Churchill 1: „The River War“

Winston Churchills Buch „Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi“ (engl. „The River War“) erscheint ab gestern erstmals auf Deutsch in Auszügen in der FAZ. In seiner Einführung beschreibt Hubert Spiegel, dass Churchill als Kavallerie-Leutnant in der legendären Schlacht von Omdurman 1898 den letzten Angriff der Kavallerie in der Geschichte des britischen Empire mitritt, während die neuen Maxim-Maschinengewehre den Feind reihenweise niedermähten. Innerhalb von fünf Stunden wurden „9700 feindliche Soldaten getötet, das sind zweiunddreißig pro Minute: Der moderne Krieg, der Krieg der Massenvernichtung, hatte begonnen. Die einzige britische Einheit, die bei Omdurman nennenswerte Verluste erlitt, war die Churchills. Er selbst erschoss innerhalb von Sekunden drei mit blankem Säbel heranstürmende Derwische mit seiner Mauser-Pistole: ‚Wie einfach, einen Menschen zu töten‘, wird er in seinem Buch ‚My Early Life‘ darüber schreiben“, berichtet Spiegel.

Im Jahre 1900 hatte Mark Twain ihn dem New Yorker Publikum als „Held von fünf Kriegen, Autor von sechs Büchern und künftigen Premierminister von England“ vorgestellt. Georg Brunold (Ex-Afrikakorrespondent der NZZ und Übersetzer des „Mahdi“) fügt den Worten Mark Twains eine aufschlussreiche, fünf Jahre später zu Papier gebrachte Selbstbeschreibung Churchills hinzu: „Wir alle sind Würmer, doch ich glaube, ich bin ein GLÜHwurm.“ Mohammed Ahmed hingegen, der Mahdi, der zum heiligen Krieg, zum Jihad, aufrief und den mohammedanistischen Orkstaat in Sudan errichten wollte, ist mit den heutigen gewaltbereiten Jihadisten in vieler Hinsicht vergleichbar. Seine Vision war ein ERDumspannender Orkstaat, eine Vision, die Churchill allerdings nicht ÜBERMÄSSIG ernst nahm. Der Sudan indessen, „das Land von der Größe Westeuropas, ist die einzige STAATLICHE Bastion der islamisch-fundamentalistischen Weltbewegung. Die islamische Theokratie, die dort nach dem Staatsstreich von 1989 errichtet wurde, ist eine rassistische Militärdiktatur, wie sie schon der Mahdi auf erstaunlich modern anmutende Weise anstrebte“, so Spiegel.

In Churchills Buch, das im Eichborn-Verlag erscheinen wird, wird ua. die zivilisatorische Funktion und industriell basierte Ausführung des modernen Imperialkrieges deutlich. Er schreibt:

„Es läßt sich nicht bestreiten, daß es sich bei einer Schlacht, dem Höhepunkt, auf den sämtliche militärische Operationen zustreben, um ein Ereignis handelt, das nicht durch Strategie und Organisation unter Kontrolle zu halten ist. Bei einem rückhaltlos geführten Krieg im flachen Gelände ist allerdings die militärische Maschinerie von solchem Gewicht, daß kaum Menschen aus Fleisch und Blut die Oberhand behalten können, und die Zufälle des Kampfgeschehens sind auf ein Minimum reduziert. Der Krieg gegen die Derwische war in erster Linie eine Frage des Transports. Der Khalifa wurde durch die Eisenbahn bezwungen.“ (FAZ, 20.05.08)

„Die erste Aufgabe also, vor der die Militäringenieure standen, war die Rekonstruktion des Streckenabschnitts zwischen Sarras und Akasha. Dem Mangel an technisch geschulten Arbeitskräften wurde mit der zweifelhaften Einrichtung eines achthundert Mann starken Eisenbahnerbataillons entgegengetreten. Diese Männer entstammten vielen Stämmen und Klassen. Ihre einzige Qualifikation war ihr Wille, zu arbeiten. Der Verband war eine kunterbunte Erscheinung. Gefangene Derwische – wieder auf freiem Fuß, aber immer noch in ihrer Dschibba – halfen strammen Ägyptern beim Abladen von Schienen und Schwellen. Dinka, Schilluk, Jaalin und Barabra schaufelten zufrieden nebeneinander am Bahndamm. Ebenfalls eingestellt waren etwa hundert sudanesische Zivilisten, größtenteils Soldaten, deren Zeit abgelaufen war, und da sie besonders vertrauenswürdig waren und mit großem Stolz auf ihre Arbeit blickten, erlernten sie rasch die Kunst des Vernagelns und Verschraubens der Schienen auf den Schwellen sowie des Verlaschens und des anschließenden Streckens der verbundenen Schienen. Um die Arbeit dieser Männer von unterschiedlicher Rasse und Sprache, aber von ebenbürtiger Erfahrung zu leiten und zu überwachen, wurden einige Schienenleger aus Unterägypten gegen hohe Bezahlung als zivile Vorarbeiter eingestellt. Diese allerdings ließen mit wenigen Ausnahmen zu wünschen übrig, so daß sie nach und nach durch intelligente Männer aus dem Railway Battalion ersetzt wurden, die ihren Beruf mit dem Fortschreiten der Arbeiten vor Ort erlernt hatten. Mit der Projektierung, Bauleitung und Ausführung waren einige subalterne Offiziere der Engineers in Diensten der Ägyptischen Armee beauftragt, unter denen der bekannteste Edouard Girouard war.

Als die Linie an Länge zunahm, wurden einheimische Offiziere und Unteroffiziere der Ägyptischen Armee – aus dem aktiven Bestand oder Reservisten – als Stationschefs eingesetzt. Intelligente Unteroffiziere und Soldaten wurden zu Weichenstellern, Rangierern und Schaffnern. Der Verkehr wurde per Telephon überwacht. Um das Telephon zu bedienen, wurden Männer ausfindig gemacht, die lesen und schreiben konnten – allerdings solche, die gerade ihren Namen schreiben konnten, und auch das nur mit solcher Mühe, daß sie gewöhnlich lieber bei einem Stempel Zuflucht suchten. Um ihre Ausbildung zu verbessern und das Bahnpersonal für die Büroarbeit heranzuziehen, wurden in Halfa zwei Schulen gegründet. In diesen Einrichtungen, die im Schatten zweier Palmen ihren Betrieb aufnahmen, wurden zwanzig Schülern grundlegende Kenntnisse beigebracht.“ (FAZ, 21.05.08)

Forts und Eisenbahnlinien, diese Methode war auch im amerikanischen Westen erfolgreich.

Mit dem „River War“ eng verbunden ist übrigens die Gestalt des Rudolph Slatin, welcher seinerzeit in aller Munde war. Slatin, der seinen Vornamen (anders als Wiki vermuten läßt) in einem mir vorliegenden Faksimile von 1932 mit „ph“ am Ende schrieb, wurde 1880 als 23-Jähriger zum Gouverneur von Darfur ernannt, nachdem er sich in leitender Positition – stark protegiert vom Gouverneur Sudans, Generalmajor Charles George Gordon („Gordon Pascha“), bei der Aufstandsbekämpfung bewährt hatte.

Zu dieser Zeit hatte Ägypten (das relativ unabhängig von der osmanischen Zentralregierung geworden war) im Interesse, Sklaven für seine Armeen zu gewinnen, immer weiter nach Süden ausgegriffen. Nach dem Staatsbankrott 1875 (ua. wg. Suezkanal) geriet das Land aber unter eine internationale Finanzaufsicht unter der Leitung Großbritanniens. Diese forcierte den Aufbau eines vor allem von europäischen Fachkräften getragenen Verwaltungssystems, welches auch das Ziel verfolgen sollte, die Sklaverei abzuschaffen. Beides (sowie ein extremer Steuerdruck) führte ab 1879 zu einer Gegenbewegung und zu Unruhen, an deren Spitze sich 1881 der seit 1871 predigende Muhammad Ahmad stellte, der sich nunmehr auch zum Mahdi erklärte. 1883 eroberten die Mahdisten die Stadt El Obeid, das ihnen entgegengesandte Heer von 12.000 Mann wurde von den Mahdisten vollständig ausgelöscht. Bis zum Dezember des Jahres hielt Gouverneur Slatin tapfer die Stellung in Darfur. Aber selbst sein Übertritt zum Mohammedanismus konnte seine (überwiegend orkischen) Truppen nicht mehr begeistern, so dass er sich in die 12 Jahre währende Gefangenschaft des Mahdi begeben mußte. In seinem zweibändigen Buch „Feuer und Schwert im Sudan“ beschrieb er den Mahdi später folgerndermaßen: „… ein dunkler Bart umrahmte sein Gesicht, Nase und Mund waren gut geformt und beide Wangen durch drei Einschnitte TÄTOWIERT (vergl. Hadith Buhari, Recl. XXXIV/15, S.404: „Und er (Klo, T.) VERBOT das Tätowieren.“). Er hatte die Gewohnheit, immer zu lächeln und sein weisses Gebiss zu zeigen. Seine oberen Schneidezähne waren etwas getrennt, eine Eigenschaft, die im Sudan als Merkmal besonderer Schönheit gilt… ein eigentümlicher Geruch strömte… von ihm aus, der als der ‚Geruch des Mahdi‘ mit den im Himmel herrschenden Wohlgerüchen verglichen wurde.“ Nach anfänglich guter Behandlung wurde Slatin bald jedoch in schwere Ketten geschmiedet. Nachdem im Januar 1885 Khartum erobert worden war, wobei es zur Ermordung Generalgouverneurs Gordon Paschas kam (dieser hatte zwischen 1879 und 1884 Aufgaben ausserhalb Sudans wahrgenommen), überbrachte man Slatin den abgetrennten Kopf seines Freundes.

Muhammad Ahmad verstarb am 22. Juni 1885 plötzlich und unter ungeklärten Umständen. Seinem Nachfolger, dem „Kalifa“ Abdallahi ibn Muhammad gelang es, so Wiki, „das gesamte Gebiet zwischen den Provinzen Darfur im Westen, Sawakin im Osten (ohne die Stadt Sawakin selbst, die durch eine britische Garnison gehalten wurde), Dungula im Norden und Bahr al-Ghazal im Süden zu unterwerfen. Das Kalifat bildete die erste nationale sudanesische Regierung. Die Schari’a regelte alle Bereiche des menschlichen Daseins. Der Sklavenhandel wurde unter dem Kalifen wieder erlaubt.“

Der Kalifa nahm Slatin in sein Haus. In einer Exzerpte von Slatins Buch schreibt Bernhard R. Friedrichs 1932: „Dabei verlangt der Herrscher von seiner Umgebung die größte Unterwürfigkeit. Besonders hält er darauf, dass die Augen vor ihm immer niedergeschlagen werden, während er selbst unausgesetzt scharf beobachtet. Während des langjährigen Verkehrs mit ihm hat Slatin den Kalifa nicht ein einziges Mal im Inneren seines Hause ein Gebet verrichten sehen… Vor den Augen der Welt geht der Kalifa seinen Gläubigen mit bestem Beispiel voran, doch im Inneren seines Hauses gibt er sich den übertriebensten Ausschweifungen hin. Hemmungslose Schwelgereien füllen seine Zeit.“

1895 gelang Slatin (nach einem gescheiterten aber unentdeckten ersten Versuch ein halbes Jahr zuvor) die Flucht. Ganz Europa nahm Anteil an seiner Geschichte, er wurde mit Ehrentiteln überhäuft, und sein Buch kann als wesentlich dafür betrachtet werden, dass sich Großbritannien zum erneuten Kampf gegen die Madhisten entschloss. „An der Spitze eines englischen Heeres, dem er den Kriegsplan entworfen, zieht er nach Omdurman“, so Friedrichs (der Oberbefehl über die Omdurman-Expedition lag in den Händen von „Sirdar“ H. H. Kitchener). 1.9.1898: Das jihadistisch-mahdistische Heer wurde vernichtend geschlagen, das Grab des Mahdi zertrümmert, seine Leiche in den Fluß geworfen. Truppenstärken: 8.200 Briten und 17.600 Ägypter gegen 50.000 Mahdisten, Opferzahlen: 49 Tote und 382 Verwundete bei uns, 9.700 tote, 10.000 verwundete und 4.000 gefangengenommene Orks.

„Der Mahdi-Aufstand entwickelte sich zum ersten erfolgreichen Aufstand gegen den Kolonialismus in Afrika. Noch heute wird Muhammad Ahmad dafür in Sudan als Abu l’Istiklal (Vater der Unabhängigkeit) verehrt. Wie schon in der Zeit des Kalifats dient sein Grab auch heute noch als Pilgerstätte. Die von ihm gegründete Bewegung hat heute in Sudan ca. drei Millionen Anhänger“, kann man bei Wiki lesen. Mhm… da waren wir wohl nicht gründlich genug! Das muss nächstes Mal besser werden!

Time am 22. Mai 2008

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http://de.wikipedia.org/wiki/Mahdi-Aufstand
http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Omdurman
http://de.wikipedia.org/wiki/Maxim-Maschinengewehr
http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_George_Gordon
http://de.wikipedia.org/wiki/Mahdi
http://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Slatin / http://de.wikipedia.org/wiki/Horatio_Herbert_Kitchener
lesenswerte Rezensionen bei Amazon unter: http://www.amazon.de/product-reviews/3821847654/ref=sr_1_1_cm_cr_acr_txt?ie=UTF8&showViewpoints=1

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