Verantwortung? Wem gegenüber?

Uwe Schünemann ist Minister für Inneres, Sport und Integration in Niedersachsen und Mitglied der CDU. In der heutigen FAZ schreibt er als Gastautor zur Neujahrspredigt von Landesbischöfin Käßmann.

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Gesinnung und Verantwortung

Wenn Verteidigungsminister zu Guttenberg und die Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischöfin Käßmann, zu einem klärenden Gespräch zusammenkommen, wird es hoffentlich um mehr als die Frage gehen, worin denn nun der „glasklare“ Wortlaut ihrer Neujahrspredigt bestand. Damit wären die Chancen eines solchen Gesprächs vertan. Denn es geht bei den Äußerungen der Ratsvorsitzenden zum Afghanistan-Einsatz um mehr. Jeder Redner, sei es in einer politischen oder in einer kirchlichen Ansprache, transportiert über den reinen Wortlaut hinaus zwischen den Zeilen eine Botschaft. Die Gesinnung des oder der Vortragenden mag man sympathisch finden. Aber – so ist zu fragen – wird eine Pastorin und Bischöfin ihrer Verantwortung gerecht, wenn sie sich in dieser Weise im Rahmen einer Predigt zu einem brisanten politischen Thema äußert?

Wer das Mandat der Nato-Schutztruppe und der Bundeswehr in Afghanistan, das durch Resolutionen der Vereinten Nationen und von der großen Mehrheit des Bundestages legitimiert wurde, mit den Worten „Nichts ist gut in Afghanistan“ pauschal abwertet, der macht es sich zu einfach. Er verkennt zugleich die politisch-strategische Bedeutung dieses Kriseneinsatzes. Der von Frau Käßmann zumindest implizit geforderte rasche Truppenabzug aus Afghanistan würde den Taliban und dem Al-Qaida-Netz Auftrieb geben, die in Afghanistan und anderswo mit Gewalt ein islamistisches Kalifat errichten wollen und die westliche Sicherheit bedrohen. Auch kann es nicht darum gehen, die militärische und zivile Hilfe für Afghanistan gegeneinander auszuspielen. Ohne die militärische Schutzfunktion wäre der Einsatz ziviler Aufbauhelfer in Afghanistan nahezu unmöglich. Und schließlich ist es mehr als zweifelhaft, ob die Menschenrechtslage in Afghanistan besser wäre, wenn der Westen den religiösen Extremisten kampflos das Feld überließe.

Für ihren gefährlichen Dienst erwarten die Soldaten der Bundeswehr zu Recht gesellschaftliche Anerkennung und politischen Rückhalt. Insofern darf und muss von der obersten Repräsentantin der Evangelischen Kirche in Deutschland erwartet werden, dass sie sich differenziert und damit verantwortungsvoll zu diesem komplexen Thema äußert. Das ist sie den Menschen in unserem Land, gerade den evangelischen Christen, schuldig.

Max Weber hat bereits vor knapp hundert Jahren die grundsätzliche Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik vorgenommen. Letztere ist insbesondere das Bewährungsfeld der Politik. Hier definiert Weber für das verantwortungsethische Handeln drei Grundanforderungen: erstens Leidenschaft im Sinne von Sachlichkeit; zweitens Verantwortlichkeit im Interesse des Sachanliegens; drittens Augenmaß als notwendige persönliche Distanz zu Dingen und Menschen.

Webers Thesen haben nicht zuletzt im ethischen Diskurs der evangelischen Kirchen Wirkung entfaltet. Das ist nicht verwunderlich, denn seine Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik sowie seine konkrete Beschreibung der politischen Verantwortung korrespondieren in gewisser Weise mit der lutherischen Unscheidung des geistlichen und weltlichen Regiments in der sogenannten Zwei-Reiche-Lehre.

Bischof Huber, der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende, hat in heiklen gesellschaftlichen und politischen Fragen stets für eine differenzierte Analyse der jeweiligen Zusammenhänge und eine nachvollziehbare verantwortungsethische Reflexion im Sinne von Max Weber plädiert und damit Abstand zu einer reinen Gesinnungsethik gehalten. Letztere kann nicht zum verbindlichen Maßstab einer verantwortungsvollen Realpolitik gemacht werden. Das gilt insbesondere dann, wenn es um die Legitimation der bewaffneten Macht eines demokratischen Staates zur Durchsetzung des Völkerrechts und der Menschenrechte gegen einen zu allem entschlossenen politisch-religiösen Extremismus geht. Die Vereinten Nationen, die Nato und der Bundestag haben es sich mit ihren Beschlüssen nicht leichtgemacht – sie haben aber nach verantwortungsethischen Prämissen entschieden. Eine Bewertung des Afghanistan-Einsatzes jenseits gesinnungsethischer Prinzipien steht bei der obersten Repräsentantin der Evangelischen Kirche in Deutschland bislang noch aus.

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Sicher kennen Sie den Spruch „Lehrers Kinder, Pastors Vieh, gedeihen selten oder nie“. Dahinter steckt vielleicht die Beobachtung, dass Lehrer sich oftmals so sehr um die Entwicklung fremder Kinder kümmern, dass sie gar nicht merken, wie dringend ihre eigenen ihre Aufmerksamkeit brauchen. Dahinter steckt weiterhin vielleicht die Beobachtung, dass Pastoren, die ja in der Regel nur aus der warmen Stube heraus die Welt betrachten, oftmals zu sehr mit dem Kopf in den Wolken weilen, als dass sie Alltagsprobleme der Menschen verstehen könnten geschweige denn die der mal wieder nicht rechtzeitig gemolkenen Kühe. Wie die Mullas meinen sie, sie müssten und könnten zu allem etwas sagen, aber wenn mal eine Glühbirne durchgebrannt ist, bestellen sie den Elektriker (1).

Vor einem Jahr hatte Bischöfin Käßmann laut „Hannoverscher Allgemeinen“ am 20.01.09 zunächst Folgendes gesagt (2):

„Käßmann hatte am Dienstag auf einem Architekturforum in Hannover gesagt, man könne mit Kirchen nicht alles machen. Unter Umständen könne es besser sein, sie verfallen zu lassen oder abzureißen, als sie für eine ‚imageschädigende’ Nachnutzung zu verkaufen. Als Beispiele für unakzeptable Nachnutzungen hatte sie die Umgestaltung von Gotteshäusern zu Restaurants oder Diskotheken genannt. Auch eine Umnutzung als Moschee schloss sie aus.“

Nachdem der Vorsitzende der hannoverschen Moscheengemeinde, Avni Altiner, dies jedoch als „Brüskierung der MUSLIME in Deutschland“ kritisiert hatte, relativierte sie ihre Äußerung zwei Tage später:

„(…) Wenn eine Kirchengemeinde sagt, sie sei überzeugt, dass eine Nutzung als Moschee in tiefstem Frieden geschehen kann, bin ich einverstanden’, sagte Käßmann. ‚Im Moment sehe ich aber nicht, dass das möglich ist.’“

Da hatte der Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Dr. Johannes Friedrich, vor fast genau einem Jahr dankenswerterweise deutlichere Worte gefunden, und auch unsere „Phantasie“ wollte er offenbar anders eingesetzt wissen, als es Frau Käßmann vorschwebt (3).

Angestoßen worden sei jedenfalls, so die „Hannoversche Allgemeine“, die Debatte im Jahr 2008 von der Präsidentin des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentags 2009 in Bremen, Karin von Welck: „Jeder Abriss einer Kirche sei eine ‚Kapitulation unserer christlichen Gesellschaft’, argumentierte sie. Bevor ein Gottteshaus abgerissen werde, würde sie es ‚lieber als Moschee an eine islamische Gemeinde geben’.“

Wie bitte? Ehe gar nicht gebetet wird, soll lieber zu Satan gebetet werden? Es zeigt sich der typische Funktionär, dem egal ist, wem er dient, Hauptsache, er kann Macht ausüben. Ich persönlich will keinen Bischof, der sich mehr Sorgen um die Leute des Feindes als um meine Leute macht, ich will keinen Taliban-Pastoren. Da bin ich mir ausnahmsweise mal fast einig mit den Taliban, die wollen gar keine Pastoren.

Der Spiegel: „Haschim Kabar kennt die Angst. 20 Jahre ist es her, dass er sich für das Christentum entschied. Damals war es kein Tabu, als Afghane zu konvertieren. ‚Es gab viele Kirchen, sowohl in Kabul als auch auf dem Land’, erzählt er. ‚Damals lebten die Religionen hier fast friedlich zusammen.’ Erst mit dem Einzug der Taliban Mitte der neunziger Jahre wurde alles anders. Mullah Omar befahl seinen Männern, Kirchen dem Erdboden gleichzumachen, afghanische Christen zu lynchen, christliche Ausländer zu töten oder zu verjagen. Viele von Haschims Freunden sind damals ums Leben gekommen. ‚Sie folterten Gefangene so lange, bis sie die Namen von anderen Christen rausrückten. Dann brachten die Taliban sie um und suchten nach neuen Opfern.’ (4)

Time am 11. Januar 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/02/hohle-und-andere-nusse/

2) http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Muslime-veraergert-ueber-Bischoefin-Margot-Kaessmann

3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/29/keine-umwandlung-von-kirchen-in-moscheen/

4) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,408529,00.html

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