Konservativer und revolutionärer Mahdismus

Joseph Croitoru befasst sich in der heutigen FAZ mit dem iranischen Mahdismus. Er vergleicht die Argumente der „Apokalyptiker“ mit denen der „Beschwichtiger“, ebenso wie er die konservative, klerikale Auffassung des Mahdismus der revolutionären gegenüberstellt.

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Erwartung des Erlösers: Ahmadineschads Mahdi

Die schiitische Legende weiß von dem zwölften Imam, der am Ende  der Zeiten aus der Verborgenheit wiederkehrt. Wie stehen die konservativen Tendenzen im iranischen Klerus zu der messianischen Rhetorik des „letzten Imams“?

Mahmud Ahmadineschad sorgt auch durch messianistische Äußerungen für Aufsehen. So verkündet er nicht nur die bevorstehende Ankunft des Mahdi, des entrückten letzten Imams der „Zwölferschiiten“, sondern soll sogar behauptet haben, von diesem persönlich ermächtigt worden zu sein. Ähnliches ist auch aus dem Irak bekannt, wo Muqtada al Sadr 2003 seine „Mahdi-ARMEE“ ins Leben rief. Es waren zwei messianisch-schiitische KAMPFgruppen, die dort 2007 von sich reden machten und deren Anführer sich entweder als Stellvertreter des Mahdi oder gar als dieser selbst inszenierten.

All diese neuen Erscheinungsformen eines schiitisch-messianistischen Aktivismus, besonders die bislang auf das Rhetorische beschränkte iranische Variante, sind Gegenstand einer Reihe wissenschaftlicher Publikationen. Was Iran anbelangt, sind die westlichen Orientalisten geteilter Meinung. Manche sehen eine gefährliche und – weil angeblich apokalyptisch ausgerichtet – angesichts des iranischen Nuklearprogramms unberechenbare Entwicklung. Andere halten diese Lesart für übertrieben und die mahdistische Sprache Ahmadineschads für überbewertet.

Zur ersten Gruppe gehört der amerikanische Iranologe Mohebat Ahdiyyih. Er verweist zwar darauf, dass schon Chomeini das Revolutionsregime mit der Allgegenwart des „Herrn der Zeit“, des Mahdi, zumindest rhetorisch verknüpfte; sogar der reformorientierte frühere Präsident Mohammad Chatami habe kurz nach seinem Ausscheiden dem Mahdi die künftige Weltherrschaft attestiert, auch wenn er einschränkend hinzufügte, dass es an den Zeitgenossen selbst läge, die Welt zu verändern. Erst Ahmadineschad sei es gewesen, so Ahdiyyih, der den Mahdismus zu einer Konstante gemacht habe, die sich eine bedeutende Gruppe innerhalb des Staatsapparats und des Klerus angeeignet habe („Ahmadinejad and the Mahdi“, in: The Middle East Quarterly, Jg. 15, Heft 4, Philadelphia, 2008).

Salonfähig gemacht wird der Messianismus durch die Arbeit des 2005 in Qom ins Leben gerufenen „Bright Future Institute“, dessen Gründung Ahmadineschad mitinitiierte und das seitdem jährlich Konferenzen zur Mahdi-Lehre veranstaltet. Der Präsident tat bei einem dieser Anlässe seine Überzeugung kund, dass die Islamische Republik Iran lediglich ein erster Schritt auf dem Weg zur islamischen Weltherrschaft sei, die er andeutungsweise mit dem Mahdi in Verbindung brachte. Konferenzteilnehmer erklärten, dass die Wiederkehr des verborgenen Imams nicht nur außer Frage stehe, sondern dass man sie auch durch eigenes Handeln beschleunigen könne. Der Autor nennt zwar neben Chomeini und seinem Weggefährten, dem glühenden Verfechter des Mahdi-Gedankens Ajatollah Morteza Motahhari (1920 bis 1979), als Einflussquellen für Ahmadineschads Vorstellung Namen noch älterer schiitischer Rechtsgelehrter, präzisiert aber nicht, inwiefern diese ihn tatsächlich inspiriert haben.

Unzweifelhaft sei der iranische Präsident jedoch von Ajatollah Mohammad Taqi Mesbah-Yazdi beeinflusst, einem Mitglied des Expertenrats, der angeblich die Ideen der unter Chomeini verfolgten militanten Hujjatieh-Gesellschaft (Hujja ist ein Beiname des Mahdi) wiederzubeleben trachtet; Ahdiyyih zufolge ist diese mahdistisch inspiriert gewesen.

(FAZ-Ali Rainer Herrmann erklärt die Hujjatieh als Antwort der iranischen Klerikalfaschisten auf die wachsende Bedeutung der Bahai: „Seit dem Amtsantritt von Staatspräsident Ahmahdineschad hat sich ihre Lage dramatisch verschlechtert. Das ist auch eine Folge des wachsenden Einflusses der schiitischen Geheimgesellschaft Hodschatije. Scheich Mahmud Halabi hatte sie in den fünfziger Jahren gegründet, um die zunehmende Popularität der Bahai zu bekämpfen.“) (1)

So sei Mesbah-Yazdi etwa der Auffassung, dass sich die Schiiten durch die GEWALTSAME Verbreitung des Islam auf die Ankunft des Mahdi vorbereiten sollten. Besonders delikat erscheint dem Verfasser in diesem Zusammenhang der Umstand, dass Mesbah-Yazdi einer der vehementesten Befürworter des iranischen ATOMprojekts ist.

Solche Darstellungen hält der Tel Aviver Islamwissenschaftler Zeev Maghen für falsch und alarmistisch. Sie ignorierten einen entscheidenden Wesenszug des Zwölferschiismus: Dieser habe sich gerade durch die Abgrenzung gegenüber messianischen Eiferern theologisch verankert („Occultation in Perpetuum: Shi’ite Messianism and the Policies of the Islamic Republic“, in: Middle East Journal, Jg. 62, Heft 2, Washington 2008). Maghen zufolge lässt sich dies schon bei der Festlegung des Glaubensartikels von der „großen Verborgenheit“ des zwölften Imams beobachten.

Als Kind soll er nach dem Tod seines Vaters 874 zunächst in die „kleine Verborgenheit“ entrückt sein, während deren er in den nächsten Jahrzehnten durch vier aufeinanderfolgende „Botschafter“ vertreten wurde. Wenige Jahre nachdem 941 der letzte von ihnen gestorben war, habe der schiitische Klerus den entrückten Mahdi in die „große Verborgenheit“ entschwinden lassen.

Der Klerus konnte sich so bis heute als der einzig legitime Stellvertreter des schiitischen Erlösers behaupten; eine Entwicklung, die in dem von Chomeini etablierten Konzept der „Herrschaft des Rechtgeleiteten“ (welayat-e faqih) – VOKABELHEFT, T.! – ihren Höhepunkt fand. Der Zwölferschiismus stellt für den Autor deshalb „Antithese und Nemesis des Messianismus“ dar. Wann auch immer dieser in Erscheinung trat, sei er in Iran brutal verfolgt worden. Wenn also Rechtsgelehrte – zu denen Maghen wohl auch Chomeini zählt – eher abstrakt von der Wiederkehr des verborgenen Imams sprächen, so sei dies lediglich als Lippenbekenntnis zum schiitischen Mahdismus zu bewerten, mit dem sich in Wahrheit eine dezidiert konservative antimessianische Haltung ausdrücke.

Maghen widerspricht der gängigen Behauptung, bei der Hujjatieh, die Chomeini 1983 verbieten ließ, habe es sich um eine radikal mahdistische Theologengruppe gehandelt. Das Gegenteil sei der Fall. Diese Rechtsgelehrten seien erzkonservativ gewesen und hätten sich zum Ziel gesetzt, jeglichen messianischen Aktivismus im Keim zu ersticken. So war der von ihren Anhängern nach dem Sturz des Schah öffentlich skandierte Ausruf „biya mahdi!“ (Komm, Erlöser!) nicht messianisch zu verstehen. Vielmehr sollte damit dem damals unter den Massen verbreiteten Glauben widersprochen werden, dass der Mahdi – in der Gestalt Chomeinis – nun gekommen sei.

Auch von einer dem Ajatollah Mesbah-Yazdi attestierten Nähe zu klandestinen Hujjatieh-Kreisen hält Maghen nichts. Diese Behauptung sei so wenig belegt wie Mesbah-Yazdis angeblich so messianische Äußerungen. Und so relativieren sich seiner Ansicht nach auch die messianischen Äußerungen Ahmadineschads, auf die in der Regel entsprechende Kritik von Seiten des konservativen Klerus folgt. Der israelische Orientalist stimmt zwar der Feststellung zu, dass die rätselhaften Aussagen des Präsidenten präzedenzlos seien. Doch seien sie bis jetzt gerade deshalb noch nicht ernsthaft sanktioniert worden, weil ihr angeblich MILITANT-messianischer Charakter von den konservativen Herrschern insgesamt als eher harmlos eingestuft werde.

Was nun ist das Motiv hinter diesen Äußerungen Ahmadineschads? Eine mögliche Antwort gibt die deutsche Orientalistin Mariella Ourghi („,Ein Licht umgab mich…‘ – Die eschatologischen Visionen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinezad“, in: Die Welt des Islam, Jg. 49, Heft 2, Brill, Leiden 2009). Der Aufsatz erweitert eine These ihrer Dissertation (Schiitischer Messianismus und Mahdi-Glaube in der Neuzeit, Ergon 2008). Darin weist die Verfasserin nach, dass die passive Mahdi-Erwartung der herrschenden Orthodoxie schon länger unter Beschuss steht und dass auch bei den Schiiten die Mahdi-Thematik in den letzten Jahren an Popularität gewonnen hat. „Messianistische Fundamentalisten“, die dazu aufriefen, auf die Ankunft des Mahdi nicht mehr nur zu warten, sondern sie auch durch die eigene Handlungsweise zu beschleunigen, gewännen an Boden. Ahmadineschad, schreibt sie, mache sich die veränderte Stimmung im Volk zunutze, etwa wenn er behaupte, der Erlöser habe sich ihm in einer Vision gezeigt. Man könne darin einen populistischen Schachzug sehen, den die Kleriker so lange tolerierten, wie er ihren Herrschaftsanspruch nicht ernsthaft in Frage stelle. Für den französischen Orientalisten Jean-Pierre Filiu stellt der neue schiitische Messianismus indes einen Wendepunkt dar („The Return of Political Mahdism“, in: Current Trends in Islamist Ideology, Bd. 8, Hudson Institute, New York 2009). Für besonders bedenklich hält er die derzeitige Popularisierung dieses Themas bei den libanesischen Schiiten. So habe der angesehene Rechtsgelehrte der Hizbullah, Scheich Naim Qassem, kurz nach dem Libanon-Krieg 2007 der Mahdi-Thematik eine Schrift gewidmet, in der er, wenn auch vage, Gegenwartsereignisse als Vorzeichen für die Ankunft des zwölften Imams deutet. Chamenei erhalte hier, was in Iran nie der Fall sei, den Titel „Imam“.

Noch deutlicher apokalyptisch gibt sich der schiitische Populärschriftsteller Schadi Faqih. Ein von ihm 2006 veröffentlichtes Buch trägt den Titel „Ahmadineschad und die nächste Weltrevolution“. Auf dem Umschlag wird verkündet: „Ahmadineschad ist der Anführer der Mahdi-ARMEEN, der Jerusalem befreien wird.“ Laut Filiu hat diese Schrift enorme Verbreitung gefunden und ist überall in den Schiitengebieten des Libanon zu haben.

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Ich meine, man sollte in sicherheitspolitischer Hinsicht unbedingt die Position der „Apokalyptiker“ höher bewerten als die der „Beschwichtiger“ vom Schlage Maghens. Klar ist, dass der globale (revolutionäre) Jihad in etwa begann, nachdem Klomeni die Macht im Iran durch eine Revolution an sich gerissen hatte. Auch ist die Tatsache evident, dass enormes revolutionäres Potential exportiert wird (2). Das entspricht nicht nur dem revolutionären Mahdismus, es ist zudem ein typisches Merkmal für echten Faschismus im Gegensatz zu gewöhnlichen Militärdiktaturen, dass er die Menschen in permanenter Unruhe hält, bzw. sich selbst an der Macht, indem er nach außen stürmt und an allen Fronten den Krieg eröffnet. Wenn man sich Filme vom Reden haltenden Hitler ansieht, merkt man, dass dieser Futzie von sich selbst total besoffen war und mitnichten noch rational denken konnte. Gleichermaßen ist das wenigstens ein bißchen „vernünftigere“ Potential im Iran vielleicht eher beim Klerus, dessen Einfluss zu schwinden scheint, als bei Gardinenstange und seinen Racketeers zu finden.

Wenn Croitoru indessen im Bezug auf den Mahdi von „Erlöser“ redet und solchermaßen eine Nähe zu Jesus herstellt, sei hier noch mal klargestellt, dass der Mahdi – wenn schon – ein ANTI-Messias ist, kein ERLÖSER (s.o.) sondern ein EROBERER: „Ahmadineschad ist der Anführer der Mahdi-ARMEEN, der Jerusalem befreien wird.“

Fieslahm minus Gewalt gleich Null!

Ever!

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Time am 20. Januar 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/10/licht-aus-dem-pferch-in-den-pferch/

2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/11/20/iran-schafft-sechs-sieben-somalias/

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