Die Kunststunde II.

MONALISA machte gestern auf einen Eklat bei der Verleihung des mit 45.000 Euro dotierten hessischen Kulturpreises aufmerksam.

Lorenz Jäger hatte in der gestrigen FAZ ausgeführt (1): „Im Dezember des vergangenen Jahres wurde gemeldet, dass der Hessische Kulturpreis des Jahres 2009 am 22. März verliehen werden solle. Die Entscheidung der Jury hatte das Erfreuliche, dass sie den Geist eines Dialogs der Religionen atmete. Ein Katholik, ein Protestant, ein Jude und ein Muslim sollten ausgezeichnet werden; Peter Steinacker, der ehemalige Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Karl Kardinal Lehmann, Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Fuat Sezgin.“

Jäger lobt im nächsten Absatz den Orientalisten Sezgin (2) ob seiner „unendlichen Verdienste“ über den grünen Klee, nur um im Folgenden festzustellen, dass dieser mittlerweile den Preis ausgeschlagen habe, weil ihn auch Salomon Korn erhielte, der Sezgin nicht israelkritisch genug sei.

Als Ersatz (-Ork, äh) -Preisträger wurde Navid Kermani erkoren, ein Schiit iranischer Herkunft, Schriftsteller und Publizist, Jahrgang 1967.

Jedoch hatte Kermani in der NZZ am 14./19. März 2009 eine folgenreiche Bildbetrachtung geschrieben (3), die ich ungekürzt folgen lasse (Hvh. v. T.), hier zunächst das Bild:

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Reni

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Bildansichten: Warum hast du uns verlassen?
Guido Renis «Kreuzigung»


Aus Versehen stieg ich genau vor der Kirche San Lorenzo in Lucina aus dem Bus, der mir zum ersten Mal in Rom nicht vor der Nase abgefahren war, so glücklich hatte der Tag bereits begonnen. Wie ich mich auf der Karte orientierte, empfahl mir der Kunstreiseführer einen Blick auf die «Kreuzigung» von Guido Reni (4), die eines seiner Meisterwerke sei. Ich konnte mich an kein anderes Meisterwerk Renis erinnern, assoziierte nur Andachtskarten, Amen, Antipode Caravaggios, aber dankbarer sollte ich dem Kunstreiseführer selten sein.

Als Nachdruck hat das Gemälde immer noch etwas von einem Andachtsbild, wie es die Zigeuner vor den Kirchen für fünfzig Cent verkaufen, als gewaltige Leinwand auf dem Hochaltar der Barockkirche, wo es schwarz-goldene Säulen, ein Plüschvorhang, dicke Engel und elektrische Kerzen umrahmen, ist Renis «Kreuzigung» ein Aufruhr, gerade indem es der Verklärung des Schmerzes widerspricht. Gewiss stösst mir die LUST, die katholische Darstellungen seit der Renaissance an Jesu Leiden haben, auch deshalb so auf, weil ich es von der Schia kenne und nicht kenne. Ich kenne es, weil das Martyrium dort GENAUSO EXZESSIV bis hin zum PORNOGRAFISCHEN zelebriert wird, und ich kenne es nicht, weil genau dieser Aspekt der Schia in Grossvaters Glauben, der mehr als jeder andere Bezugspunkt meine eigene religiöse Erziehung bestimmt hat, wie ich bei der Lektüre seiner Memoiren feststelle, keine Rolle spielte, ja als Volks- und Aberglauben abgelehnt wurde, der die Menschen davon abbringe, die Welt zu verbessern, statt nur ihren Zustand zu beklagen.

Kreuzen gegenüber bin ich PRINZIPIELL NEGATIV eingestellt. Nicht, dass ich die Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine ABSAGE. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die HYPOSTASIERUNG DES SCHMERZES barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir geniessen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen. Ich kann im Herzen verstehen, warum JUDENtum UND ISLAM die Kreuzigung ablehnen. Sie tun es ja höflich, VIEL ZU HÖFLICH, wie mir manchmal erscheint, wenn ich Christen die TRINITÄT erklären höre und die WIEDERAUDERSTEHUNG und dass JESUS für unsere Sünden GESTORBEN sei. Der Koran sagt, dass ein anderer gekreuzigt worden sei. Jesus sei entkommen. Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: GOTTESLÄSTERUNG und IDOLATIE. Meine Tochter früher in der Kirche zu wissen, wo sie als Grundschülerin gelegentlich die Fürbitte las, weil sie so gut lesen konnte und so eitel war, auf jeder Bühne stehen zu wollen, selbst wenn sie dafür eine Stunde früher aufstehen musste, meine Tochter unterm Kreuz zu wissen, war UNANGENEHM. Natürlich sagte ich nichts, schliesslich ist man LIBERAL. Eingegriffen habe ich nur bei der Messe zur Einschulung, als die Kinder Hostien essen sollten, gleich welchen Glaubens. Da wünschte ich mir, die Kirche sei weniger liberal.

Wenn solche Vorgänge für mich nur Kindereien wären, hätte sie sich auch bekreuzigen können. Für mich aber ist das Kreuz ein Symbol, das ich theologisch nicht akzeptieren kann, akzeptieren für mich, meine ich, für die Erziehung meiner Kinder. Andere mögen glauben, was immer sie wollen; ich weiss es ja nicht besser. Ich jedoch, wenn ich in der Kirche bete, was ich tue, gebe acht, NIEMALS zum KREUZ zu beten. Und nun sass ich vor dem Altarbild Guido Renis in der Kirche San Lorenzo in Lucina und fand den Anblick so berückend, so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben.

Reni verklärt nicht den Schmerz, den er nicht zeigt. Ihm gelingt, was andere Jesusdarstellungen behaupten: Er führt das Leiden aus dem Körperlichen ins Metaphysische über. Sein Jesus hat keine Wunden, keine Abzeichen der Striemen und Hiebe, ist schlank, aber nicht abgemagert. Selbst wo seine Hände und Füsse ans Kreuz genagelt sind, fliesst kein Blut. Wären die Nägel nicht, es sähe aus, als breite er die Hände zum Gebet aus. Er blickt in den Himmel, die Iris aus dem Weiss des Auges beinah verschwunden: Schau her, scheint er zu rufen. Nicht nur: Schau auf mich, sondern: Schau auf die Erde, schau auf uns. Jesus leidet nicht, wie es die christliche IDEOLOGIE will, um Gott zu entlasten, Jesus klagt an: Nicht, warum hast du mich, nein, warum hast du uns verlassen?

Die Landschaft ist christianisiert, so dass nicht die Menschen geschieden sind in TÄTERVOLK und OPFERVOLK wie im Neuen Testament, sondern Himmel und Erde, Gott und die Menschen. Der Totenkopf am Kreuz deutet darauf hin, dass hier schon andere gestorben sind; die zeitgenössisch gekleideten Spaziergänger in verdüsterter italienischer Landschaft geben zu verstehen, dass auch jetzt gestorben wird; die Häuser im Hintergrund mit der Kuppel, die der Petersdom sein könnte, weisen auf die Stadt, aus welcher der Gekreuzigte zu stammen scheint. DIESER Jesus ist NICHT Sohn Gottes und NICHT EINMAL sein Gesandter. Gerade weil sein Schmerz kein körperlicher ist, nicht Folge denkbar schlimmster, also ungewöhnlicher, unmenschlicher Folterungen, stirbt dieser Jesus stellvertretend für die Menschen, für alle Menschen, ist er jeder Tote, jederzeit, an jedem Ort. Sein Blick ist der letzte vor der Wiederauferstehung, auf die er nicht zu hoffen scheint.“

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Ich meine, dass diese Bildbetrachtung eine Reihe von Aussagen enthält, die – seien sie aus Ignoranz, seien sie aus perfider Berechnung getätigt, für Lehmann und Steinacker und jeden Christen nicht hinnehmbar sein konnten. Das reicht von der drastischen Sprache über die absurde Gleichsetzung mittelalterlicher monastischer Praktiken (Selbstgeißelung) mit der alljährlichen Aschura-Blutorgie im Iran unserer Tage bis zur angelegentlichen Verwerfung des Auferstehungs- und des Trinitätsgedankens. Vom Christentum übrig bleibt eine Eigenschöpfung Kermanis, und mit dieser könnte er dann evtl. in den Dialog treten. Monalisa bemerkt treffend: „Kermanis unverschämtes Geschreibsel und seine genüssliche Umdeutung der Kreuzigung zum allgemeinen Sinnbild einer gottfernen und leidvollen menschlichen Existenz, müssen bei Christen klaren Widerstand auslösen. Wenn Kermani seinen Unglauben intellektuell umfloren will, dann kann er sich dazu an den zahllosen Schreinen und Pilgerstätten im Iran abarbeiten.“

Jedenfalls lehnten nun auch Lehmann und Steinacker den Preis ab. „‚Sie würden, so erklärten beide, ‚wegen der so fundamentalen und unversöhnlichen Angriffe auf das Kreuz als zentrales Symbol des christlichen Glaubens den Preis bei gleichzeitiger Vergabe an Navid Kermani nicht annehmen’“. Das Kuratorium bat daraufhin Kermani um eine ‚ERLÄUTERUNG‘ seiner Sätze – was dieser ABLEHNTE,“ wie Jäger gestern schrieb, und sogar meint: „ablehnen MUSSTE: Bei einem, der verantwortlich schreibt, sprechen die Texte für sich.“ Dimmi Jäger ärgert sich: „Nun wird die Auszeichnung am 5. Juli an Salomon Korn, Steinacker und Kardinal Lehmann verliehen. Kermani erfuhr von seinem Ausschluss übrigens erst gestern durch einen Anruf dieser Zeitung – eine zusätzliche Taktlosigkeit (Das wäre in der Tat taktlos, indes ist die Frage, ob es wirklich so stimmt, T.).“ Gemäß Jägers Vorstellungen hätte das Kuratorium Lehmann und Steinacker von der Verleihung ausschließen sollen: „Warum hat das Kuratorium… nicht beschlossen, ihn ZUMINDEST diesen beiden Auserkorenen nicht zu verleihen? Das Kuratorium hält es für ‚unvertretbar‘, die ‚bereits öffentlich ausgesprochene Ehrung des unbestritten großen Lebenswerkes in der Interaktion von Religion und Kultur der Persönlichkeiten Karl Kardinal Lehmann, Peter Steinacker und Salomon Korn zurückzunehmen‘.“ Das ist ja BO-DEN-LOS! Die 42-jährige Edelfeder hat den Preis nach Ansicht Jägers eher verdient als die gestandenen Theologen!

Wie FAZ.net heute berichtete, hat Steinacker seine Kritik bekräftigt:

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„Peter Steinacker, früherer Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, hat gestern begründet, warum er nicht gemeinsam mit dem Schriftsteller Navid Kermani mit dem Hessischen Kulturpreis geehrt werden wollte… Steinacker sagte, er habe es noch nie erlebt, ‚dass im Dialog eine Seite der anderen vorgeworfen hat, das Zentrum ihres Glaubens – und das ist für das Christentum die Kreuzestheologie – sei Gotteslästerung und Bilderdienst‘. Wer das tue, beende den Dialog. ‚Der ungenaue und unpräzise Schlusssatz in Kermanis Essay ‚Ich könnte an ein Kreuz glauben!‘ kann ihn ohne Erläuterung nicht einfach wieder eröffnen.‘

Christen glaubten nicht an ein ‚Kreuz‘, sondern an den gekreuzigten und auferstandenen Christus, so Steinacker. Der Begriff Gotteslästerung für den gekreuzigten Christus bleibe in dem Essay unwidersprochen bestehen. ‚Ich habe kein Verständnis dafür, dass ein Muslim, der mit mir für Toleranz und Respekt gegenüber dem ihm Fremden geehrt werden soll, mein Glaubenszentrum als Gotteslästerung bezeichnet. Ich tue dies im umgekehrten Fall auch nicht.‘

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Allein dem Schlußsatz kann ich als anonymer Blogger und Grundlagenforscher natürlich nicht zustimmen, und jeder kann sich selbst anhand der Sira, der Hadithe und des Kloran davon überzeugen, dass der ganze verbrecherische Fieslahm auf nichts als grausamen Dreck gegründet ist.

Zurück zu Kermani, es ergab sich heute, und ua. für diese Debatten liebe ich die FAZ, dass Kermani dort eine Stellungnahme abgeben darf. Ich stelle sie in voller Länge ein, weil aus ihr mE. die typische, blasierte Sicht und Diktion eines intellektuellen Iraners deutlich wird:

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Keine Mail von Dieter Beine

Mit freundlichen Grüßen aus dem KATHOLISCHEN Köln: Wie ich den Hessischen Kulturpreis aberkannt bekam, was ich über das Kreuz denke und wie der Dialog funktioniert.

Am 20. März, dem iranischen Neujahr, teilte mir der Protokollchef des Landes Hessen, Dieter Beine, telefonisch mit, dass mir der Hessische Kulturpreis verliehen werden soll. Die anderen Preisträger seien Kardinal Karl Lehmann, der frühere evangelische Kirchenpräsident Peter Steinacker und der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Salomon Korn. Gewürdigt werden solle der kulturelle Beitrag der Religionen, mein Preisgeld betrage 11.250 Euro. Ich erfuhr, dass der Frankfurter Islamwissenschaftler Fuat Sezgin die Auszeichnung mit Hinweis auf die Stellungnahmen Salomon Korns zum Krieg in Gaza abgelehnt hatte. Ob ich den Preis dennoch annehme? Ja, sagte ich, nachdem ich überlegt hatte, ich nehme den Preis an, sofern ich die Möglichkeit habe, bestehende Differenzen bei der Preisverleihung anzusprechen. Dass ich nicht nur mit Herrn Korn Differenzen habe, sondern mehr noch mit dem hessischen Ministerpräsidenten Koch, der den Preis vergibt, fügte ich hinzu.

Die Vorbereitungen begannen, das Rahmenprogramm wurde besprochen, die iranische Musikgruppe Zarbang engagiert, die Liste meiner Gäste angefordert. Ende April – das genaue Datum weiß ich nicht mehr – rief mich Herr Beine nochmals an. Es gebe ein Problem, sagte er und klang bestürzt. Herr Lehmann und Herr Steinacker seien wegen eines Textes von mir als Preisempfänger zurückgetreten. Sie würden sich weigern, mit mir zusammen ausgezeichnet zu werden, da ich ihrer Ansicht nach das Christentum beleidigt habe. Zuerst dachte ich, es liege eine Verwechslung vor oder ein Missverständnis. Mir fielen alle möglichen Texte ein, über die sich Herr Korn oder Herr Koch geärgert haben könnten, aber ich begriff nicht, was ich Verwerfliches über das Christentum gesagt oder geschrieben haben sollte. Meine religionswissenschaftlichen Bücher, in denen ich mich intensiv mit dem christlichen Glauben beschäftige, werden in theologischen Zeitschriften gelobt, regelmäßig werde ich von kirchlichen Institutionen eingeladen, selbst ein Theaterstück, das auf einer Erzählung von mir beruht, wurde auf dem Kirchentag aufgeführt.

Gerade im letzten Jahr, das ich in Rom verbrachte, veröffentlichte ich in der „Neuen Zürcher Zeitung“ eine Serie von Texten über katholische Kirchen und Kunstwerke in Rom, die mir ebenso zahlreiche wie bewegende Zuschriften christlicher Leser beschert haben, auch aus dem Vatikan selbst. Und kürzlich hielt ich in Berlin eine Rede im Martin-Gropius-Bau, nach der ich mich dafür rechtfertigen musste, in diesen Wochen allzu positiv von der katholischen Kirche gesprochen zu haben. Und jetzt sollte ausgerechnet ich das Christentum beleidigt haben? Aber womit?, fragte ich Herrn Beine.

Herr Lehmann und Herr Steinacker, sagte Herr Beine, hätten an einer meiner Bildbeschreibungen aus Rom Anstoß genommen, einem Text über Guido Renis Darstellung der Kreuzigung. Es stimmt, dass ich in den ersten Sätzen die Ablehnung der Kreuzestheologie, die einem Nichtchristen doch zugestanden werden muss, sehr drastisch formuliere. Aber der Artikel hört nicht bei diesen ersten Sätzen auf, sondern zeigt, wie mich das ästhetische Erleben bis an den Rand der Konversion führt. Dort heißt es: „Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man -, ich könnte an ein Kreuz glauben.“ Er begreife es auch nicht, sagte Herr Beine. Er habe den Text mehrfach gelesen, aber er könne daran nichts Anstößiges finden, im Gegenteil: Gerade weil er gläubiger Christ sei, habe ihn der Text sehr berührt. Dennoch verlangten Herr Lehmann und Herr Steinacker eine öffentliche Erklärung von mir, die den Text „einordne“. Ob ich dazu bereit sei? Nein, sagte ich SOFORT, NATÜRLICH nicht. Das verstehe er, sagte Herr Beine. Nun müsse man sehen, wie man aus der verfahrenen Situation herauskomme. Notfalls müsse man die Preisverleihung nutzen, um genau diesen Konflikt zu diskutieren. Das fände ich sehr gut, sagte ich, und so beendeten wir das überaus freundliche Gespräch. Die Vorbereitungen für die Preisverleihungen liefen weiter, ein Text zu meiner Person wurde mir geschickt, den ich Korrektur las. Ein Filmteam, das einen sogenannten Trailer mit mir drehen sollte, meldete sich.

Vergangene Woche rief mich jemand an, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der… in der Jury sitzt, und las mir einige Passagen des Briefes vor, den Kardinal Lehmann über mich geschrieben hat. Offenbar kursierte dieser Brief bereits in Frankfurt, nur ich hatte nichts davon erfahren. Ich kann nur hoffen, dass jemand diesen Brief noch veröffentlicht, denn zumindest die Passagen, die ich hörte, sind derart aggressiv, dass sich der Verfasser damit selbst diskreditiert. Ich war Kardinal Lehmann zuvor zwei Mal begegnet und muss gestehen, dass er mir alles andere als unsympathisch war. Es gelingt mir noch immer nicht, den diffamierenden Ton des Briefes mit der Person zusammenzubringen, die ich meinte, kennengelernt zu haben.

Der Jemand, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der…, sagte mir, dass die Hessische Staatskanzlei offenbar erwäge, die Preisverleihung abzusagen. Das könne ich mir nicht vorstellen, erwiderte ich und schickte zur Sicherheit eine Mail an Herrn Beine, um mich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen. Herr Beine, den mein Text über Renis Kreuzigung so berührt hatte, antwortete mir nicht. Ich hätte ihn anrufen können, schließlich besaß ich seine Handynummer, aber jetzt ahnte auch ich, dass Kardinal Lehmann es nicht bei dem Brief belassen und dass Herr Koch nach der politischen Priorität entschieden hatte. Das Filmteam meldete sich auch nicht mehr.

Am Mittwoch rief mich ein Redakteur dieser Zeitung an und bat mich um eine Stellungnahme. Wozu?, fragte ich. Ob ich denn nicht wisse, dass mir der Hessische Kulturpreis aberkannt wurde? Nein, ich wusste es nicht. Später erreichte mich eine Mail der Hessischen Staatskanzlei mit der Presseerklärung und einem Brief des Ministerpräsidenten, in dem er mich zu einer Podiumsdiskussion einlädt. Um es kurz und anders als Kardinal Lehmann von vornherein öffentlich zu machen, möchte ich ihm an dieser Stelle antworten: „Sehr geehrter Herr Koch, ich hoffe, dass Sie sich wenigstens SCHÄMEN. Mit freundlichen Grüßen aus dem KATHOLISCHEN Köln, Navid Kermani.“ Wenigstens Herr Beine hätte mich anrufen können. Und der Musikgruppe sollten sie auch noch Bescheid geben.

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Was halten Sie davon? Mich erinnert das an die wahnhafte Selbstverliebtheit Galileis (5). Kermani produziert Texte, die nichts als sein großes Unverständnis über das Christentum formulieren, und die stolze Weigerung, es evtl. als etwas anderes zu erfahren, als jenes, zu dem er persönlich es nun grade gemacht hat. Und er lehnt ein intimes, klärendes Gespräch mit zwei herausragenden christlichen Theologen ab? Das ist dreist, es ist typisch orkisch, um genau zu sein. Es ist offenbar ein inhärentes Attribut, leider!

Und darum ist die Reaktion der beiden Kirchengranden völlig richtig bzw. vielmehr, sie ist großartig. „Man staunt über die plötzliche Entschlossenheit der Kirchenmänner,“ greint Jäger. „Da, wo es ernst wird, wo er beginnen müsste, bricht man ihn ab. Aus der fernen Welt der vielgescholtenen Achtundsechziger klingt ein Wort zu uns herüber, das diesmal die Sache trifft: ‚repressive Toleranz‘. Die POSSE um den Hessischen Kulturpreis ist ein unschätzbares deutsches SITTENBILD. Dialogangebote gleichen hierzulande der Einladung, es sich doch bitte in der Gummizelle nebenan gemütlich zu machen, es tue dort ganz bestimmt nicht weh.“

Wie Papst Benedikt sagte (6), ein interreligiöser, ergebnisoffener Dialog in diesem Sinne ist NICHT möglich und wird abgelehnt. Worum es geht, ist ein interkultureller Dialog mit dem Ziel der FRIEDLICHEN Koexistenz. Die Wahrheit des Evangeliums ist NICHT verhandelbar.

Time am 15. Mai 2009 mit vielem Dank an Monalisa!

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(1) http://m.faz.net/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E84AD904FCB074CDAA50E4C4CF7CD4E87~ATpl~Epartner~Ssevenval~Scontent.xml
(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Fuat_Sezgin
(3) http://tinyurl.com/o2woge
(4) http://de.wikipedia.org/wiki/Guido_Reni
(5) http://www.welt.de/wissenschaft/history/article1564612/Warum_die_Inquisition_im_Fall_Galilei_Recht_hatte.html
(6) http://tinyurl.com/qtydte

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Eine Antwort to “Die Kunststunde II.”

  1. Monalisa Says:

    Ich hatte es zuerst von Dr. Eussner, um der Wahrheit die Ehre zu geben. 😉
    Danke, dass Du es aufgegriffen hast!

    „Ich stelle sie in voller Länge ein, weil aus ihr mE. die typische, blasierte Sicht und Diktion eines intellektuellen Iraners deutlich wird“.

    Das trifft.

    LG, Ml

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