Hauptwaffe Bombe

In der heutigen FAZ berichtet Marco Seliger aus Afghanistan. Zur wichtigsten Waffe sind dort die selbstgebastelten Bomben geworden. Offenbar ist es unmöglich, den Besitz von Kunstdünger, der Hauptbestandteil dieser Bomben ist und in rauhen Mengen zur Verfügung zu stehen scheint, zu illegalisieren.

Die Taliban haben immer eine Antwort

Die Verluste der Nato-Staaten durch versteckte Bomben
in Afghanistan steigen

Es ist ein Hinterhalt, wie er im Handbuch für den Guerrillakrieg nicht besser beschrieben sein könnte. Am Morgen des 10. Juli 2009 erreicht eine britische Patrouille ein Dorf in der Nähe der afghanischen Stadt Musa Qala in der Provinz Helmand. Hier herrscht seit drei Jahren ein verlustreicher Kleinkrieg, das Gebiet ist Taliban-Land. Das Führungsfahrzeug ist weit in den Ort vorgedrungen, als es auf eine im Boden vergrabene improvisierte Bombe (IED, Improvised Explosive Device) auffährt. Als die Soldaten mit der Versorgung ihrer verwundeten Kameraden beginnen wollen, detoniert in unmittelbarer Nähe eine zweite, zielgenau ausgerichtete, mit Nägeln gespickte verdeckte Bombe. In das entsetzliche Chaos hinein wird anschließend aus den umliegenden Gebäuden mit Gewehren und Panzerfäusten gefeuert. Fünf britische Soldaten fallen, zahlreiche werden verwundet. „Unsere Armee“, resümieren britische Medien, „hat ihren schwärzesten Tag im Afghanistan-Krieg erlebt.“

Die Soldaten sind in eine Falle geraten, wie sie die Rote Armee während ihrer Invasion am Hindukusch in den achtziger Jahren hundertfach erlebt hat. „Im Prinzip“, sagt ein Nato-Offizier, „haben wir es in Afghanistan inzwischen mit der gesamten Bandbreite der Mudschahedin-Taktiken zu tun, nur dass sie verfeinert wurden.“ Insbesondere bei der Verwendung improvisierter Sprengladungen haben die Aufständischen Militärexperten zufolge innerhalb kurzer Zeit erhebliche Fortschritte gemacht. Die Bomben sind ausgereifter und werden gezielter als vor zwei, drei Jahren eingesetzt. Die Folgen sind verheerend. Mehr als zwei Drittel aller Verluste in Afghanistan in diesem Jahr gehen auf den Einsatz von IEDs zurück (280 von 500, 2008: 169 von 295), hinzu kommen mehrere hundert schwerverletzte und teilweise für immer entstellte Soldaten. Vor allem Amerikaner, Briten und Kandier in Süd- und Ostafghanistan sterben heute nur noch selten durch eine Gewehrkugel. In ihrem Einsatzgebiet zählten sie in diesem Jahr insgesamt knapp 1100 improvisierte Bomben einschließlich Selbstmordattentätern, von denen zirka 500 ihr Ziel trafen. Diese Menge ist beispiellos im nunmehr achtjährigen Afghanistan-Einsatz. „Das ist ein IED-Krieg“, sagt ein amerikanischer Offizier.

Infrastruktur und Geographie am Hindukusch sind wie geschaffen für den Einsatz von perfiden Sprengsätzen, wie etwa auch „gerichtete Hohlladungen“, EFP genannt. Auf den unbefestigten Staubpisten durch karge Wüsten oder schroffe Täler, welche die Patrouillen häufig befahren müssen, lassen sich die Bomben – meist Artilleriegranaten oder Panzerabwehrminen, aber auch mit Düngemittel oder Sprit gefüllte Plastikkanister – leicht vergraben. In den vergangenen drei Jahren zündeten die Taliban die Mehrzahl der IEDs mit Hilfe von Handys aus der Ferne (Remote Controlled). Die Koalitionstruppen reagierten darauf mit dem Einsatz von Jammern, Geräten, die starke elektromagnetische Wellen erzeugen, die den Funkverkehr in der Umgebung stören. Daraufhin kehrten die Aufständischen in diesem Jahr zu traditionellen Bauweisen zurück, wonach die Bombe mechanisch aus der Nähe, etwa durch eine Druckplatte oder einen Zugdraht, gezündet wird. „Wir stehen in einem ständigen technologischen Wettlauf mit einem minimalistischen, erfindungsreichen und listigen Gegner“, sagt ein früherer Bombenexperte der Bundeswehr. „Die Taliban wissen auf jede unserer Reaktionen eine Antwort. Es ist eine nie endende Spirale.“

Seit einiger Zeit setzen die Taliban verstärkt Zweit- und Dritt-IEDs ein, die erst dann detonieren, wenn die Rettungskräfte am Ort der ersten Explosion eingetroffen sind. Die Aufständischen bereiteten die Attacken außerordentlich professionell vor. Zielorte würden eingehend begutachtet und die Folge-IEDs so konstruiert und ausgerichtet, dass sie größtmögliche Zerstörungen anrichten. Dieses Vorgehen kennen die amerikanischen Truppen schon aus dem Irak. Wie im Zweistromland fordert der Bombenterror jedoch auch in Afghanistan die meisten Opfer unter den einheimischen Sicherheitskräften und unter der Zivilbevölkerung. Armee und Polizei beklagen in diesem Jahr mehr als eintausend Tote. Seit Sommer 2009 bringen die Taliban immer häufiger „Megabomben“ zum Einsatz. Sie bestehen aus mehreren hundert Kilogramm Ammoniumnitrat (Düngemittel), Metallspänen oder Glasscherben, die, etwa auf Lastwagen deponiert, in Menschenmengen oder Gebäude gesteuert und dort zur Explosion gebracht werden. Diese Bomben haben dann zwar nicht die Explosionskraft wie TNT-gefüllte Bomben, sind aber aufgrund ihrer Größe und der Anreicherung mit Splittern für Passanten tödlich.

Nato-Offiziere gehen davon aus, dass mit der Zahl der ausländischen Soldaten im kommenden Jahr auch die Zahl der durch IED verursachten Verluste in Afghanistan weiter steigen wird. Die Vereinigten Staaten ersetzen derzeit ihre schlecht gepanzerten Patrouillenwagen vom Typ HMMWV („Humvee“) durch minengeschützte Transporter. Dazu verlegen sie mehrere tausend Fahrzeuge vom Typ MRAP (Mine Resistant Ambush Protected Vehicle), die ursprünglich für den Einsatz im Irak entwickelt worden waren, an den Hindukusch. Doch den Taliban ist es inzwischen gelungen, MRAPs durch den Einsatz von Wirkladungen einer Vergleichsgröße von mehr als 200 Kilogramm Sprengstoff zu zerstören. „Ab einer gewissen Sprengstärke nützen Technik und Panzerung nichts mehr“, sagt ein Bombenentschärfer der Bundeswehr. Die Sprengsätze sind einfach gebaut, billig zu beschaffen – und von strategischer Wirksamkeit. Ihr massenhafter Einsatz kann zermürben. „Vor uns liegt ein langer Kampf“, sagt ein amerikanischer General.

Amerikas Speerspitze in dieser Auseinandersetzung ist die Task Force „Paladin“. Diese Spezialeinheit soll die Netzwerke, die hinter jedem IED stehen, enttarnen. Dazu untersuchen die Fachleute auch den Sprengstoff und den Schaltkreis einer Bombe, um ihre Funktionsweise besser zu verstehen. „Wir wollen wissen, wer was wie baut“, sagt ein amerikanischer General. „Das ist Forensik auf dem Schlachtfeld.“ Die Bundeswehr geht ähnlich vor. Auch sie hat Expertenteams für den Kampf gegen IEDs aufgestellt, die Informationen über IEDs sammeln und auswerten. Die Ergebnisse fließen in die Ausbildung der Soldaten ein. Das ist dringend notwendig. Nato-Offiziere berichten von einem Wissenstransfer zwischen den Kriegsschauplätzen: Was in Südafghanistan funktioniere und amerikanische Soldaten töte, tauche einige Monate später im Norden und Westen auf. Der verheerende Hinterhalt vom 10. Juli bei Musa Qala wurde in der Bundeswehr eingehend analysiert. In Kundus hatte sie es bereits in diesem Jahr mit einem Gegner zu tun, der darauf abzielte, ganze Einheiten zu vernichten. Er wird es im kommenden Jahr wieder versuchen.

Time am 21. Dezember 2009

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