Entweder Islam oder die Bombe

Von der Website des linksradikalen Meckerblattes „Konkret“ folgender mE. lesenswerter Aufsatz von Detlef zum Winkel:

Am 3. Dezember 2007 veröffentlichten die 16 Geheimdienste der USA einen gemeinsamen Bericht, nach dem der Iran bereits 2003 sein Atomwaffenprogramm eingestellt habe. Dem Land fehlten mindestens bis zum Jahr 2015 die technischen Möglichkeiten für den Bau einer Atombombe. Die Fähigkeit des Irans zum Bombenbau bezweifelte Detlef zum Winkel bereits in KONKRET 3/06

Der Iran will Kernwaffen. So schnell wie möglich und so viele wie möglich. Das ist die schlechte Nachricht. Eine Atombombe in der Verfügung eines islamischen Gottesstaats, in der Hand einer Regierung, deren Präsident den Holocaust leugnet und den Staat Israel von der Landkarte tilgen will – ja, das könnte den Lauf der Geschichte ändern, aber nicht zum Besseren. Neben Ahmadinejad sieht Saddam Hussein vergleichsweise harmlos aus. Immer gut für Schocks, wenn der iranische Präsident vor die Fernsehkameras tritt, vorzugsweise während des Freitagsgebets. Denn seine Politik bedeutet Krieg. Wird er den Westen zum dritten Golfkrieg provozieren, der dann der vierte wäre? Oder wird er über europäisches Appeasement und amerikanische Kriegsmüdigkeit triumphieren, um dann selbst zu wählen, gegen wen er seine Raketen einsetzt?

Obwohl ein Krieg gegen den Iran als letztes Mittel bezeichnet wird, werden vorletzte und drittletzte Mittel kaum erörtert. Unsere Medien gutachtern bereits, wie der Krieg am zweckmäßigsten zu führen wäre. Als Intervention der USA? Oder der Europäer? Oder als chirurgische Operation Israels gegen iranische Atomanlagen wie 1981 gegen den irakischen Atomreaktor Osiris durchgeführt? Bis wann haben wir noch Zeit? Wann wird der Iran die Bombe gebaut haben? Wann wird der point of no return im Fortgang des iranischen Nuklearprogramms erreicht sein? Die Schätzungen der Experten bewegen sich zwischen einem und zehn Jahren. Das ist eine sehr kurze Zeit, ja, es wäre sensationell, wenn der Iran in einer so kurzen Frist diese technische Leistung vollbringen könnte.

Das Abendland hat deutlich länger dafür gebraucht: ein halbes Jahrzehnt, seit die Kernspaltung entdeckt worden war, ein halbes Jahrhundert, seit die experimentellen und theoretischen Grundlagen der Atomphysik gefunden worden waren, ein halbes Jahrtausend, seit die Anfänge des naturwissenschaftlichen Denkens, das letzten Endes zur Atombombe geführt hat, gemacht worden waren. Es fing damit an, daß der Italiener Galilei ein holländisches Fernrohr auf den Planeten Jupiter richtete, wo er einige Flecken wahrnahm, die mit der Zeit offensichtlich ihre Lage veränderten. Er deutete sie als Schatten der Jupitermonde, und als er länger darüber nachdachte, kam er zu Erkenntnissen über das Sonnensystem und die Position der Erde in demselben, welche ihm prompt eine Fatwa des Papstes und eine ernste Drohung gegen seine körperliche Unversehrtheit einbrachten.

Ungefähr auf diesem historischen Niveau befindet sich das Land, das nun in wenigen Jahren Atombomben herstellen will, also der Iran des 21. Jahrhunderts. Entschuldigung, ein Sprecher der deutschen Muslime belehrt mich, daß wir so nicht auftreten dürften. Der Iran befindet sich selbstverständlich nicht auf dem Niveau der italienischen Renaissance – Herrgott, schon wieder ein mißverständlicher Satz; es ist aber auch wirklich schwer. Hier geht es nicht um Kultur, nicht um Sitten, Gebräuche, Gesellschaft und Ökonomie. Hier geht es ausschließlich um Physik, um jenes Fach also, das immerhin so global ist, daß die Schüler der ganzen Welt es hassen. Und es ist natürlich auch nicht das iranische Volk gemeint, von dem wir allzuwenig wissen, sondern gemeint ist das Niveau jener Theokratie, welche das iranische Volk immer noch zu dulden bereit ist.

Was lehrt uns Galilei? Zuvorderst dieses: Physik ist mit Religion unvereinbar. Mit der christlichen ebenso wie mit der jüdischen oder der islamischen. Die Geschichte der Physik liest sich wie eine Emanzipation von der Gottesfurcht. Die Galilei nachfolgenden Kopernikus, Kepler, Newton, Maxwell, Planck, Rutherford, Curie, Einstein, Fermi und schließlich Oppenheimer haben das, was sie persönlich über den lieben Gott gedacht haben, als ihre Privatsache behandelt. Beruflich allerdings haben sie den Herrn restlos aus ihrem Weltbild vertrieben. Anders hätten sie nicht erfolgreich arbeiten können. Restlos! Will das der Iran? Läßt er das zu?

Muß man überhaupt so weit zurückgehen? Muß ein reiches und mächtiges Land wie der heutige Iran den ganzen Weg, der zur Atombombe geführt hat, nachvollziehen? Es sollte doch reichen, das vorhandene und relativ bekannte Know-how über die Funktionsweise der Bombe anzuwenden, angereichertes Uran zu produzieren oder Plutonium zu beschaffen und so lange zu tüfteln, bis die Waffe scharf ist. Schließlich haben es auch andere geschafft, Pakistan zum Beispiel. Ja, Pakistan hat es geschafft. Das ist der springende Punkt. Eine Beurteilung der Möglichkeit, des Risikos, des Drohpotentials einer iranischen Bombe setzt voraus, daß man sich mit der pakistanischen Bombe beschäftigt.

Aus Kriegsgeschrei, also überbordender Desinformation, schlau werden zu wollen, ist immer schwer. Es empfiehlt sich daher, auf den Krieg zu schauen, der bereits einige Zeit zurückliegt, so daß sich Geschützlärm und Pulverschwaden schon etwas verzogen haben. Es lohnt sich, auf das Vorgängermodell einer iranischen Atombombe zu schauen. Was weiß man überhaupt darüber?

1998 gab es einen sogenannten erfolgreichen Atomtest Pakistans. Soviel ist sicher. Wie es dazu kommen konnte, bleibt rätselhaft. 15 bis 20 Jahre lang hatte es die verschiedensten pakistanischen Versuche gegeben, aus den Niederlanden, England und vor allem aus Deutschland Nukleartechnik zu importieren. Am bekanntesten wurde der Diebstahl von Konstruktionsplänen aus der Uranfabrik Almelo durch einen dort beschäftigten Techniker, Abdul Qader Khan. Er gilt heute als Vater der pakistanischen Atombombe. Am spektakulärsten, das wissen viele nicht mehr, war der Import hochwertigen Stahls von dem Unternehmen Arbed Saarstahl und der engagierte Einsatz des damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine für das Zustandekommen dieses Geschäfts. Wenn es stimmt, daß Pakistan eine alte Urananreicherungsanlage an den Iran verkauft hat, dann würde ich wissen wollen, ob jene Zentrifugen, die der Iran der Kontrolle der Internationalen Atomaufsicht entzogen hat, um dort möglicherweise Kernsprengstoff zu produzieren, aus saarländischem Edelstahl gefertigt sind. Welchen Sinn sollte es zudem für Pakistan gehabt haben, eine funktionsfähige Urananreicherungsanlage aus der Hand zu geben?

Aber immer wenn es kritisch wurde und wenn Pakistan kurz davor stand, wichtige nukleartechnische Komponenten über ein undurchschaubares Geflecht von Agenturen und Scheinfirmen zu beziehen, gab es amerikanische Presseenthüllungen, und die kunstvoll eingefädelten Deals scheiterten. Unschwer war hinter der Lancierung dieser Nachrichten die CIA zu erkennen. Und dann war es 1998 überraschend doch soweit. Niemand hatte rechtzeitig Alarm geschlagen. Und niemand regte sich wirklich auf, wenn auch Clinton Sanktionen gegen Indien und Pakistan verhängte. Das war seltsam. Waren die klandestinen Transfers über Firmen in Hanau, Bonn, London, Liechtenstein, der Schweiz und komischerweise auch in Wildbad (Schwarzwald) am Ende doch erfolgreich? So wird es im allgemeinen dargestellt. Qader Khan habe mit artistischem Geschick in der Grauzone verdeckter, getarnter und falsch deklarierter Geschäfte agiert. Auf der anderen Seite muß der Mann, der in seiner Heimat ein Nationalheld ist, hervorragende naturwissenschaftliche Fähigkeiten besitzen, Durchsetzungsvermögen, Organisationstalent und politisches Geschick. Denn er muß einen Job gemacht haben, den sich in Los Alamos ungefähr ein halbes Dutzend von Projektleitern geteilt haben.

Die andere Hypothese lautet, daß die CIA es nicht deswegen versäumt hat, rechtzeitig Alarm zu schlagen und die Bremse zu ziehen, weil ihr die Fortschritte entgangen wären, die in Pakistan in den neunziger Jahren gemacht wurden. Sondern weil die US-Regierung es aus übergeordneten Erwägungen durchgehen ließ. Als Belohnung für das Bündnis im Afghanistankrieg gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als daß Pakistan die Bombe von den USA bekommen hat, ähnlich wie Frankreich, Südafrika oder Israel ihre atomare Aufrüstung nur im wohlwollenden Einverständnis mit den USA betreiben konnten.

Diese Überlegungen sind nicht neu. Man konnte sie ebensogut schon vor acht Jahren anstellen. Etwas aktueller sind Informationen, wonach Qader Khan seinerseits Nuklearexporte nach Libyen, Iran und Nordkorea eingefädelt habe. Auch das war seltsam. Wie konnte Pakistan als Verbündeter der USA ausgerechnet diejenigen Länder unterstützen, welche die Bush-Regierung ausdrücklich als Schurkenstaaten deklariert hat? Und das auch noch mit Atomtechnik! Doch der Vorgang wird von Libyen bezeugt. Im Zuge seiner Aussöhnung mit dem Westen gab Gaddafi preis, was er von Pakistan erhalten hatte, und das scheint nicht sehr viel gewesen zu sein. Jedenfalls hat niemand ernstlich behauptet, Libyen sei auf dem Weg zur Atombombe gewesen. Auch die anderen Kunden scheinen mit den pakistanischen Lieferungen nicht sehr zufrieden gewesen zu sein. In Pakistan legte Qader Khan ein oberflächliches Geständnis ab, wonach er auf eigene Faust und nicht im Regierungsauftrag gehandelt habe. Dafür erhielt er eine milde Strafe, so etwas wie Hausarrest.

Aktuell ist allerdings ein Buch, das zwar schon vor drei Jahren erschienen ist, aber vor dem Hintergrund der heutigen Auseinandersetzung offene Fragen zuspitzt und Widersprüche provoziert. Sagen wir so: Das Buch enthält beiläufig einen Denkfehler, aber einen, an den wir uns alle gewöhnt haben, und so kann es uns helfen, diesen Fehler zu erkennen.

Anfang 2002 befand sich Bernard Henri Lévy, früher bekannt als neuer Philosoph der Pariser Intellektuellenszene, im Auftrag der französischen Regierung in Kabul. Nach dem Sturz des Talibanregimes sollte er Möglichkeiten erkunden, wie sich Frankreich am Wiederaufbau Afghanistans beteiligen könne. Dort erfuhr er von der Entführung und Ermordung eines Journalisten des „Wall Street Journal“ in Pakistan. Die Tat war von extremer Grausamkeit; sie wurde von den Tätern gefilmt und ins Internet gestellt. Lévy entschloß sich spontan zu einer Recherche, die ihn – auf den Spuren des Opfers und seiner Täter – ein Jahr lang nach Pakistan, Indien, Afghanistan, Israel und in die USA führte. Daraus entstand sein Tatsachenroman Wer hat Daniel Pearl ermordet?

Bevor ich die Ergebnisse von Lévys Nachforschungen referiere, muß sein Verdienst gewürdigt werden, der Öffentlichkeit die Person Daniel Pearls nähergebracht und die Erinnerung an ihn ermöglicht zu haben. Schon deshalb ist die Lektüre empfehlenswert. In dem Kontext, der hier behandelt wird, kommt der Autor zu folgenden Ergebnissen:

· die Mörder Pearls gehörten zum Netzwerk von Al-Qaida;

· unter ihnen waren auch Agenten des pakistanischen Geheimdienstes ISI, wie es überhaupt zahlreiche Verstrickungen zwischen jenem ISI und den Djihadisten gibt;

· Pearl wurde getötet, weil er möglicherweise Informationen hatte, wonach pakistanische Atomwissenschaftler mit Unterstützung von Geheimdienstkreisen entschlossen waren, ihr Bomben-Know-how an Osama Bin Laden weiterzureichen.

Die ersten beiden Behauptungen sind gut begründet und plausibel dargestellt, obwohl ihnen in Rezensionen großer US-Medien scharf widersprochen wird. Die dritte Behauptung steht auf wackeligen Beinen. Sie eignet sich für grundlegende Mißverständnisse. Pearl hatte in seinem letzten Artikel Ende 2001 über einen angeblichen Besuch pakistanischer Atomphysiker bei Al-Qaida berichtet. Lévy extrapoliert: Vielleicht hatte er noch mehr darüber erfahren und wurde deswegen umgebracht.

Diesen Punkt muß man konsequent zu Ende denken. Welchen Grund gibt es eigentlich, einen Journalisten umzubringen, weil er vielleicht Beweise dafür besitzt, daß nukleares Know-how von Pakistan an Al-Qaida weitergegeben wird? Gar keinen! Welche Bombenbauer hat es je gestört, daß man ihnen diese Ambitionen und Bemühungen nachgesagt hat? Keine! Es ist ihnen immer sehr recht gewesen. Das gilt für Südafrika, für Israel, Brasilien, Argentinien, Pakistan, Nordkorea, Taiwan … und nicht zuletzt auch für die BRD. Natürlich auch für den Iran. Wir nützen ihnen mit diesen Behauptungen. Sie genießen diese Anklagen.

Warum sollte es sich bei terroristischen Gruppen anders verhalten? Dies wäre also, wenn überhaupt, ein triftiger Grund gewesen, Pearl laufen- und ihn seine Artikel schreiben zu lassen. Allerdings haben hohe pakistanische Stellen Lévy gegenüber erklärt, Pearl habe zuviel gewußt und seine Nase zu tief in Dinge gesteckt, die ihn nichts angingen. Wenn wir beim Nuklearthema bleiben, dann wäre ein Motiv für diesen Mord eher gewesen, daß Pearl das Gegenteil von Lévys Vermutung herausgefunden haben könnte. Daß von Al-Qaida keine Gefahr eines Nuklearterrorismus ausgeht. Daß die in dieser Beziehung völlig unfähig sind.

Denn so war es ja in Wirklichkeit. Was hat man in den afghanischen Al-Qaida-Quartieren gefunden? Eine schlechte Kopie von einfachen Darstellungen der Technik der Atombombe – offenbar schlechter als das, was auf Websites zum Download angeboten wird. Und wie hätte man in solchen Quartieren auch Atombomben bauen sollen? Gab es dort fließendes Wasser? Heizungen? Waschmaschinen, Klimaanlagen, elektrische Zahnbürsten? Augenscheinlich nicht. Von allem anderen rede ich dann gar nicht erst. Sieht es vielleicht in den Berghöhlen zwischen Afghanistan und Pakistan, jenen angeblich unauffindbaren Verstecken von Al-Qaida, besser aus? Vielleicht sind diese Kämpfer dazu in der Lage, eine konventionelle Sprengladung mit radioaktiven Stoffen zu kombinieren, eine sogenannte schmutzige Bombe zu bauen. Schrecklich genug, aber für eine Atombombe fehlen ihnen die elementarsten Voraussetzungen.

Wer das akzeptiert, der wird bei dieser Erkenntnis kaum stehenbleiben wollen. Wie nun, wenn es sich mit der pakistanischen Bombe nicht viel anders verhält? Jene Urananreicherungsanlage, für die Qader Khan Konstruktionspläne aus Almelo entwendete – funktioniert sie überhaupt? An wieviel Tagen im Jahr? Die berüchtigten Khan-Laboratorien – was wird dort gemacht, wer arbeitet dort? Der angebliche Reaktor – an wieviel Tagen im Jahr ist er in Betrieb? Wo sind die Kollateralschäden, die in der Umgebung solcher Anlagen unvermeidlich auftreten, die Störfälle, die Krebserkrankungen?

Reden wir nicht davon, daß man für den Bau der ersten Atombomben eine historisch einmalige Versammlung von Nobelpreisträgern sowie ca. 200.000 bis 300.000 Menschen benötigte, die heimlich in diversen Industrieanlagen der USA arbeiteten, ohne zu wissen wofür. Nehmen wir das deutsche Beispiel: Die Atomforscher Heisenberg, von Weizsäcker, Hahn, um nur drei Koryphäen zu nennen, haben es nicht geschafft. Als Antideutscher ist man versucht zu sagen, na ja, Nazis halt. Dennoch … Wer ist dagegen Abdul Qader Khan? Hat er die Quantenmechanik mitbegründet? Kann er Differentialgleichungen lösen? Wirkungskoeffizienten und Zündzeitpunkte mit größter Genauigkeit berechnen? Was über Pakistans physikalische Leistungen und Traditionen nachgelesen werden kann, ist, daß Max Planck sich einige Zeit dort aufgehalten haben soll. Das reicht nicht.

Ist es nicht plausibler anzunehmen, daß Pakistan auf Vermittlung der USA eine begrenzte Menge an Kernsprengstoff erhalten hat und von China, wie es in einer Meldung hieß – aber vielleicht ist Taiwan gemeint? – , eine „fertige Bombe“, die nur noch befüllt werden mußte? Dann wären die pakistanischen Nuklearanlagen nur insofern von Nutzen, als sie den Eindruck erwecken, es handele sich um eine pakistanische Eigenleistung.

Pakistan ist vielleicht gar keine Atommacht. Pakistan hat einen Sprengsatz geliefert bekommen, vielleicht auch zwei oder drei, deren Qualität aufgrund des radioaktiven Zerfalls schon deutlich abgenommen haben dürfte. Sollte Daniel Pearl eventuell Erkenntnisse dieser Art gehabt haben, dann hätte es tatsächlich einen triftigen Grund gegeben, ihn aus dem Weg zu räumen. Nicht nur für seine unmittelbaren Entführer. Freilich sind andere Motive der Mörder viel wahrscheinlicher. Pearl war Jude, Amerikaner, Journalist und „für die Wallstreet tätig“. Für seine Entführer kam er direkt aus der Hölle. Ausgeburt des Bösen. Das war Grund genug. So funktionieren Djihadisten.

Mit diesem Denken sind sie allerdings Jahrhunderte von der Fähigkeit entfernt, das moderne Böse, das echte Höllenfeuer, nämlich eine Atombombe zu produzieren. Ähnlich weit entfernt davon ist Chomeinis Iran. Ist es nicht absurd, Coca Cola, McDonald’s, Rock ’n‘ Roll, Bikinis und Pressefreiheit und die Wall Street als Ausgeburten des Unglaubens und der Gottlosigkeit zu verdammen, aber die Atombombe – die die Verdorbenheit des Westens nun wirklich auf den Gipfel treibt – haben zu wollen? Nichts ändert daran die einfallsreiche Bezeichnung „islamische Atombombe“. Das gibt es nicht. Es gibt eine Bombe von Oppenheimer, eine von Teller und ein paar unbedeutende Modifikationen, das ist alles. Es gibt also nur die Bombe des Satans. Wer sie haben will, lädt den Teufel zu sich ein. So einfach ist das. Trotzdem paßt es in schlichten Gemütern zusammen mit dem Kampf gegen das westliche Böse. Noch besser zusammen paßt es in Gemütern, denen es um Macht und Geld und sonst gar nichts geht.

Das ist nicht ihr Problem. Und doch holt sie dieses Problem ein. Sie werden sich entscheiden müssen, was sie wollen. Mit „sie“ ist die staatstragende derzeitige Elite des Irans gemeint. Wenn wir nicht alles völlig falsch verstehen, wollen sie „westliche Spione“ wie Pearl mit einem fachgerechten Schnitt durch die Kehle bestrafen. Wenn wir nicht alles völlig falsch verstehen, wollen sie 18jährige Mädchen, Vergewaltigungsopfer, hinrichten, weil deren Anklage die Ehre der Vergewaltiger beleidigt. Wenn wir nicht alles völlig falsch verstehen, wollen sie jugendliche Schwule aufhängen. Ehebrecherinnen steinigen. Alkoholiker dito. Wenn wir nicht alles völlig falsch verstehen, wollen sie und ihre religiösen Anhänger dabei nicht gestört werden.

Der nukleare Massenmord funktioniert freilich nach ganz anderen Gesetzen. Diese altmodischen Rituale sind ihm zuwider. Schlachten, aufhängen, steinigen? Nicht doch. Wir fackeln Städte ab. Unsere Physiker hätten das nie geschafft, wenn sie täglich fünfmal ihren Gebetsteppich ausgerollt hätten. Naturwissenschaft, wenigstens diejenige, die für die Atombombe verantwortlich ist, setzt Gottlosigkeit voraus, anders ausgedrückt, die komplette Abwesenheit von Religion. Wie eingangs erwähnt: Es fing nicht zufällig mit einer Fatwa an. Allerdings sollte man nicht vergessen: In dem halben Jahrtausend vor dem Auftritt Galileis waren die Naturwissenschaften, Mathematik, Medizin, Astronomie fast ausschließlich in der arabischen Welt beheimatet. Was die alten wissenschaftlichen Traditionen betrifft, muß die islamische Welt zu niemandem aufblicken und niemanden beneiden.

Wem das marxistische Vokabular noch vertraut ist, der kann das auch wesentlich prägnanter sagen: Die Produktivkräfte sind im Iran nicht weit genug entwickelt, um die nukleare Destruktivkraft hervorzubringen. Die iranischen Produktionsverhältnisse lassen eine solche Entwicklung der Produktivkräfte und dann der Destruktivkräfte gar nicht zu. Die Gefahr, die Israel droht und die auch uns droht, ist, daß eine bestehende Atommacht das Land ähnlich befähigt, wie die USA Pakistan befähigt haben.

Diese Thesen können falsch sein. Ein solcher Irrtum wäre fatal. Wer sich allerdings bisher geirrt hat, waren diejenigen, die im Irak und in Afghanistan Massenvernichtungswaffen und deren Produktionsstätten vermutet haben. Gefunden haben sie nichts. Und warum konnten sie auch nichts finden? Aus den oben genannten Gründen.

Time am 21. Dezember 2007

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