Herzlich willkommen, Amir Hassan!

Vor einigen Tagen hatte ich ein paar Ausschnitte aus einem Aufsatz des iranischen Schriftstellers Amir Hassan Cheheltan aus der FAZ gebracht, in dem er erklärte, warum er entgegen seiner sonstigen Gewohnheit diesmal zur Wahl gegangen war (1). Wie die FAZ heute mitteilt, hat er grade ein einjähriges DAAD-Stipendium in Deutschland angetreten, und sein Roman „Teheran Revolutionsstraße“ soll in diesem Monat erscheinen (P. Kirchheim Verlag, München). Der heutige FAZ-Artikel trägt den Titel „Meine letzten Tage in Iran“, und ich schließe daraus, dass Herr Cheheltan sich dazu entschlossen hat, in Zukunft bei uns im freien Westen zu leben. Ich freue mich, dass er an stumpfsinnigen Bürokraten und speichelleckenden Orkverstehern vorbei die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Ich bin der Ansicht, wir sollten Menschen mit demokratischer Gesinnung aus aller Welt bei uns aufnehmen, aber wir sollten zB. eine Familie, in der der Neugeborene den Namen „Osama“ oder „Usama“, „Asamer“ oder „Besamer“ trägt, umgehend heimschicken, heim in ihre Sandkiste.

Herzlich willkommen, Amir Hassan!

Lesen Sie nun Amir Hassans Tagebucheinträge vom 20. bis 30. Juni 2009, aus dem Persischen übersetzt von Susanne Baghestani.

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Samstag, 20. Juni

Die Protestbewegung gegen die Wahl hat neuen Aufschwung erhalten, insbesondere nachdem der Revolutionsführer in seiner gestrigen Freitagspredigt die Ergebnisse abermals bestätigt und Ahmadineschad zum rechtmäßigen Staatspräsidenten des Landes erklärt hat.

Heute steht im Internet ein Artikel, der die Vielfalt der Anti-Aufruhr-Truppen in den Straßen beschreibt: Einheiten in Tarnkleidung, Kommandotrupps auf Motorrädern, mit Knüppeln und taktischen Einsatzschilden bewehrte Sicherheitskräfte sowie Verbände in khakifarbenen Westen. Der Artikel erläutert außerdem diverse Widerstands- und Fluchttaktiken; unter anderem, dass man Tränengas durch das Anzünden mehrerer Zigaretten und den resultierenden Rauch neutralisieren könne. Ferner wird empfohlen, sauberen weißen Stoff als Verbandszeug mitzunehmen, und die korrekte Durchführung einer künstlichen Beatmung beschrieben. Bei der Lektüre hat man den Eindruck, es handele sich um Anweisungen zum Widerstand gegen eine angreifende ausländische Armee.

Der heutige Demonstrationszug, der vom Revolutionsplatz bis zum Freiheitsplatz verlaufen sollte, wurde massiv durch Regierungstruppen behindert. Entlang der gesamten Strecke kam es zu Aufruhr und Scharmützeln. Teheran ist wieder in einen blutigen Kreislauf geraten; mehrere Demonstranten starben beim Beschuss durch Anti-Aufruhr-Truppen.

Sonntag, 21. Juni

Der heutige Tag war ein schwarzer. Ich begann ihn mit einem Videofilm im Internet. Ein hübsches junges Mädchen fiel plötzlich auf den Asphalt einer Straße in Teheran; offenbar von einer Kugel im Herzen getroffen, spuckte es Blut und starb. Ein Mann mittleren Alters, der neben ihr kniete, rief mehrmals flehentlich: „Bleib da!“ Im Hintergrund war eine kämpfende und flüchtende Menge zu erkennen. Unvermutet brach ich in Tränen aus; meine Frau und mein Sohn waren nicht zu Hause, also konnte ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. O Gott! Wie viel Kummer soll diese Heimat noch ertragen?

Montag, 22. Juni

Heute wurden ausführlichere Informationen über die junge Frau veröffentlicht, die gestern auf der Straße starb. Sie hieß Neda, war siebenundzwanzig, Studentin der Philosophie und am Samstag zusammen mit ihrem Musiklehrer unterwegs. Ihr Foto haben Millionen von Menschen weltweit gesehen, das Bild hat sich auch auf den Plakaten der Demonstranten verewigt: ein blutüberströmtes Gesicht mit halbgeöffneten Augen, von bestürzender Unschuld. Gestern hat man sie bei Sonnenuntergang auf dem Teheraner Hauptfriedhof beerdigt. Manche bezeichnen sie schon als die iranische Jeanne d’Arc. Auf Bitten ihrer Familie sollte in einer Moschee eine Trauerfeier für sie abgehalten werden; die Bassidschi-Milizen der Moschee haben es nicht gestattet. Aber die ganze Stadt hat sich jetzt in einen Ort zu ihrem Gedenken verwandelt.

Die Sicherheitsbehörden haben Krankenhäuser, die Verwundete aufnehmen, davor gewarnt, in den Sterbeurkunden Schussverletzungen als Todesursache zu vermerken. Außerdem geht das Gerücht, dass einige der Kommandotrupps auf den Straßen arabisch sprechen; vermutlich sind es Libanesen.

Dienstag, 23. Juni

Heute erklärte der Wächterrat, er könne die Ergebnisse der Präsidentenwahl nicht annullieren, da es sich nur um kleinere Verstöße gehandelt habe. Dagegen haben reformorientierte Geistliche öffentlich erklärt: „Für die Unruhen und Tötungen der vergangenen Tage machen wir jene verantwortlich, die die Hauptstadt ohne Begründung in eine Kaserne verwandelt haben.“ Im Internet wird ein mit „Neda“ betiteltes Nachrichtenmagazin veröffentlicht, benannt nach dem getöteten Mädchen. Es beziffert die Todesopfer der vergangenen Tage auf mehr als dreißig. Morgen will sich Teherans Bevölkerung vor dem Parlament versammeln.

Die andere wichtige Nachricht lautete, dass gestern sämtliche Mitarbeiter der Tageszeitung „Kalame-ye Sabz“ sowie des Nachrichtenportals „Kalameh“, die beide Mussawi gehören, verhaftet worden sind. Die Zahl solcher Festgenommenen beläuft sich inzwischen auf achthundert Personen. Hinzu kommen all jene, die bei Straßenkundgebungen verhaftet wurden.

Mittwoch, 24. Juni

Heute konnte aufgrund des massiven Aufgebots von Polizei und Weißhemden die Protestversammlung vor dem Parlament nicht stattfinden. Es wurde jedoch von vereinzelten Demonstrationen in der Umgebung berichtet.

In diesem Tohuwabohu hat der Vorsitzende des parlamentarischen Justizausschusses verkündet, dass die Steinigung aus dem Gesetzeskatalog islamischer Strafen getilgt worden ist. Damit erfüllt sich eine jahrelange Forderung von Menschenrechtsaktivisten und Frauenrechtlerinnen in Iran. Dies ist vermutlich ein kleines Zugeständnis an die Opposition.

Ich las ein kurzes Interview, das ein junger Journalist in einem Sandwich-Lokal mit einem Bassidschi geführt hatte. Dieser sagte, man habe ihn aus Torbat, einer Stadt im äußersten Osten Irans, für zehn Tage und einen Tageslohn von 200 000 Tuman (etwa zweihundert Euro) in die Hauptstadt abkommandiert. Er sei ledig, wolle sich aber von diesem Geld eine Frau nehmen. Der Bassidschi habe gelacht und gesagt, dass er sich nun sogar zwei Frauen leisten könne.

Heute wurde außerdem bekanntgegeben, dass siebzig Universitätsprofessoren nach einem Treffen mit Mussawi verhaftet worden sind. Morgen wollen sich die Teheraner in schwarzer Kleidung mit Rosen an Nedas Grab versammeln.

Donnerstag, 25. Juni

In einem offenen Brief haben iranische Exilautoren die Schriftsteller der Welt aufgefordert, die iranische Volksbewegung zu unterstützen. Im Netz las ich im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen das Gedicht „Verschenk nicht meine Heimat“ der angesehenen persischen Gegenwartslyrikerin Simin Behbahani; es ist sehr eindrücklich.

Morgen beabsichtigt das iranische Volk, zu Nedas Gedenken nach Sonnenuntergang Kerzen anzuzünden. Dieses Mädchen gleicht einem leuchtenden Stern im Zentrum der Protestbewegung. Man hat außerdem beschlossen, mittags grüne Luftballons über Teherans Himmel aufsteigen zu lassen. Obwohl diese Bewegung so blutig verlaufen ist, verbannt sie den Tod und ist geprägt von poetischer Schönheit.

180 einheimische Journalisten haben öffentlich die massive Behinderung ihrer Berichterstattung kritisiert. Sie berichten, dass Regierungsbeamte in den Druckereien erschienen und die Journalisten gezwungen seien, ihre Artikel vorab genehmigen zu lassen.

Freitag, 26. Juni

Als ich mich heute an den Frühstückstisch setzte, drückte meine Frau mir eine Zeitung in die Hand und sagte: „Lies!“ Die Nachricht, die sie angestrichen hatte, besagte, dass die Ermordung Nedas einem Teheraner Korrespondenten der BBC zuzuschreiben sei, den man vor zwei, drei Tagen ausgewiesen hatte. Die linientreue Zeitung behauptete, der Korrespondent habe einen Verbrecher engagiert, um auf einen Demonstranten zu schießen und damit Schlagzeilen zu produzieren. Je größer die Lüge, desto leichter wird man sie vermutlich glauben!

Der Verband der Dokumentarfilmer hat in einer Mitteilung die tätlichen Angriffe auf einige seiner Mitglieder und die Beschlagnahmung ihrer Kameras kritisiert. Die Dokumentaristen bekräftigen, es sei ihr berufsmäßiges Recht, die Ereignisse auf den Straßen zu filmen.

Heute erfuhr ich, dass vier prominente Mitglieder der iranischen Fußball-Nationalmannschaft, die beim Spiel gegen Südkorea grüne Armbänder (in der Farbe der Protestbewegung) getragen hatten, pensioniert worden sind!

Bei Anbruch der Dämmerung sah ich, wie mein Sohn zwei angezündete Kerzen auf die Veranda trug; ich wusste, sie waren für Neda bestimmt. Er sagte aber, eine sei für Michael Jackson. Ich weiß, dass viele iranische Jugendliche über dessen unerwarteten Tod bestürzt sind.

Meine Frau trifft sich einmal im Monat mit ihren Kommilitoninnen. Heute Abend kehrte sie von dem Treffen später als gewöhnlich und sehr wütend zurück. Sie sagte, die Polizei habe mehr als zehnmal ihr Auto angehalten und den Kofferraum durchsucht. Selbstverständlich ist das auch eine Machtdemonstration.

Ich sollte noch erwähnen, dass Mussawi bekanntgegeben hat, die Sicherheitspolizei habe seine Kontakte zu seinen Anhängern erheblich eingeschränkt.

Samstag, 27. Juni

Heute wurde die Bevölkerung im Netz aufgefordert, Produkte von Nokia zu boykottieren, weil das Unternehmen der Regierung Anlagen verkauft habe, die es ermöglichten, Mobiltelefone abzuhören und die damit versendeten E-Mails und Kurznachrichten abzufangen.

Ein Arzt, der zum Zeitpunkt von Nedas Ermordung in ihrer Nähe gestanden hatte, berichtete in einem Interview mit der BBC, die Kugel sei frontal in ihre Brust eingedrungen und habe die Aorta zerfetzt. Unter solchen Umständen blute der menschliche Körper in weniger als einer Minute aus. Es steht fest, dass Neda von einem Scharfschützen niedergeschossen wurde. Zuvor hatten die Websites das Foto eines mit einem Maschinengewehr bewaffneten Schützen auf einem Flachdach veröffentlicht. Die Regierung behauptet, Nedas Ermordung sei das Werk der Aufständischen. Wenn Polizei oder Sicherheitskräfte niemanden erschießen sollen, weshalb erscheinen sie dann bewaffnet auf den Straßen?

Wie in den vergangenen Nächten erschallen pünktlich um zehn die Allahu-akbar-Rufe von den Dächern. Eine der Kuriositäten dieser Bewegung ist, dass das Volk aus Protest gegen eine religiöse Oberherrschaft religiöse Slogans verwendet; Religion versus Religion!

Sonntag, 28. Juni

Heute las ich in den Nachrichten, dass der Bürgermeister von Florenz zum Zeichen seiner Solidarität mit den Forderungen des iranischen Volks das Portal des Rathauses mit einer grünen Stoffbahn behängt hat. Florenz ist meine Lieblingsstadt, ich habe zwei Jahre in ihrer Nähe gelebt. Die Geste hat mich außerordentlich beeindruckt. Es wäre gut, wenn die übrigen Bürgermeister der Welt diesem Beispiel folgten. Die iranische Bevölkerung bedarf dieser Unterstützung.

Ein hochrangiger libanesischer Geistlicher führt die Ereignisse der vergangenen Tage auf westliche Einmischung zurück. Zur selben Zeit berichten diverse Websites von libanesischen Hizbullah-Truppen auf Teherans Straßen. Offensichtlich ist ein lukratives Geschäft im Gange: Die iranische Regierung unterstützt die libanesische Hizbullah finanziell in ihrem Widerstand gegen Israel, und die Hizbullah schickt ihre Truppen nach Iran, um die Bevölkerung einzuschüchtern und zu verprügeln!

Heute verbrachte ich einen Teil der Zeit mit Vorbereitungen für meinen einjährigen Aufenthalt in Deutschland. Nichts fällt mir schwerer, als meine Heimat unter diesen Umständen zu verlassen. Aber was bleibt mir anderes übrig? Diese Reise war schon lange geplant, ich bin Gast des DAAD, außerdem soll ich in den kommenden Monaten mehrere Lesungen in Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern abhalten.

Montag, 29. Juni

Gerüchte besagen, dass die Familien der Opfer der vergangenen Tage deren Leichen nur gegen Zahlung mehrerer Millionen Tuman ausgehändigt bekämen. Heute wurden im Netz die Namen von 22 Getöteten veröffentlicht, darunter auch ein zwölfjähriges Kind. Die Hälfte aller Opfer waren Studenten.

Das Staatsfernsehen verbreitet seit einigen Tagen Geständnisse der bei den Unruhen Verhafteten. Diese Geständnisse sind in Wahrheit politische Selbstbezichtigungen und Denunziationen der Gesinnungsgenossen und Gefährten, die einer von Amerika gesteuerten samtenen Revolution beschuldigt werden. Niemand glaubt ihnen. Seit rund vierzig Jahren werden politische Gefangenen in diesem Land gezwungen, sich im Fernsehen zu verleugnen.

Gegen Mittag klopfte ein Nachbar an die Haustür und berichtete, dass die Beamten wieder die Wohnungen stürmen und die Satellitenschüsseln von den Dächern räumen würden. Er habe deshalb das Haupttor unseres Appartementgebäudes verriegelt. Allerdings hat man unsere Wohnungen vor zwei Jahren schon einmal gestürmt, sämtliche Schüsseln abgerissen und mitgenommen.

Ein hochrangiger Geistlicher hat eine Fatwa ausgesprochen, der zufolge Angriffe auf wehrlose Bürger in den Straßen nicht rechtens seien. Die Straßenproteste sind sichtbar abgeflaut; es bleibt abzuwarten, welche Formen der Widerstand annehmen wird. Dennoch haben Mussawi und Karrubi abermals erklärt, dass sie sich nur mit einer Wiederholung der Präsidentenwahl zufriedengeben.

Dienstag, 30. Juni

Ich sitze gerade mit meiner Frau und meinem Sohn im Flugzeug. Vor wenigen Minuten hat der Kapitän mitgeteilt, dass die Fluggeschwindigkeit derzeit achthundert Stundenkilometer beträgt. In diesem Tempo entferne ich mich also von meiner Heimat!

Ich bin müde, dieser Tage habe ich viel gearbeitet, mich aber noch mehr gegrämt und gesorgt. Jetzt will ich ein wenig schlafen. In diesem besonderen Augenblick wünsche ich mir, in einen meiner lichten Kindheitsträume sinken zu können.

Time am 2. Juli 2009

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(1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/06/19/ein-ork-kennt-keinen-scherz/

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PS.: It’s summertime! http://www.youtube.com/watch?v=EbGfwzMZAEM&feature=related

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