Fort „Pointing Man“

Am 25. September hatte Klaus-Dieter Frankenberger in der FAZ einen Überblick über unsere Afghanistan-Mission gegeben:

Die Aufgabe bleibt

(…) Was auf die neue Koalition in Berlin zukommt, das ist in den vergangenen Tagen in der Lagebeurteilung des amerikanischen Oberkommandierenden in Afghanistan und in der auch in Amerika immer heftiger werdenden Debatte über Ziele, Strategie und Truppenstärken angedeutet und vorweggenommen worden. General McChrystal verlangt noch mehr Soldaten, noch mehr Ausbilder, noch mehr Aufbauhelfer – kurz: noch mehr Ressourcen -, um die Taliban niederzuringen und die Lage für die einheimische Bevölkerung zu verbessern. Andernfalls drohe der Einsatz in einer Niederlage zu enden. Der General verlangt überdies ganz unverblümt, dass die ausländischen Soldaten ein größeres Risiko eingehen sollten, um die Afghanen zu schützen. Damit stößt er bei seiner eigenen Regierung auf Widerstand, die der anfängliche Kampfesmut wieder zu verlassen scheint und die schon die nächste strategische Kehrtwendung erwägt, sowie bei den Demokraten im Kongress; die amerikanischen Wähler sehen den Krieg ebenfalls mit wachsendem Verdruss. Und natürlich schreckt Washingtons Partner die Vorstellung, fortan noch höhere Verluste zu riskieren, selbst wenn ihre eigenen Militärs der Analyse des amerikanischen Befehlshabers zustimmen.

Wie will man schließlich die Taliban bezwingen, wie verhindern, dass sie ganze Landstriche übernehmen und die Bevölkerung terrorisieren, wenn die internationale Truppenpräsenz zu dünn ist und westliche Soldaten, auch die deutschen, wie befohlen immer seltener ihre Lager verlassen – mit der Begründung, Aufständische hielten sich in den Dörfern auf? Das sollen die Isaf-Truppen ja gerade verhindern. Zweifellos wird die Präsenz der Taliban zunehmen, wenn ihnen das Land überlassen wird, zumal das afghanische Militär auf absehbare Zeit nicht selbst für Sicherheit wird sorgen können. Dessen Ausbildungsdefizite sind übrigens schon lange bekannt.

Präsident Obama fragt zu Recht: Tun die Vereinigten Staaten und auch die Nato-Staaten das Richtige, führt ihre Strategie zum Ziel? Es ist Unsinn, das Gespenst an die Wand zu malen, dass die Taliban und ihre terroristischen Spießgesellen demnächst in Kabul einrückten, wenn die Nato dieses oder jenes nicht tue. Aber acht Jahre nach dem Sturz der Taliban-Regierung muss der Westen sich endlich darüber klarwerden, WAS ER EIGENTLICH ERREICHEN WILL UND WAS DIE PRIORITÄTEN SIND. Geht es darum, zu verhindern, dass Al Qaida Afghanistan wieder zu ihrer regionalen Operationsbasis macht? (Ja, T.) Geht es um die Bekämpfung lokaler Aufständischer (Ja, T.) und um den Aufbau halbwegs stabiler staatlicher Strukturen (Nein, T.)? Oder geht es vor allem um die Festigung Pakistans (Nein, T.)? An dem Ziel hat sich die Strategie, an der Bedeutung des Ziels der Einsatz zu orientieren. Wenn unsere Sicherheit am Hindukusch verteidigt wird, kann der Betrieb nicht nachts eingestellt werden.

Es ist wiederholt besorgt gemutmaßt worden, die Regierung Obama werde von ihren europäischen Partnern verlangen, eine größere Last zu tragen, letztlich also mehr Soldaten zu entsenden. So richtig laut ist diese Forderung bislang nicht vorgetragen worden; in der Einschätzung General McChrystals ist sie implizit vorhanden. Die künftige Bundesregierung sollte nicht darauf warten, ob Forderungen dieser Art gestellt werden oder nicht. Sie sollte selbst handeln: indem sie die lange Mängelliste ihrer eigenen Offiziere ernst nimmt und manche widersinnige Einsatzbeschränkung aufgibt. Wird darüber hinaus in der Nato Einvernehmen darüber erzielt, dass tatsächlich Anstrengungen aller Art in Afghanistan zu verstärken sind, dann sollte sie sich nicht verweigern.

Eine Niederlage, wie immer sie verbrämt würde, hätte gravierende Folgen für das Bündnis und die Sicherheit seiner Mitglieder. Getrennt kämpfen, vereint verlieren – das ist eine unheilvolle Perspektive. Weiter so wie bisher kann es nicht gehen. Dafür sind die Kosten zu hoch. Das gegenwärtige (gedrosselte) Engagement führt aber nicht dazu, unsere Ziele zu erreichen.

In der heutigen FAZ präzisiert Leser Volker Rockel diese Situation mE. sehr eingängig:

Die Bundeswehr als Papiertiger in Afghanistan

Zu den Berichten über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan: Die offensichtlich orientierungslos geführte Debatte der politischen Führung um den Bundeswehreinsatz in Afghanistan erschreckt. Man führe sich bitte noch einmal vor Augen: Der Norden Afghanistans, also der deutsche Verantwortungsbereich des Regionalkommandos Nord, hat eine Größe, die ungefähr 50 Prozent der Landfläche Deutschlands entspricht.

Ein Kontingent von derzeit 4240 deutschen Soldatinnen und Soldaten (davon übrigens 310 Reservisten) hat also den Auftrag, in dieser Fläche gemeinsam mit den weiterhin mäßig ausgebildeten und ausgerüsteten afghanischen Sicherheitskräften den Schutz der afghanischen Bevölkerung vor Übergriffen der Taliban sicherzustellen. Es soll ein „robustes“ Mandat sein, das die Bundeswehr in Afghanistan für die UN umsetzen soll. Doch ein Blick auf die zur Verfügung stehenden militärischen Kräfte der Bundeswehr im Norden des Landes ernüchtert: Die Masse des derzeitigen deutschen Kontingents sind „Unterstützungskräfte“ (zur Entschärfung von Bomben und Sprengfallen), Militärisches Geologiewesen, Wehr- und Truppenverwaltung. Nach eigener optimistischer Schätzung bleiben dann noch etwa 800 bis 1000 deutsche Soldatinnen und Soldaten übrig, die zur Verfügung stehen, um unter Berücksichtigung des Schichtbetriebs an sieben Tagen der Woche tatsächlich operative Aufgaben wahrzunehmen, die annähernd dem eigentlichen Auftrag dienen: Unterstützung der vorläufigen Staatsorgane Afghanistans und ihrer Nachfolgeinstitutionen bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Sicherheitslage in Afghanistan und der damit verbundenen Herausforderungen ist klar: Dieser Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist im Ergebnis ein politischer Papiertiger. Denn das, was diese wenigen deutschen Soldaten tatsächlich operativ im militärischen Sinne ihres Auftrages (friedenserzwingender Einsatz) erreichen können, ist wegen der eskalierenden Bedrohungslage durch die Taliban faktisch null. Die jüngste Kritik des Nato-Oberbefehlshabers in Afghanistan, General McChrystal, ist berechtigt: Das deutsche Kontingent ist derzeit nicht in der Lage, seinen Auftrag militärisch angemessen auszuführen.

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Vor einigen Jahren las ich in der FAZ einen Bericht ihres mE. hervorragenden Afrika-Korrespondenten Thomas Scheen über irgendeinen Bürgerkrieg in irgendeinem der dortigen Müllhaufen. Die Audienz bei dem Chef einer größeren Soldatentruppe ließ auf sich warten. Thomas Scheen vertrat sich ein wenig die Beine und gelangte an einen Fluß, der die Grenze zwischen zwei der verfeindeten Parteien darstellte. Über den Fluß führte eine Brücke. Auf der Mitte der Brücke hampelte ein Junge in zerrissenen Militärklamotten herum, ein Gewehr in der einen Hand, in der anderen einen fetten Joint. Er verspottete die Feinde und versuchte, sie zu Fehlern zu verleiten und vor die Visiere der Scharfschützen zu bringen. Seine eigenen Leute feuerten ihn lautstark an. Nach meiner Erinnerung kam er kurz ans Ufer, weil der Joint alle war, und Thomas Scheen konnte ein paar Worte mit ihm wechseln, wobei er feststellte, dass der Junge völlig stoned war. Er sei der „Pointing Man“, erfuhr der Korrespondent, und das sei ein sehr cooler Job. Nach dem Interview mit dem Warlord zog es Herrn Scheen erneut zur Brücke, aber es stand nicht derselbe Junge auf der Brücke sondern ein neuer „Pointing Man“. Der andere war tot – „Berufsrisiko“.

In Bezug auf die Frage, „was wir in Afghanistan eigentlich erreichen wollen und was die Prioritäten sind“ (Frankenberger) schlage ich nun vor, dass unser Engagement in diesem verlorenen Land das eines „Pointing Man’s“ sein sollte. Damit meine ich nicht, dass das Leben unserer Mitbürger leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte, im Gegenteil. Ich bin bei allem Respekt nicht General McChrystals Ansicht, „dass die AUSLÄNDISCHEN Soldaten ein größeres Risiko eingehen sollten, um die AFGHANEN zu schützen“, es sei denn, die Kinesen machen mit und verleihen uns 2-3 Millionen gut ausgebildete und ausgerüstete Volksarmisten zu einem akzeptablen Preis.

Ich meine, dass es für uns reicht, ein großes Fort auf einem Höhenzug zu errichten, von dem aus relativ risikoloser Flugverkehr gewährleistet werden kann (1). Sicher kann man mit 5.000 Mann nicht ein Areal von der Größe der halben Bundesrepublik verteidigen (s.o.), ein Fort aber und dessen nähere Umgebung wären für die Läusematratzenträger nicht zu knacken und sicher auch ein starker Magnet für uns wohlgesonnene Kräfte, die wir in die Fähigkeit versetzen könnten, die Verteidigung ihres Lebens in die eigenen Hände zu nehmen. Wie die Irren würden die Orks aus aller Welt gegen unser „Fort Pointing Man“ und die Forts unserer Freunde (also insgesamt 30 – 50) anrennen und darüber ganz vergessen, den Jihad zu uns zu tragen. Sicher könnten wir so auf komfortable Weise außerordentlich viele von ihnen zur Strecke bringen. Das ganze Land könnte man aus der Luft mit Waren, Druckerzeugnissen usw. zus*heissen. Vermutlich wäre gelegentlich die eine oder andere Strafexpedition fällig, Drohnenoperationen die Regel. Unsere eigenen notorischen Verbrecher könnte man vor die Wahl stellen, entweder im Zuchthaus zu versauern, oder aber sich in der deutschen Afghanistan-Legion zu bewähren. Die Perspektive der Operation „Pointing Man“ ist zwar langfristig und könnte zu einem festen Kulturgut unserer Gesellschaft werden (die Kreuzfahrer konnten bspw. Akkon ca. 200 Jahre halten (2) – jedoch warum nicht in Tausendern rechnen?), aber die Kosten würden vermutlich relativ gering sein. In unseren Kulturbetrieb (der auch eine wirtschaftliche Bedeutung hat) integriert würde die „Pointing Man“-Mythologie dort sicher einen bedeutenden Platz einnehmen, dh. „was abwerfen“. Auch wäre ein Abenteuer-Tourismus vorstellbar, der zB. den Weltraumtourismus weit in den Schatten stellen würde.

Aber besonders eins dürfen wir von unserem afrikanischen Vorbild auf keinen Fall übernehmen: die Drogen! Denn „The War on Terror“ ist weitgehend identisch mit „The War on Drugs“!

Time am 30. September 2009

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(1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/06/24/entweder-oder-aber-nicht-weder-noch/

(2) http://de.wikipedia.org/wiki/Akkon

weitere Links:

https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/14/wir-sollten-bleiben-fur-immer/

https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/08/04/nachher-weis-mans-immer-besser/

https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/07/05/toten-nicht-ohne-lizenz/

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PS1.: Unter
http://weblog-sicherheitspolitik.info/2009/10/08/afgpak-meldungen-08-10-2009/ berichtet das „Weblog Sicherheitspolitik“ am 8.10.2009 von der neuen amerikanischen Strategie, Außenposten aufzugeben und die Präsenz auf wenige aber starke Basen zu beschränken.

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PS2.: OT, aber aktuell sehr lesenswert: „Wozu SPD?“
http://www.faz.net/s/RubE60152C79A424CDD91E9268CF021D4A0/Doc~E9C59FC4DF1404B74BF56F4A529475A47~ATpl~Ecommon~Sspezial.html

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PS3.: Lesenswert, über die Wirkung des Drohneneinsatzes bei den Läusematratzenträgern: http://weblog-sicherheitspolitik.info/2009/10/22/drohneneinsatze-in-nordwest-pakistan-psychologische-wirkung/

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PS4.: Dieser ist offenbar mein 200. Beitrag! Cheers!

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