Back to the Roots

Von Nils Minkmar bringt die heutige FAZ eine Rezension über den Reisebericht des britischen Schriftstellers Aatish Taseer durch vier mohammedanistische Länder. Bei „Perlentaucher“ gibt es dazu sehr empfehlenswerte Leseproben (1).

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Wo Glaube war, ist nur noch Hass

Eine Provokation: Aatish Taseer sucht nach den
eigenen Wurzeln und der Identität des Islam

Der britische Autor Aatish Taseer hat, wie so viele Menschen heute, eine etwas komplizierte Herkunftsgeschichte. Und weil nicht jeder Zeit und Lust hat, sie sich im Einzelnen erklären zu lassen, wird er bei ihrer Darstellung gerne mal unterbrochen: Ob er nicht Pakistani sei? Ja, also, sein Vater ist es. Ob er Engländer sei? Schließlich sei er in London geboren? Gerade in England aber hört Aatish Taseer oft, dass er doch ganz woanders hingehöre. Oder ein Sikh? Er trägt ja das Stahlarmband und wuchs bei Großeltern auf, die eindeutig Sikh waren. Spätestens seit den Anschlägen vom Juli 2005 kam eine weitere Frage hinzu, die fortan alle anderen überlagert: Bist du Moslem?

Unsere Epoche befördert zwar die Komplexität in Herkunft, Geburtsurkunde, Bildungsweg – aber hören möchte man dazu am liebsten schlichte Antworten. Das fängt schon bei den Namen an: Heißt einer ungewöhnlich, wird er mit lauten Überforderungsbekundungen begrüßt und der Mahnung, ja langsam zu sprechen.

Alles eine Frage des Kontextes: Als Aatish Taseer für sein neues Buch durch die muslimische Welt reist, trifft er unterwegs Leute, die ihm, dem britischen Journalisten, erzählen, dass es in Pakistan einen seltsamen, gerade wieder mächtigen Provinzfürsten gebe, der genau so heiße. Nur manchmal rafft er sich auf zu der Antwort, dass der Herr sein Vater sei.

„Terra Islamica“ ist ein dreifaches Reisebuch. Der Autor besucht religiöse Stätten in der Türkei und in Syrien, Saudi Arabien und Iran; er forscht danach, was es heißt, ein Muslim zu sein; und er möchte seinen Vater kennenlernen. Salman Taseer ist ein Parteigänger der Familie Bhutto, er hat deren wechselnde Geschicke nachvollzogen, Gefängnisaufenthalt inklusive, heute ist er Gouverneur des Punjab.

Über das Buch seines Sohnes ist er entsetzt, manche Passagen will er sogar gestrichen wissen. Denn in der Figur seines Vaters hat Aatish Taseer schonungslos die Doppelmoral des politischen Islam verdeutlicht, und mit ihm die der politischen Klasse Pakistans. Salman Taseer trinkt, raucht, isst Schweinefleisch, und er gibt in einem der seltenen Briefe an den Sohn an, er habe mit dem Koran nie etwas anfangen können. Doch als Aatish Taseer in einem Zeitungsartikel über den pakistanischen Hintergrund der Terroristen berichtet, wirft der Vater ihm vor, Pakistan und den Islam zu beschmutzen.

Aatish ist ein uneheliches Kind. Seine Mutter kommt aus einer indischen Familie, seine Eltern lernen einander kennen, als die indische Journalistin den pakistanischen Oppositionspolitiker interviewt. Bald darauf ist sie schwanger. In der indischen Familie ist man über die Liaison zu einem Pakistani zwar entsetzt, beruhigt sich aber schnell, Mutter und Kind werden akzeptiert und aufgenommen. Um die beiden abzuholen, reisen die Sikh-Großeltern zum ersten und einzigen Mal nach Europa. In Spanien wird der Großvater mit dem gewaltigen Turban und dem gezwirbelten Oberlippenbart überall für Salvador Dalí gehalten.

Für seinen Vater jedoch wird der indische Sohn zu einem echten Karrierehemmnis, immer wieder halten ihm politische Gegner die Geburtsurkunde des Kindes vor. In Pakistan beherrscht bekanntlich der Wahnsinn die Politik, da wird einer schnell zum indischen Spion. Salman Taseer zuckt zusammen, wenn ihn jemand auf einer Grillparty launig fragt, was denn das Feuer so macht. Der Name Aatish bedeutet auch: Herdfeuer.

Es gab lange keinerlei Kontakt zwischen Vater und Sohn, bis Aatish erwachsen ist und – auch als Journalist – immer wieder mit der Frage konfrontiert wird, was es heute bedeute, ein Muslim zu sein. Er spricht zunächst mit britischen Wortführern der Islamisten, er folgt dem seltsamen, weltweiten Islamtourismus, der selbst Norweger nach Damaskus führt. Gruselig liest sich, aus heutigem Blickwinkel, jene Episode, als ihm jemand berichtet, die wirklich entschlossenen Radikalen, die seien weder in Syrien noch in Saudi Arabien zu finden, die seien jetzt alle im Jemen.

Besonders fromm oder auch nur moralisch interessiert kann Aatish Taseer die tonangebenden Muslime, mit denen er sich unterhält, nicht finden. Zufällig ist er genau zur Zeit der Karikaturenproteste in Damaskus. Die Demonstrationen erscheinen ihm wie geplant und politisch gesteuert, auch die Eskalation. Wenn es die Karikaturen nicht gäbe, hätte man sie erfinden müssen, so gut passt diese alle zusammenschweißende Empörung gerade zu diesem Zeitpunkt ins politische Klima Syriens, das durch die Flüchtlingswellen aus dem Irak ohnehin schwer belastet ist. Wer also jetzt noch nach Meinungsfreiheit oder freier Presse verlangt, dem können die Regierenden vorhalten, im Namen solcher Werte werde der Prophet missachtet.

Aatish Taseer überlässt seine Schilderung der islamischen Länder freilich nicht nur den religiös verbrämten Politkern und Fanatikern. In Teheran feiert er eine rauschende Party nach der anderen. In der Türkei staunt er über Darbietungen in einer Schwulenbar. In Pakistan zieht er nächtelang um die Häuser und freut sich zum Sonnenaufgang über scharf gewürztes Fleisch vom Imbiss. Und unterwegs hört er die unterhaltsamsten politischen Theorien, sehr oft beispielsweise die, dass die iranische Revolution nur deswegen stattgefunden habe, „weil die Leute gerade nichts anderes zu tun hatten“ – und das von einem, der dabei war.

Ein anderer meint, Khomeini sei ein Agent der Amerikaner gewesen, eingesetzt, um Iran klein und doof zu halten. Und Ahmadineschad, das sei nun der frechste amerikanische Agent, niemand würde das Ansehen Irans so schädigen wie dieser Kerl, von dem ja ohnehin keiner wisse, wo er überhaupt hergekommen sei. Im Verlauf dieser Reise begreift man, dass es ohne Bereitschaft zu Differenzierung und zu komplexem Denken nicht geht, in diesen Fragen, in diesen Zeiten.

Am Ende der Reise steht der Bruch mit dem Vater. Er vollzieht sich über den Holocaust: Der Vater tönt im Kreise einer Familie, bei der Aatish zu Besuch weilt, es könnten doch gar nicht so viele Juden ums Leben gekommen sein. Der Sohn befragt ihn nun entnervt nach seinen Quellen, und der Vater antwortet mit den Massakern von Sabra und Schatila im Libanonkrieg der achtziger Jahre, als würde ein Leid das andere ungültig machen. Statt, wie der Sohn es vorschlägt, in der historischen Aufarbeitung des Holocaust ein Exempel für die gesamte Menschheit zu sehen, das auch Nichtjuden und sogar Muslime berühren kann, pflegt der Vater weiter seinen politisch kommoden Antisemitismus.

Hierin erkennt Aatish den letzten Grund dafür, weshalb sein Vater immer noch gern als Muslim gelten will: „In meinem Vater war keiner der einst mächtigen moralischen Imperative des Islam mehr lebendig. Dennoch war er Muslim. Er war Muslim, weil er den Holocaust anzweifelte, Amerika und Israel hasste, die Hindus für schwach und feige hielt und sich an der ruhmreichen islamischen Vergangenheit berauschte.“

Wo einst Glaube war, ist nur noch Hass, so bilanziert Aatish Taseer den Zustand des politischen Islam. Schließlich sagt er sich von seinem Vater los. Und er freut sich gerade an der Vielfalt, die seine Biographie von der seines Vaters unterscheidet, an dem gemischten Erbe aus Sanskrit, Urdu und Englisch: „Ich zog es einem Erbe vor, das gewaltsam purifiziert wurde. Mischformen bereichern die Welt.“

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So interessant Herrn Taseers Bericht zu sein scheint, sein Resümee ist m.E. teilweise unzutreffend. Zwar mag die Aussage „Wo einst Glaube war, ist nur noch Hass“ insofern korrekt sein, als dass mehr und mehr die gesamten Schattierungen des Mohammedanismus – von den Reden des Sufi XY (2) an seine Gefolgschaft bis zu den Versen des betrunkenen Rumi (3) – im globalen Jihad aufgehen und durch ihn nivelliert oder ausgeschlossen werden, tatsächlich aber führt der Jihad den Mohammedanismus damit auf seine „goldene Zeit“ des Klo H. Metzel zurück, der wenig mehr war als ein Judenhasser und bösartiger Gewalttäter. Was Taseer „Glauben“ nennt, sind Eigenschöpfungen von Mystikern und Dichtern TROTZ des harten mohammedanistischen Regimes, und ihr gewaltsamer Tod war die Regel. Mit seiner Rückkehr zum puren Hass ist der Mohammedanismus in unseren Tagen wieder zu seiner reinen Form zurückgekehrt. Die Suche nach „den eigenen Wurzeln“ lohnt sich immer, aber die „Identität“ des Mohammedanismus? Vergiß sie, sie liegt bei der Peitsche!

Und der Kreis schließt sich – die Zeit ist jetzt abgelaufen: für den Fieslahm!

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Time am 24. Januar 2010

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Aatish Taseer: „Terra Islamica. Auf der Suche nach der Welt meines Vaters“. Aus dem Englischen von Rita Seuß. Verlag C.H. Beck, 365 Seiten, 24,95 Euro

1) http://www.perlentaucher.de/artikel/5933.html

2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/06/12/der-mohammedanismus-frisst-sich-selbst/

3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/31/es-kann-nicht-sein-was-nicht-sein-darf/

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