Anpassung an ihre Unfähigkeit

In der heutigen FAZ skizziert Matthias Rüb den grundsätzlichen militärischen Strategiewechsel der Vereinigten Staaten, wie er jetzt erstmals in der dem Kongress vom Pentagon regelmäßig vorzulegenden Bestandsaufnahme deutlich wird. Dabei wird u.a. m.E. deutlich, dass die Amerikaner offenbar tendenziell nicht mehr davon ausgehen, dass sie noch konventionelle Kriege führen werden. Gegenüber China, Russland oder anderen potentiellen Gegnern scheint die Einschätzung so gut wie völliger Sicherheit zu bestehen, welche ich teile.

Die tatsächlichen Gegner hingegen – die Mohammedanisten – haben in den letzten 50 Jahren im Kampf gegen Israel usw. ausnahmslos immer ihre auf totaler Unfähigkeit beruhende militärische Bedeutungslosigkeit erschöpfend bewiesen. Dies heißt aber bekanntermaßen leider nicht, dass sie es nun endlich gut sein lassen, nein, Sprengstoffe und Big Guns üben nach wie vor einen magischen Zauber auf diese lebenslang pubertierenden Hysteriker aus. Diesem Umstand soll die neue Verteidigungsdoktrin Rechnung tragen.

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Später Abschied vom Kalten Krieg

Die neue geostrategische Wirklichkeit und

Amerikas Verteidigungsdoktrin

Seit 1997 gibt es die „Quadrennial Defense Review“ (QDR), eine vom Kongress geforderte Bestandsaufnahme der geostrategischen Herausforderungen der kommenden Jahre und Jahrzehnte, die das Pentagon alle vier Jahre vorzulegen hat. Nach der zweiten QDR von Anfang 2001 dauerte es – nicht zuletzt wegen der Kriege in Afghanistan und im Irak – sogar fünf Jahre, bis 2006 die dritte veröffentlicht wurde. An diesem Montag erscheint die vierte QDR; es ist zugleich die zweite in Folge, die zu Kriegszeiten vorgelegt wird.

Die ersten beiden Lieferungen der QDR waren noch von der Zeit unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges geprägt. Erst die Ausgaben von 2006 und zumal von 2010 spiegeln allmählich die neuen Wirklichkeiten der Kriege, welche die stärkste Militärmacht der Welt auszufechten hat. Doch erst die jüngste Ausgabe der QDR, über die Verteidigungsminister Robert Gates und der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, Admiral Michael Mullen, vor den einschlägigen Ausschüssen der beiden Kongresskammern im Lauf dieser Woche Rede und Antwort stehen werden, reflektiert buchstäblich auf jeder Seite die neuen Kriege des 21. Jahrhunderts in vollem Umfang und zieht aus ihnen die strategischen Konsequenzen.

Über Jahrzehnte ruhte die Militärdoktrin Amerikas auf dem Fundament, dass die Streitkräfte der Vereinigten Staaten stets in der Lage sein müssten, zwei große konventionelle Kriege an unterschiedlichen Orten zur gleichen Zeit zu führen. Auch wenn in den einschlägigen Dokumenten zur Geostrategie kaum je Namen genannt wurden, ging es um das Szenario, dass die damalige Sowjetunion oder einer ihrer Satellitenstaaten plötzlich einen Krieg in Europa anzetteln würde, während zur gleichen Zeit China zum Beispiel die gewaltsame Einverleibung Taiwans begonnen haben würde. Auf dieses Szenario waren die vier Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe, Kriegsmarine und Marineinfanterie ausgerichtet.

Entwicklung und Herstellung von neuen Waffensystemen dauern Jahrzehnte, und wenn die Entscheidung zu deren Produktion erst einmal getroffen ist und die Herstellung begonnen hat, zeigen die viele Milliarden Dollar teuren Waffensysteme große Beharrungskraft. Tausende Arbeitsplätze hängen an ihnen, Lobbyisten der Rüstungsindustrie sowie Abgeordnete und Senatoren setzen sich für die Fortsetzung der Produktion ein, auch wenn die Waffen fast schon als veraltet gelten müssen, bis sie endlich einsatzfähig sind.

Deshalb ist es ein weiter Weg, bis sich Erkenntnisse der QDR auf dem „Boden der Tatsachen“ bemerkbar machen, aber die ersten Schritte sind jetzt deutlich erkennbar. Die wichtigste Einsicht der QDR ist, dass die amerikanischen Streitkräfte in der Lage sein müssen, gleichzeitig zwei oder gar mehr unkonventionelle Kriege zu führen – wie jene im Irak und in Afghanistan – statt zweier konventioneller zur Verteidigung von Interessen und Partnern im atlantischen oder pazifischen „Kriegstheater“. Ein Mitarbeiter des Pentagons fasste den Strategiewechsel mit den Worten zusammen, diese lege das Hauptaugenmerk „auf die Kriege, die wir tatsächlich ausfechten, und nicht auf jene, die wir einst zu führen wünschten“. Erstmals nehmen der Kampf gegen Aufständische und gegen Terroristen sowie Stabilisierungsmaßnahmen und die Zusammenarbeit mit örtlichen zivilen Behörden, dazu der „Cyber“-Krieg und der Kampf gegen die Weitergabe von technologisch anspruchsvollen Waffensystemen an nichtstaatliche Kriegsparteien einen zentralen Stellenwert ein. Zur neuen Doktrin gehört die „nahtlose Zusammenarbeit mit militärischen und zivilen Partnern“ sowohl innerhalb der eigenen Reihen wie auch mit unterschiedlichen Verbündeten. Neben der Aus- und Umrüstung der eigenen Streitkräfte für die Kriege des 21. Jahrhunderts kommt dem Kampf gegen Aufrüstung des Gegners mit ballistischen Raketen sowie mit Systemen zur Störung von Satelliten und anderen Kommunikationseinrichtungen entscheidende Bedeutung zu. Zumal für die Luftwaffe und die Kriegsmarine wird die Marschorder ausgegeben, ihre eigenen überlegenen Fähigkeiten an Mobilität durch die intensive Zusammenarbeit mit den Luftwaffen und Seestreitkräften befreundeter und verbündeter Staaten weiter auszubauen.

Der strategische Umbau vor allem des Heeres, der Luftwaffe und der Kriegsmarine zur Bewältigung der tatsächlichen Kriege von heute schlägt sich in den Empfehlungen zu Waffensystemen und Ausrüstung aller Teilstreitkräfte nieder. Bei der Luftwaffe wünscht das Pentagon die Einstellung der Produktion des vierstrahligen Transportflugzeugs C-17 „Globemaster“. Ursprünglich hätte die seit 1993 hergestellte C-17, von der die Luftwaffe gut 200 Stück im Einsatz hat oder deren Auslieferung erwartet, das seit den fünfziger Jahren hergestellte „Arbeitspferd“ C-130 „Herkules“ (1) ablösen sollen. Doch die unverwüstliche „Herkules“, von der gut 2200 Stück hergestellt wurden, ist mit ihren vier Propellertriebwerken für Starts und Landungen auf kurzen Rollbahnen in Afghanistan oder im Irak besser geeignet als die „Globemaster“ mit Düsenantrieb. Statt mit dem immens teuren Jagdbomber F-22 „Raptor“ soll die Luftwaffe mit zusätzlichen unbemannten Drohnen zum Abschuss von Raketen sowie zur fortgesetzten Überwachung aus geringer Höhe mittels hochauflösender Kameras ausgerüstet werden.

Für das Heer und die Marineinfanterie sollen allein im Haushaltsjahr 2011, das im Oktober beginnt, zusätzlich Hubschrauber im Wert von fast 10 Milliarden Dollar angeschafft werden. Mindestens eine Kampfbrigade des Heeres, die bisher mit den schweren M1-„Abrams“-Panzern ausgerüstet ist, soll stattdessen den wendigen Radpanzer „Stryker“ (2) erhalten; die Umrüstung weiterer schwerer Kampfbrigaden des Heeres auf „Stryker“-Brigaden ist vorgesehen. Die Kriegsmarine soll von 2011 an einen vierten Verband zum Einsatz auf Flüssen erhalten. Die Kapazitäten der zehn bis elf Flugzeugträgerverbände sollen nicht angetastet werden. In allen vier Teilstreitkräften ist ein weiterer Ausbau der Elite- und Spezialeinheiten vorgesehen, die in kürzester Zeit zu Einsätzen „mit geringer Intensität“ in unwegsames Gelände gebracht werden können.

Weitere wichtige Elemente der QDR sind die Ausbildung von zusätzlichen „Linguisten und Kulturexperten“, die der Landessprachen der gegenwärtigen Einsatzgebiete mächtig sind, die dortigen kulturellen Gegebenheiten verstehen und Partnerschaften mit neuen Verbündeten aufbauen können. Schließlich sollen in allen vier Teilstreitkräften Motoren und Aggregate entwickelt werden, die weniger Treibstoff verbrauchen. Denn auch der Kampf gegen den Klimawandel gehört zu den Aufgaben der amerikanischen Streitkräfte in den unkonventionellen Konflikten des 21. Jahrhunderts. „Die Welt ist kompliziert“, wie es ein ranghoher Mitarbeiter des Pentagons ausdrückte, der an der Erarbeitung der QDR 2010 maßgeblich beteiligt war.

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Time am 1. Februar 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Lockheed_C-130
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Stryker_Armored_Vehicle

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Dymphna von „Gates of Vienna“ macht im gegebenen Zusammenhang auch auf die „USS Independence“ aufmerksam:
– http://gatesofvienna.blogspot.com/2010/01/new-pirate-catcher-uss-independence.html#readfurther
– http://ussindependenceship.org/info.php

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