Phönix Armenien, flieg!

Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts mit einer bis eineinhalb Millionen Opfern war der Mord der mohammedanistischen Türken an  den christlichen Armeniern 1915 – Er war auch die furchtbarste Christenverfolgung aller Zeiten. Lesen Sie ein Transkript der WDR-Fernsehdokumentation „Die Armenische Frage existiert nicht mehr – Tragödie eines Volkes“ von Ralph Giordano, 21. April 1986, ARD:
_____

28. Juli 1983: Lissabon, Anschlag auf die türkische Botschaft – sieben Tote, darunter die fünf Angehörigen des Kommandos.

15. Juli 1983: Anschlag auf die türkische Abfertigung des Pariser Flughafens Orly – sieben Tote, 68 Verwundete.

Ähnlichen Anschlägen fallen in Ankara, Brüssel, Los Angeles und anderen Plätzen bisher 58 Menschen zum Opfer, darunter 41 türkische Diplomaten.

Sie sind das bevorzugte Ziel armenischer Kommandounternehmen, die ihre Attentate damit begründen, daß es sich bei den Getöteten um offizielle Vertreter eines Staates handelt, der – wie sie erklären – den „Völkermord“ an eineinhalb Millionen Armeniern im türkisch-osmanischen Reich von 1915/16 leugnet, den Überlebenden die Heimat genommen und deren Nachfahren bis heute jede Rückkehr dahin verweigert hat. Die Türkei verneint die Anklage des „Völkermords“, verringert die Zahl der Opfer auf 300.000, rechnet Gegenopfer auf und erklärt die Armenier als selbstverantwortlich für ihr Schicksal. Diesem Konflikt wird hier historisch nachgegangen.

Die Vorgeschichte – Imperialismus und Nationalismus

Berg Ararat – Mythos eines Volkes, das sich vor etwa 2.500 Jahren, aus Europa kommend, zwischen dem Hochtal des Euphrat und dem heißen Tiefland Mesopotamiens niederließ, Durchgangsregion der Geschichte für immer neue Eroberer. Ihnen setzt der armenische Bauer, zusammen mit Handwerkern die Masse des Volkes, unassimilierbar seine eigene Kultur entgegen, Byzantinern, Persern, Mongolen, Türken: das Alphabet des Mönchs Mesrop Maschtoz, also eine eigene Schrift, eine eigene Sprache und, mit der Lehre von Jesus als fleischgewordenem Gott seit dem 4. Jahrhundert auch eine eigene, christliche Kirche – mit dem Katholikos, dem Patriarchen auf einem eigenen Heiligen Stuhl in Etschmiadsin.

Hauptsiedlungsgebiet der Armenier im Osmanischen Reich sind die Provinzen Anatoliens und Kilikiens, mit einer Ausbuchtung ins Russische Reich und mit Gemeinden in Smyrna, vor allem aber in Konstantinopel – im ausgehenden 19. Jahrhundert etwa zwei Millionen Menschen. Das Verhältnis zur türkischen Obrigkeit ist traditionell gut. Im Osten aber kommt es immer wiederzu schweren Zusammenstößen mit Kurden, was auch auf armenischer Seite zu bewaffneter Militanz führt. Gleichzeitig dringen von Europa die Ideen des Nationalismus und der Demokratie ins Osmanische Reich, die nicht ohne Einfluß auf die oft bedrängte armenische Gemeinschaft bleiben. Das Klima beginnt sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu verschlechtern.

Da greifen 1878, allen voran das England Benjamin Disraelis und das Deutsche Reich Bismarcks, auf der Berliner Konferenz die europäischen Großmächte, ein. Hintergrund: die Furcht des britischen Löwen vor dem Drang des russischen Bären nach Süden, auf Konstantinopel, die Dardanellen, das Mittelmeer zu. Immer nationale Interessen im Auge, stützen England und Deutschland den „kranken Mann am Bosporus“ gegen Rußland. Zur Bemäntelung werfen sich die Großmächte zu „Schutzherren“ der christlichen Armenier auf. ihre Forderung nach einem Reformprogramm läßt sich leicht in ein Instrument der Einmischung verwandeln.

In dem Schachspiel des europäischen Imperialismus um Einflußsphären im Vorderen Orient sind das zerfallende Osmanische Reich und die Armenier nichts als die Bauern. Ab 1883 reorganisiert der deutsche General von der Goltz die türkische Armee, mit dem Ziel eines europäischen Standards. Große Waffenlieferungen folgen. Mit den militärischen Beziehungen werden auch die wirtschaftlichen gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer enger und gipfeln schließlich im Projekt der „Bagdad-Bahn“.

Da kommt es 1894/96 unter dem verschlagenen Sultan Abdul Hamid, nach blutigen Zusammenstößen zwischen türkischen regulären sowie irregulären Truppen, sogenannten Haimidiyes, mit bewaffneten Armeniern in den östlichen und kilikischen Provinzen zu einem furchtbaren Massaker. Dabei zeigen sich bereits viele Merkmale der späteren Katastrophe, besonders in Stadt und Bezirk Van: Mord an Menschen jeden Standes, Alters und Geschlechts, nach Van am furchtbarsten in der Region Bitlis: Vergewaltigung armenischer Frauen, Verkauf in die Harems, Zwangsislamisierung. „Mechveret“, das Organ der sultansfeindlichen Opposition der „Jungtürken“, schreibt aus Paris:

„Man muß zur Schande unserer Regierung feststellen, daß dieses Massaker ein offiziell gelenktes Verbrechen war.“

Eben die „Jungtürken“ werden es zwanzig Jahre späiter vollenden …

Ihre Symbolffigur wird bei diesen Filmaufnahmen von einem Besuch Wilhelm II. in Konstantinopel sichtbar, rechts vom deutschen Kaiser: der kleine Mann mit dem großen Traum eines türkischen Reiches bis hinein nach Zentralasien, der 1908 den Sultan stürzt und eine konstitutionelie Monarchie errichtet – unter seinem Zepter – Enver Pascha. Dieser charismatische Abenteurer bildet zusammen mit Talaat Bey – Großwesir, später Innenminister – und dem Marineminister Dschemal Pascha das Dreigestirn der jungtürkischen Revolution. Hauptinstrument ist die „Partei für Einheit und Fortschritt“, Ittihad, und ihre Komitees, ein Staat im Staate, dessen nationalistischer Türkismus den Minderheiten nichts Gutes verheißt:

„Das Land gehört uns, und solange ein Türke am Leben ist, erlauben wir nicht, daß jemand anderer als die Türken befiehlt.“

Die ebenfalls nationalistischen Organisationen der Armenier fühlen sich als Verbündete des Umsturzes, von dem sie sich endlich Reformen versprechen – ein tragischer Irrtum. Denn im April 1909 kommt es abermals zu einem furchtbaren Massaker an Armeniern – in Kilikien, besonders der Stadt Adana. Gleichzeitig werfen die Jungtürken einen konservativen Putsch nieder. In diesem Getümmel erreichen die Greuel Europa nur als Gerücht.

Das osmanische Reich verfällt weiter: Nach Einbußen im vergangenen Jahrhundert, verliert es in den Balkan-Kriegen 1912/13 bis auf eine Exklave auch noch den Rest europäischer Besitzungen – Nordafrika war längst verloren. Geblieben sind unruhige Minderheiten: Kurden, Griechen, Armenier…

So geht im November 1914 der „Kranke Mann am Bosporus“ in den Ersten Weltkrieg – an der Seite Deutschlands und der Habsburger Monarchie gegen England, gegen Frankreich und – gegen das Rußland Zar Nikolaus II. Auf beiden Seiten kämpfen Armenier, aber kein Zweifel: ihre Sympathien liegen nach allen bisherigen Erfahrungen auf Seiten Rußlands. Einer türkischen Aufforderung, die Brüder drüben zum Aufstand zu verleiten, kommen die osmanischen Armenier, bei Wahrung ihrer Loyalität, nicht nach. Auf russischer Seite tragen Armenier zu einer vernichtenden Niederlage der türkischen Kaukasus-Armee unter Enver und zur Besetzung türkischen Territoriums bei – die Situation könnte nicht verzweifelter sein …

Dazu ist im Westen die Schlacht um die Dardanellen entbrannt, versuchen Engländer und Franzosen, Konstantinopel und den Zugang zum Schwarzen Meer zu erobern. In dieser Situation kommt es zu Maßnahmen, deren letzte Motive nur durch die bisher ungeöffneten osmanischen Staatsarchive aufgeklärt werden können: Im Februar 1915 werden die als tapfer bekannten armenischen Soldaten aus dem türkischen Heer ausgestoßen, in „Arbeitsbataillonen“ zusammengefaßt und bald darauf an vielen Orten erschossen – der Auftakt der Katastrophe.

Die Deportation

Am 24. April 1915 kommt es in Konstantinopel, während schwerer Kämpfe zwischen Türken und den beunruhigten Armeniern in einigen Teilen des Reiches, zur Verhaftung hunderter armenischer Führer, Intellektueller, die niemals wiederkehren werden. Am 27. Mai 1915 erläßt der Innenminister Talaat Bey den Befehl zur Deportation der Armenier, mit der Begründung: Abwehr drohenden Verrats, Aufstände, Hilfe für den Feind. Dieser Befehl setzt viele hunderttausend Menschen jeden Alters und Geschlechts in Bewegung und löst eine der größten Katastrophen aus die je über ein Volk hereingebrochen ist. Sie ist, neben anderen Quellen, fotografisch dokumentiert von Armin T. Wegner, einem deutschen Sanitätsgefreiten, der im Stabe Feldmarschalls von der Goltz durch das Deportationsgebiet zog und trotz strikten Verbots Aufnahmen machte. Nahezu lückenlos entrollt sich die armenische Tragödie in der Akte „Türkei 183“ (Band 36 bis 46), einzusehen im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes zu Bonn. Von dem großen Anwalt der Armenier, Johannes Lepsius, in Buchforrn ausgewertet, wird ihr Inhalt hier zum ersten Mal gefilmt.

Am 17. Juni 1915 schreibt die Kaiserlich-Deutsche Botschaft in Konstantinopel-Pera an den Reichskanzler von Bethmann Hollweg nach Berlin:

„Daß die Verbannung der Armenier nicht allein durch militärische Rücksichten motiviert ist, liegt zutage. Dr Minister des Inneren, Talaat Bey, hat sich hierüber kürzlich gegenüber dem zur Zeit bei der Kaiserlichen Botschaft beschäftigten Dr. Mordtmann ohne Rücksicht dahin ausgesprochen, daß die Pforte den Weltkrieg dazu benutzen wollte, um mit ihren inneren Feinden – den einheimischen Christen – gründlich aufzuräumen, ohne dabei durch die diplomatische Intervention des Auslandes gestört zu werden; das sei auch im Interesse der mit der Türkei verbündeten Deutschen, da die Türkei auf diese Weise gestärkt würde.“

Am 29. Juni schickt Konsul Rößler aus Aleppo einen Augenzeugenbericht an die Botschaft in Konstantinopel:

„Sehr traurig ist aber die Ausräumung ganzer armenischer Städte und deren Versetzung in unwirtliche todbringende Gegenden. So kommen fast jeden Tag Trupps armenischer Bevölkerung hierdurch, aus den Städten, Zeytun, Hadschin, Altistan etc., welche alle in der traurigsten Verfassung sind. Kranke und Sterbende werden auf den Wegen zurückgelassen und ihrem Schicksal überlassen.“

Der Kaiserlich-Deutsche Botschafter am 7. Juli 1915 an den Reichskanzler:

„Die Austreibung und Umsiedlung der armenischen Bevölkerung beschränkte sich bis vor etwa 14 Tagen auf die dem östlichen Kriegsschauplatz benachbarten Provinzen und auf einige Bezirke der Provinz Adana. Seitdem hat die Pforte beschlossen, diese Maßregel auch auf die Provinzen Trapezunt, Mazuret-Aziz und Siwas auszudehnen und mit der Ausführung begonnen, obwohl diese Landesteile vorläufig von keiner feindlichen Invasion bedroht sind. Dieser Umstand und die Art, wie die Umsiedlung durchgeführt wird, zeigen, daß die Regierung tatsächlich den Zweck verfolgt, die armenische Rasse im türkischen Reich zu vernichten.“

Am 9. Juli über die Wahrnehmungen eines deutschen Majors:

„In Till Ermen und einem benachbarten armenischen Dorf haben Kurden vor etwa einer Woche Armeniermetzeleien veranstaltet. Die großen Kirchen sind zerstört; 200 Leichen hat Herr von Mikusch selbst gesehen. Miliz und Gendarmerie hat Metzeleien mindestens geduldet, wahrscheinlich sich daran beteiligt. Zwischen Nisibin und Tell Ermen haben Ersatztruppen (entlassene Sträflinge) einschließlich ihres Offiziers freudestrahlend von Massacres erzählt und ein niedergemetzeltes Dorf vollständig ausgeraubt. In Djarabulus sind vielfach zusammengebundene Leichen den Euphrat abwärts getrieben.“

In einem Pariser Vorort: Aram Gureghian, 82, Alis Gureghian, 75, zwei Überlebende der Deportation. Damals elfjährig, erinnert sich Aram Gureghian aus Sebastia an den unvergessenen Sommer 1915:

„Wir, Vater, Mutter und Kinder, zogen mit dem verbliebenen Gepäck langsam dahin. Unter dem Vorwand der Brotausgabe wurden wir angehalten und die Männer weggebracht, mein Vater an einen Ort namens Hassancelebi. Wir haben ihn nie mehr gesehen und später erfahren, daß er mit anderen umgebracht worden ist. Ich habe Schreckliches gesehen, als wir die Wüste erreichten: Hunderte, ja Tausende von Leichen; Mütter, die mit ihren Kindern an der Brust gestorben waren; Kinder, die nicht wußten, daß ihre Mütter tot waren, Mütter, die über ihren toten Kindern den Verstand verloren hatten. Manche Mädchen wurden vergewaltigt, andere in die Harems verschleppt. Später erfuhren wir, daß die Deportationsrouten bewußt so angelegt waren, daß wir an Brunnen vorbeikamen, ohne trinken zu dürfen. Als wir einen Fluß erreichten, haben sich viele fast verdurstete Menschen so ins Wasser gestürzt, daß sie ohnmächtig wurden und ertranken. Die Hälfte unserer Leute haben wir in der Wüste verloren.“

Am 17. Juli 1915 schickt Konsul Rößler aus Aleppo einen Augenzeugenbericht an die Botschaft in Pera:

„Urfa, den 20. Juni 1915 – Abschrift
Hochgeehrter Herr Konsul!
Ein Zug Armenier, der am 14. d.M. in Aleppo eintraf nachdem er von Hadjin vier Monate in mühseligstem Marsch in der glühenden Hitze unterwegs gewesen war, führte 12 Leichen mit sich. Im Wilayet Diabekr wurden einem Kaimakan mündlich Befehle über das Verfahren gegen die Armenier überbracht. Er weigerte sich, sie auszuführen, wenn sie ihm nicht schriftlich wiederholt würde. Daraufhin wurde er abgesetzt und auf dem Wege nach Diabekr ermordet.“

Wiederum aus Aleppo am 27. Juli 1915:

„Vertraulich
Das berichtete Vorbeitreiben von Leichen auf dem Euphrat, das in Runkaleh, Birodjik und Djerabulus beobachtet worden ist, hatte, wie mir am 17. d.M. berichtet wurde, 25 Tage lang gedauert. Die Leichen waren alle in der gleichen Weise, zwei und zwei Rücken auf Rücken gebunden. Diese Gleichmäßigkeit deutet daraufhin, daß es sich nicht um Metzeleien, sondern um Tötung durch die Behörden handelt. Es heißt und ist wahrscheinlich, daß die Leichen durch Soldaten in Adianian in den Fluß geworfen worden sind. – Wie weiter unten zu berichten sein wird, hat das Vorbeitreiben nach einer Pause von mehreren Tagen von neuem begonnen und zwar in verstärktem Maße. Diesmal handelt es sich hauptsächlich um Frauen und Kinder… Wie hierzulande die Vernichtung derArmenier auf deutsche Anregung zurückgeführt wird, so versucht die türkische Regierung vor der europäischen Öffentlichkeit ihre Handlungsweise durch unsere Autorität zu decken. Euer Exzellenz aber darf ich gehorsamst anheimstellen, in Erwägung ziehen zu wollen, ob türkische Erklärungen zur Armenierfrage noch länger zur Veröffentlichung in der deutschen Presse geeignet sind und ob nicht Gefahr besteht, daß wir durch unseren Verbündeten kompromittiert verden. Gleichen Bericht lasse ich der kaiserlichen Botschaft zugehen. Rössler.“

Aram Gureghian:

„Für die Boote iiber den Euphrat mußten wir bezahlen. In der Mitte des Flusses fing die Bewachung an, uns unserer Kleider zu berauben und mehr Geld zu fordern. Obwohl meine Mutter alles weggab, schlug einer auf sie ein, verletzte meine Mutter, traf aber meine sieben Monate alte Schwester so schwer, daß sie starb. Wir haben sie am anderen Ufer weinend begraben. Das war nach der Ermordung meines Vaters der zweite Verlust. Eines Nachts, kurz vor Sonnenaufgang, weckten uns furchtbare Schreie: ‚Mütter, Schwestern, was ist das? Gott hat uns verlassen!‘ Es waren Araber und Kurden gekommen, die viele wegtrieben und töteten. Auch einige von unserer Familie mußten mit, konnten aber zurückkehren. Dabei fanden wir unsere siebenjährige Schwester nur noch als Leiche wieder.“

Geheimbericht des deutschen Konsuls aus Erserum vom 5. August 1915:

„Es ist tief bedauerlich, daß infolge der von der Militärbehörde geduldeten Haltung des Komitees und seiner dunklen Hintermänner die militärisch und politisch in mancher Hinsicht vielleicht zu begründende Maßnahme der Aussiedlung der Armenier aus denGrenzgebieten in einen Rache-, Vernichtungs- und Raubfeldzug gegen sie umgewandelt wurde. Daß diese Ausrottung möglich, daß sich, wie das hiergeschehen, Zehntausende von Armeniern ohne Gegenwehr von einer kleinen Anzahl Kurden und Freischärlern abschlachten lassen, ist wohl auch ein Beweis dafür, wie wenig kampffroh und revolutionär dieses Volk gesinnt ist. Hierbei sei bemerkt, daß hier geflissentlich verbreitet wurde, die Aussiedlung geschehe auf Betreiben der deutschen Regierung. gez. Scheubner-Richter“

Kaiserlich-Deutsche Botschaft Pera am 12. August 1915 an Berlin:

„Die systematische Niedermetzelung der aus ihren Wohnsitzen deportierten armenischen Bevölkerung hatte in den letzten Wochen einen derartigen Umfang angenommen daß eine erneute eindringliche Vorstellung unsererseits gegen dieses wüste Treiben, das die Regierung nicht nur duldete, sondern offensichtlich förderte, geboten schien, zumal da an verschiedenen Orten auch die Christen anderer Rassen und Konfessionen nicht mehr verschont wurden. Im Anschluß an Vorstehendes muß erwähnt werden, dqß unter der türkischen Bevölkerung im Innern vielfach die Auffassung besteht, daß die deutsche Regierung mit der Ausrottung der Armenier einverstanden sei und sie sogar dazu veranlaßt habe.“

Die Chronik der Deportation ergibt, daß von Juni bis Ende August 1915 das Gros der armenischen Bevölkerung, mit Ausnahme von Konstantinopel, aus seinen Wohngebieten sternförmig auf Aleppo zugetrieben wird, die Schaltstelle für Deir es Zor, das Endlager in der Wüste. Im Norden werden sie auch im Meer ertränkt. Die großen Verluste erleidet die Bevölkerung aus den Kerngebieten des östlichen Anatolien. Nur ein Rest erreicht die Wüste – die übrigen werden unterwegs Opfer einer wahren Vernichtungsorgie, die selbst in dieser Szenerie des Grauens nicht ihresgleichen hatte.

Am 4. September Botschafter Fürst zu Hohenlohe aus Konstantinopel an den Reichskanzler von Bethmann Hollweg:

„Talaat Bey übergab mir am 2. d.M. die in Abschrift beigefügte deutsche Übersetzung von verschiedenen telegraphischen Befehlen, die er in Sachen der Armenierverfolgungen an die in Betracht kommenden Provinzialbehörden gerichtet hat. Er wollte hiermit den Beweis liefern, daß die Zentralregierung ernstlich bemüht ist, den im Innern vorgekommenen Ausschreitungen gegen die Armenier ein Ende zu machen und für die Verpflegung der Ausgewiesenen auf dem Transporte Sorge zu tragen. Mit Bezug hierauf hatte Talaat Bey einige Tage vorher mir gegenüber die Äußerung getan: La question arménienne n’existe plus (Die armenische Frage existiert nicht mehr).“

Am 14. September mit Feldjäger an Berlin:

„Die der Kaiserlichen Botschaft von der Pforte gemachte Mitteilung bezüglich der Armenier vom 29. August ist lediglich eine dreiste Täuschung der Botschaft, weil auf betreiben des hierher entsandten Inspektors Ali Nunif Bey die Pforte nachher diese Verfügung vollkommen aufgehoben hat. Die Behörden handeln selbstredend nur nach der zweiten Weisung und fahren fort mit der Ausweisung ohne Unterschied des Bekenntnisses. Die Zahl der auf Order ermordeten Armenier übersteigt wahrscheinlich bereits die Masse der Opfer der jungtürkischen Massaker von 1909.“

Fürst zu Hohenlohe an Berlin, 25. September 1915:

„Letzthin ging von Herrn Rößler noch das folgende Telegramm vom 18. d.M. ein: ‚Dieser Tage sind lange Züge, fast verhungerter armenischer Frauen und Kinder von Osten zu Fuß hier eingetroffen und weiter transportiert, soweit sie nicht alsbald hier starben. Alles läuft trotz gegenteiliger Versicherung der Pforte auf die Vernichtung des armenischen Volkes hinaus.“‚

Ein Augenzeugenbericht aus Aleppo an Konstantinopel:

„Am 10. und 12. d.M. kamen je ein Zug von etwa 200 verbannten Frauen und Kindern über Ras ul Ain zu Fuß in völlig erschöpftem Zustand hier an. Ein Zug, der nur durch den Pinsel eines Werestschagin in seiner Grauenhaftigkeit hätte wiedergegeben werden können. Die Gendarmen trieben die elenden abgemagerten Geschöpfe, denen vielfach der Tod auf dem Gesicht geschrieben stand, mit Peitschenhieben vor sich her durch die Straßen Aleppos zum Bahnhof ohne daß sie hier in der Stadt einen Schluck Wasser hätten trinken dürfen oder ein Stück Brot erhalten hätten. Die Einwohner der Stadt, die Wasser und Brot verteilen wollten, wurden daran verhindert.“

Botschafter Metternich (Konstantinopel), am 7. Dezember 1915 in einem Schreiben, das zunächst darauf hinweist: den Führern der Jungtürken sei ernstlich erklärt worden, durch die Maßnahmen gegen die Armenier würden sie sich in Deutschland und anderswo alle Sympathien verscherzen, falls kein Einhalt geboten werde:

„Sie verschanzen sich hinter Kriegsnotwendigkeiten, daß Aufrührer bestraft werden müßten und gehen der Anklage aus dem Wege, daß Hunderttausende von Frauen, Kindern und Greisen ins Elend gestoßen werden und umkommen. Die Seele der Armenierverfolgung ist Talaat Bey. Metternich.“

Aram Gureghian:

„Eines Tages, als wir uns gerade erholen wollten, kamen zwei Kurden. Sie fingen meinen Bruder, um ihn zu töten, um ihn wie ein Schaf zu schlachten. Mein Bruder schrie weder, noch beklagte er sich. Sie waren zu zweit, ein jüngerer und ein älterer Mann. Der sagte etwas, was wir nicht verstanden. Dann töteten sie Armenak, meinen Bruder. Nackt und fast verhungert stießen wir auf einen kurdischen Bauern, der sein Vieh tränkte und sein Feld bewässerte. Meine verzweifelte Mutter bat um Wasser, und er sagte: ‚Wenn Du mir Deinen Jungen gibst – er meinte mich – dann bekommt ihr Wasser.‘ Und so geschah es. AIs Kurden zuvor eine meiner Schwestern entführen wollten, hat meine Mutter sie versteckt und zurückgelassen. Meine Mutter, einer meiner Brüder, eine Schwester und ich, wir waren von der neunköpfigen Familie übriggeblieben. Das heißt: Ich gehörte ja nun dem Kurden. Da sagte meine Mutter etwas, das ich zeitlebens nicht mehr werde vergessen können: ‚Geh, mein Junge, Du mußt am Leben bleiben, um uns allezu rächen.‘ Heute tue ich das, indem ich jede Gelegenheit wahrnehme, um davon allen zu erzählen, die es interessiert.“

Konsul Rößler aus Aleppo am 20. Dezember 1915 direkt nach Berlin:

„Euer Exzellenz stelle ich gehorsamst zu hochgeneigter Erwägung, ob die Mitverantwortung, die durch Schweigen und beschönigende Darstellung von deutscher Seite übernommen wird, sowohl dem deutschen Volk als der Welt gegenüber nicht zu groß ist, und ob der politische Schaden der später (vielleicht zu uns ungelegener Zeit) an den Tag kommenden Wahrheit nicht größer ist als der Nachteil, der uns gegenwärtig aus der Aufklärung der Öffentlichkeit erwachsen mag.“

Einer der wenigen, die damals öffentlich ihre Stimme erheben, ist der Reichstagsabgeordnete Karl Liebknecht – wenn auch vergebens. Anfrage vom 18. Dezember 1915:

„Welche Schritte hat der Herr Reichskanzler bei der verbündeten türkischen Regierung unternommen um du gebotene Sühne herbeizuführen, die Lage des Restes der armenischen Türkei menschenwürdig zu gestalten und die Wiederholung ähnlicher Greuel zu verhindern. 18. Dezember 1915, Karl Liebknecht.“

Die von Johannes Lepsius und den Konsuln wohlinformierte Reichsspitze schweigt auch weiterhin beharrlich. Am 13. November 1916 telegrafiert die Botschaft nach Berlin:

„Die Massenverschickung der Armenier aus Smyrna hat in diesen Tagen begonnen. Marschall Liman von Sanders hat in militärischem Interesse Einspruch erhoben. Radowitz.“

Am gleichen Tag geht ein Schreiben an den Reichskanzler, in dem Liman von Sanders schildert, auf welche Weise sein Einspruch erfolgte:

„Da derartige Massepdeportationen in das militärische Gebiet übergreifen… so hatte ich den Wali benachrichtigt, daß ohne meine Genehmigung derartige Massenverhaftungen und -Deportationen nicht mehr stattfinden dürften. Ich verständigte den Wali, daß ich sie im Wiederholungsfalle mit Waffengewalt verhindern lassen würde. Daraufhin hat der Wali nachgegeben und mir zugesagt, daß sie unterbleiben würden.“

Am 17. November 1916 erfolgt die Bestätigung an das Auswärtige Amt in Berlin:

„Armenierverschickungen aus Smyrna haben auf Eingreifen des Marschalls aufgehört. Bericht folgt. Kühlmann.“

Niemand kann den Jungtürken die Schuld an der Tragödie abnehmen. Aber gerade der einsame Erfolg des beherzten Marschalls wirft unweigerlich die Frage der deutschen Mitverantwortung auf.

Der Rest der Tragödie – die Wüstenlager – Deir es Zor, Homs, Hama, Mossul. Armenier nennen eine Gesamtopferzahl von 1,5 Millionen, neutrale Beobachter von 800.000 bis eine Million, Türken sprechen von 300.000. Wir lassen uns auf dieses Zahlenspiel nicht ein, sondern fragen, was aus den Überlebenden ohne die Niederlage des Osmanischen Reiches im Herbst 1918 geworden wäre.

Talaat Bey flieht, wird 1919, wie Enver und Dschemal, von einem türkischen Gericht der Armenierpolitik wegen zum Tode verurteilt und fällt am 15. März 1921 der Kugel des armenischen Studenten Salomon Teilirian in Berlin-Charlottenburg zum Opfer. Teilirians gesamte Familie war umgekommen. Am 3. Juni 1921 wird der Täter vor ein Berliner Landgericht gestellt. Der Prozeß dauert nur zwei Tage, enthüllt aber das ganze Grauen der Tragödie. Er endet mit einem sensationellen Freispruch für Salomon Teilirian.

In dem Verfahren waren, durch das Gericht als Originale anerkannt, von Talaat unterzeichnete Telegrammerlasse vorgelegt worden, die eine zentrale Tötungsabsicht bloßlegten. Diese Telegramme verschwanden wenig später und blieben bis auf den heutigen Tag unaufgefunden. Die Türkei bestreitet nicht nur die Echtheit dieser Dokumente, sie bestreitet auch jede zentrale Tötungsabsicht der jungtürkischen Regierung sowie eine berechtigte Anwendung des Begriffs „Völkermord“ nach der UNO-Konvention von 1948 auf die armenische Tragödie.

Mümtaz Soysal, Verfassungsrechtler und Kolumnist aus Ankara, bei uns im Studio. Hier die Quintessenz eines längeren Interviews mit ihm zu dem damaligen Geschehen und dessen heutiger Bewertung aus türkischer Sicht:

„Ohne daß ich unbedingt die offizielle Auffassung vertrete, wiederhole ich, daß es sich um ein gegenseitiges Massaker handelt. So etwas beginnt damit, daß eine Seite die andere tötet, wobei manchmal nicht festzustellen ist, wer damit angefangen hat. Es muß von einem gegenseitigen Massaker gesprochen werden, das sich wie eine Kettenreaktion fortgesetzt hat. Es liegt kein Erlaß vor, daß die Armenier als Volksgruppe vernichtet werden sollten, und deshalb kann man auch nicht von ‚Völkermord‘ sprechen. Sie sind nicht getötet worden, weil sie Armenier waren. Sie sind getötet worden, weil sie diese oder jene Tat begangen hatten, weil sie aufständisch waren, weil sie mit dem Feind kooperierten. Sie wurden damals in andere Gebiete und Orte des Osmanisehen Reiches gebracht nach dem Irak, Syrien, Libanon, die heute unabhängig sind. Die restlichen Armenier haben nach dem Krieg Anatolien verlassen und sind ausgewandert. Es handelt sich, wie gesagt, um ein gegenseitiges Massaker in der Geschichte der Menschheit, und die eigentlichen Verantwortlichen waren die Großmächte. Das ist die wahre Tragödie.“

Wären Bilder türkischer Gewaltopfer durch Armenier in unsere Hände gelangt, sie wären an dieser Stelle gezeigt worden. Denn es hat solche Opfer gegeben: aus überbordendem Nationalismus von Armeniern, durch Rache- und Vergeltungsakte 1910-1917, besonders in zeitweise von Russen besetzten Gebieten – was auch armenische Historiker nicht bestreiten. Dennoch muß die türkische These von dem „gegenseitigen Massaker“, der „Ausbalancierung des Schreckens“ und der „Vergleichbarkeit“ armenischen und türkischen Schicksals verneint werden. Die Aufrechnung armenischer Reaktionen und Gegenreaktionen mit der staatlich angeordneten Katastrophe der Deportation kann nicht akzeptiert werden, weil sie aus Opfern Täter und aus den Ermordeten Schuldige macht.

Die Frage, ob es einen zentralen Tötungsbefehl gegeben hat oder nicht, ändert am Ablauf der Tragödie nichts: der Befehl zum Aufbruch Hunderttausender von Menschen, die Eliminierung der Männer, deren Mangel an allem, an Nahrung, Transportmitteln, medizinischen Vorkehrungen, die Gewißheit, daß die Deportierten unterwegs schutzlos bewaffneten Angriffen ausgesetzt sein würden, der trost- und wasserlose Charakter der Zielorte – all das ergibt insgesamt, daß die Deportation selbst das Instrument der Massenvernichtung war, und daß ihre Urheber genaue Kenntnis davon hatten.

Die Diaspora

Unter der Herrschaft dieses Mannes wird sich das Schicksal der überlebenden Armenier vollenden: Mustafa Kemal Pascha, Atatürk, der Schöpfer der modernen Türkei. – Aus Zeitgründen müssen die folgenden Ereignisse gerafft werden. In einer imponierenden Anstrengung wehren sich die Türken erfolgreich gegen Versuche der Siegermächte, sich auch das türkische Kernland einzuverleiben. Dabei werden die zurückgekehrten Armenier vertrieben, ein von den Alliierten garantierter armenischer Nationalstaat nach kaum zweijähriger Existenz zerstört und die griechische Minderheit nach schweren Kämpfen zur Räumung gezwungen. Der Triumphator heißt – Atatürk! Entgegen den Verträgen von Versailles und Sevres 1919/20, werden im Vertrag von Lausanne 1923 die Armenier nicht mehr erwähnt.

Der gegen alle Aufteilungspläne geschaffene türkische Nationalstaat löscht gleichzeitig bis auf Splittergruppen die Existenz der Armenier aus, in einer Republik, die Talaat Denkmale setzen wird …

Als einziges staatliches Territorium verbleibt die armenische Sowjetrepublik, mit der Hauptstadt Eriwan und dem religiösen Heiligtum Etschmiadsin.

Paris, 5. Januar: Weihnachtsfest in der armenischen Kathedrale Saint Jean Baptist – ‚Johannes der Täufer‘. Frankreich ist das europäische Hauptaufnahmeland des in alle Welt verstreuten Volkes geworden. Es gibt hier keine Spur von Armenierfeindlichkeit, aber viele Freunde, ja große Anwälte der Armenier, wie den französischen Arzt und Schriftsteller Yves Ternon. Das begünstigt die Integration, gefährdet aber die Identität – das große Problem der armenischen Diaspora – jener Außendruck, der die jüdische Diaspora über Jahrtausende zusammengehalten hat, fehlt hier vollständig. Madame Anahid Ter Minassien, Pariser Historikerin aus der zweiten Generation der Diaspora-Armenier:

„Das armenische Volk ist ein sehr altes Volk, und es ist sich dessen bewußt. Es ist der Antike entsprungen, mit einer besonderen Kunst und Lebenskunst, einer eigenen Literatur. Das sind Werte, die ihm teuer sind und an denen es festhält. In der Diaspora, der Verstreuung über die Welt, ist das armenische Volk jedoch zwangsweise dazu verurteilt, durch Anpassung zu verschwinden. Für mich und alle, die so denken, reicht deshalb die Anerkennung des ‚Völkermordes‘ nicht aus. Um das armenische Volk, diesen kleinen Fetzen Menschheit, der im Kollektiv überleben will, zu retten, ist es notwendig, einen Schritt weiterzugehen. Die Rechte des armenischen Volkes auf seine alte Heimat müssen anerkannt werden, und das wäre der nächste Abschnitt der Geschichte.“

Die Weltkarte der armenischen Diaspora: außer etwa drei Millionen Armeniern in der sowjetischen Kleinrepublik, lebt in der Türkei als Gemeinde nur noch ein Reh von etwa 50.000 in ImanbW, 575.000 leben im Vorderen Orient – Irak, Syrien, Libanon – 335.000 in Europa, vorwiegend Frankreich, 600.000 in Nordamerika, Schwerpunkt USA, und 170.000 in Lateinamerika, vor allem Argentinien. Ara Toranian, Angehöriger der dritten Diaspora-Generation, Leiter der „Nationalen Armenischen Bewegung“ MNA, in Paris:

„Sechzig Jahre lang, bis 1975, versuchten die Armenier auf politische Weise, ihre Rechte geltend zu machen. Sie wandten sich an die internationalen Instanzen, um zumindestens die Anerkennung ihrer geringsten Forderung zu erreichen, die historische Anerkennung dieses Völkermordes und die Verurteilung ihrer Urheber. Doch sechzig Jahre lang hat das armenische Volk nichts erhalten und nichts erreicht. So beschlossen armenische Gemeinschaften 1975, nunmehr zum bewaffneten Kampf überzugehen. Wir sind ein Volk im Exil, ein seines Bodens beraubtes Volk, dessen Geschichte veleugnet wird. Ein Volk, das der Auslöschung seiner Identität unterzogen wird. Wir führen einen Kampf zur Wahrung unserer Identität und für die Befreiung der armenischen Territorien, die uns durch den Völkermord genommen worden sind.“

„Die armenische Frage existiert nicht mehr“ – ? Talaat Beys Prophezeiung hat sich nicht erfüllt. In der UNO wird am 6. April 1973 folgender Satz des Unterausschusses zum Schutz von Minderheiten auf Protest der Türken zunächst gestrichen: „Wenn wir uns der zeitgenössischen Geschichte zuwenden, so kann auf eine verhältnismäßig umfassende Dokumentation über das Massaker an den Armenier hingewiesen werden, das als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts gelten kann.“ Am 29. August 1985 verabschiedet die Mehrheit des UN-Unterausschusses eine Fassung, in der die Verfolgungen der Armenier 1915/16 als „Völkermord“ gewertet werden. Am 7. Januar 1984 sagte der französische Präsident Francois Mitterrand bei einem Besuch der armenischen Gemeinde von Vienne wörtlich:

„Es ist unmöglich, die Spur des Völkermords zu vertuschen, der Sie geschlagen hat…“

Am 16. April 1984 kommt das „Ständige Tribunal der Völker“ in Paris zu der Ansicht, daß es sich bei den Armenier-Verfolgungen um einen systematischen Völkermord im Sinne der UN-Konvention vom Dezember 1984 gehandelt habe. Am 23. Oktober 1984 stellen die Sozialistischen Fraktionen des Europa-Parlaments den Antrag, die Armenier-Verfolgungen als „Völkermord“ anzuerkennen. Am 26. Juni 1985 kommt es darüber zu einer Diskussion: die bundesdeutschen Abgeordneten des Politischen Ausschusses stellen dabei als einzige von zwölf Nationen sowohl das Europa-Parlament als Forum wie auch den Begriff „Völkermord“ in Frage.

In Deutschland wird seit siebzig Jahren offiziell geschwiegen. Keine Regierung ist in der armenischen Frage je initiativ geworden. Wie tödlich das Schweigen zwischen den beiden Weltkriegen über ein Großverbrechen wie das an den Armeniern für künftige Opfer war, geht aus einer Notiz des Auswärtigen Amtes hervor. Am 22. August 1939 erklärt Adolf Hitler vor hohen Militärs und Kommandeuren der SS-Todesschwadronen, daß dies kein Krieg wie bisherige werde, sondern die gnadenlose Ausrottung des Gegners – Mann, Weib und Kind. Und dann fällt der Satz: „WER REDET HEUTE NOCH VON DER VERNICHTUNG DER ARMENIER?“

_____

Time am 14. Oktober 2009

_____

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: