Wir wollen Freunde sein… Wollen wir?

Wir müssen Ihnen jetzt beibringen, blind ihr
Gewehr zusammenzusetzen, k*cken können sie schon allein

Die heutige FAZ brachte einen Bericht aus Afghanistan von Marco Seliger, es geht um Vertrauen – blindes Vertrauen:

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Rotwein für die afghanischen Kameraden

In Badakhshan geht die Bundeswehr mehr und mehr zusammen mit lokalen Kräften auf Patrouille und kämpft so um Vertrauen.

Das Metalltor an der Einfahrt bewacht ein bewaffneter Polizist. Die marode ehemalige Kaserne der Roten Armee ist nicht wie anderswo in Afghanistan üblich mit Betonsperren und Schutzwällen gesichert. Der Gefechtsstand befindet sich in einem zugigen Raum, zwei Dutzend Tische und Stühle stehen auf nacktem Betonboden. Als Brigadegeneral Mohammad Bashir Basharat durch die Tür tritt, verstummt schlagartig das Gemurmel. Der Kommandeur, ein Kriegsheld mit Wurzeln im 260 Kilometer entfernten Kundus, schreitet an seinen Arbeitsplatz. Links begrüßen ihn Männer in grauen Polizeiuniformen, rechts Soldaten in grünem Flecktarn. Weiter hinten warten Mitarbeiter des Geheimdienstes NDS. Auch Oberstleutnant Sascha Rauschenberger und drei weitere Bundeswehrsoldaten sind gekommen. Es gibt viel zu besprechen. Eine mehrtägige Operation steht bevor. Sie soll vom „Operational Coordination Center Provincial“ (OCCP) geleitet werden, einem gemischten Gefechtsstand der afghanischen Sicherheitskräfte, der mit 40 Vertretern von Polizei, Grenzpolizei, Armee und Geheimdienst besetzt ist. Vier deutsche Soldaten, das sogenannte OCCP Mentoring Team, stehen beratend zur Seite.

Das Konzept der Vernetzung einheimischer Sicherheitskräfte unter ausländischer Anleitung geht auf eine Idee der amerikanischen Streitkräfte zurück. Bislang operierten Armee, Polizei und Geheimdienst in Afghanistan häufig nebeneinander her. Mit den Koordinierungszentren soll sich das ändern. In jeder der 34 Provinzhauptstädte soll ein Gefechtsstand aufgebaut werden, in dem gemeinsame Operationen einheimischer Sicherheitskräfte und internationaler Truppen geplant und gesteuert werden. In Faizabad arbeitet die Bundeswehr seit Juli vorigen Jahres daran – und im Gegensatz zur Mehrzahl der anderen Provinzen in in einem weitgehend sicheren Umfeld. In Badakhshan leben vor allem Tadschiken und Usbeken. Ein fein austariertes Machtgefüge sorgt dafür, dass sich die Warlords, die hier die Macht haben, nicht in die Quere kommen. Eindringlinge wie etwa die Soldaten der Roten Armee hatten hier einen schweren Stand. Die Stationierung in der nordöstlichen Provinz, erzählen die Einheimischen gern selbstgefällig, sei für einen sowjetischen Soldaten dem Todesurteil gleichgekommen. Als die Taliban die Herrschaft in Afghanistan übernahmen, zogen sich die tadschikischen und usbekischen Mudschahedin-Kommandeure in diese unwirtlichen Bergwelt an der Grenze zu Tadschikistan, China und Pakistan zurück. Bis zur amerikanisch geführten Invasion im Herbst 2001 hielten sie den Angriffen der radikalen Islamisten stand. Die Bundesregierung würde Badakhshan gern zur Vorzeigeprovinz machen und im kommenden Jahr den Teilabzug der Bundeswehr verkünden.

Ob das möglich sein wird, hängt nicht zuletzt vom Erfolg der Arbeit von Oberstleutnant Rauschenberger und seinem Team ab. Einstweilen gilt es, einen Erkundungstrupp nach Kishim zu entsenden, den unsichersten Distrikt in Badakhshan. Er grenzt an die Nachbarprovinz Takhar, der wiederum folgt die inzwischen schwer umkämpfte Provin Kundus. Aus Westen einsickernde Taliban, vertrieben von der Offensive afghanischer, amerikanischer und deutscher Truppen bei Kundus, stören zunehmend das Machtgefüge in Kishim. Der Distrikt mit einigen paschtunischen Siedlungsgebieten dient den Aufständischen als Rückzugsgebiet, in dem sie sich nach den Kämpfen neu formieren und mit Waffen und Munition versorgen. General Bashir befürchtet, dass die Taliban mit dem amerikanischen Aufmarsch in Kundus und Taloqan noch stärker nach Badakhshan verdrängt werden. Er will 16 Soldaten, Polizisten und Geheimdienstler in den Distrikt entsenden, um die Lage zu sondieren. Begleitet werden sie von ihren deutschen „Mentoren“ und von Panzergrenadieren der Bundeswehr. „Wir müssen wissen, wie stark die Taliban in Kishim sind“, sagt General Bashir. „Vielleicht ist es notwendig, eine Armeeeinheit zu schicken, um die Lage unter Kontrolle zu halten.“ Mit den Führungsspitzen seines Gefechtsstandes und Oberstleutnant Rauschenberger macht sich Bashir daran, den Operationsplan für die „Mission Kishim“ zu entwerfen.

Erstmals seit dem Start des OCCP-Programms im Juli liegt die Operationsführung in afghanischen Händen. Der Ford Ranger von Oberst Ali Eman setzt sich an die Spitze des Konvois, in dem nur die Bundeswehrsoldaten in ihren gepanzerten Fahrzeugen einigermaßen vor Sprengsätzen und Beschuss geschützt sind. Afghanische Armee und Polizei sind mit handelsüblichen Fahrzeugen ausgestattet; entsprechend hoch fallen mitunter ihre Verluste bei Angriffen der Taliban aus. Auch die Bewaffnung reicht nicht über die landesübliche Kalaschnikow und einige Panzerfäuste hinaus. Umso besser sind die Deutschen ausgerüstet: mit Hand- und Nebelgranaten, Granatpistolen, schweren Maschinengewehren und Handwaffen. Im Notfall können die Bundeswehrsoldaten auch amerikanische Luftnahunterstützung oder einen Rettungshubschrauber anfordern. Was die afghanischen „Kameraden“ aber besonders erfreut, ist der Rotwein, den ihnen die Deutschen mitbringen. „Das war ihr ausdrücklicher Wunsch“, sagt ein Soldat. „Wir verstehen das als Teil der Vertrauensbildung.“

Weil sie die Herzen und Köpfe der Afghanen nicht vom Feldlager aus gewinnen können, operieren die Internationalen Truppen in Afghanistan mehr und mehr gemeinsam mit den einheimischen Sicherheitskräften in den Ortschaften, um die Aufständischen von der Bevölkerung zu isolieren. Auch die Bundeswehr geht künftig so vor, schon bald soll es nur noch gemischte deutsch-afghanische Patrouillen geben. Auch hier bildet das gegenseitige Vertrauen die entscheidende Basis für den Erfolg. „Wir müssen zu ihnen gehören, sie müssen uns als Freund und Kamerad empfinden“, sagt Oberstleutnant Rauschenberger. Sein Team praktiziert das auf für die Bundeswehr bislang ungewöhnliche Weise. Auf der mehrtägigen Patrouille nach Kishim teilen die Soldaten mit den Afghanen Essen, Trinken und den Schlafraum.

Die Gespräche mit Dorfältesten, Geistlichen und anderen Personen des öffentlichen Lebens in dem Distrikt verlaufen vielversprechend. Der Mullah von Kishim betet für den Erfolg des internationalen Einsatzes, anschließend nutzt ein deutscher Offizier die gute Stimmung, um den örtlichen Honoratioren unter Beifall zu versichern, dass die fremden Truppen nicht im Land seien, um die gesellschaftlichen und religiösen Strukturen zu ändern. Vielmehr wollten sie beim Aufbau afghanischer Sicherheitskräfte behilflich sein und dann wieder abziehen. Das erklären die Soldaten auch auf Flugblättern, die sie am Tag darauf in einigen Ortschaften des Distrikts verteilen. „Sollten Ihnen Aktivitäten der Taliban bekannt werden, rufen Sie bitte im Gefechtsstand in Faizabad an“, steht darauf geschrieben. Noch am selben Tag gehen die ersten Informationen bei General Bashir ein.

Der Aufbau der einheimischen Sicherheitskräfte, der einen Abzug der westlichen Truppen ermöglichen soll, ist indes eine Herkulesaufgabe. „Wir beginnen beim Urschleim“, sagt ein deutscher Offizier. Wiederholt kommt es vor, dass Angehörige der afghanischen Armee für Tage oder Wochen verschwinden – vor allem im Sommer, wenn die Ernte ansteht. Die Abwesenheitsquote in den Einheiten beträgt mitunter bis zu 40 Prozent, klagt ein Ausbilder. Als besonders gravierend beschreibt der Soldat die Korruption in den Sicherheitskräften. So lasse der Geheimdienst NDS gefangene Taliban gegen Lösegeld laufen, „so dass sie uns auf dem Schlachtfeld schon bald erneut begegnen“. Immer bedrohlichere Ausmaße nimmt die Unterwanderung der Sicherheitskräfte durch Aufständische an. Anfang Februar erschoss in einer Polizeistation in Mazar-i-Sharif ein Taliban in Polizeiuniform zwei schwedische Isaf-Soldaten.

Besonders schwierig ist es, geeignete Bewerber für Führungspositionen in Armee und Polizei zu finden. Wer in Afghanistan etwas auf sich hält, heuert nicht bei den Sicherheitskräften an. Es sei denn, er kann Polizeikommandeur werden und in seinem Zuständigkeitsgebiet gutes Geld verdienen. Wohlhabende Afghanen zahlen zwischen 200.000 und 400.000 Dollar für einen Kommandeursposten – um anschließend die doppelte Summe durch Wegezölle entlang der Schmuggelrouten für Drogen und Waffen einzunehmen.

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Lesenswert in diesem Zusammenhang ist auch ein Beitrag in der linken Dimmi-Zeitung „Freitag“ über den Widerstand eines Paki-Dorfes gegen die Taliban (1): „’Wir werden sie finden, einen nach dem anderen. Und dann werden wir sie töten, einen nach dem anderen‘, meint Mushtaq Ahmed… ‚Der behauptete, er werde die Scharia durchsetzen. Was er wirklich wollte, war Macht‘, erinnert sich Rehim Dil Khan“. Warum wollen wir sie gleich zu Freunden machen? Reicht es nicht, wenn sie Verbündete sind?

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Time am 16. Februar 2010

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1) http://www.freitag.de/politik/1006-guardian-dorf-taliban-widerstand-pakistan-afghanistan

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