Guter alter „Neuer Krieg“

Friederike Böge bespricht in der heutigen FAZ eine aktuelle Autobiografie des Taliban-Mitbegründers Abdul Salam Zaeef (My Life with the Taliban, edited by Alex Strick van Linschoten und Felix  Kuehn, Hurst & Company Publishers, London 2010, 331 Seiten, 22,79 [Euro]).

_____

Die Usama-Angelegenheit

(…)

Zaeef gehörte 1994 zu den Gründern der Bewegung, die zwei Jahre später in Kabul an die Macht gelangte. Als enger Vertrauter des Taliban-Führers Mullah Omar stieg er zum stellvertretenden Verteidigungsminister auf. Als späterer Botschafter in Pakistan verhandelte Zaeef vor und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit amerikanischen Diplomaten über eine Auslieferung des Al-Qaida-Führers Usama Bin Ladin. Nach dem Sturz des Regimes verbrachte er vier Jahre im amerikanischen Militärgefängnis Guantánamo. Seit 2005 lebt er zurückgezogen in Kabul.

„Die größte Schwäche amerikanischer Strategen ist wohl ihr absolut mangelhaftes Verständnis ihres Gegners“, schreibt Zaeef. Es verwundert kaum, dass der Autor die Hoffnung, die Aufständischen könnten mit Geld korrumpiert werden, zurückweist. „Sie kämpfen den heiligen Dschihad nach den Prinzipien des Gehorsams, des Zuhörens und des Dialogs.“ So weit sein Selbstbild. Doch sein Buch bietet zahlreiche Hinweise darauf, dass Anspruch und Wirklichkeit bei den Taliban schon damals weit auseinander lagen. So beschwert sich Zaeef, dass viele Vertreter seines Ministeriums vor allem damit befasst waren, die eigenen Taschen zu füllen. Zudem berichtet der Autor, dass der in Taliban-Fragen bestens informierte pakistanische Geheimdienst ISI ihm schon 2001 nahelegte, eine Gruppierung moderater Taliban zu bilden und sich von den Hardlinern abzuspalten.

Zaeef wurde 1968 als Sohn eines Mullahs im ländlichen Kandahar geboren. Wie viele Afghanen seiner Generation wuchs er in einem pakistanischen Flüchtlingslager auf, weil Sowjettruppen sein Land besetzt hatten. Mit 15 Jahren schloss er sich dem Widerstand an. Die Kämpfe beschreibt er als eine Zeit der Entbehrungen, aber auch der Kameradschaft. Diese Verklärung des Kämpferdaseins ist unter ehemaligen Mudschahedin weit verbreitet und dürfte mit dazu beitragen, dass die Schwelle, sich den heutigen Taliban anzuschließen, für viele nicht allzu hoch ist.

Anfangs, so Zaeef, waren die Taliban fast mittellos. Sie besaßen zwei Motorräder. Eines, das schnell den Geist aufgab, und eines, das den Beinamen „Panzer des Islam“ trug. Durch Spenden von Geschäftsleuten sei die Bewegung rasch gewachsen, schreibt der Autor. Der Afghanistan-Experte Ahmad Rashid führt das dagegen auf die massive Unterstützung des pakistanischen Geheimdienstes ISI zurück, über dessen Rolle Zaeef nur Andeutungen macht. Auffällig schweigsam ist der Autor auch in Bezug auf die Unterdrückung ethnischer Minderheiten und der Frauen, die ohne männliche Begleitung nicht das Haus verlassen, nicht arbeiten oder zur Schule gehen durften.

Zaeef beschreibt sich als einen unpolitischen Mann, der seine Erfüllung im Studium und der Lehre des Islams findet und die verschiedenen Posten in der Taliban-Hierarchie nur mit Widerwillen und auf Druck Mullah Omars hin angenommen habe. Wer in der Regierung arbeite, sei von Korruption und Ungerechtigkeit umgeben und den „Gefahren und Versuchungen der Macht“ ausgesetzt. Wie ein funktionierender islamischer Staat aussehen könnte und ob es ihn überhaupt geben kann, sagt er nicht.

Als Botschafter in Pakistan erlebt Zaeef die Begegnungen mit den meisten westlichen Amtskollegen als höflich. Ausnahme: der deutsche Botschafter. Er sei voller Vorurteile gewesen und habe immer nur über die Rolle der Frauen sprechen wollen. Zaeef seinerseits erklärte seinem japanischen Amtskollegen, der Buddhismus sei „eine inhaltsleere Religion ohne Grundlage“, der Islam dagegen sei die „wahre Religion“. Japan hatte vergeblich versucht, die Sprengung der bedeutenden Buddha-Statuen in Bamiyan zu verhindern.

Doch ein „deutlich größerer Verlust“ für Afghanistan sei der Tod des krebskranken stellvertretenden Taliban-Führers Mohammad Rabbani gewesen, für den Zaeef noch 2001 medizinische Hilfe von den Vereinigten Staaten erbat. Es ist nicht das einzige Mal, dass der Leser überrascht darüber ist, wie falsch die Taliban die diplomatische Lage einschätzten. Mullah Omar habe noch kurz vor dem Sturz erklärt, die Gefahr eines amerikanischen Militärschlags liege bei unter zehn Prozent, weil die Regierung in Washington keine Beweise für die Beteiligung Usama Bin Ladins an den Anschlägen vom 11. September vorgelegt habe, schreibt Zaeef. Der Titel des Kapitels: „Die Usama-Angelegenheit“.

Die Autobiographie zeichnet das Bild eines Mannes, dessen Überzeugungen von 30 Jahren Krieg, Flucht und Staatsverfall und von vier Jahren Haft in Guantánamo geprägt sind. Nach westlichem Verständnis ist er radikalreligiös und ausgesprochen unliberal, wenngleich er als „gemäßigter Talib“ gilt. Wenn es nach ihm ginge, wären wohl nicht 25 Prozent der afghanischen Parlamentarier Frauen, die Meinungsfreiheit wäre nicht in der afghanischen Verfassung verankert und die Vereinigten Staaten wären nicht der wichtigste Verbündete Afghanistans. Aber ist er auch eine Gefahr für den Westen? „Ich war ein Talib, ich bin ein Talib, und ich werde immer ein Talib sein“, erklärte Zaeef 2005 bei seiner Entlassung aus dem Militärgefängnis. „Aber ich war nie Teil von Al Qaida.“

_____

Na, das ist ja suuupa! Tatsächlich ist es völlig egal, welcher Terrortruppe irgendein Ork angehört. Matschagatschadatschu! „Mein Jihad? Dein Jihad? Jihad ist für uns alle da!“ Was für ein absurdes Statement ist dieses: „Sie kämpfen den heiligen Dschihad nach den Prinzipien des Gehorsams, des Zuhörens und des Dialogs.“ Als ob Jihad nicht von Anfang an den Sinn gehabt hat, Beute zu machen, zu vergewaltigen und zu versklaven. Es ist an uns, die orkische Eigenschaft auszunutzen, dass sie meist zwischen ihrer Gier nach Blut und ihrer Gier nach Gold hin- und hergerissen sind. Es ist an uns, jede Waffe, die zielführend ist, auch einzusetzen (1). Einer unser Hauptgegner dabei ist die linksverseuchte öffentliche Meinung, die so öffentlich gar nicht ist, sondern die vielmehr die Ansichten der linken Meinungs- und Medieneliten spiegelt. Grade sind bei einer Großoffensive in Helmand Tausende von westlichen Soldaten im Einsatz, aber drei versehentlich getötete afghanische „Zivilisten“ schaffen es allemal leichter auf die Titelseiten. Ein Aufsatz von Thomas Speckmann in der heutigen FAZ beschäftigt sich u.a. mit den Ursachen hierfür.

_____

Die „Neuen Kriege“  gab es in den Kolonien

Über die eurozentrische Illusion gehegter Konflikte

„Neue Kriege“ sind für die westliche Medienöffentlichkeit asymmetrische Konflikte wie im Irak oder in Afghanistan. Doch „neu“ sind derlei Kriegsformen gerade für die Europäer nicht. Sie haben es nur vergessen. Denn die neuen Kriege ereignen sich überwiegend außerhalb Europas. Gemessen werden sie jedoch an den europäischen Staatenkriegen. Ebendarin sieht der Tübinger Historiker Dieter Langewiesche die Schwäche dieser Deutung: Den „gehegten Krieg“ gab es nur in Europa. Und auch hier überdauerte diese Hegungsära nur zweieinhalb Jahrhunderte – vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zum Ersten Weltkrieg („Wie neu sind die ,Neuen Kriege‘? Eine erfahrungsgeschichtliche Analyse“, in: „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit. Neue Horizonte der Forschung“. Hrsg. von Georg Schild und Anton Schindling, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009).

Langewiesche bezeichnet dies als einen Sonderweg, der freilich auch nur ein temporärer war: ab Mitte des siebzehnten Jahrhunderts von Europa spät beschritten und im Zweiten Weltkrieg verlassen. Langewiesche macht auf eine historische Tatsache aufmerksam, mit der sich vor allem der erneut am Hindukusch kriegführende Westen auseinandersetzen sollte: Außerhalb des eigenen Kontinents, in seinen Kolonialkriegen, hat Europa seinen Sonderweg nie respektiert. Und selbst in der Hegungsphase des Krieges in Europa gab es ihn auch nur als eine Forderung, gegen die immer wieder verstoßen wurde. Gleichwohl brechen die Neuen Kriege mit der westlichen Kriegserfahrung der Gegenwart, die am völkerrechtlich geregelten Staatenkrieg geschult ist, mit dem Zweiten Weltkrieg als Sündenfall, der sich nicht wiederholen soll.

Langewiesche nimmt die heutige Perspektive ernst. Ihm genügt nicht der Nachweis, dass es das „Neue“ schon immer gab. Er fragt vielmehr nach den Ursachen eines Phänomens: Neu sind die Neuen Kriege nicht, dennoch werden sie als neu erfahren. Langewiesche erklärt dies mit der Globalisierung des Wahrnehmungsraumes: Ganz gleich, wo in der Welt und in welcher Form heute Krieg geführt wird, die Medien berichten darüber. Alle, die zu ihnen Zugang haben, werden über das Kriegsgeschehen in der Welt ständig informiert; auch über die Art der Kriegsführung, über die Folgen des Krieges, die Not der Bevölkerung, Flucht und Vertreibung, Massaker, Vergewaltigungen, die Rolle von Kindern im Krieg als Opfer und als Täter, über Warlords und ihre Privatarmeen, über den Krieg als Ökonomie, Geschäfte mit Flüchtlingsströmen und der internationalen humanitären Hilfe.

Die mediale Allgegenwart heutiger Kriege bedeutet mediale Allgegenwart des ungehegten Krieges, jener Konflikte, die keine Kriege zwischen Staaten sind und rund 85 Prozent aller Waffengänge auf der Welt seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ausmachen. Zwar war ebendies in früheren Jahrhunderten auch nicht anders. Aber damals gab es den globalen Wahrnehmungsraum nicht. Die Europäer im Zeitalter des gehegten Staatenkrieges hatten die andersartigen Kriege außerhalb Europas nicht vor Augen. Von ihnen nahmen sie am ehesten die Kolonialkriege der eigenen Nation wahr. Und auch diese lediglich aus einer engen Perspektive: Dass man dort anders Krieg führte als im eigenen Kulturraum, Krieg gegen die gesamte Bevölkerung, galt als selbstverständlich.

Langewiesche beobachtet parallel eine Globalisierung des Handlungsraums, beruhend auf zwei Faktoren: Erstens, die globalen Interessen der Supermächte, vor allem der Vereinigten Staaten, die auch ihre Bündnispartner involvieren; zweitens, die weltweiten Interventionen der Vereinten Nationen, wodurch diese Konflikte zu Angelegenheiten aller Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft werden. Hinzu kommen Staatenorganisationen wie die Afrikanische Union, die Organisation Amerikanischer Staaten, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die Europäische Union oder die Nato, die ihrerseits in bestimmten Weltregionen intervenieren.

Auch der 1946 geschaffene Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag, unter dessen Dach für die Kriegsverbrechen in Jugoslawien und in Ruanda spezielle Strafgerichtshöfe eingerichtet wurden, trägt zur weiteren Globalisierung des Handlungs- und damit auch des Wahrnehmungsraums bei. Die Konflikte, in welche die supranationalen Institutionen eingreifen oder mit deren Folgen sie sich befassen, sind überwiegend Kriege, die nicht nach dem europäischen Muster des gehegten Staatenkrieges geführt werden und auch früher nie so geführt wurden: „Zu keiner Zeit, nicht in staatenlosen Gesellschaften, die Anthropologen und die Vor- und Frühgeschichtler untersuchen, und auch nicht in verstaatlichten Gesellschaften außerhalb der europäischen Hegungszone seit der frühen Neuzeit.“

Dass die Kriege der Gegenwart als Neue Kriege wahrgenommen werden, führt Langewiesche schließlich auch auf die Universalisierung der Menschenrechte zurück. Denn sie erzwingt nun, Menschenrechtsverletzungen im Krieg überall auf der Welt in gleicher Weise zu bewerten und zu verurteilen. Zuvor wurde der Krieg, den europäische Staaten außerhalb Europas führten, mit anderen Maßstäben gemessen als die Kriege in Europa. Doch dieser doppelte Maßstab mit einer doppelten Moral – eine für den eigenen Kulturraum, eine andere für die fremden Kulturen – wird nicht mehr akzeptiert. Heute fühlen sich auch Gesellschaften, die nicht von einem Krieg betroffen sind, verantwortlich. Sie fordern, einen Krieg, der als illegitim gilt, weil er die Menschenrechte von Bevölkerungsgruppen verletzt, sogar in Völkermord übergeht, mit „humanitären Interventionen“ zu bekämpfen. In ihnen erlebt die Idee des „Gerechten Krieges“, der in seiner Rechtfertigung und in seiner Durchführung an feste Regeln gebunden ist, eine Renaissance. Er ist die Antwort der Gegenwart auf die Regellosigkeit der „Neuen Kriege“.

Die bittere Ironie dieser Geschichte: Indem die heutigen Militärinterventionen des Westens versuchen, das Staatsmonopol auf Krieg, das man im Europa der frühen Neuzeit erreicht zu haben schien, weltweit zu erzwingen, sehen sich Amerikaner und Europäer selbst zunehmend in asymmetrische Kriege verwickelt, in denen sie ihrerseits immer wieder gegen die Regeln des modernen Kriegsvölkerrechts verstoßen und nicht zuletzt deshalb ihre Gegner kaum bezwingen können, die sich wiederum an keinerlei Regeln gebunden fühlen. Oder, wie Langewiesche den 2007 verstorbenen Soziologen Karl Otto Hondrich zitiert: „Was wir nicht ertragen können, versuchen wir zu unterbinden – paradoxerweise nun mit eigener Gewalt.“ So erhält der „Gerechte Krieg“ seine Rechtfertigung durch die „Neuen Kriege“. Hierin sieht Langewiesche den vermutlich wichtigsten Grund für die Faszination, die vom Bild der Neuen Kriege ausgeht – ein Bild, das wirklich neu nur in den eurozentrischen Köpfen des Westens ist. Amerikas und Europas Antworten auf die heutigen Kriegsformen wirken daher nicht zufällig von Jahr zu Jahr älter.

_____

Dass sie keine Waffenindustrie hatten, machte die Überfälle der Indianer auf europäische Siedler nicht weniger grausam und blutig. Anstatt dankbar dafür zu sein, dass wir Kriege asymmetrisch mit der weit größeren Kraft auf unserer Seite führen können, erheben Gutmenschen und Orkagenten immer weitreichendere humanistische Anforderungen an unsere Streitkräfte.

Um Erfolg zu haben, auch an der Heimatfront, muss m.E. vermehrt der sadistische und grausame Charakter des Feindes herausgestellt werden (2), ohne dass der westliche Bürger gleich in Schreckstarre versetzt wird. Orientierung könnten die Indianerkriege sein. Das Neue an den „Neuen Kriegen“ sollte nicht sein, dass jeder meint, mitreden und vor allem mitbestimmen zu können, das Neue sollte sein, ihre Verluste nochmals zu maximieren und vor allem unsere nochmals zu minimieren.

_____

Time am 17. Februar 2010

_____

1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/05/die-terroristen-terrorisieren/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/19/zwei-strategien-gleichzeitig/
2) http://de.danielpipes.org/7972/nahen-osten-starkes-pferd
(aktuell, but: It’s just the Nazislam, Daniel! T.)

Von Thomas Speckmann in der „Madrasa of TIME“:
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/26/imperialkrieg/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/26/asymmetrischer-krieg/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/09/10/jihad-terrorismus-xxxxl/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/02/keine-regeln-nur-fur-uns/

Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: