Die Orks verdienen keine Demokratie

Heute brachte die FAZ einen wie stets exzellenten Bericht von Friederike Böge aus Kundus:

Wir  sind da

Wie es sich in Kundus lebt, das weiß auch die Bundeswehr nicht. Nur gepanzert wagt sie sich aus ihrem Lager in die Stadt. Unsere Autorin hat zwei Jahre dort gewohnt. Nun ist sie noch einmal zurückgekehrt – zwischen alle Fronten.

Als ich vor fünf Jahren nach Kundus zog, war die Stadt ein verschlafenes Nest mit Schlammstraßen, auf denen sich bunt geschmückte Kutschen durch Schlaglöcher quälten. Überall wurde gebaut, kleine Geschäfte öffneten, Flüchtlinge kehrten zurück, Zukunft lag in der Luft. Im Hotel „Kundus“ fanden regelmäßig Bürgerversammlungen statt, in denen über die Parlamentswahl diskutiert wurde, den Karikaturenstreit, die Hochwasserprävention. Bis auf die Rufe der Mullahs morgens um fünf war es so ruhig, dass viele Deutsche, die mit der Bundeswehr oder den Hilfsorganisationen kamen, spöttisch von Bad Kundus sprachen. Ich hätte nie gedacht, dass ich hier einmal von tieffliegenden Kampfflugzeugen geweckt werden könnte. So wie heute Morgen um drei.

Die Stadt, die ich vor drei Jahren verlassen habe, ist heute Frontstadt in einer Provinz, die einem Kriegsgebiet gleicht. Fast wöchentlich werden Soldaten der Bundeswehr angegriffen, und gerade sollen bei einer Offensive der afghanischen Armee und amerikanischer Spezialeinheiten hundertdreißig Taliban getötet worden sein. Nur in gepanzerten Fahrzeugen wagen sich die Deutschen, deren Lager wie ein Ufo auf einem Hügel über der Stadt sitzt, noch durch die Stadt, die sie schützen wollten.

Sie fahren vorbei am Südtor von Kundus, wo der Polizeiposten mit Sandsäcken zu einer kleinen Festung umgebaut ist. Vorbei an der Baumwollfabrik, welche die Stadt in den sechziger Jahren groß gemacht hat und wo heute Arbeiter träge in den Gängen warten. Auf der Hauptstraße geht es zum Verkehrskreisel, auf dem ein Polizist zwischen Autos und Motor-Rikschas steht. Die Eiscremeläden, in denen indische Musikvideos laufen, sind abends in pinkfarbenes Neonlicht getaucht, es sei denn, es ist Stromausfall. Auf dem Bürgersteig schweißen Jungs ohne Schutzkleidung Eisentore zusammen. Geldhändler wedeln mit Dollarbündeln, es gibt Hochzeitsschmuck, chinesische Billigschuhe, Plastikstühle, Teppiche, und in den Gassen dahinter reihen sich die Häuser, Lehmmauer an Lehmmauer. Es wirkt, als habe sich die Stadt seit meiner Abreise kaum verändert.

Als ich in Kundus lebte, arbeitete ein junger Mann für mich als Übersetzer. Er war einer derjenigen, die sich damals auf die Leute aus dem Westen eingelassen haben. Jetzt soll ich ihn in dieser Geschichte Mirwais Amiri nennen, weil er Angst hat, seinen richtigen Namen zu tragen. Wir treffen uns bei ihm, in einem Gehöft am Stadtrand mit Ziehbrunnen und Hühnern. Eine Schwester bringt Tee und Mandeln, und Mirwais erzählt, wie er vor ein paar Tagen auf dem Markt war und Ketchup kaufte. Aus Versehen sei ihm die Flasche heruntergefallen und zerbrochen. Als er sie trotzdem bezahlen wollte, hielt ihn eine Frau zurück. „Du kannst die Tomatensoße nicht benutzen“, sagte sie, „also brauchst du sie nicht zu bezahlen.“ Dann habe sich eine andere eingemischt und gesagt: „Lass den ruhig zahlen, der hat genug Geld, der arbeitet für die Ausländer.“

Mirwais lacht, er lacht darüber, dass er nicht wusste, wer die Frau war, sie trug eine Burka, dass aber sie wusste, wer er war. Eigentlich ist die Geschichte aus genau diesem Grund gar nicht witzig. Seit Monaten geht er jeden Morgen mit Büchern unter dem Arm ins Büro, damit die Leute denken, er sei Student, dabei arbeitet er für eine deutsche Hilfsorganisation. Freunden, die davon wussten, hat er erzählt, er habe gekündigt. Diese Angst, mit Ausländern in Verbindung gebracht zu werden, kannte ich von früher nicht. Sie kam erst, als die Taliban in der Provinz Kundus wieder Fuß fassten.

Mirwais legt eine DVD in den Recorder. Auf dem Bildschirm erscheint ein junger Mann, Schnauzbart, Seitenscheitel, Hemd und Bundfaltenhose. Er läuft die Hauptstraße von Kundus hinunter, vorbei an Kebabständen, Frauen in weißen Burkas, reisigbeladenen Kamelen und Männern mit beigefarbenen Pluderhosen, die in Plastiksandalen dahinschlappen. Der Film ist ein Dokument für die kulturelle Verwirrung eines Übersetzers, der sich zwischen zwei Welten bewegt. Der Mann auf dem Bildschirm ist Mirwais selbst. Er hat seinen Bruder gebeten, ihn zu filmen, weil Verwandte ihm vorgeworfen hatten, sein Gang sei arrogant geworden, seit er mit Deutschen zusammenarbeite. „Ich gehe doch ganz normal“, sagt er.

Mirwais gehört zur neuen Elite von Kundus, die mit der Präsenz von Bundeswehr und Hilfsorganisationen entstanden ist. Sie suchten junge, unbelastete Mitarbeiter, die Englisch sprachen und einen Computer bedienen konnten, und weil das nur wenige waren, stiegen deren Gehälter rasch und veränderten das soziale Gefüge ganzer Familien. Mit neunzehn Jahren verdiente Mirwais sechsmal so viel wie sein Vater, der Lehrer war. Um diese Demütigung zu lindern, gab Mirwais das Geld jeden Monat bei seinen Eltern ab. Trotzdem stieg er zum heimlichen Familienoberhaupt auf, Onkel baten ihn nun um Rat und Hilfe. Inzwischen leben von seinem Gehalt zwanzig Verwandte.

In den vergangenen drei Jahren sind die Taliban wieder nach Kundus eingesickert. In diesem Jahr eröffneten sie im Norden eine zweite Front, als sie im Süden und Osten unter Druck gerieten. Außerdem versorgen die Amerikaner ihre Truppen seit Monaten über Kundus, weil die Route über Pakistan unsicher geworden ist. Damit hat die einst isolierte Provinz für beide Parteien eine neue strategische Bedeutung erlangt. In den paschtunisch besiedelten Distrikten konnten die Taliban alte Netzwerke aktivieren, die ihnen Unterschlupf gewähren. Über Händler aus diesen Distrikten reicht ihr Einfluss bis in die Innenstadt von Kundus, in der sich nun die Stimmung verändert hat.

In der Moschee hört Mirwais die Leute sagen, die Ausländer hätten Menschen wie ihm das Gehirn gewaschen (Interessant, das gewaschene Gehirn mal positiv gewendet: Ein gewaschenes Hirn ist sauber und rein, ein ungewaschenes ist schmutzig, so schmutzig wie die Gedanken des perversen Klohametts, T.), und natürlich haben all seine Begegnungen, die Reisen zu Fortbildungen nach Bonn und Berlin eine Wirkung getan. Wenn Mirwais mit seiner Frau zusammen einkaufen geht, unterhalten sie sich in der Öffentlichkeit. Wenn sie Freunde nach Hause einladen, muss sich seine Frau nicht im Nachbarzimmer verstecken. Das sind Verstöße gegen die Konvention. „Meine Art zu denken hat sich verändert“, sagt Mirwais und klingt wie einer, der sich selbst im Spiegel betrachtet. Eigentlich müsste er seiner Schwester jeden Morgen verbieten, in Jeans zur Schule zu gehen. Das würde sie sogar von ihm erwarten. Aber er nimmt das nicht so ernst. Deshalb hat nun sein jüngerer Bruder diese Aufgabe übernommen.

Der Regisseur Volker Schlöndorff hat einmal beschrieben, wie die Präsenz amerikanischer Soldaten im Deutschland der fünfziger Jahre ihn geprägt habe. „Wir liefen einfach zum Feind über, der sich um kein ,Betreten verboten‘ kümmerte, auf Rasen und Blumenbeeten herumkurvte, ein Bein cool aus dem Jeep baumelnd. Die Zivilisation der Amerikaner hatte uns einfach mehr zu bieten als ,das deutsche Erbe‘ der Eltern und Lehrer.“ Kann es sein, dass Mirwais fasziniert war von der Zivilisation der Deutschen, in deren Büros Akten und Sitzungstermine mehr galten als Teetrinken und der Respekt vor dem Alter?

Spät, vielleicht zu spät, hat die internationale Gemeinschaft auf die Rückkehr der Taliban reagiert. Sie hatten sich in den Stammesgebieten in Pakistan reorganisiert, während Amerika Al Qaida in Afghanistan gemeinsam mit alten Bürgerkriegsveteranen bekämpfte, die das Land in Schutt und Asche gelegt hatten. Sie halten heute im Parlament, in der Polizei und in den Provinzen wieder alle Fäden in der Hand. Die Korruption, der Machtmissbrauch der eigenen Regierung und die zivilen Opfer bei militärischen Operationen der Ausländer machte die Bevölkerung bald zynisch. Ohne sie aber können die Taliban nicht erfolgreich bekämpft werden. In diesem Umfeld gelingt es radikalen Kräften immer leichter, den Leuten einzureden, ihr Land sei von fremden Mächten besetzt.

Nurulhoda Maulawizada Karimi leitet die Koranschule von Kundus. Der Mullah mit dem wuchtigen Bart weiß, dass Koranschulen im Westen einen üblen Ruf haben, aber das verleitet ihn nur zu einem Scherz. „Wir haben hier 1500 Taliban“, sagt er zur Begrüßung, „Studenten – auf persisch Taliban.“ Er bittet in die Bibliothek, einen Raum voller handgeschriebener Bücher, an dessen Ende ein einzelner Computer steht. Er lobt den Bau von Straßen, Kliniken und Schulen. Doch es habe auch negative Veränderungen gegeben. „Vor allem das Privatfernsehen“, sagt er, „statt zu lernen, gucken unsere Kinder Seifenopern, und die Mädchen tragen Kleider wie indische Schauspielerinnen.“ Die Leute hätten die Bedeutung von Demokratie falsch verstanden. „Sie missbrauchen sie, um halb nackt herumzulaufen.“ Es klingt nicht, als sei Nurulhoda ein Reformer. Er ist es aber.

Vor zwei Jahren hat er die Leitung der Schule übernommen, auf der einige Lehrer noch von den Taliban eingestellt worden waren. Er legt die Hände an die Schläfen, um zu zeigen, wie eingeschränkt deren Blickfeld war. Er setzte Naturwissenschaften und Poesie auf den Plan und ließ das Diskutieren und Moderieren üben statt immer nur den Koran zu rezitieren. Als die Regierung ihm keine neuen Bücher schickte, schloss er kurzerhand einen Sponsorenvertrag mit einem Teehersteller ab. Heute hält er über das Internet Verbindung zu islamischen Lehranstalten in Iran, Ägypten und der Türkei. „Wir wollen an der modernen Entwicklung teilhaben“, sagt er. Wenn es nach ihm ginge, sollte der Westen mit den Religionsgelehrten eine islamische Demokratie in Afghanistan einführen. Um die Rechte der Frauen müsse man sich keine Sorgen machen. Frauenrechte gebe es auch im Koran. Das zeige sich schon daran, dass sie in islamischen Ländern nicht so hart arbeiten müssten wie im Westen.

Es war, als ich vor fünf Jahren nach Kundus kam, um für eine deutsche Hilfsorganisation zu arbeiten, damals viel von Zivilgesellschaft die Rede. Das Wort „civil society“ fehlte selten in Projektanträgen und öffentlichen Reden. Dabei wusste fast niemand so genau, was damit gemeint war. Sprachen die Leute nur „die Sprache der intervenierenden Macht“, um Gelder abzugreifen, wie der Afghanistan-Experte Conrad Schetter einmal schrieb? Hatten westliche Hilfsorganisationen sich von einer kleinen, modernen Elite blenden lassen und dabei die konservative Mehrheit aus dem Blick verloren?

Muslima Waliji ist Chefin der Frauenorganisation „Peace Window for Women“. Sie sitzt in einem großen Büro, in das alle paar Minuten Frauen mit einer Frage oder einem Papier zur Unterschrift kommen. Ihr Sohn und ein Wächter scheinen die einzigen Männer auf dem Gelände zu sein. Waliji hat ihr Kopftuch auf die Schultern rutschen lassen, die Burka hängt neben der Tür. „Die Leute hätten sich Schritt für Schritt dem neuen System genähert“, sagt sie. „Aber dafür brauchten sie Vertrauen und Sicherheit.“ Das Vertrauen in den Staat sei durch Korruption erschüttert worden, und die Gefahr durch militante Kräfte habe die Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement erstickt.

Muslima Waliji ist schon seit langem eine bekannte Frau in Kundus. Als die Sowjetunion Ende der siebziger Jahre Afghanistan besetzte, wurde sie von den neuen Machthabern zur Leiterin der Behörde für Frauenangelegenheiten in der Nachbarprovinz Takhar ernannt. Manche Einheimische halten ihr den Aufstieg heute noch vor. Trotzdem ließ sie sich, als die Bundeswehr nach Kundus kam, wieder auf ein neues politisches System ein. Nach dem Sturz der Taliban ging sie schon am nächsten Tag in ihre alte Schule, um wieder als Lehrerin zu arbeiten, später gründete sie eine Frauenorganisation. Frauen wie Waliji wurden damals vom Westen gern herumgereicht, weil sie die Hoffnung auf ein anderes Afghanistan verkörperten. Sie wurde zu den Besuchen deutscher Minister geladen, der Name Wieczorek-Zeul geht ihr noch leicht über die Lippen, und sie trat bei Veranstaltungen als Rednerin auf, bei denen sich das lange isolierte Land mit der Welt zu synchronisieren suchte. Damals wurde in Kundus mit viel Aufwand der Tag der Pressefreiheit begangen, der internationale Frauentag, der Tag des Kindes. Es erschien wie ein Fortschritt. Oder wollte das der Westen nur so sehen?

Sayed Faruq Omar ist oberster Richter von Kundus, ein Mann mit einem Spitzbart und einer ironischen Zahnlücke. Sein Haus ist ungewöhnlich schlicht für einen Mann in seiner Position, kahle Räume mit verschlissenen Sitzkissen, ein trostloser Innenhof ohne Blumen. Wie die meisten Regierungsvertreter auf Provinzebene hat Omar gegen die Sowjettruppen gekämpft und später im Bürgerkrieg. Beides tat er unter der Führung von Gulbuddin Hekmatyar, der heute zu den meistgesuchten Terroristen der Welt zählt. Leute wie Omar stellten Bundeswehr wie Hilfsorganisationen vor ein Dilemma. Man wollte und musste mit ihnen zusammenarbeiten, sie waren die afghanische Regierung, und doch wusste man nie , wen man vor sich hatte. Für die anderen mag Sayed Faruq Omar ein Warlord gewesen sein, für mich war er erst einmal mein Chef.

Abends saß er über dem Wörterbuch und lernte Englisch oder brachte sich bei, mit dem Computer umzugehen. Später ging er als vermutlich ältester Student Afghanistans noch einmal an die Universität, um sein Jurastudium abzuschließen. Er bemühte sich, im neuen System seine Stellung zu wahren, und es half ihm, dass er sich mit dem alten auskannte. Als sein Name einmal auf einer Fahndungsliste auftauchte, weil er angeblich Staatsland zu einem Spottpreis erworben hatte und deshalb der Generalstaatsanwalt aus Kabul kam, ihn zu verhaften, warnte ihn örtliche Polizeichef, den er von früher kannte. Die Sache verlief sich, und das Viertel, in dem er damals ein Haus baute, was er heute teuer vermietet, heißt im Volksmund „Rais Abad“, was „Ort der Chefs“ bedeutet. Es ist zu einem Symbol der Korruption in der Regierung geworden. „Hätte ich den Kaufpreis ablehnen sollen, den der Gouverneur angeboten hat“?, fragt Omar. „In unserem Gericht ist doch selbst die Anti-Korruptionsbehörde korrupt.“ Und: „Wer nichts nach Hause bringt, bekommt Ärger mit seiner Frau.“

Als ich noch für Sayed Faruq Omar arbeitete, habe ich nie gefragt, wie es kam, dass er einer von Hekmatyars Milizenchefs wurde. Als ich ihm diese Frage nun stelle, scheint es fast, als habe er darauf gewartet. Er rückt seinen grünen Mantel zurecht und beginnt zu erzählen, streng chronologisch, vier Stunden lang. Auf kritische Nachfragen gibt er fast immer die gleiche Antwort: „Das war damals so.“

Die Söhne, neun und elf sitzen gelangweilt daneben, als Vater vom Krieg erzählt. In den achtziger Jahren hatte er nach Pakistan fliehen müssen, als sein Bruder wegen Mitgliedschaft in einer Widerstandsgruppe vom kommunistischen Geheimdienst verhaftet worden war. In Pakistan traf er dann Hekmatyar, der ihm half, weil er wie Omar aus Imam Sahib kam, einer Kleinstadt im Norden der Provinz Kundus. Er finanzierte ihm ein Jurastudium in Saudi Arabien. Doch als er nach zwei Jahren zurückkehrte, musste er auf einmal kämpfen lernen. „Wir wurden auf einen Workshop des pakistanischen Geheimdienstes geschickt“, sagt Omar, „und konnte wählen zwischen Kursen für Minen legen, Panzerfaust und Kalaschnikow schießen.“ Er sagt tatsächlich „Workshop“ und meint es wohl ironisch. So werden im Volksmund alle Kurztrainingsprogramme genannt, mit denen westliche Hilfsorganisationen das Land überziehen. Ist der Westen in seinen Augen nur eine weitere ausländische Macht, die Afghanistan ihre Werte aufzwingen will?

Stundenlang erzählt Omar über die Kämpfe, die er erst gegen und dann mit dem Usbekenführer Abdul Rashid Dostum, erst gegen und dann mit dem Tadschikenführer Ahmad Shah Massoud, erst gegen die Taliban ausgefochten hat und dann mit ihnen. Damals hatten sie gedroht, seine Heimatstadt anzugreifen, wenn ihnen der örtliche Kommandeur nicht zweihundert Männer stelle. Die undankbare Aufgabe, sie zu führen, sei dann ihm zugekommen, sagt Omar. Beim ersten Schusswechsel seien viele jedoch desertiert, er selbst sei erst gar nicht an die Front gefahren und habe sich bald ins hundert Kilometer entfernte Tadschikistan abgesetzt. Es scheint immer Krieg gewesen zu sein im Leben von Sayed Faruq Omar, aber von den Seitenwechseln kann einem schwindlig werden. Warum hat er denn gekämpft, wenn Gegner und Verbündete nicht mehr zu trennen waren? „Das war damals so“, sagt er.

Eines Tages wird die Bundeswehr aus ihrem Lager über Kundus abziehen. Wenn die Hilfsorganisationen dann nicht mehr sicher sind, werden auch sie gehen. Was wird dann bleiben?

Der Übersetzer Mirwais Amiri wird nach Kabul ziehen müssen, wenn er ohne die Ausländer auf einmal in Gefahr ist in Kundus. Die Frauenrechtlerin Muslima Waliji wird womöglich ihre Frauenorganisation aufgeben und wieder als Lehrerin arbeiten, wie nach dem Abzug der Sowjettruppen. Für den Religionslehrer Maulawi Nurulhoda macht es sicher keinen Unterschied, ob die Deutschen da sind. Und Richter Sayed Faruq Omar wird wohl sagen, das mit der Demokratie und der Idee von einem modernen Staatswesen, das war damals so.

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Ich komme auf meinen Vorschlag „Fort Pointing Man“ (1) zurück: In Afghanistan ist es m.E. das vornehmste Ziel, die Kräfte mohammedanistischer Terroristen aus aller Welt zu binden. Dabei sind die Terroristen auch dann noch Terroristen, wenn sie in Millionenstärke gegen unsere Mauern anrennen sollten oder wenn das ganze afghanische Volk auf ihrer Seite stände.

Deshalb verstehe ich auch weder Mirwais Amiri noch seine deutschen Auftraggeber: Wir erfahren, daß Mirwais große Angst um sein Leben hat. Sie ist so begründet, daß er mit Hilfe einer Videokamera übt, seinen Gang zu kontrollieren – der Gang kann über Leben und Tod entscheiden. Wir erfahren, dass Mirwais 20 Familienmitglieder ernährt und zum heimlichen Familienoberhaupt aufgestiegen ist, bei dem sich die Onkels Rat holen. Warum aber kauft er zB. nicht zehn von diesen Onkels und Cousins Waffen, damit sie ihm beistehen können? Im Wilden Westen trug doch jeder Mann einen Revolver an der Hüfte (manche sogar zwei), und jede Frau hatte einen Derringer in der Handtasche oder im Strumpfband. Warum sollte das heutzutage in unzivilisierten Gegenden anders laufen? Was erwartet der Westen dort zu erreichen? Sind die Indianerkriege schon völlig in Vergessenheit geraten? Wieso sind unsere Freunde unbewaffnet, während die Taliban vor (amerikanischen) Waffen starren?

Das Land dort braucht zudem – anders als Amerika – doch überhaupt keiner, es ist für die Menschheit völlig irrelevant, welche Orkbande welche andere massakriert. Es ist doch eigentlich sogar je mehr je besser: Jeder gegen jeden und alle halten sich gegenseitig schön klein. Wenn einer dieser fiesen Typen zu sehr aufsteigt, sollten wir gleich seine Gegner stark machen. Sayed Faruq Omars Geschichte deutet m.E. überdeutlich in diese Richtung (Talente und Freunde – wie den kleinen Jungen auf dem Foto oben – können wir ja „herausfischen“).

Als unser Fehler Nummer eins kristallisiert sich in meinen Augen heraus, daß wir dort – ebenso wie später im Kosovo – verhindert haben, daß die Bolschewisten ihren Job machen konnten (ich denke nicht, daß die afghanische Niederlage wesentlich für das Ende des Kommunismus war). Als Fehler Nummer zwei sehe ich es an, daß wir nicht verhindert haben, daß mit den Taliban wieder eine Gruppe das Land dominieren und staatliche Strukturen nutzen konnte. In beiden Fällen hat der Westen tatkräftig am Erstarken der Monster mitgewirkt. Einerseits hat er die Horden gegen die Sowjets ausgerüstet, andererseits den pakistanischen Geheimdienst hochgepäppelt, der seinerseits ja quasi personalidentisch mit den Taliban ist.

Ja, „Nachher ist man immer klüger“, aber allmählich wird diese ständige Wiederholung des gleichen Fehlers so richtig ärgerlich, und die Diskussion läuft meiner Ansicht nach auch völlig in die falsche Richtung, wenn Friederike Böge meint: „Eines Tages wird die Bundeswehr aus ihrem Lager über Kundus abziehen.“ Warum sollte sie das tun, bevor der Mohammedanismus vernichtet ist? Nein, wir sollten von dort NIE wieder weggehen, und zwar auch dann nicht, wenn dereinst der Mohammedanismus bedeutungslos geworden ist. Wir sollten aber auch keinen anderen Anspruch haben, als die Orks ordentlich vorzuführen. Demokratie können wir ihnen nicht bringen, die müssen sie sich selbst erarbeiten und vor allem: VERDIENEN.

Time am 21. November 2009

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(1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/30/fort-pointing-man/

auch (Benzindiebe stellen Schadenersatzforderungen): http://www.n-tv.de/politik/Deutschland-soll-zahlen-article599707.html

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PS1.: Ist ja ein freundliches Foto, aber warum steht ein Okjunges mit einer großen Tasche ungehängt (in die sehr viel Nitro passt) derartig nah an einem unser Jungs?

PS2.: Heute (221109) in N-TV, neue amerikanische Strategie: http://www.n-tv.de/politik/Milizen-gegen-die-Taliban-article600674.html

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