich Kabelsalat. Auf dem blauen T-Shirt des Jüngsten steht „It’s A Very Happy World“.

Ahmed, der mittlere Bruder, macht Pistolengeräusche und stochert mit einem Schraubenzieher in seinem roten Plastikauto herum. „Er hat Strom im Kopf“, sagt seine Mutter und erzählt, dass ihr Sohn Epileptiker ist. Seit Jahren muss er starke Medikamente nehmen, nun ist noch Diabetes dazugekommen, das Sehvermögen des Dreijährigen ist wohl auch schon geschädigt.

Susan ist als palästinensische Geflüchtete registriert, Zaher ist 2013 aus dem syrischen Hama vor dem Bürgerkrieg in seiner Heimat geflohen. Vor der Wirtschaftskrise hat er auf dem Bau gearbeitet, jetzt sitzt er schon seit bald vier Monaten nur noch zu Hause, erzählt die Familie. Die Familie ist auf die Lebensmittelgutscheine der deutschen Hilfsorganisation Just Childhood angewiesen, um überhaupt noch jeden Tag eine Mahlzeit auf den Tisch bringen zu können. Die Gutscheine haben umgerechnet einen Wert von 50 Dollar – aber nach einem Wechselkurs, der nun schon lange überholt ist.

Susan zieht einen Topf eingetrockneten Reis aus dem Kühlschrank und sagt: „Essen haben wir noch, aber Miete, Wasser und Strom konnten wir schon seit fünf Monaten nicht mehr bezahlen. Ahmed bekommt auch schon lange keine Medikamente mehr.“ Zuletzt hat die Mutter versucht, die Kleider der Familie zu verkaufen. „Alle Reserven sind aufgebraucht“, sagt Susan, „bald ziehen wir unter eine Brücke.“

Auch in den besseren Vierteln der libanesischen Hauptstadt sieht man in diesen Tagen deutlich mehr Bettler, vor allem Kinder. Der Zusammenbruch wird von Tag zu Tag sichtbarer: Lokale stehen leer, immer mehr Geschäfte sind geschlossen, Hotels stillgelegt. Und die Kriminalität steigt. In den sozialen Medien werden Videos von spektakulären Raubüberfällen geteilt. Juweliere und Bankfilialen werden mit Eisenplatten verrammelt.

Am Freitag schoss sich ein 61-Jähriger am helllichten Tag vor einer Dunkin‘-Donuts-Filiale aus Scham über seine Armut in den Kopf. „Ich bin in Beirut geboren und aufgewachsen“, sagt Bachar Al-Halabi, „doch jetzt erkenne ich meine Heimatstadt nicht wieder.“ Der Politikanalyst war einer der Wortführer der Oktoberrevolution. Im vergangenen Herbst gingen Hunderttausende Libanesen gegen ihre Regierung und das korrupte Konfessionssystem auf die Straße, doch gebracht hat es bislang nur sehr wenig.

„Wir sind gegen eine gewaltige Mauer gelaufen“, sagt Al-Halabi, „jetzt rasen wir in Hochgeschwindigkeit auf einen kompletten Zusammenbruch zu.“ Er fragt sich: „Was passiert, wenn die Sicherheitskräfte für ihren Lohn nichts mehr bekommen? Wer sorgt dann noch für Ordnung?“

Das politische System, das von der in Deutschland als Terrororganisation eingestuften Hisbollah dominiert wird, hat sich als nicht reformierbar erwiesen. Zuletzt torpedierten die Machthaber einen Deal mit dem Internationalem Währungsfonds, den wohl einzig denkbaren Rettungsanker in der Krise. Nun wird über die Rückkehr von Ex-Premier Saad Hariri spekuliert, dabei ist den Libanesen längst klar, dass ein Wandel mit dem bekannten Personal einfach nicht geht.

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Time am 7. Juli 2020

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1) https://www.spiegel.de/politik/ausland/libanon-in-der-krise-in-beirut-gehen-die-lichter-aus-a-cc85c11f-2d7a-4038-a0d9-02086d53717e

Alla hasst die Orks

1. Juli 2020

Regelmäßig kommt es in Mekka zu Massentötungen.

Lesen Sie einen Artilkel von Sven Felix Kellerhoff von der „Welt“ (1).

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„Alle schnappten nach Luft. Jeder kämpfte gegen jeden“

Am 2. Juli 1990 kamen in einem Tunnel nahe dem muslimischen Heiligtum Mekka 1426 Pilger um. Der saudische König Fahd sprach von „höherer Gewalt“ und „Schicksal“. Die Toten hätten eine Mitschuld.

Schon um zehn Uhr morgens zeigten die Thermometer 43 Grad im Schatten. Vor der glühend heißen Sonne, die am 2. Juli 1990 auf die heilige Stadt Mekka im Westen Saudi-Arabiens strahlte, suchten Tausende Pilger Schutz – und drängten in einen klimatisierten Fußgängertunnel, der zum Berg Arafat führt, einem der wichtigsten Ziele bei der jedem Muslim einmal im Leben vorgeschriebenen Wallfahrt. Doch gerade dieser Tunnel, der den Gläubigen die Belastungen durch das heiße Klima erträglicher machen sollte, wurde zur Todesfalle.

Was genau am Tag vor dem islamischen Opferfest geschah, steht auch drei Jahrzehnte später nicht fest; es gibt zwei wesentliche Erklärungen. Laut der einen, offiziellen Version stürzten im Gedränge sieben Menschen von einer Brücke vor den Eingang des Tunnels. Das habe zu einer Panik geführt.

Die andere Erklärung sieht die Ursache in technischem Versagen. Demnach fiel in der 550 Meter langen und zehn Meter breiten Röhre plötzlich die Klimaanlage aus. Mindestens 5000, vielleicht auch deutlich mehr Pilger drängten, um Luft ringend, zu den Ausgängen.

Ein Augenzeuge berichtete am Abend des 2. Juli 1990 im saudischen Fernsehen: „Sofort wurde der Tunnel zum Glutofen. Alle schnappten verzweifelt nach Luft. Jeder kämpfte gegen jeden.“ Ein anderer Überlebender schilderte: „Wir glaubten, ersticken zu müssen.“ Über jeden Gestürzten seien „zahllose Füße hinweggetrampelt“. Viele Ältere, die nicht die Kraft hatten, sich auf den Füßen zu halten, waren unter den Toten.

Bereit stehende Krankenwagen, Polizeifahrzeuge und technische Hilfsdienste rasten herbei; zahlreiche Fahrzeugen pumpten Luft in den Tunnel hinein. Ein ägyptischer Pilger war sich sicher: „Dadurch verhinderten die Rettungsmannschaften ein noch größeres Inferno.“

Überaus schlimm war es auch so: Mindestens 1426 Menschen erstickten oder wurden totgetreten. Diese Zahl nannte Saudi-Arabiens Innenminister Prinz Naif ibn Abd al-Aziz 36 Stunden nach der Katastrophe.

Zuvor hatte sein Bruder König Fahd ibn Abd al-Aziz die schnell kursierende Schätzung von mindestens 1400 Toten noch als „übertrieben“ zurückgewiesen. Der Monarch nannte die Opfer „Märtyrer nach dem Willen Gottes“, wies ihnen aber zugleich eine Mitschuld am eigenen Tod zu: „Sie folgten nicht den Anordnungen der Behörden.“

Fahd sprach auch von „höherer Gewalt“ und wies jede Schuld Saudi-Arabiens zurück. „Es war Schicksal“, sagte er. „Wären sie dort nicht gestorben, wären sie anderswo und an einem ebenso vorbestimmten Moment gestorben.“ Forderungen nach einer internationalen Untersuchung des Vorfalls lehnte die Regierung ab – obwohl fast alle Toten keine Saudis waren: Etwa 560 der Opfer jenes Tages stammten aus Indonesien, viele weitere aus Malaysia und Pakistan.

Anfang Juli 1990 waren etwa zwei Millionen Muslime aus aller Welt nach Mekka gekommen. Das von Jahr zu Jahr zunehmende Gedränge führte immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen, bei denen teilweise Hunderte Menschen zerquetscht oder niedergetrampelt wurden. Die Katastrophe vom 2. Juli 1990 war nur einer von mehreren solcher Unfälle, allerdings entweder der schlimmste oder zumindest der zweitschlimmste.

So wurden am 23. Mai 1994 trotz der abermals ausgebauten Präsenz saudischer Sicherheitskräfte 270 Pilger, meist Indonesier, totgetreten. Am 15. April 1997 erfassten Brände, die von starken Winden getrieben wurden, die weitläufige, überfüllte Zeltstadt in Mina, töteten mehr als 340 Pilger und verletzten weitere 1500. Am 9. April 1998 wurden rund 180 Pilger zu Tode getrampelt, am 5. März 2001 wieder einmal 35 Menschen. 2004 waren es 251 Tote, 2006 meldeten die saudischen Behörden 362 Opfer.

Die wahrscheinlich schlimmste, nach offiziellen Angaben allerdings „nur“ zweitschlimmste Katastrophe fand am 24. September 2015 statt. Mindestens 769 Menschen kamen ums Leben, als es an einer Fußgängerkreuzung in Mina zu einer Panik kam. Unabhängige Beobachter hatten Hinweise auf sogar mehr als 2400 Opfer.

Doch nicht nur solche Unglücksfälle führten immer wieder zu massenhaften Todesfällen am Rande der Wallfahrt. Es gab auch Terrorangriffe und Übergriffe von Sicherheitsbehörden in Mekka. Am 20. November 1979 zum Beispiel stürmten Hunderte radikale Islamisten die Große Moschee. Zwei Wochen lang wurde in ihren Katakomben gekämpft, bis zu 1000 Menschen verloren ihr Leben.

Am 31. Juli 1987 starben 402 Menschen, hauptsächlich iranische Pilger; weitere 649 wurden verletzt. Saudische Sicherheitskräfte waren mit schiitischen Gläubigen zusammengestoßen, die in Mekka gegen die USA demonstrierten. Knapp zwei Jahre später, am 9. Juli 1989, explodierten zwei Bomben. Ein Pilger wurde getötet, 16 weitere wurden verletzt. Die saudischen Behörden beschuldigten vom Iran unterstützte Terroristen und enthaupteten später 16 schiitische Kuwaiter. Das Mullah-Regime in Teheran bestritt jede Beteiligung.

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Time am 1. Juli 2020

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1) https://www.welt.de/geschichte/article210769317/Massenpanik-1990-Als-in-Mekka-1426-Pilger-starben.html

Nützliche Idioten

26. Juni 2020

Überall auf der Welt kann immer wieder ein gemeinsames Agieren von linken und nazislahmischen Aktivisten beobachtet werden.

Jedoch sind die Linken die ersten, die bei einem Sieg der Jihadisten beseitigt werden.

Lesen Sie einen Bericht von „Freie Welt“ (1).

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Schon wieder Randale zwischen Faschisten:

Wien: Graue Wölfe greifen Antifa an

In Wien wurde eine Kundgebung linker Gruppen von rechtsradikalen Türken angegriffen. Die Linken flüchten sich zur Antifa. Die holt die Polizei.

Am zweiten Tag hintereinander wurde in Wien eine Kundgebung kurdischer, linker Gruppen von rechtsradikalen Türken angegriffen. Mitglieder der ›Grauen Wölfe‹ attackierten Demonstranten im Stadtteil 10. Wiener Gemeindebezirk Favoriten. Sie setzten Böller ein und warfen auch mit Steinen.

Die linken Aktivisten flüchteten sich daraufhin in das „Ernst Kirchweger Haus“ und suchten Schutz bei der dortigen Antifa. Da die Polizei zunächst nicht in die Konfrontation eingriff, kam es zu Auseinandersetzung zwischen Antifa und Grauen Wölfen. Dabei versuchten etwa 200 bis 300 türkische Faschisten in das Gebäude einzudringen.

Laut Polizei ist es zu Sachbeschädigungen gekommen. Ein Polizeisprecher erklärte, die Protestkundgebung sei zunächst friedlich verlaufen. Angriffe auf die Kundgebung wurden verhindert. Für die späteren Attacken machte die Polizei einen Mob aus männlichen türkischen und österreichischen Jugendlichen verantwortliche. Es gab es sechs Festnahmen. Ein Polizist wurde durch einen Steinwurf verletzt und hatte einen gebrochenen Finger.

Wie indymedia berichtet, warfen die Angreifer gezielt Stein, Flaschen und Feuerwerkskörper auf das Haus und versuchten „gewaltsam in das Gebäude einzudringen. Mehrere Fensterscheiben im Erdgeschoss wurden dabei eingeschlagen“, schreibt indymedia. „Nur durch die Solidarität von Antifaschist_innen“, heißt es weiter, „konnte Gröberes verhindert werden.“ Schließlich beklagt sich die Antifa: „Die Polizei hingegen blieb über längere Zeit untätig.“

Das „Ernst Kirchweger Haus“ ist seit 1990 besetzt und beherbergt zahlreiche linksorientierte Gruppen und Organisationen. Der Name erinnert an einen Kommunisten, der 1965 bei einer linken Demonstration gegen einen Universitätsprofessor tödlich verletzt worden war – das erste Opfer politischer Gewalt in Österreich nach Kriegsende.

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Time am 26. Juni 2020
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1) https://www.freiewelt.net/nachricht/wien-graue-woelfe-greifen-antifa-an-10081650/

Die Orks kapern den Antirassismus (#5)

20. Juni 2020

Hengameh Yaghoobifarah ist Journalistin und hat bei der „TAZ“ einen Artikel veröffentlicht, in dem sie sich für die Abschaffung der Polizei ausspricht.

Wer sie als bekennende Lesbe dann vor nazislahmischen Schlägertrupps schützen soll, bleibt ihr Geheimnis.

Kein Geheimnis macht sie aus ihrer Hautfarbe: Sie bezeichnet sich als dunkelhäutig, als eine „Person of Colour“ (PoC).

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Weißabgleich – taz Podcast von PoC

Über diesen Podcast

Endlich ein Podcast von PoC für PoC und für alle, die Lust haben, ihre Perspektive zu erweitern!

In einem Land zu leben, in dem man Rassismus immer wieder von vorne erklären muss, das ist oft einfach nur ermüdend. Um uns über die Dinge unterhalten zu können, die uns interessieren, die uns Tag für Tag beschäftigen, haben wir, eine Gruppe von People of Color aus der taz, uns zusammengetan.

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Time am 20. Juni 2020

Nie wieder Sozialismus – egal ob rot, ob braun

17. Juni 2020

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Time am 17. Juni 2020

Im Interview: Helge Lindh

17. Juni 2020

Helge Lindh ist ein Politclown der Schariapartei Deutschlands (SPD) und ein sehr umtriebiger Ork-Lakai.

Henryk M. Broder beispielsweise ist das schon mehrfach aufgefallen (1 + 2 + 3 + 4 ).

Herr Lindh hat dem staatlich unterstützten Orkmagazin „IslamiQ“ der nazislahmischen Mille Görüsch (5) ein Interview gegeben (6), in dem er Rassismus, „antimuslimischen Rassismus“ und Antisemitismus gleichsetzt. Dagegen fordert er ein „Gesamtkunstwerk des Einsatzes gegen Rassismus“ sowie „Sanktionen gegen Hass und Hetze im Netz“.

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„Rassismus macht die Gesellschaft kaputt“

Rassismus ist auch ein Dauerthema in Deutschland. Warum Politik und Gesellschaft immer noch keine Lösung für dieses Problem gefunden haben, erklärt SPD-Bundestagsabgeordneter Helge Lindh im IslamiQ-Interview.

IslamiQ: Herr Lindh, Sie sind aktuell für Ihren Einsatz gegen antimuslimischen Rassismus häufiger im öffentlichen Diskurs. Weshalb ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Helge Lindh: Respekt gegenüber Menschen ist sehr wichtig. Deshalb können Rassismus und der antimuslimische Rassismus niemandem egal sein. Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, kann man den Rassismus überall sehen. Daher bewegt mich dieses Thema schon seit vielen Jahren. Meiner Meinung nach muss Rassismus aufmerksam beobachtet und offen debattiert werden. Es ist aber auch kein Thema, das nur mit Migration und Integration zu tun hat, denn es gibt z.B. auch viele Deutsche muslimischen Glaubens. Genau diese Verbindung mit der Integrationsdebatte ist schon stigmatisierend.

IslamiQ: Werden Sie aufgrund Ihrer Unterstützung angefeindet?

Lindh: Ja, in den letzten Jahren ist das leider zur Gewohnheit geworden, da ich die Themen ja offensiv anspreche, auch im Bundestag. Dabei versuche ich, die Perspektive derjenigen, die Rassismus erfahren, deutlich zu machen. Aus diesem Grund bin ich heftigsten Beschimpfungen ausgesetzt und erhalte Beleidigungen, Einschüchterungsversuche, Morddrohungen.

IslamiQ: Was macht das mit Ihnen?

Lindh: Ich bin da relativ abgehärtet und werte das als Motivation und Bestätigung, an meiner Haltung nichts zu ändern. Es wäre jedoch gelogen, wenn ich sagen würde, es lässt mich, meine Eltern oder Mitarbeiter*innen unberührt. Ich glaube aber, wenn die vielen Vernünftigen in diesem Land nicht schweigen, sondern auch laut werden, können wir die Stimmen der Hasser überstimmen. Das ist mein Anliegen, ich werde da in keiner Weise nachgeben.

IslamiQ: Nach den Anschlägen in Solingen und Mölln hieß es: „Nie wieder!“. Doch danach folgten die NSU-Morde. Wie bewerten Sie die Aufarbeitung dieser Anschläge aus politischer Sicht?

Lindh: Leider ist es uns als Politikern nicht gelungen, auf der Ebene der sicherheitspolitischen Aufarbeitung hinreichend zu reagieren. Die Möglichkeiten der Sicherheitsbehörden und des Verfassungsschutzes wurden nicht annähernd genug ausgeschöpft. Auch die gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung ist nicht erfolgt. Das Vorgehen der Polizei und Jurisprudenz wird nichts nützen, wenn wir den Rassismus und die Diskriminierung im Alltag nicht bekämpfen. Es braucht ein Gesamtkunstwerk des Einsatzes gegen Rassismus. Das hat also auch mit jedem selbst zu tun.

IslamiQ: Warum wurde bis heute so wenig gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Islamfeindlichkeit in der Politik getan? Waren die Anschläge nicht Grund genug?

Lindh: ‚Die Politik‘ gibt es nicht. Wir alle sind Teil der Politik. Daher ist es wichtig, dass so viele wie möglich sich auch artikulieren. Umgekehrt müssen wir Abgeordneten begreifen, dass wir nicht einfach so vor uns hinarbeiten, sondern dass wir allen anderen Rechenschaft schuldig sind. Politik ist weit mehr als nur Parlamente. Ich glaube, dass Rassismus und antimuslimischer Rassismus und Antisemitismus zur Realität dieses Landes gehören. Wir würden uns doch selbst betrügen, wenn wir sagen würden, dass unsere Gesellschaft rassismusfrei ist. Es gibt viele Menschen, die manifest rassistisch denken. Und es gibt immer wieder Menschen, die latent rassistisch sind. Diese Denkmuster sind weit verbreitet. Es ist nicht nur eine kleine Zahl von Neonazis. Rassismus reicht weit hinein in die Mitte der Gesellschaft. Daher ist es auch kein Wunder, dass Rassismus politisch nicht hinreichend bearbeitet wird und noch kein Masterplan gegen Rechtsextremismus in der Praxis realisiert wurde.

IslamiQ: Gilt das auch für den NSU-Fall?

Lindh: Der NSU wurde nur bedingt aufgearbeitet – zum Teil skandalöser Weise gar nicht. Die Anträge im Bundestag gegen Rassismus und Alltagsrassismus waren nicht entschieden genug und sind allzu häufig nur Anträge geblieben. Wenn wir nun einmal Rassismus haben, der die Gesamtgesellschaft betrifft, auch die Politik selbst, dann ist man nicht konsequent genug gegen diesen Umstand angegangen. Die schrecklichen Ereignisse der letzten Jahre haben eine größere Sensibilität geschaffen, aber leider erst sehr spät. Wir hätten Vieles längst begreifen müssen, nach Mölln, Solingen und dem NSU. Das ist nicht geschehen. Sogar schlimmste Taten haben nicht gereicht, um die Gesellschaft aufzuwecken.

IslamiQ: Hanau ist ein Beispiel dafür. Wie haben sie den Anschlag dort erlebt?

Lindh: Mich hat es sofort an Christchurch erinnert. Nach dem Anschlag in Neuseeland hatten viele den Eindruck, dass es hier bei uns nicht passieren könne. Aber leider hat Hanau gezeigt, dass es passieren kann. Die rassistischen Ereignisse in den letzten Jahren haben Spuren hinterlassen. Und Hanau war das Ergebnis. Leider, muss ich sagen, und das ist ganz bitter, hat mich der Anschlag in Hanau nicht wirklich überrascht. Man hat leider schon damit gerechnet. Ich war geschockt, aber andererseits habe ich es auch erwartet, befürchtet.

IslamiQ: Hat nach dem Anschlag in Hanau ein Umdenken stattgefunden?

Lindh: Ja und nein. Ich habe nach dem Anschlag gesagt, dass wir mit aller Staatsgewalt gegen so eine Tat und deren Umfeld vorgehen müssen. Wir müssen Täter und Netzwerke ermitteln. Aber sowas braucht eine gesamtgesellschaftliche Maßnahme. Wir können nicht so wie bisher weitermachen. Ich glaube schon, dass Hanau ein Weckruf war, denn immerhin gibt es nun einen Kabinettsausschuss gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Das ist ein Novum. Viele haben das Problem erkannt, aber es hat leider sehr lange gedauert. Umso wichtiger ist es, dass wir offensiv gegen Rassismus vorgehen. Wir müssen Foren für Menschen schaffen, die diesem Hass ausgesetzt sind. Aber diese Leistung müssen Menschen erbringen, die nicht Opfer von Rassismus sind. Wer Opfer von Rassismus ist, hat nicht primär die Aufgabe, sich auch noch um die Bekämpfung von Rassismus zu kümmern. Wir haben Rassismus zu oft und zu abstrakt diskutiert. Man hat nicht begriffen, wie ernst die Lage ist und wie groß das Problem ist. Man hat nicht begriffen, dass Rassismus eine Gesellschaft kaputt macht. Die Stimmen der betroffenen Menschen müssen sehr eindringlich Raum finden. Das ist bis jetzt nicht geschehen.

IslamiQ: Die Themen Rassismus und Islamfeindlichkeit werden uns wohl noch lange beschäftigen. Wie kann dieses strukturelle Problem gelöst werden? Ist eine Lösung überhaupt möglich?

Lindh: Rassismus muss klar beim Namen genannt und ungeschminkt beschrieben werden. Auch die Opfer müssen benannt werden. Dafür müssen sich an erster Stelle u.a. die Gesetzgebung und die Strafverfolgung ändern. Gefährdete Einrichtungen müssen geschützt werden und die rechte Szene besser beobachtet werden, um bestmöglich gegen sie handeln zu können. Zudem müssen wir es schaffen, dass die Menschen ins Gespräch kommen. Es reicht nicht, wenn wir zweimal im Jahr einen interreligiösen Dialog führen. Vor allem müssen Opfer und Betroffene zu Wort kommen. Es ist ganz schwierig, auch nur latent vorurteilsbehaftete Menschen mit Opfern in Gespräch kommen zu lassen, aber gerade das ist notwendig. Wir dürfen nach einem Anschlag nicht wegschauen und zur Routine zurückkehren, wir müssen unmittelbar danach anfangen, etwas zu ändern. Anschließend, nicht abschließend, denn die Aufgabe erledigt sich nicht, müssen Sanktionen gegen Hass und Hetze im Netz eingeführt werden, da wir derzeit dort eine Ungehemmtheit der Erniedrigung, Entwürdigung und des Hasses erleben.

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Time am 17. Juni 2020

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1) https://www.achgut.com/artikel/lindh_bietet_der_afd_seine_mitarbeiterin_an
2) https://www.achgut.com/artikel/die_muehen_des_jungen_herrn_lindh
3) https://www.achgut.com/artikel/lieber_renitent_als_flatulent
4) https://www.achgut.com/artikel/lindh_zartbitter_ueber_achgut.com_im_bundestag
5) https://de.wikipedia.org/wiki/Mill%C3%AE_G%C3%B6r%C3%BC%C5%9F
6) https://www.islamiq.de/2020/06/14/rassismus-macht-die-gesellschaft-kaputt/

Kein Clown mehr

16. Juni 2020

Boris Becker war einmal ein großartiger Athlet.

Dann, so Michael Wittershagen von der „FAZ“, wurde er zum Clown, zum „Boulevardclown“ (den jeder auslachte).

Doch jetzt ist er zurück, mehr denn je, in „der Form seines Lebens“.

Wie das?

Er macht, was alle machen: Er bezieht Stellung gegen Rassismus!

Bravo, Boris!

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Time am 16. Juni 2020

Great Job, Donni!

15. Juni 2020

Deutschlands Führungsriege verrät the great USA, die einzige Garantiemacht für Demokratie auf dieser Erde, einmal mehr.

Zeit, ein Zeichen zu setzen!

Danke, Donni!

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Time am 15. Juni 2020