Suizidale Fangemeinde

28. Juli 2016

Jihad

Die Inspiration erfolgt direkt aus dem Kloran

Bei „Audiatur“ habe ich einen Aufsatz von Alex Feuerherdt gefunden, der die neue Suizid-Strategie des globalen Jihad erörtert (1).

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Jihad mit einfachen Mitteln

Bei einem Attentat in einer Regionalbahn bei Würzburg am 18. Juli 2016 verletzte ein in Deutschland als minderjährig und unbegleitet registrierter Flüchtling fünf Menschen mit einem Beil und einem Messer, vier davon schwer.

Der Anschlag von Würzburg hat erneut gezeigt: Zum Terroristen des Islamischen Staates wird man nicht, weil man sich ihm förmlich anschliesst, sondern wenn man in seinem Namen mordet und verletzt. Längst setzt der IS verstärkt auf seine suizidale Fangemeinde im Westen und weitet so die Kampfzone aus. In Deutschland verweigert man sich dieser Erkenntnis allerdings noch weitgehend.

Ein übermässig grosses Gewicht sollte man einem flüchtigen, schnelllebigen, die Verkürzung begünstigenden Medium wie Twitter – genauer gesagt: den dort produzierten und verbreiteten Inhalten – zwar nicht unbedingt zusprechen. Dennoch ist es immer wieder aufschlussreich, wie in diesem Netzwerk mit seinen unzähligen Nutzern auf bedeutsame Ereignisse reagiert wird, welche Reflexe dabei zu beobachten sind und welche Dynamiken sich entwickeln. Nachdem der 17-jährige Islamist Riaz Khan Ahmadzai in Würzburg unter „Allahu Akbar“-Rufen in einem Regionalzug mehrere Fahrgäste mit einer Axt verletzt hatte – einige davon schwer – und schliesslich von der Polizei erschossen worden war, machten beispielsweise die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Verleger Jakob Augstein ihre zweifelhaften Prioritäten deutlich, als sie sich weniger um die zahlreichen Opfer als vielmehr um den Angreifer sorgten. Warum dieser nicht lediglich „angriffsunfähig geschossen“ worden sei, wollte Künast in einem kurz nach der Tat veröffentlichten Tweet wissen, und wie zur Untermauerung liess sie gleich vier Fragezeichen folgen. Augstein wiederum dekretierte: „Gerechtigkeit entsteht vor Gericht, nicht durch Erschiessen.“ Der Juristin Künast scheint also der Unterschied zwischen Gefahrenabwehr und Strafverfolgung nicht klar zu sein, der Publizist Augstein kennt darüber hinaus auch den zwischen Recht und Gerechtigkeit offenbar nicht. Sogar noch ärger, weil zutiefst verständnisinnig war ein Statement der ehemaligen Piraten-Politikerin Julia Probst. „Der Amoklauf [d]es unbegleiteten Flüchtlings ist einfach nur traurig. Wie traurig und wie wütend muss er gewesen sein, um sowas zu tun?“, twitterte sie.

Als der Islamische Staat (IS) schliesslich verlautbaren liess, Ahmadzai sei einer ihrer „Kämpfer“ und habe seinen Angriff „als Antwort auf unsere Aufrufe ausgeführt, die Länder der Koalition anzugreifen, die den IS in Syrien und im Irak bekämpft“, fand auf Twitter der Hashtag#ISbekenntsich rasch eine vieltausendfache Verbreitung: Der IS bekenne sich zu den Serverproblemen bei „Pokémon Go“, zum schlechten Wetter auf Festivals, zu den Verspätungen bei der Deutschen Bahn, zu den Abgängen bei Borussia Dortmund, zum Analogkäse auf der Pizza. Und so weiter und so fort. Damit wurde die islamistische Terrororganisation zu einer Ansammlung von Trittbrettfahrern verniedlicht, die gerne alles Mögliche für sich reklamiere – darunter auch einen Anschlag in Deutschland –, um mächtig zu wirken. Dumm nur, dass der IS am Tag nach dem Attentat ein Video veröffentlichte, in dem der Täter sich als „Soldat des Kalifats“ bezeichnete und ankündigte, durch eine Attacke mit einem Messer und einer Axt zum „Märtyrer“ werden zu wollen. Da hätte den Scherzkeksen auf Twitter eigentlich das Lachen im Halse stecken bleiben müssen.

„Tötet sie, wie ihr wollt“

Nun könnte man den populären Hashtag als misslungene Witzkampagne abtun, wäre er nicht so symptomatisch für die deutsche Sicht auf den IS. Denn weit verbreitet ist der Glaube, dass ein Angriff oder Anschlag nur dann dem Islamischen Staat zugerechnet werden kann, wenn der Täter gewissermassen einen Mitgliedsausweis des IS vorlegen kann oder doch zumindest nachweislich vom IS beauftragt worden ist. Andernfalls geht man lediglich von einem Amoklauf eines unorganisierten Psychopathen aus, nicht aber von einer islamisch motivierten Überzeugungstat. Selbst Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach nach der Würzburger Attacke von einem „Einzeltäter“, der sich durch den IS bloss „angestachelt gefühlt“ habe; es gebe jedenfalls keine Hinweise auf eine Anordnung des IS. Dabei ist, wie Thomas von der Osten-Sacken hervorhebt, längst klar: „Zum Soldaten des IS wird man nicht, weil man sich dem IS anschliesst, sondern wenn man im Namen des IS mordet und totschlägt. Erst dann ist man auch IS – egal, was man vorher war und getan hat. So lautet das Versprechen aus Raqqa und gilt jedem auf dieser Welt: Töte, töte möglichst viele möglichst barbarisch, und posthum wirst Du einer von uns werden, ein Märtyrer, berühmt, erinnert.“

Ähnlich sieht es Florian Flade auf Welt Online: Statt auf eine komplexe Anschlagsplanung setze der IS nun im Zuge eines Strategiewechsels „verstärkt auf seine suizidale Fangemeinde im Westen“. Die Ideologen des Terrors riefen zu spontanen Gewalttaten auf. „Ziele, Orte oder Zeitpunkte spielen dabei keine Rolle. Das schlichte Angebot lautet: Werde durch deine Tat einer von uns.“ So verfuhren schon die Attentäter von Orlando und Nizza – und nun auch Riaz Khan Ahmadzai. „Das Kalifat muss seine Kämpfer nicht einmal mehr rekrutieren, um sich mit ihren Anschlägen zu schmücken“, schreibt Joachim Güntner in der Neuen Zürcher Zeitung. Es müssten auch keine spektakulären Bombenattentate sein. „Die Strategie des totalen Krieges, der ein Jihad mit einfachsten Mitteln sein kann, hat einer der Sprecher des IS schon im September 2014 formuliert. Jede Zeit, jeder Ort, jede Form der Gewalt sei gegen die Feinde die rechte, gab [der IS-Sprecher] Mohammed al-Adnani zu verstehen, als er sagte: ‚Tötet sie, wie ihr wollt. Zertrümmert ihnen den Kopf, schlachtet sie mit einem Messer, überfahrt sie mit einem Auto, werft sie von einem hohen Gebäude, erwürgt oder vergiftet sie.‘“

Vom kläglichen Leben zum Märtyrerdasein

Dabei glaubt auch der Islamische Staat nicht daran, dass die „Ungläubigen“ durch solche Attentate unmittelbar bezwungen werden können. Die Angriffe sollen auch keine direkten militärischen Erfolge bringen oder auch nur die Militärschläge der Koalition gegen den IS stoppen. Vielmehr geht es darum, die Kampfzone auszuweiten und in Europa die Angst überallhin zu tragen. Ganz bewusst setzt der Islamische Staat darauf, einen Konflikt zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu schüren und am liebsten bis zum Bürgerkrieg zu eskalieren, wie auch Florian Flade befindet: „Die Botschaft des IS an seine Feinde lautet: Es gibt keine Sicherheit mehr für euch. Jeder kann einer von uns sein“ – auch ein noch minderjähriger Flüchtling wie Ahmadzai, der vorher völlig unauffällig war, als freundlich beschrieben wurde und sogar gute Aussichten auf eine Lehrstelle hatte. Und jeder Ort kann zu einem gefährdeten werden, wie Joachim Güntner festhält: „Nicht nur Flughäfen, Bahnhöfe und grosse belebte Plätze, auch Regionalzüge verlangen nun unsere Wachsamkeit. Genau diese umfassende Furcht, diese ständige Angstbereitschaft sucht der Terror zu verbreiten. Dass Hieb- und Stichwaffen weit weniger Opfer fordern als eine Bombe, besagt für die Effektivität des Schreckens wenig. Beim Terror zählt die mediale Wirkung.“

„Die Wiederkehr des Kalifats gab jedem einzelnen Muslim eine konkrete und greifbare Existenz, um sein natürliches Bedürfnis zu befriedigen, zu etwas Grösserem zu gehören“, schrieben die IS-Ideologen im Januar 2015 in ihrer Propagandazeitschrift Dabiq. Es gebe nur „zwei Lager in der Welt, für die sich die Menschheit entscheiden kann“, hiess es dort weiter: das „Lager des Islam“ auf der einen und das „Lager des Unglaubens, die Kreuzzügler-Koalition“ auf der anderen Seite. Deshalb gebe es auch „keine Entschuldigung mehr“, sich als Muslim nicht dem Islamischen Staat anzuschliessen. Wer im Westen lebe und sich nicht die Ziele des IS zu eigen mache, gehöre zu den Feinden. So wird die Ideologie des Islamischen Staates „zu einem sinnstiftenden Element für viele Suchende – auch für Muslime, die zuvor kaum ihren Glauben praktizierten“, analysiert Florian Flade. Der IS biete eine vermeintlich „plausible Erklärung für die eigene, vielleicht missliche oder miserable Lebenslage“ sowie – und das ist wesentlich – „eine ideologische Überhöhung der eigenen Person. Der radikale Islam als der Weg der elitären Gläubigen, der Helden, der Märtyrer.“ Wer sonst schon keine nennenswerten Spuren hinterlässt, aber glaubt, dazu berufen zu sein, hinterlässt sie eben durch ein barbarisches Verbrechen. „So wird aus einem kläglichen Leben und einem zerfetzten Tod posthum noch ein Märtyrerdasein“, wie Markus Vahlefeld treffend resümiert.

Ein Krieg gegen das freie Leben, die Liebe, die Lust

Dass man auf Taten wie die in Würzburg übrigens nicht zwangsläufig mit falschen Prioritätensetzungen, dummen Verharmlosungen, haarsträubenden Beschwichtigungen oder autoritären Forderungen reagieren muss, zeigte eine Initiative, die sich „Solidarität mit den Bewohnern des Asylbewerberheims Würzburg“ nennt und am Tag nach dem Attentat eine Kundgebung für die Opfer veranstaltete. Der islamische Terror, so hiess es im lesenswerten Aufruf dazu, sei „ein Krieg gegen das freie Leben, die Liebe, die Lust“ und werde „schon lange nicht mehr nur in der arabischen Welt geführt – gegen mutige Atheisten, Säkulare, Liberale, Frauen, Schwule“, sondern er betreffe „auch ganz konkret uns in Europa“. Man fordere daher „Solidarität mit all jenen, die seit Jahren gegen diese Barbarei ankämpfen, und explizit auch mit jenen, die vor der Gewalt nach Europa fliehen“. Die Antwort auf den Terror müsse „die konsequente Verteidigung der Freiheit des Individuums und der Rechte eines jeden Menschen“ sein, „von Afghanistan bis Würzburg“. Gleichzeitig forderte die Gruppe „verstärkte Massnahmen und Programme, um den Islamismus in den Heimen und den Vierteln zu bekämpfen“. Dazu gehöre „die Schaffung von grossangelegten Präventionsprogrammen, Revision des von fragwürdigen Institutionen geleiteten Islamunterrichts, Verhinderung der Ausreise europäischer Islamisten zu den Schlachtfeldern in Syrien, Stärkung von säkularen Vereinen sowie Unterstützung und Schutz für die Betroffenen nicht nur des Terrors, sondern auch des reaktionären Alltagislams“.

Es sind Forderungen, wie sie auch der seit 2004 in Deutschland lebende israelisch-arabische Psychologe und Autor Ahmad Mansour immer wieder erhebt. In einem Interview des Deutschlandfunks nach der islamistischen Attacke in Würzburg sagte er: „Wir müssen in der Lage sein, nicht nur nach jedem Anschlag mit der Antwort zu kommen, das hat mit dem Islam nichts zu tun, sondern wir müssen uns mutig und ehrlich die Frage stellen, wie konnte so ein Ungeheuer unter uns entstehen. Und dieses Ungeheuer entsteht nicht nur beim IS, sondern solange wir Moscheevereine und Islamverständnisse haben, die immer noch diese Werte in sich tragen, Feindbilder schaffen, das Leben verachten. Dann werden wir immer wieder Leute haben, die wir an die radikalen Islamisten noch verlieren werden.“ Auf Twitter erfuhren diese klaren Worte nicht annähernd so viel Verbreitung und Resonanz wie die Tweets von Künast, Augstein und Probst oder der Hashtag #ISbekenntsich. Honni soit qui mal y pense.

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Time am 28. Juli 2016

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1) http://www.audiatur-online.ch/2016/07/25/jihad-mit-einfachen-mitteln/

Sie sind keine Menschen

27. Juli 2016

Dumm gelaufen

Dumm gelaufen: Nicht mal sich selbst hat diese nazislahmistische Ich-Bombe töten können.

Lesen Sie einen Beitrag von Professor Michael Wolffsohn von „FAZ.NET“ (1).

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Kann eine Bombe Mensch sein?

Selbstaufopferung und Selbstanmaßung göttlicher Macht: Worin der fundamentale Unterschied zwischen den von den Dschihadisten als Märtyrer verherrlichten Attentätern und den Märtyrern des Judentums und des Christentums besteht.

Märtyrer sind seit jeher eine politische Waffe. Sie kann entweder defensiv oder offensiv sein. Beide Varianten gab und gibt es. Muslimische Selbstmordattentäter verstehen und präsentieren sich als Märtyrer. Sie meinen und hoffen, direkt ins Paradies zu gelangen, wo sie seelische sowie körperliche Genüsse und 72 Jungfrauen erwarten.

Muslime, Juden und Christen benutzen (in unterschiedlichen Sprachen) den gleichen Begriff, verbinden mit ihm allerdings ganz und gar Unterschiedliches. Ein Märtyrer ist für Juden und Christen jemand, der sich selbst für seinen Glauben, für seinen Gott, opfert. Sich selbst opfert – und keine anderen dabei tötet oder ermordet. Für Juden und Christen personifizieren Märtyrer das rein defensive Leid. Ihr Tod ist unfreiwillig, sie haben ihn nicht selbst gewählt. Theologisch vereinfacht entspricht ihr Tod „Gottes unergründlichem Ratschluss“. Ihrem Verständnis zufolge ist allein Gott Herr über Leben und Tod, nicht der Mensch. So gesehen, sind die Mörder dieser Märtyrer Instrumente Gottes. Keiner weiß, weshalb Gott diese ungeheure Ungerechtigkeit zulässt, jeder stellt die Menschheitsfrage nach der Gottesgerechtigkeit beziehungsweise Theodizee.

Ganz anders die heutigen muslimischen Selbstmordattentäter. Ihr Märtyrertum ist offensiv. Sie sind das handelnde, andere Menschen ermordende Subjekt. Theologisch betrachtet, gleicht dieses Märtyrertum in doppelter Hinsicht Ketzerei. Ob Muslim oder nicht, bei einem Selbstmordanschlag erhebt sich ein Mensch zum Herrn über Leben und Tod anderer Menschen. Er, nicht Gott, vernichtet fremdes Leben und das eigene. Ausgehend von den Grundannahmen des Judentums, des Christentums und auch des Islams, also fundamentaltheologisch gedacht, ist das nichts anderes als Ketzerei, denn letztlich wagt es ein Mensch, Gott „Nachhilfe“ zu geben. Wenn das keine Gotteslästerung ist, was dann?

Es lassen sich mühelos Koranstellen und andere Zitate aus heiligen Schriften des Islams finden, die belegen, dass die Ungläubigen (wie immer sie definiert werden) bekämpft und getötet werden müssen – aber aus der Defensive. Haben Pariser Konzertbesucher und Einkäufer in einem jüdischen Supermarkt die „Gläubigen“ angegriffen? Die Passagiere auf dem Flughafen oder in der Metro Brüssels? Die Menschen, die in Nizza Frankreichs Nationalfeiertag begangen haben? Wenn Selbstmordattentate nicht Sinn und Ziel der Religionen entsprechen, stellt sich die Frage, wozu sie dann dienen. Meine These lautet: Sie sind Teil einer politisch-militärischen Strategie. Diese These muss begründet werden. Doch zuvor sei das dominante jüdische und christliche Verständnis von Märtyrern ergänzend beschrieben.

Die Personifizierung eines jüdischen Märtyrers ist Rabbi Akiba (50/55 bis 135 nach Christus). Während des jüdischen Aufstands gegen die römische Weltmacht in den Jahren 132 bis 135 war es den Juden verboten, die ihnen heilige Tora zu lehren. Rabbi Akiba missachtete das Verbot. Im Babylonischen Talmud (Traktat Berachot 61a) lesen wir: „Da kam Papos der Sohn Judas und traf Akiba wie er öffentliche Versammlungen abhielt und sich mit der Tora befasste. Da sprach er zu ihm: Fürchtest du dich denn nicht vor der ruchlosen (römischen) Regierung? Er lehrte weiter, wurde gefasst, gefangen und zum Tode verurteilt. Die Stunde, da man Rabbi Akiba zur Hinrichtung führte, war gerade die Zeit des Sch’malesens („Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig . . . du sollst ihn mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele lieben“).

Man riss Rabbi Akibas Fleisch mit eisernen Kämmen. Er aber nahm das Joch der himmlischen Herrschaft auf sich. Seine Schüler sprachen zu ihm: Meister, so weit? Er erwiderte ihnen: Mein ganzes Leben grämte ich mich über den Schriftvers (aus dem „Höre Israel“), mit deiner ganzen Seele, sogar wenn er deine Seele nimmt, indem ich dachte: wann bietet sich mir die Gelegenheit, und ich will es erfüllen, und jetzt, wo sie sich mir darbietet, sollte ich es nicht erfüllen? Er dehnte so lange das Wort ,einzig‘, bis ihm die Seele bei ,einzig‘ ausging. Da ertönte eine Hallstimme (stets sozusagen die oberste himmlische Instanz) und sprach: Heil dir, Rabbi Akiba, dass deine Seele bei ,einzig‘ ausging.“

Unreflektiert und unwidersprochen blieb diese Lobpreisung nicht. Die talmudischen Weisen empfanden das ethische Dilemma deutlich. Sie erfanden daher die folgende Geschichte, die an gleicher Stelle zu finden ist: „Die Dienstengel sprachen vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Ist das die Tora und das ihre Belohnung?“ Gott antwortet mit einem unbefriedigenden Bibelzitat: „Ihr Anteil ist im Leben.“ Und, wie so oft, wenn in den kommentierenden rabbinischen Geschichten („Midraschim“) selbst Gottes Antwort unbefriedigend ist, „ertönte eine Hallstimme“. Sie entscheidet, ihr ist nicht zu widersprechen. Hier sprach und bekräftigte sie: „Heil dir, Rabbi Akiba. Du bist für das Leben der zukünftigen Welt bestimmt.“ Keine Begründung. Basta. Der Begriff „zukünftige Welt“ kommt dem im Hebräischen nicht vorhandenen „Paradies“ (nur als „Garten Eden“ bezeichnet) am nächsten. Rabbi Akiba war Märtyrer. Das wird von den Talmudisten gepriesen. Trotzdem bezweifeln sie die Sinnhaftigkeit des Martyriums. Deshalb erzählen sie die Zweifel der anderen Rabbiner, der gelehrten Schüler Akibas, und sogar der Engelsversammlung. Den Tod gleich welcher Art bejubeln die Talmudisten in keiner Weise.

Dabei wagen sie sogar Widerspruch zur Tora, dem heiligsten Teil der Hebräischen Bibel. Sie deuten sie fundamental um – zugunsten des Lebens, selbst des feindlichen Lebens. Die Kinder Israels fliehen aus Ägypten. Das Heer der Ägypter verfolgt sie. Sie durchschreiten unter der Führung von Moses das ihnen von Gott geöffnete Rote Meer. Es schließt sich wieder. Die Ägypter ertrinken. Moses und die geretteten Juden feiern und lobpreisen Gott. Diese Geschichte kommentieren die Talmudisten auf eine nicht nur in diesem Zusammenhang geradezu rebellische Weise. Gott fragt die Himmlische Versammlung, wie sie jenes Geschehen bewerte. Alle sind begeistert und loben den Herrn ob seiner Entscheidung, die ägyptischen Verfolger Israels in den Meeresfluten zu ertränken. Gott widerspricht: Wie könne er jubeln, wenn seine Geschöpfe sterben? Das ist Textevolution als Revolution.

Die Talmudisten stellen die Tora-Ethik nicht nur hier vom Kopf auf die Füße. Beides geschieht im Namen Gottes. Freilich bedeutet die talmudische Weiterentwicklung der ursprünglichen Ethik, wie gesagt, eine Revolution. Um sie nicht als solche sichtbar zu machen, berufen sich die Talmudisten auf dieselbe, völlig unveränderte biblische Geschichte. Kein Komma wird geändert, wohl aber ihr Geist. An der Stelle von Jubel über den Tod der Feinde stehen Mitleid und Trauer. Aus dem Feind, dem Unmenschen, wird ein Mensch, Mitmensch und schließlich der Nächste, den man lieben solle „wie sich selbst“ (Leviticus 19, 18). Das zunächst alttestamentliche „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ wird später zentral in Jesu Bergpredigt neutestamentlich aufgegriffen. Eine vergleichbare talmudische oder jesuanisch-christliche Evolution und Revolution fehen im Islam.

Womit wir – neben anderen und späteren – bei dem christlichen Märtyrer schlechthin wären: bei Jesus, dem aus christlicher Sicht „Christus“, also dem Messias. Anders als beim Propheten des Schwertes, Mohammed, sind Jesu Lehre und Leben gewaltlos und ihrer Gewaltlosigkeit wegen für Jesus am Ende tödlich. Doch die christliche Heilsgeschichte formt gerade Jesu Tod sowie das damalige Schandzeichen des Kreuzes – wie die Talmudisten, also in bester jüdischer Tradition – revolutionär um. Es folgt der Triumph der Auferstehung. Die Botschaft ist eindeutig: Nicht Gewalt siegt, sondern Gewaltlosigkeit.

In der Kirchengeschichte haben gar manche Christen – nicht nur Päpste und nicht nur Katholiken – dem „lieben Gott“ bei weltlichen Machttriumphen nachgeholfen. Auch das war fundamentaltheologisch nichts anderes als Ketzerei. Dennoch: Urchristentum und Judentum, besser: Frühchristen und Juden schöpften gerade aus der Macht- und Gewaltlosigkeit ihre Kraft und Machtmöglichkeit. Erst Kreuzigung, dann Jesu Auferstehung; erst Roms Verfolgung der urchristlichen Mini-Gemeinschaft, dann allmächtige römische Staatsreligion (die dann bekanntlich auch Unchristliches vollbrachte). Trotz (oder wegen?) ständiger Verfolgungen entwickelten die Juden überlebenswichtige Hochleistungsstrukturen besonders im Bildungsbereich und auf diese Weise herausragende kulturelle sowie wirtschaftliche Erfolge.

Letztlich wird in der aufgeklärten jüdischen wie christlichen „Theologie nach Auschwitz“ die Gründung des jüdischen Staates Israel 1948 als eine Art Auferstehung interpretiert. In den (Wahn-)Vorstellungen so mancher Zeitgenossen gilt Israel als regionale Übermacht, manchen gar als „Weltmacht“. Selbst dieser Irrsinn hat einen im Kern theologischen Sinn: Nach und trotz dem sechsmillionenfachen Judenmorden wäre das jüdische Volk als Staat wiederauferstanden. Das schlechte Gewissen der Außenwelt hätte das Mitleid für und die (zeitweilige) Beliebtheit von Juden ausgelöst, zur Staatsgründung und schließlich zur „Machtfülle“ Israels geführt.

Es wäre in ihrem eigenen Interesse sinnvoll, wenn sich die islamische Welt auch in diesem Zusammenhang fragte, wie man aus Kraftlosigkeit und eben nicht aus Mord und Totschlag Kraft schöpft, Beliebtheit und letztlich dadurch Macht gewinnt. Könnte, sollte dieses Entwicklungsmuster, diese Evolution, von der Machtlosigkeit zur Machtmöglichkeit und Macht nicht für den terroristischen Islam Inspiration sein, statt einer Bombenexplosion die nächste folgen zu lassen?

Für die Macht und Kraft der Gewaltlosigkeit gibt es auch rein politische Vorbilder, etwa Mahatma Gandhi. Die damalige Kolonial- und Weltmacht Großbritannien zwang er durch angewandte Gewaltlosigkeit in die Knie. Intern war seine Methode nicht unumstritten, doch nicht die gewaltdürstigen Heißsporne, sondern der gewaltlose Gandhi ebnete den Weg zur Unabhängigkeit Indiens. Langfristig führt der Terror ins Nichts, ohne je das strategische Ziel zu erreichen. Er verbreitet Schrecken, ist schrecklich und zugleich sinnlos.

Dschihadistische Selbstmordattentäter sind also Ketzer. Sie sind, wie wir sahen, auch eine politische und psychologische Waffe. Sind sie, fundamentaltheologisch gefragt, noch Menschen? Diese Frage stellte mir mehrfach mein 2014 verstorbener Freund Eugen Biser, der bedeutende katholische Fundamentaltheologe und Priester. Er war ein Mann des Friedens und absoluter Gewaltlosigkeit, ein wahrhaft jesuanischer Christ. Eugen Biser beantwortete die selbstgestellte Frage eindeutig. Fundamentalethisch betrachtet, könne ein Mensch nicht zugleich Mensch und Bombe sein. Indem sich ein Mensch freiwillig in eine Bombe verwandele, entziehe er sich dem Menschsein und entäußere sich der Menschenrechte. Er sei deshalb fundamentalethisch als Materie und nicht als Mensch zu behandeln. Daraus folge zwingend, dass eine Bombe nicht, wie der Mensch, Ebenbild Gottes sein könne. Obwohl gewaltlos, ist dieser Gedankengang Eugen Bisers gewaltig furchterregend. Diese Logik des durch und durch friedensethischen Himmelsmannes scheint höllisch. Sie ist wehrhaft, aber defensiv.

Auch Zynismus und analytische Herzenskälte sprechen für einen Strategiewechsel der islamisch motivierten, selbstmörderischen Mörder, die meinen, durch Menschenbomben „die“ christlich-jüdische, westliche Welt aus der Welt bomben zu können. Das ist ebenso vermessen wie unrealistisch.

Die islamischen Selbstmordkiller greifen, wie alle Terroristen, die Zivilbevölkerung ihres Feindes an. Militärisch konventionell betrachtet, sind Terroristen den angegriffenen Staaten gegenüber wehrlos. Psychologisch und operativ sind sie ihnen jedoch haushoch überlegen. Sie bestimmen Ort und Zeit, des zuschlagens. Sie verunsichern ihren Feind. Sie können ihn zwar nicht besiegen, aber völlig verunsichern, indem sie durch höchst schmerzhafte Nadelstiche seinen Alltag unkalkulierbar machen. Zudem zahlt ihr Feind, also wir, einen hohen Preis. Auf diese Weise sollen wir politisch gefügig gemacht werden und die Forderungen der Terroristen erfüllen. Trotz zunächst markig wehrhafter Worte der Angegriffenen ist erfahrungsgemäß ein immer größer werdender Teil ihrer Zivilbevölkerung bereit, sich mit dem Aggressor zu identifizieren und dessen Verlangen nachzugeben.

Ähnlich funktioniert das politisch-psychologisch erfolgreiche, oft siegreiche Vorgehen von Guerrillakämpfern. Diese greifen, meist als Zivilisten getarnt, das Militär ihres Feindes an. Das Militär ist verunsichert, denn zunächst schießt kein Soldat hemmungslos auf Zivilisten. Das ist der erste psychologische Pluspunkt der Guerrilla. Der zweite: Schießt der Soldat auf den Zivilisten und tötet ihn, ist der getötete Guerrillakämpfer, weil dem Scheine nach Zivilist, Märtyrer. Den Tod ihrer Kämpfer als Selbstmordsoldaten nimmt die Guerrillastrategie bewusst in Kauf. Man sehe ja: Da liege der tote „Zivilist“, dort stehe der Soldat als Mörder. Gewiss, der Schein trügt, aber seine politisch-psychologische Wirkung ist gewaltig. Je mehr „Märtyrer“ Guerrillakämpfer haben, desto massiver und erfolgreicher ist ihre psychologische Kriegsführung. Sowohl in den eigenen Reihen als auch beim Feind, denn der und dessen Gesellschaftsmehrheit reagieren reflexhaft menschlich: Auf Zivilisten schießt man nicht. Die zynische Strategie der Guerrilla nutzt Menschlichkeit für die eigene Unmenschlichkeit.

Gilt diese Analyse auch für kollektiven Selbstmord, etwa der jüdischen Verteidiger der antiken Festung Massada am Toten Meer? Sie, ihre Frauen und Kinder begingen im Jahre 73 kollektiven Selbstmord, um sich nicht von den siegreichen Römern versklaven zu lassen. Im Mittelalter, vor allem während des Ersten Kreuzzugs, zogen es Juden an Rhein, Main und Mosel vor, ihre Angehörigen und dann sich selbst umzubringen, um nicht zwangsgetauft zu werden. Ob das Martyrium der Frauen und Kinder, auch vieler Männer, wirklich freiwillig war, sei dahingestellt. Jedenfalls ist es die defensive Variante des Märtyrertums. Zynisch oder nicht, so wirkt es, so soll es wirken. Es löst im überlebenden Teil der Gemeinschaft Überlebensschuld aus und ermahnt die Nachfahren, dass der Tod der Taufe vorzuziehen sei. Man werde den Toten gegenüber schuldig, wenn man sich doch taufen lasse, „nur“ um weiter leben zu können. Nachahmung wird auf diese Weise programmiert. Dieses defensive Märtyrertum stärkt und schließt die eigenen Reihen. Wer sich entzieht, hat ein schlechtes Gewissen oder wird zumindest durch Ächtung und gesellschaftliche Isolation bestraft. Das ist die negativ-kritische Seite.

Auch eine positive wäre zu erwähnen. Der Tod dieser Märtyrer führt ihrer Gemeinschaft einen lebenswerten Gegenentwurf vor Augen. Sie sterben, damit andere gut im Sinne von menschenwürdig und ethisch leben können. Diese Feststellung gilt bezogen auf Rabbi Akiba, die jüdischen Kreuzzugs-Märytrer und selbstverständlich für Jesus. Ihr Tod ist Zeichen für das Leben. Diese defensive Variante ist ethisch Lichtjahre von der offensiven der islamischen Selbstmordattentäter entfernt, denn diese bekämpfen den Feind, jene richten sich selbst, kollektiv und individuell.

Auch offensives Märtyrertum Einzelner oder von Gruppen bindet die Überlebenden und Nachfahren an die Gemeinschaft der Märtyrer. Es sichert ebenfalls das Überleben des Kollektivs. Doch es ist eben nur ein Überleben, das anderen Tod bringt. Dem Siegesjubel über den Tod des Feindes folgt unwillkürlich der Katzenjammer über das eigene Dasein, das durch den Mord am vermeintlichen Feind keinen Deut besser wird, nur schlechter. Denn selbst der langmütigste Feind schlägt irgendwann zurück, selbst wenn er sich vorher mit dem Aggressor identifizierte. Wenn es um Sein oder Nichtsein geht, entscheiden sich auch die Weichsten für Wehrhaftigkeit.

Vermeintliche und tatsächliche Mörder, individuelle und erst recht kollektive, bleiben stigmatisiert. „Die“ Juden haben zwar Jesus definitiv nicht dem Kreuz überantwortet, „die“ Juden waren und sind also kein „Gottesmörder-Volk“. Als solches galten sie allerdings rund zweitausend Jahre lang. Manch einer sieht das noch heute so. Mit Deutschland und „den“ Deutschen assoziieren Millionen nicht nur Goethe, Schiller und Weimar, Dichter und Denker, sondern Mörder, Henker und Auschwitz. Es ist zu erwarten, wenngleich zu verurteilen, dass „der“ Islam und „die“ Muslime durch islamische Selbstmordattentäter und Serienmörder auf ähnliche Weise stigmatisiert werden. Hitler war Deutscher, aber nicht alle Deutschen waren Nazis. Terroristen sind derzeit vor allem Muslime, aber eben nicht alle Muslime sind Terroristen. Wie jedes Kollektiv wird die Mehrheit der Unschuldigen durch die Minderheit der Schuldigen stigmatisiert. Auch so gesehen, zeigen die offensiven Islam-Märtyrer ihrer, der islamischen Gemeinschaft nur Tödliches, Unheilbringendes. Für jeden wie auch immer definierten Sieg bedarf es eines menschenwürdigen Lebensentwurfs, keiner Todesexpertise. Menschlichkeit, Lebensverstand und Überlebensstrategien sind gefragt.

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Time am 27. Juli 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/die-gegenwart/terrorismus-kann-eine-bombe-mensch-sein-14344840.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Die MoT feiert Jubiläum

27. Juli 2016

Jubiläum

Dies ist der 3003. Beitrag in der MoT.

Dazu kommen 6691 Kommentare!

Love U!

Feiern Sie mit mir!

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Time am 27. Juli 2016

We’ll get u

26. Juli 2016

The Beginning

… get u all!

With a smile!

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Time am 26. Juli 2016

Pornopresse huldigt Fuhrergan

26. Juli 2016

Ratze

Er ist kein König – er ist Sultan, Herrscher der Hyänen

Bei „FAZ.NET“ beginnt Michael Hanfeld zu verstehen, dass die vom Kloran vorgesehene und ergo originär mohammedanistische Regierungsform die Diktatur ist (1).

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Erdogan in der ARD

So redet ein Diktator

Die EU? Nicht vertrauenswürdig. Islamistischer Terror? Existiert nicht. Die Türken? Wollen die Todesstrafe. So vorsichtig Sigmund Gottlieb fragt: Im ARD-Interview muss er Erdogan nur reden lassen, um alles über ihn zu erfahren.

Ein Interview mit jemandem wie Recep Tayyip Erdogan zu führen, muss man sich genau überlegen. Denn es ist eine Gratwanderung: Ist es ein richtiges Gespräch mit kritischen Fragen, kann es ein Scoop sein. Doch gelingt das nicht – und damit darf man bei einem Autokraten wie dem türkischen Staatspräsidenten rechnen – endet es mit einem PR-Auftritt des Herrschers und für den Journalisten und sein Medium mit einer Blamage. Diese haben der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Sigmund Gottlieb, und die ARD so gerade eben vermieden.

KriecherGottlieb vermag den türkischen Präsidenten zwar nicht ansatzweise aus der Reserve zu locken, seine Nachfragen wirken lasch, sogar gegen den Vorwurf der Desinformation verwahrt er sich nur halbherzig. Aber das Interview im Ersten zeigt doch eins: Es erbringt einen weiteren Nachweis dafür, dass Erdogan mit der Demokratie, von der er fortwährend redet, nichts mehr zu tun hat. Für ihn gibt es nur noch das Volk. Dessen Willen gilt es zu erfüllen. Was ist der Wille des Volkes? Das weiß niemand besser als Recep Tayyip Erdogan. Er kennt das Volk, hört ihm zu und handelt nach seinem Willen. Er kann also gar nichts falsch machen. Er entscheidet im Namen des Volkes. Das bedeutet auch: Wer gegen ihn ist, handelt gegen das Volk. Kommt das irgend jemandem bekannt vor?

Das Volk will die Todesstrafe

Das Volk will zum Beispiel, dass die Todesstrafe wieder eingeführt wird, sagt Erdogan auf Gottliebs entsprechende Frage. Also kommt die Todesstrafe auf die Tagesordnung. Was die Europäer davon halten, spielt keine Rolle, schließlich gibt es die Todesstrafe fast überall auf der Welt und – wie gesagt: Das Volk will es so. Und man stelle sich nur vor, der Putsch hätte Erfolg gehabt. Dann wäre es mit der Demokratie in der Türkei vorbei gewesen und hätte es viele tausend Tote gegeben. Die Position der EU, sagt Erdogan, sei in dieser Frage „nicht vertrauenswürdig“.

„Nicht vertrauenswürdig“ – mit dieser Qualifikation kommt Erdogan noch einige Male in dem halbstündigen Gespräch um die Ecke. Die EU ist nicht vertrauenswürdig, die europäischen Regierungen sind es nicht – nicht in der Kritik an ihm und nicht in der Flüchtlingspolitik. Die Informationen und Kritikpunkte, die ihm Gottlieb entgegenhält, sind für Erdogan selbstredend auch nicht „vertrauenswürdig“: Die türkische Gesellschaft ist gespalten, die Bildungselite wird kalt gestellt, der türkischen Wirtschaft geht es schlechter? Keine Rede davon! Man sieht doch die Menschen auf den Straßen und Plätzen, die für die Demokratie eintreten, 20.000 bis 30.000 Lehrer werden im Nu neu eingestellt, an den Universitäten ist alles in Ordnung, die Banken machen keine Probleme, und auch der Tourismus wird sich erholen: Das ist die Türkei, und das ist die Welt, wie Recep Tayyip Erdogan sie sieht.

Was es in dieser Welt nicht gibt, und was während des Gesprächs im Ersten leider nicht zur Sprache kommt, ist der Gegenputsch, mit dem Erdogan den Putsch, auf den er nur gewartet hat, beantwortet: Ausnahmezustand (den er vielleicht um weitere drei Monate verlängert, das lässt Erdogan offen), Massenverhaftungen, zuletzt von Journalisten, Tausende abgesetzte und entlassene Staatsanwälte, Richter, Professoren, Lehrer und Militärs, Abgeordnete, deren Immunität aufgehoben wurde, der Krieg gegen die Kurden im eigenen Land.

Erstaunlich, wie schnell er war

Es sei ja schon erstaunlich, sagt Gottlieb zu Beginn, wie schnell Erdogan reagiert habe. Als habe er so etwas erwartet. Die leise Kritik, die in dieser Frage steckt, überhört der türkische Präsident selbstverständlich. Sie ist nicht von Belang. Man muss aber schon wissen, sagt Erdogan: Wer ist wer im Staat? Will heißen: Wer ist gegen ihn und wer ist nicht für ihn, also auch gegen ihn und muss weg? Jeder kann zu diesen „Sie“ gehören, von denen Erdogan dauernd spricht. Diese „Sie“, also die Anhänger der Gülen-Bewegung, mit ihrer vermeintlich riesigen Verschwörungs-Organisation im In- und Ausland. „Sie“ müssten entfernt werden. Und wir wissen ja: Der Putsch dieser „Sie“ war ein Schlag gegen das Volk. Entsprechend gilt es zu antworten.

Richtige Antworten jedoch bekommt Sigmund Gottlieb nicht, so sehr er sich – bisweilen übertrieben freudig lächelnd – mit dezent kritischen Fragen auch darum bemüht. Der deutsche Journalist und der türkische Präsident – sie reden nicht nur aneinander vorbei. Sie reden, wenn es scheinbar um ein und dieselbe Sache geht, von etwas ganz anderem. Redet Gottlieb von Bildung, meint er die freie Lehre, spricht Erdogan davon, geht es um Kaderschulung. Fragt Gottlieb nach dem Terror, meint er den IS. Redet Erdogan vom Terror, meint er die PKK und die Kurden. Fragt Gottlieb nach Maßnahmen gegen Terroristen, erzählt Erdogan, dass diese doch von Deutschland „genährt“ würden und von dort aus gegen die Türkei operierten. Wen meint er damit? Die Schlächter vom IS wohl kaum.

Islamistischen Terror gibt es nicht

Von „islamistischem Terror“ will Erdogan erst gar nicht reden und nichts hören. Denn mit der Religion habe der Terror nichts zu tun, wer von „islamistischem Terror“ spreche, beleidige alle Muslime und gebärde sich nicht anders als ein Antisemit. Rede denn irgendjemand von christlichem oder jüdischem Terror? Wer von islamistischem Terror spricht, handelt also genau so wie ein Antisemit? Den Twist muss man sich merken. In einer Woche mit gleich zwei islamistischen Anschlägen und zwei weiteren Bluttaten in Deutschland so zu reden, das zeugt schon von einer gewissen Kühnheit.

An dieser Stelle des Gesprächs konnte man die Luft an- und Sigmund Gottlieb zugute halten, Erdogan dekonstruiert zu haben. Jeder, der seine Sinne beisammen hat, kapiert, was mit diesem Mann los ist: Mit Erdogan ist kein Staat zu machen, vor allem kein demokratischer. Als Partner taugt er für gar nichts – nicht für einen EU-Betritt, nicht für die Achtung der Menschenrechte, nicht für die Flüchtlingspolitik (die selbstverständlich die offene Flanke der Europäischen Union ist, in diesem Punkt hat Erdogan recht) und auch nicht im Kampf gegen den – islamistischen – Terror.

Ich bin kein König

Das Interview mit der ARD werden Erdogan und seine Leute garantiert für einen PR-Coup halten und seine Anhänger in Deutschland werden sich daran erfreuen, wie gut sich der türkische Präsident verkauft hat. Er hat es mal wieder allen gezeigt.

Die Türkei sei kein Königreich, sondern eine Demokratie, und er sei kein König, sondern ein gewählter Präsident, sagt Erdogan. Angesichts dessen, was dieser Präsident im Augenblick mit der Türkei macht, ist das eine unverhohlene Drohung – süßlich verpackt in freundliche Grüße und in herzliches Beileid angesichts der Opfer der Anschläge der vergangenen Tage – für das deutsche Volk.

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Time am 26. Juli 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/erdogan-in-der-ard-so-redet-ein-diktator-14357732.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Stoppt Fuhrergan!

25. Juli 2016

Cem

Lesen Sie einen Artikel von „FAZ.NET“ über die Position Cem Özdemirs gegenüber dem Führer der Torks (1).

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AKP-Anhänger in Deutschland

Özdemir: Erdogans Arm darf nicht nach Deutschland reichen

Die Spannungen nach dem gescheiterten Staatsstreich in der Türkei machen sich längst auch hierzulande bemerkbar. Grünen-Chef Cem Özdemir fordert „ein klares Stopp-Signal“ an die Unterstützer des türkischen Präsidenten in Deutschland.

Grünen-Chef Cem Özdemir warnt davor, dass die Auseinandersetzungen in der Türkei nach dem gescheiterten Putsch gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nach Deutschland überschwappen könnten. „Der Arm Erdogans, der mag in viele Bereiche der türkischen Gesellschaft mittlerweile reichen, aber er darf nicht nach Berlin reichen. Er darf nicht nach Deutschland reichen“, sagte Özdemir am Sonntag im Deutschlandfunk.

Er wünsche sich eine klare Ansage der Bundesregierung, „dass Menschen, die sich nicht dem Erdogan-Regime hier unterordnen wollen aus der türkischen Community, dass sie sich darauf verlassen können, dass sie hier sicher sind und hier zumindest keine Angst haben müssen“.

Özdemir betonte, natürlich dürften auch Erdogan-Anhänger in Deutschland demonstrieren. Dies gehöre zur Demokratie. „Aber klar ist auch, wo die rote Linie ist. Das liegt bei Gewalt und insbesondere da, wo Intoleranz ins Spiel kommt, wo andere unter Druck gesetzt werden, wo man sie einschüchtert. Das geht nicht.“ Wenn hier Läden überfallen würden, wenn hier Druck auf andere gemacht werde oder wenn es gar Aufrufe ähnlich wie in der Türkei gebe, Listen über mutmaßliche Regime-Gegner zu führen, „dann muss es ein klares Stopp-Signal geben“.

Özdemir forderte eine konsequentere Abgrenzung zu radikalen türkischen Nationalisten in Deutschland. Im Umgang mit deutschen Rechtspopulisten sei es Konsens, dass diese „am Rande der Gesellschaft stehen und sie nicht normale Gesprächspartner sind“, sagte Özdemir der „Bild am Sonntag“. „Aber für radikale Türken gelten diese Maßstäbe nicht“, kritisierte er. Es gebe „eine Art türkische Pegida in Deutschland, die wir genauso behandeln müssen wie die uns bekannte“.

Wenn Pegida-Chef Lutz Bachmann in Deutschland einlade, „geht ein anständiger Demokrat nicht hin“, sagte Özdemir. „Das muss inzwischen auch für die Erdogan-Statthalter in Deutschland gelten.“

Insbesondere kritisierte Özdemir den türkischen Moschee-Dachverband Ditib. Dieser müsse sich loslösen vom Einfluss aus der Türkei. „Wenn wir unsere Schulen für muslimischen Religionsunterricht über Ditib öffnen, lassen wir zu, dass Erdogans Ideologie im Unterricht in unserem Land verbreitet wird“, warnte Özdemir. „Das finde ich unerträglich.“

Die Bundesregierung forderte der Grünen-Chef auf, der Einflussnahme aus der Türkei entschiedener entgegen zu treten. Erdogan möge einen langen Arm haben, „aber dieser Arm darf nicht nach Berlin, Stuttgart oder München ragen. Hier muss die Bundesregierung endlich ein Stoppsignal setzen.“

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Time am 25. Juli 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/akp-anhaenger-in-deutschland-oezdemir-erdogans-arm-darf-nicht-nach-deutschland-reichen-14354950.html

Fragen Sie die Pornopresse

24. Juli 2016

München

Auf der „Achse“ wirf Thomas Rietzschel drei wichtige Fragen in Bezug auf den Massenmord von München auf (1).

Dem möchte ich hinzufügen, dass man zuerst von dem Attentäter „Daniel S.“ sprach, seinen Vornamen „Ali“ jedoch unterschlug.

„BNI“ vertritt übrigens die Auffassung, dass der Killer ein pro-türkisch-syrischer Aktivist gewesen sei, der von Interpol beobachtet wurde. Man ist dort der Ansicht, dass sein gezeigtes Portrait sehr alt sei (2). „BNI“ meldet auch, dass mehrere Zeugen gehört hätten, dass er „Allahu Akbar“ schrie (3), was u.a. „CNN“ berichtet habe (4). Auch mutmaßt man mehrere Täter.

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Drei Fragen zu München

Wenn ein 18-Jähriger, ausgestattet mit einem iranischen und einem deutschen Pass, innerhalb weniger Minuten neun Menschen erschießen und wenigstens 16 weitere teils schwer verletzten kann, wirft das vor allem drei Fragen auf:

– Über welche Waffe oder Waffen verfügte der Jugendliche? Allein mit einer Pistole hätte die Tat nur ein geübter Schütze ausführen können; und auch der hätte wenigstens einmal nachladen oder eine zweite, vielleicht sogar eine dritte Pistole bei sich haben müssen. Was kam also zum Einsatz?

– Wie ist der Täter an die Waffe gekommen? Schließlich ist der freie Handel mit Waffen in Deutschland verboten. Also: Woher und von wem bekam er die Tatwaffe samt Munition? Schließlich muss er angesichts der Zahl der Opfer einiges verschossen haben.

– Wie kam er an das Geld für den Erwerb von Waffen und Patronen? Alles in allem schätzungsweise ein wenigstens vierstelliger Betrag. Oder musste er gar nichts bezahlen, weil ihm die Ausstattung für ein bestimmten Zweck zur Verfügung gestellt wurde?

Dass die Polizei diese Fragen erst nach längeren Ermittlungen wird beantworten können, ist ihr nicht vorzuwerfen. Aber warum kommt in der Öffentlichkeit, insbesondere bei ARD und ZDF, niemand auf die Idee, solche Fragen nüchtern aufzuwerfen. In keiner Nachrichtensendung, in keinem Interview, nirgends wird ein Gedanke daran verschwendet. Dabei fehlt es den Kollegen gewiss nicht an der nötigen Sendezeit. Seit dem gestrigen Abend sind sie mit der Berichterstattung über den Münchner Anschlag nahezu nonstop auf dem Schirm.

Ständig gibt es irgendeine Live-Schalte zu den ausgeschwärmten Reportern. Einer nach dem anderen werden sie wieder und wieder gefragt, wie sie die Situation am Ort „erleben“, was „die Menschen fühlen“, wie es in der Stadt aussieht, was sie für „einen Eindruck“ macht. Politiker bekunden ihr „Entsetzen“ und ihre „Anteilnahme“. Angela Merkel lässt den Hinterbliebenen der Opfer sogar ihre „persönliche Anteilnahme“ ausrichten. Kennt sie die Angesprochenen so persönlich, dass sie „persönlich“ Anteil nehmen kann?

Das alles mag Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit und durchaus gut gemeint sein, sich dem aufrichtigen Bemühen verdanken, Trost zu spenden. Und dennoch hinterlässt es den Eindruck von Ausweichmanövern, weil nicht zugleich das Naheliegende erörtert wird. Vermeidet man Fragen, weil sich dabei womöglich herausstellen könnte, dass es sich um ein Attentat handelt, zu dessen organisatorischer Vorbereitung es mehr bedarf als der Wut eines Irrsinnigen, des spontan ausgemachten Einzeltäters?

Natürlich weiß zur Stunde noch niemand, wie und mit welcher Absicht der Mordanschlag vorbereitet, organisiert und ausgeführt wurde. Dass es ein terroristischer Akt mit islamischen Hintergrund gewesen sein könnte, ist aber nicht weniger unwahrscheinlich als die These von einem Amokläufer, der auf eigene Faust um sich schoss. Deshalb wäre es ein Gebot journalistischer Redlichkeit, endlich auch die Fragen nach der technischen Ausrüstung des Mörders ins Gespräch zu bringen, zu überlegen, wie und von wem er seine Waffen bezogen haben könnte. Ganz egal, was dabei heraus käme, es wäre erhellender als die aneinander gereihten Einschätzungen aller möglichen Experten zur geistigen Verfassung von Amokläufern.

Denn auch für die Medien gilt, wer sich dümmer stellt, als er es nach der Lage der Dinge sein kann, erregt den Verdacht der Manipulation.

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Time am 24. Juli 2016

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1) http://www.achgut.com/artikel/drei_fragen_zu_muenchen
2) http://www.barenakedislam.com/2016/07/24/merkel-government-cover-up-of-real-identity-of-the-muslim-gunman-who-killed-9/
3) http://www.barenakedislam.com/2016/07/23/german-government-media-spin-on-munich-terrorist-allahu-akbar-shouting-baby-faced-muslim-killer-was-depressed-from-years-of-bullying/
4) http://www.barenakedislam.com/2016/07/22/updated-again-yes-it-was-a-muslim-terrorist-attack-in-munich-several-dead/

Kein Sicherheitsbewusstsein

24. Juli 2016

Clowns

Aufmarsch der grausamen Clowns,
die sich „graue Wölfe“ nennen, in Düsseldorf

Bei „FAZ.NET“ forderte Jasper von Altenbockum am 21. Juli ein Umdenken in Sachen „Terrorbekämpfung“ (1).

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Erst arabischer Frühling, dann deutscher Herbst?

Während ein Amokläufer mit der Axt in der Hand dem Kalifat huldigt, ziehen Nationalisten mit Flaggen der „Grauen Wölfe“ durch deutsche Straßen, deren Parolen einem Pegida-Putsch alle Ehre machen würde.

Ob sich die Terrorgefahr so eindämmen lässt, wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann es vorschlägt, ist derzeit leider fraglich. Denn die gängige Antwort auf seine Vorschläge lautet: Grenzkontrollen, Obergrenzen oder ein neues Asylrecht hindern niemanden daran, sich über Nacht zu radikalisieren.

Die Frage aber lautet: Wenn die Gefahr islamistischer Terroranschläge sich schon nicht ganz bannen lässt, warum überlegt sich der deutsche Staat dann nicht wenigstens, wie er in Zukunft ausschließt, dass jedermann einreisen und bleiben kann, wie und warum er will – ausgerechnet aus Staaten, die den Terror exportieren?

Eine „Axt-Attacke“ hätte es vielleicht auch dann gegeben. Aber Tage nach dem Angriff noch immer nicht zu wissen, woher der Attentäter wirklich kam, wie alt er tatsächlich war, ja, wer es überhaupt war, obwohl er sich nun schon seit einem Jahr in staatlicher Obhut befand, das ist für diesen Staat nicht gerade ein Ausweis für ausgeprägtes Sicherheitsbewusstsein.

Auch nicht für ausgeprägtes Integrationsbewusstsein. Das dafür nötige Vertrauen, an das nun appelliert wird, entsteht nicht durch Pro-Asyl-Poesie, sondern durch eine Politik, die sich dagegen immunisiert, überrollt zu werden. Den Eindruck kann die Bundesregierung seit Monaten nur dadurch verdecken, dass sie sich von einer Türkei abhängig macht, die jetzt in die Diktatur abdriftet.

Clowns2

Ausdruck der prekären Lage, in die sich die deutsche Willkommenskultur dadurch manövriert hat, ist die Gleichzeitigkeit des Ungeistes: Während ein Amokläufer mit einer Axt in der Hand dem Kalifat huldigt, ziehen Nationalisten mit Flaggen der „Grauen Wölfe“ durch deutsche Straßen, deren Parolen einem Pegida-Putsch alle Ehre machen würde. Den Kindern des arabischen Frühlings, die in Deutschland Zuflucht gefunden haben, ist zu wünschen, dass daraus nicht noch ein deutscher Herbst wird.

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Time am 24. Juli 2016

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1) http://www.faz.net/aktuell/politik/harte-bretter/terrorbekaempfung-erst-arabischer-fruehling-dann-deutscher-herbst-14351392.html

Neues von der Schweinepresse

21. Juli 2016

NTV

In der Schweinepresse (NTV) wird der rasende und massenköpfende mohammedanische Mob zum „Volk“. Dieses  feiert angeblich den Fuhrer und entbietet ihm das Schlachtopfer… Schlacht-Fest des Nazislahm!

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Time am 21. Juli 2016

Ein radikaler Islamist

19. Juli 2016

Ratze

Wie Ulrich W. Sahm bei „Audiatur“ berichtet, zeigt the Fuhrergan demonstrativ Solidarität mit der Muslimbruderschaft (1).

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Erdoğan grüsst Muslimbruderschaft

Als die Muslimbruderschaft in Ägypten gegen die Absetzung von Präsident Muhammad Mursi durch den Militärputsch des derzeitigen Präsidenten Al Sisi protestierte, sah man es tausendfach auf den Strassen: Statt der zwei Finger des säkularen „Victory“ wurden 4 Finger gezeigt, eine schwarze Hand mit eingeschlagenem Daumen auf gelbem Grund.

Es war das Zeichen der Muslimbrüder. 2013 wurde der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan gefilmt, als er weinend über den Tod von Asmaa el Beltagy trauerte. Die junge Demonstrantin war vor der Rabaa al-Adawiya Moschee in Kairo erschossen worden. „Rabaa“ bedeutet auf Arabisch „vier“ und deshalb die vier Finger als Zeichen der Solidarität für die Muslimbrüder und die Islamisten. Das Symbol verbreitete sich in der ganzen muslimischen Welt.

Jetzt, nach dem erfolgreichen Niederschlagen des Militärputsches, trat Präsident Erdoğan auf, im Massanzug und mit einem karierten Arbeiterhemd ohne Krawatte. So demonstrierte er „Volksnähe“. Und wieder zeigte der türkische Präsident für alle sichtbar seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern. Zu Beginn seiner Rede, als er sich an „meine lieben Brüder“ wandte, winkte er mit seiner Hand, mit vier ausgestreckten Fingern und einem weggedrehten Daumen.

Erdogan hat das Symbol in seiner Rede mehrfach verwendet und gewiss nicht zufällig. In arabischen Medien wird Erdogans stilles Zeichen ausführlich diskutiert. Im Gazastreifen, wo die Hamas, Ableger der ägyptischen Moslembrüder, herrscht, gab es Jubelfeiern nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei. In Ägypten hingegen reagierte Präsident Al Sisi ungehalten.

Auch im Westen spielen solche Symbole eine grosse Rolle, wie das V-Zeichen für „Victory“, von Winston Churchill nach dem 2. Weltkrieg und später von „Friedensbewegten“ in aller Welt verwendet.

In Deutschland kennt jeder die ausgestreckte Hand als Symbol für den Hitlergruss, heute bewusst von der Hisbollah in Beirut und der Hamas sogar mitten in Jerusalem verwendet. Nach der Entführung von drei jungen Israelis im Westjordanland im Juni 2014 war es bei Palästinenser populär, drei Finger hochzuhalten, als Symbol für die drei entführten und ermordeten jungen Israelis.

Und nun macht Erdogan unübersehbar klar, wo er steht. In der arabischen Welt gibt es viele Analphabeten, aber symbolische Handzeichen werden von jedem verstanden. Ob der Westen diese Zeichen der Zeit begreift?

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Time am 19. Juli 2016

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1) http://www.audiatur-online.ch/2016/07/18/erdogan-gruesst-seine-muslimbrueder/


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