Son of Babylon

Aus Anlaß der 60. Berlinale bespricht Andreas Platthaus in der heutigen FAZ den kurdisch-irakischen Film „Son of Babylon“. Bei Perlentaucher gibt es eine weitere, lesenswerte Besprechung von Anna Selinger (1), bei „kino-zeit“ einen beeindruckenden Trailer (2).

Unterwegs zu den  Massengräbern

Mohamed Al-Daradjis „Son of Babylon“ im Panorama

Es ist spätes Frühjahr 2003. Seit drei Wochen ist Saddam Hussein im Irak entmachtet. Der Diktator sitzt nun in seinem Erdloch, doch ansonsten ist das ganze Land unterwegs – zurück in die bombardierten Städte oder hinaus auf die Suche nicht nur nach den Verschollenen des kurzen, aber blutigen Krieges, den die Amerikaner geführt haben, sondern auch nach den Opfern von Saddams Herrschaft, denen ihre Angehörigen nun erstmals nachforschen können.

So macht sich auch eine alte kurdische Frau mit ihrem zwölfjährigen Enkel Ahmed auf den Weg aus dem Norden des Iraks in den Süden, wo ihr Sohn Ibrahim, der Vater des Jungen, im Gefängnis gesessen haben soll. 1991 war der Musiker in die irakische Armee gepresst worden, seinen Sohn hat er also nie gesehen, und als einzige Spur zu ihm existiert der Brief eines Kameraden, der vom Schicksal Ibrahims bis zu dessen Inhaftierung Auskunft gibt. Da das Schreiben auf Arabisch abgefasst ist und die alte Frau nur Kurdisch spricht, musste der kleine Ahmed ihr den Inhalt immer wieder vorlesen, so dass er ihn mittlerweile auswendig kennt. Nun aber laufen Großmutter und Enkel los: auf einen siebenhundert Kilometer weiten Weg, mit nicht viel mehr im Gepäck als dem Brief und einem Satz sauberer Kleidung für das erhoffte Wiedersehen.

Die Idee zu diesem Spielfilm, einem der wenigen, die im Irak seit 2003 gedreht worden sind, kam dem damals fünfundzwanzigjährigen Regisseur Mohamed Al-Daradji, als er gleich nach dem Krieg von 2003 seinen ersten Film „Ahlaam“ drehte. Im Radio hörte er von der Entdeckung erster Massengräber mit den Überresten der Opfer Saddams. Al-Daradji schrieb sofort ein neues Drehbuch, und er fand in insgesamt sieben Ländern Unterstützung für seinen zweiten Film, der den Titel „Son of Babylon“ trägt. Dennoch dauerten die Vorbereitungen noch weitere fünf Jahre.

2008 aber konnte leider immer noch an authentischen Orten gedreht werden, denn weder sind die ersten entdeckten Massengräber bislang vollständig erschlossen worden, noch ist seit 2003 die Kette neu aufgefundener Schreckensorte abgerissen. Al-Daradji nahm seine Kamera mit in die kargen Ebenen, wo unter dem Sand die Knochen der Ermordeten liegen, und er schickte seine Darsteller mitten in die aktuellen Exhumierungen. So ist ein Spielfilm entstanden, der mit dokumentarischen Mitteln gedreht wurde und ein Bild des Iraks vermittelt, wie man es aus den Nachrichten nicht kennen kann. Denn dafür braucht es diesen Blick eines Einheimischen.

Man spürt den Stolz von Al-Daradji auf seine Heimat, wenn er im Film von der großen Vergangenheit des Zweistromlandes erzählen lässt: von den Hängenden Gärten Babylons oder von Nimrod, die beide auf der Fahrt passiert werden. „Son of Babylon“ – das verweist auf Ahmed als den jüngsten Erben dieser großen Zivilisation. Und wenn der Bus mit Großmutter und Enkel die Stadt Bagdad über den Tigris verlässt, fängt die Kamera eine Brückenlandschaft ein, die trotz der Ruinen atemraubend ist.

Doch solche Einstellungen sind nur selten. Es dominiert der Blick aus nächster Nähe auf die verzweifelten Menschen. Die Sprachprobleme zwischen kurdischer und arabischer Bevölkerung, die vielen verwitweten Frauen auf den Gräberfeldern, all das fängt Al-Daradji ein. Doch mitten im Chaos inszeniert er kleine, aber großartige Gesten der Hilfsbereitschaft, vor allem bei der zufälligen Begegnung von Großmutter und Enkel mit Musa, einem früheren Soldaten Saddams, der an den Massakern in Kurdistan beteiligt war. Bis die alte Frau dem Mann diese Taten an ihrem Volk vergeben kann, vergeht einige Zeit. Ahmed dagegen ist offen für jede Freundlichkeit. Er ist die Zukunft.

Aber solche Botschaften verblassen gegen die konkreten schauspielerischen Leistungen. Schon Shehzad Hussein in der Rolle der Großmutter ist großartig, aber geradezu überwältigend agiert der kleine Yasser Taleeb. Bei seinem Besuch auf der Berlinale hat der Junge erstmals sein Heimatland verlassen können und erstmals Schnee gesehen. Kino ist manchmal eine Weltmacht, der man mehr zutrauen darf als der politischen Konkurrenz.

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Die vermuteten Massenvernichtungswaffen wurden im Irak nur in Spuren gefunden, dafür aber 2.500 Massengräber: Monströs! Was für unglaubliche Vollhonks sind das bloß, die Tony Blair vor Gericht zerrten, weil er einer der wenigen Sozialdemokraten ist, die mal was richtig gemacht haben, als er unerschütterlich an der Seite Amerikas das großmäulige Scheusal Satan Hussein zu Fall brachte. Johannes Leithäuser berichtete am 29. Januar in der FAZ (3): „Der frühere britische Premierminister, der am Freitag sechs Stunden lang vor der Kommission zur Aufklärung der Gründe für den Irak-Krieg Rede und Antwort stehen musste, unternahm während seiner Aussage nicht ein einziges Mal den Versuch, die Verantwortung für den britischen Einmarsch im Frühjahr 2003 auf andere zu verteilen. ‚… Entscheidung, die ich traf… und die ich, offen gestanden, wieder treffen würde’… Zu dem Eindruck im engen Raum des Untersuchungsgremiums, hier entpuppe sich, in buchstäblicher Metamorphose, ein politischer Entscheidungsträger als freiheitlich-humanistischer Missionar, trugen auch Blairs Äußerungen über das amerikanisch-britische Verhältnis bei. Das sei ja kein Vertrag, wo man sich gegenseitig Bedingungen stelle oder von einschränkenden Klauseln Gebrauch mache, sondern ein Bündnis. (…)“

Der zuverlässige Klaus-Dieter Frankenberger kommentierte m.E. richtig: „Ein Teil der britischen Öffentlichkeit ebenso wie der politischen Klasse, einschließlich Labour, hätte es nur zu gerne gesehen, dass sich Tony Blair vor dem Irak-Untersuchungsausschuss in den Staub geworfen und um Vergebung gebeten hätte für einen Krieg, den er als Premierminister an der Seite Amerikas gefochten und der ihn Autorität und die britische Armee Reputation gekostet hat. Natürlich unterwarf sich Blair seinen Jägern nicht. Er leistete nicht Abbitte, sondern verteidigte seine Entscheidung, Saddam Hussein zu stürzen, rigoros. Zur Rechtfertigung führte er die damalige Bedrohungsanalyse an: Nicht um ‚regime change‘ sei es gegangen, sondern um Massenvernichtungswaffen, die Saddam sich habe verschaffen wollen. Blair wird seine Kritiker vermutlich nicht überzeugt haben. Aber auch die müssten anerkennen, dass der ’11. September‘ die Entscheidungsgrundlage der Verantwortlichen in London und Washington veränderte. Das Thema Massenvernichtungswaffen wurde viel stärker gewichtet. Ohne ‚9/11‘ hätte es nicht den Afghanistan-Krieg gegeben und auch nicht den Irak-Krieg.“

Danke, Tony!

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Time am 16. Februar 2010

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1) http://www.perlentaucher.de/berlinale-blog/106_ibrahim_liegt_hier_nicht%3A_mohamed_al-daradjis_%27son_of_babylon%27
2) http://kino-zeit.de/filme/trailer/son-of-babylon
3) http://www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E9CCB5C7EE0D2464C8237EBE508F6662F~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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