Die Phase Kolonialismus

Die heutige FAZ enthält einen Tagungsbericht von Martin Otto zum Thema „hilflose Imperialisten“, die das veranstaltende „Freiburg Institute for Advanced Studies“ so charakterisierte:

„Mehr als 60 Wissenschaftler nahmen an der Konferenz ‚Helpless Imperialists – Imperial failure, Radicalization and Violence between High Imperialism and Decolonization‘ teil, die die FRIAS School of History vom 14. bis 16. Januar 2010 in Freiburg veranstaltete. Auch wenn Imperien gemeinhin für militärische und politische Überlegenheit stehen, befinden sich die Träger imperialer Herrschaft in den Kolonien oder den Rändern kontinentaler Großmächte oft in außerordentlich fragilen Machtpositionen. Nicht selten täuschen sie dort den Besitz von Macht eher vor als wirklich über sie zu verfügen. Die Diskrepanz zwischen imperialen Ansprüchen und den begrenzten Möglichkeiten, diese an der Peripherie in die Realität umzusetzen, gehört zu den fundamentalen Erfahrungen imperialer Herrschaft und ist der Ausgangspunkt dieser Konferenz.“ (1)

Für alle Teilnehmer bemerkenswert war dabei die Dominanz der deutschen Kolonialgeschichte, die ihrer kurzen Dauer von grade mal 30 Jahren nicht entsprach, aber solches muss die Verlierermacht wohl noch länger hinnehmen…

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Dann macht euren Dreck doch allein

Eine Freiburger Tagung
über „hilflose Imperialisten“ des Kolonialzeitalters

Das „Freiburg Institute for Advanced Studies“ (FRIAS) ist im alten Universitätsinstitut für Pathologie untergebracht, gelegen im architektonisch ganz den fünfziger Jahren verpflichteten Institutsviertel in der nördlichen Freiburger Innenstadt. Der Gropiusschüler Horst Linde, darauf wies Jörn Leonhard in seiner Eröffnungsansprache im anatomischen Theater als Direktor der „School of History“ stolz hin, hatte es erbaut. Die typischen Anatomiehörsäle mit ihren steilen Bankreihen und Seziertischen waren erhalten geblieben. Für die Eröffnung der Konferenz „Helpless Imperialists“ war der alte Anatomiehörsaal vielleicht sogar ein besonders passender Ort, denn es gehörte zu den Zielsetzungen dieser Konferenz auch, den Imperialismus zu sezieren. Das Bild der mächtigen, die Welt beherrschenden Kolonialreiche sollte kritisch hinterfragt werden.

Isabel Hull (Cornell), die Historiographin des deutschen Militarismus, legte im Eingangsreferat die theoretischen Grundlagen dieser Sektion offen. Insbesondere mit dem Vokabular von Hannah Arendt sollten Zusammenhänge von „weakness“ und „violence“, Schwäche und Gewalt, im kolonialen Kontext dargelegt werden. Die Konferenzsprache war Englisch, doch einige deutsche Worte waren gleichwohl fast ständig präsent; Frau Hull sprach von einer „fear of being verweichlicht“ und „German Angst“, gegenüber Eingeborenen Schwäche zu zeigen. Eine Folge dieser Angst sei etwa die Schlacht am Waterberg 1904 gewesen, bei der unter Führung des deutschen Generals Lothar von Trotha Tausende von Herero umgebracht wurden oder in der Wüste qualvoll verdursteten.

Keineswegs konnten die Kolonialmächte aber immer ihre technische Überlegenheit in Siege umsetzen, wie Dierk Walter (Hamburger Institut für Sozialforschung) ausführte. In der Kolonialgeschichte fänden sich zahlreiche Fälle, dass „zivilisierte“ Armeen von „Wilden“ besiegt wurden; dies beginne nicht mit spanischer Reiterei in südamerikanischen Urwäldern und ende keineswegs mit sowjetischen Panzern im afghanischen Gebirge. Auch wenn das Bild der hilflosen, von ungewohntem Klima, fremder Landschaft, ungeeigneter Ausrüstung und einem beweglichen, schwer zu fassenden Gegner geplagten Kolonialtruppe allgemein einleuchtete, blieb die Fokussierung auf die imperialistischen Niederlagen nicht unwidersprochen. Eric D. Weitz (University of Minnesota) betonte, dass diese Niederlagen nichts daran geändert hätten, dass etwa Indien über zweihundert Jahre unter britischer Herrschaft stand; Kolonialmächte wie England oder Frankreich seien einmal tatsächlich „masters of the universe“ gewesen.

Eine nicht militärisch zu bekämpfende Gefahr beschrieb Eva Bischoff (Bonn) mit dem, auch im englischen Vortrag unübersetzten, „Tropenkoller“. Das tropische Klima in den deutschen Schutzgebieten galt als bedrohlich; zeitgenössische Stimmen warnten vor „Verkafferung“, Kinder sollten ab dem siebten Lebensjahr nicht in den Kolonien aufwachsen. Auf den Tropenkoller zurückgeführt wurde die hohe Gewaltbereitschaft der Kolonisten. Hilflosigkeit bestand auch gegenüber Krankheitserregern, wie Daniel Joseph Walther (Wartburg College) in seinem Referat zu Geschlechtskrankheiten in deutschen Kolonien ausführte. Dabei seien jedoch auch Dramatisierungen in den Berichten deutscher Kolonialärzte, etwa um die eigene Bedeutung hervorzuheben oder bessere Versorgung zu erhalten, zu berücksichtigen.

Ebenfalls um einen differenzierten Blick auf deutsche Kolonialbeamte bemüht waren die Referate von Christoph Kamissek (Florenz) und Michael Pesek (Berlin). Lange habe Karl Peters, so Pesek, als der Bösewicht des deutschen Kolonialismus gegolten. Dessen Möglichkeiten in Deutsch-Ostafrika seien aber nur sehr beschränkt gewesen, andere negative Figuren der deutschen Kolonialpolitik seien dagegen unbekannt, so der deutsche Gesandte in Ruanda, der Afrikaforscher und Psychiater Richard Kandt (1867 bis 1918), ein melancholischer „einsamer Imperialist“ mit zweifelhafter Machtkonzentration an der äußersten Peripherie des Reichs. Auch Kamissek wollte Lothar von Trotha – die nach ihm benannte Münchner Straße wurde kürzlich in Hererostraße umbenannt -, keineswegs exkulpieren, doch sei es ebenso falsch, ihn auf die Rolle eines engstirnigen Militärs zu reduzieren. So habe er bei einer früheren Verwendung in Deutsch-Ostafrika durchaus ein über das Militärische hinausgehendes Interesse an der Kolonie gezeigt.

Eine religiös begründete Hilflosigkeit, die zu politischer Machtlosigkeit führte, beschrieb Ulrike Freitag (Berlin). Den europäischen Konsuln im arabischen Jeddah war es als Christen verboten, die Stadt Mekka aufzusuchen, in der sich während des neunzehnten Jahrhunderts aber die meiste Zeit die osmanischen Gouverneure und die wichtigen Sharifen von Mekka aufhielten. Insbesondere der englische Gesandte empfand es als demütigend, dass muslimische Inder, also britische Untertanen, dagegen jederzeit problemlos nach Mekka reisen konnten.

Wenig von britischer Hilflosigkeit war dagegen bei dem Referat von Iain Smith (Warwick) über die britischen Konzentrationslager in Südafrika zu bemerken. Er war weit davon entfernt, hier eine brutale Überreaktion zu sehen, und beschrieb die Lager als Erfolg. Jeder kriegführende Staat, ob damals in Südafrika oder heute im Irak, müsse über den militärischen Sieg hinaus denken. Die südafrikanischen Camps seien der Versuch einer Art Sozialtechnokratie gewesen, wobei auch Erfahrungen aus der Fürsorge in britischen Arbeitervierteln angewandt wurden. Die keinesfalls bestrittenen Todesfälle seien nicht beabsichtigt gewesen; auch die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung hätte die britische Machtübernahme in den Burenrepubliken begrüßt.

Ein Ergebnis des „social engineering“ sei, dass der Burenpolitiker Jan Smuts zum Begründer des britischen Commonwealth und bekanntesten Südafrikaner vor Nelson Mandela wurde. Widerspruch gegen diese englische Interpretation regte sich insbesondere von Christian Gerlach (Bern), der auf systematisches Aushungern in einigen Lagern verwies. Trotz einiger britischer und französischer (in einem Fall auch sowjetischer) Exkurse dominierte aber die deutsche Kolonialgeschichte die Konferenz. Das blieb nicht unwidersprochen; Ulrich Herbert (Freiburg) rügte, dass der deutsche Imperialismus, der insgesamt dreißig Jahre gedauert habe, über Gebühr berücksichtigt worden sei; die Chance zur transnationalen Geschichtsschreibung sei nicht genutzt worden, ein Vergleich der Kolonialmächte fast ausgeblieben.

Ähnlich äußerte sich Andreas Eckert (Berlin) in seinem Schlusskommentar. Grundsätzlich sei die Kategorie „hilflos“ zweifelhaft, immer sei auch ein zeitlicher Faktor zu berücksichtigen; in der Langzeitperspektive seien alle Kolonialmächte gescheitert, da es keine Kolonialreiche mehr gebe. Zudem beschränkten sich die meisten Referate auf die Kolonisten; das Schicksal der Kolonisierten sei meist nur am Rande erwähnt worden. Die ironische Frage nach einem Erfolgsrezept für Imperialisten beantwortete Eckert mit James Dean: „Live fast, die young and leave a good looking corpse.“ Womit die Konferenz fast wieder an ihren Ausgangspunkt im alten Anatomiehörsaal zurückgekehrt war.

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Im Kommentarbereich von „Brussels Journal“ werden koloniale Vergangenheit und traurige Gegenwart so beschrieben: „My Pakistani friends have following to say about your forefathers: When we were under British rule it took 20.000 English gentlemen to rule the country peacefully, a whole continent of approx. 500 million people. Today we have 40.000 policemen in Karachi and cannot run that city peacefully.“ (2)

Dies schrieb offenbar ein Paki als Antwort auf die Klage des englischen Journalisten J. Clarkson über den allgemeinen Hass, der dem Westen entgegenschlage. Aber wie man sieht, ist dieser Hass gar nicht so allgemein, und es gibt viele Leute aus ehemaligen Kolonien, die auch die Aufbau- und Organisationsleistung des Westens anerkennen. Bezeichnenderweise stieß diese positive Sicht von Ian Smith (s.o., 3) natürlich umgehend auf political-corrupten Widerspruch.

Durch den Kolonialismus ist aber vielen Menschen klargeworden, welcher Art die aufscheinende Zukunft sein wird, und da haben Sklaverei und Feudalismus keine Chance mehr. Der freie Westen hat die ganze Welt herausgefordert, zuerst durch seine überlegenen Armeen, dann durch seine Effektivität und seine Menschenfreundlichkeit. Das sitzt und kann nicht mehr revidiert werden. Vergleichen Sie den europäischen Entwicklungs-Imperialismus mit anderen, z.B. mit dem mohammedanistischen: Dieser hat der Welt nur Unglück gebracht.

Deshalb ist m.E. die Beurteilung des europäischen Kolonialismus – grade „in der Langzeitperspektive“ – als „gescheitert“ nicht zutreffend. Er war wie alles, was Menschen tun, vorübergehend und vergänglich, er war eine Phase, aber er hat so viel von unseren Werten und unserer Art dorthin transportiert, dass dadurch die Chance begründet wurde, dass irgendwann alle Menschen in Freiheit und Wohlstand leben können.

Die Mohammedanisten muss man allerdings aus dieser Vision wohl ausnehmen, denn ihre Ideologie zwingt sie ja nachgrade zur Unfreiheit und Gewalttätigkeit gegen ihre Mitmenschen. Auch für sie war der Kolonialismus ein Segen (s.o.) – als Gewaltsystem, das halbwegs zivilisiertes Verhalten erzwang.

Reihenweise sieht man derzeit Orkstaaten scheitern und in blutiger Anarchie versinken. Insofern sollten alle nichtmohammedanistischen Staaten überlegen, ob man die Orks nicht weltweit unter Kuratel stellen und ihre Staaten wieder einem strengen Kolonialregime unterwerfen sollte, zum Schutz der Welt und ihrem eigenen Schutz vor sich selbst.

Time am 20. Januar 2009

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1) http://www.frias.uni-freiburg.de/history/veranstaltungen/tagungimperialists

2) http://www.brusselsjournal.com/node/2749

3) vergl. Churchills Visionen für Sudan:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/27/churchill-5-kritik/

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