Steinackers Erklärung

Lesen Sie in Bezug auf den Kulturpreis-Eklat aus der heutigen FAZ
( http://tinyurl.com/q3t3zp ) zunächst:

_____

Norbert Lammert kritisiert die Entscheidung gegen Kermani

Die Entscheidung des Kuratoriums des Hessischen Kulturpreises, die Auszeichnung an Karl Kardinal Lehmann, Peter Steinacker und Salomon Korn, nicht aber an den ursprünglich als Mitpreisträger vorgesehenen Schriftsteller Navid Kermani zu verleihen, hat viel Kritik hervorgerufen. Bundestagspräsident Lammert sprach von einer „Staatsposse“. Wenn Kermanis „kühner Artikel“ über die Empfindungen eines Muslims bei der Betrachtung einer Darstellung der Kreuzigung Christi in einer römischen Kirche der Grund für die Entscheidung sei, dann solle der Staat „besser auf die Verleihung von Kulturpreisen verzichten“.

Aus dem Kreis der Jury äußerte Helmut Seemann, Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, sein Unverständnis über die Aberkennung, die durch einen Brief von Kardinal Lehmann an Ministerpräsident Koch ausgelöst wurde. Den Artikel über das Kreuz nannte Seemann einen „hochinteressanten Text auf der Grenze zwischen Religion und Kultur“. In der Samstagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung reagieren nun Peter Steinacker und der Schriftsteller Martin Mosebach (sein Anti-Lehmann-Gefasel bringe ich hier nicht, T.) auf die Vorfälle, zu denen bisher erst Kermani selbst Stellung bezogen hat.

(…)

Lammert entspricht mE. ziemlich genau dem Bild des „Mainstreamkonservativen“, wie es Manfred unter http://www.korrektheiten.com/2009/05/16/was-waehlen-wir/ zeichnet. Eine Diskussion, die die Verstärkung und Präzisierung des „Christlichen“ in der CDU bewirken müßte, halte ich für diese Partei notwendiger als konservative Wirtschaftsprogramme aller Art. Sehr erfreulich finde ich den Gleichklang zwischen Lehmann und Steinacker. Lesen Sie jetzt die ausführlich dargelegte Position von Kirchenpräsident i.R. Peter Steinacker:

_____

In verletzender Weise verschärftKermani missachtet den Dialog

Die Verleihung des Hessischen Kulturpreises an Vertreter der Religionen, die sich um den friedlichen Dialog bemüht haben, ist in Turbulenzen geraten. Einem hochgeachteten Muslim wurde der Preis angetragen. Er schlug ihn aus, weil er aus politischen Gründen nicht gemeinsam mit Salomon Korn geehrt werden wollte. Das ist offenbar nichts Skandalöses. Dann hat die Jury Navid Kermani vorgeschlagen. Nach den Erfahrungen mit Professor Sezgin fragte die Staatskanzlei, ob es Einwände gegen Herrn Kermani gäbe. Ich hatte keine Einwände und habe dies genauso der Staatskanzlei mitgeteilt. Dann las ich den Artikel aus der „Neuen Zürcher Zeitung“. Dessen zentrale Aussagen, die die Einwände des Korans gegen die Kreuzestheologie in verletzender Weise verschärfen („drastischer“ formulieren, so nennt es Kermani), und die durch die ungenauen, dialektischen Schlusswendungen nicht erläutert oder gar zurückgenommen werden, machten es mir nicht mehr möglich, den Preis anzunehmen.

Dies habe ich der Staatskanzlei mitgeteilt. Es kann keine Rede davon sein, ich hätte verhindert, dass Herr Kermani den Kulturpreis bekommt. Das war eine freie Entscheidung der Jury, auf die ich keinerlei Einfluss genommen habe. Ich bin auch jederzeit bereit, mit Herrn Kermani über sein Verständnis des Kreuzes zu diskutieren. Aber ich bin nicht bereit, mich mit jemandem für Verständnisbemühungen und Toleranz ehren zu lassen, der das Zentrum meines Glaubens – und das ist spätestens seit Paulus und Luthers Heidelberger Disputation von 1517 die Kreuzestheologie – für Gotteslästerung hält und in die Nähe von Pornographie rückt. Der Gegenstand von Johann Sebastian Bachs Passionsmusiken hat mit Pornographie nichts zu tun. Lorenz Jäger wirft mir vor, mir sei „die kühne dramatische Folge von Kermanis Gedanken“ entgangen (F.A.Z. vom 14. Mai). Ich hätte den Schluss des Artikels nicht beachtet. Hier gehe Kermani „bis an die Schwelle zur Ketzerei“, wenn er sagt: „Ich könnte an ein Kreuz glauben“. Dieser Schluss, dialektisch elegant, erscheint mir wie ein Pflaster auf eine Wunde, ohne Bedauern, dass sie geschlagen wurde. Nichts von Gotteslästerung, Pornographie wird zurückgenommen.

Aber vor allem zeigt auch der Schluss ein großes Unverständnis der Kreuzestheologie. Die Bildunterschrift der F.A.Z. vom 14. Mai suggeriert, Kermani habe gesagt, er könnte möglicherweise „doch an einen gekreuzigten Gott glauben“: Aber das sagt er gerade nicht, wie man nachlesen kann. Christen glauben nicht an ein Kreuz. Und Christus leidet nicht, um Gott zu entlasten. Kermani behauptet, das wolle die „christliche Ideologie“ sagen. Welche denn ? In den Evangelien ist Gott das Subjekt des Handelns. Er, der Vater führt den Sohn ins Leiden – damit wir das Leben haben. Gott übernimmt unser Kreuz und belastet sich. Dass die Integration des tiefen Schmerzes, der über der Welt und der Schöpfung liegt, in Gottes Gottheit islamischer Theologie fremd ist, das ist verständlich. Unverständlich bleibt die Denunziation des Fremden als blasphemisch. Paulus hat schon darauf hingewiesen, dass das Wort vom Kreuz für andere Religionen ein Problem bleiben wird.

Es gibt im Dialog der Religionen drei Grundsätze. Erstens: Die Gesprächspartner räumen sich gegenseitig das Recht auf Selbstinterpretation ihres Glaubens ein. Man kann dann darüber streiten, ob diese Interpretation richtig ist, wissenschaftlichen Standards entspricht. Das schränkt dieses Recht nicht ein, sondern öffnet die Sache für das kritische Verstehen. Zweitens: Die Differenzen müssen und dürfen in aller Klarheit benannt werden. Der Religionsmonitor 2008 hat gezeigt, dass eine Form von Religiosität die Regel zu werden beginnt, die, ohne auf Differenzen und Kohärenz noch zu achten, sich mit der individuellen Präsentationsfähigkeit begnügt. Solche Darstellung der Religion kann nicht im Interesse der Religionen, zumal der Schriftreligionen liegen. Muslime wie Christen brauchen zur Klärung von Identitäten Abgrenzungen.

Kermani wirft an anderer Stelle speziell der Evangelischen Kirche vor, sie grenze sich neuerdings ab, um die eigenen Identität zu wahren. Es ist vormodernes Denken, wenn man meint, Differenzen würde Verständigung und Gemeinsamkeiten ausschließen oder zerstören. Die pluralistische Gesellschaft lebt davon. Das, worauf es ankommt, das hat der Soziologe Michael Walzer die „Zivilisierung der Differenz“ genannt. Sie erlaubt das Fremdseinlassen des Fremden, dessen Akzeptanz die in der Toleranz auch enthaltene Ablehnungskomponente überwiegt. Ich habe keine Probleme damit, dass Navid Kermani die Kreuzestheologie ablehnt. Er wird umgekehrt auch keine Probleme damit haben, dass ich zentrale Glaubenslehren der Schia ablehne.

Jedoch würde es mir nie in den Sinn kommen, Inhalte der schiitischen Konfession des Islam als Gotteslästerung und Idolatrie zu bezeichnen und in die Nähe von Pornographie zu rücken. Solche Äußerungen kann man nicht mit der Bemerkung abtun, es mag etwas aggressiv gewesen sein. Sie verstoßen gegen die dritte Grundregel des Dialogs. Der streitige Dialog wird angehalten, wenn eine Seite sich von der anderen verletzt fühlt. Die alte Regel der Gruppendynamik gilt auch hier: Störungen haben Vorrang. Sie haben deshalb Vorrang, weil im Dialog ihre Glaubensüberzeugungen – die man ja gegenseitig kennt – soweit öffnend zur Disposition stellen, dass man sogar vielleicht durch die Argumente des Anderen sich zu einer Korrektur der eigenen Tradition genötigt fühlt. Der Dialog setzt voraus, dass ich mich in meinen Verstehensbemühungen des mir fremden Glaubens so weit auf seine Eigenart verstehend einlasse, dass ich in die Nähe der Versuchung komme, die Wahrheit der anderen Religion nicht nur zu tolerieren, sondern für mich anzunehmen.

Daher bat ich damals auch die Staatskanzlei, Herrn Kermani meine Verletzung mitzuteilen, und ihn zu bitten, ob er etwas zu meinem besseren Verständnis seines Artikels beitragen könnte. Das hat er abgelehnt. Daraufhin hatte ich mich damals entschieden, auf den Preis zu verzichten.

_____

Von Time am 16. Mai

Schlagwörter: , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: