Zeit des Zorns

Seltsamer Iran: Für seinen Film „Zeit des Zorns“, der im Rahmen der 60. Berlinale gezeigt wird (1), hat der Regisseur und Exiliraner Rafi Pitts eine Dreherlaubnis bekommen. Während der Arbeiten gingen die Proteste gegen das Regime los. Das Auto des Helden ist grün – Zufall? Die „Welt“ (2): „Es geht ihm um kein dezidiert politisches Statement, sondern allgemein darum, wie lange ein Mensch gegen seine Natur leben kann.“ Mhm, ob die iranische Zensurbehörde das auch so sehen wird? Lesen Sie eine Besprechung von Andreas Kilb aus der FAZ vom 17. Februar:

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Die Kindheit des Jägers

Der Jäger ist eine alte Figur des politischen Films. Wenn die Macht des Staates versagt oder irreläuft, nimmt er die Gewaltanwendung selbst in die Hand, sei es, um die alte Ordnung wiederherzustellen oder ihren Untergang zu beschleunigen. In Rafi Pitts‘ „Shekarchi – Zeit des Zorns“ ist der Mann mit der Flinte im Kofferraum ein Agent der Unordnung. Auf dem Höhepunkt des Films steht Ali, der Held, gespielt vom Regisseur selbst, mit einem Jagdgewehr auf einem Hügel über der Teheraner Stadtautobahn und erschießt den Fahrer eines Polizeiautos. Der Beifahrer will fliehen, aber Ali bringt auch ihn mit einem Distanzschuss zur Strecke. Zuvor hat er erfahren, dass seine Frau und seine Tochter bei einer Demonstration von Ordnungskräften erschossen worden sind. Die Tat ist also ein Racheakt, aber sie hat auch etwas von einem Statement, einem verzweifelten Manifest. Nach den Morden flieht Ali an die Küste, wo er rasch aufgespürt wird. Er fährt einen Chevrolet Camaro, einen Wagen, wie ihn in amerikanischen Krimiserien der siebziger Jahre die detectives benutzen. Als er das Auto wechselt, ist sein Schicksal besiegelt.

Rafi Pitts ist ein intellektueller Cineast, der mit Jacques Doillon und Leos Carax gearbeitet hat und das halbe Jahr über in Paris lebt. Das sieht man seinem Film nicht an. „Zeit des Zorns“ ist so direkt und lakonisch, wie man es mittlerweile vom iranischen Kino gewohnt ist, und zugleich von einer beiläufigen Brutalität, die man bei Kiarostami und den anderen Meistern aus Teheran so noch nicht gesehen hat.

Dabei lässt Pitts kaum eine Gelegenheit aus, die Erlebnisse seines Amokläufers mit der Gegenwart des Landes zu verknüpfen. Als Ali am Anfang von der Nachtschicht in einer Autofabrik nach Hause fährt, hört er im Autoradio die Stimme des Ajatollahs Chamenei. Sie spricht von großen Veränderungen, die Iran bevorstehen, von den Feinden der islamischen Revolution und der Strafe, die sie erwartet. Ali Alawi ist kein Feind der Revolution, nur ihr privates Opfer. Aber seine Geschichte formuliert den schärfsten denkbaren Widerspruch zu den Sprüchen aus dem Radio. Als Ali schließlich erwischt wird, irrt er mit zwei schwerbewaffneten Polizisten durch den Wald, bis die drei jegliche Orientierung verloren haben. Bald geht es nur noch darum, wer wen zuerst erschießt. Bei Rafi Pitts ist Iran eine Brutstätte sinnloser und ansteckender Gewalt. Und der Chevy, den sein trauriger Jäger fährt, trägt die Farbe der persischen Oppositionsbewegung: grün. (…)

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Rafi Pitts, 1967 als Sohn eines britischen Malers und einer iranischen Szenenbildnerin geboren, wuchs in der Teheraner Filmszene aufo. Seine erste Rolle spielte er mit acht. 1978 verließ die Familie den Iran, er setzt den Schulbesuch in England fort. In London studiert er am Harrow College Film und Kamera. 1991 übersiedelt er nach Frankreich, wo er im selben Jahr seinen ersten Kurzfilm realisiert. Sein Spielfilmdebüt LA CINQUIEME SAISON wurde 1997 ein internationaler Festivalerfolg. 2006 lief ZEMESTAN, sein dritter Spielfilm, im IFB-Wettbewerb in Berlin. Der „Tagesspiegel“ brachte am 16. Februar ein Interview mit Pitts (3):

Frage: Mr. Pitts, Zeit des Zorns, das klingt schon im Titel deutlich anders als Ihr letzter Film, It’s Winter. Was ist seit It’s Winter geschehen?

Rafi Pitts: Die Filme gehören zusammen. It’s Winter habe ich gedreht, weil ich von den iranischen Intellektuellen so frustriert war. Sie haben den Kontakt zu den Leuten verloren, also habe ich einen Roman verfilmt, so dass die Schriftsteller ihre eigenen Worte hören, aber aus dem Mund von normalen Leuten, die sich selber spielen. In It’s Winter wird der Held geschlagen, in Zeit des Zorns schlägt er zurück. Dort wird er unterdrückt, hier rebelliert er. Es ist meine Rebellion, mein Zorn.

Frage: Wegen der Wahlfälschung im letzten Sommer?

Pitts: Ich hatte das Buch vorher geschrieben und war total überrascht, als die Opposition auf die Straße ging. Ich merkte, ich bin nicht allein. Es war aufregend, aber auch schmerzvoll, frustrierend. Weil wir angeblich die Wahl hatten, es aber nur eine Show war. Weil sie die Wahlen auf so dumme, offensichtliche Weise gefälscht haben. Und vor allem, weil es Tote gab. Es ist absurd, dass im 21. Jahrhundert Menschen sterben, bloß weil sie sagen, was sie denken. (…)

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Charlotte Noblet von der Stasi-Postille „Neues Deutschland“ kommt überhaupt nicht klar (4): „Keine Antwort wird serviert, die Intrige lässt reichlich Zeit, sich diese Frage immer wieder zu stellen. Nach einem Autorennen verlieren sich Polizisten und erwischter Jäger in den großen Wäldern des Irans. Es regnet und die Kräfte der zwei Polizisten und ihres Gefangenen sind am Ende. Jeder spielt seine Rolle. So lange wie möglich. Aber warum? Ende des Films. Fragen einpacken oder wegschmeißen. Zweite Halbzeit: die Pressekonferenz als interkultureller Dialog. Dort waren diesmal erstaunlich wenige Presse-Vertreter. Dafür hatten sie viele Fragen: Wie schwer war es, eine Drehgenehmigung im Iran zu bekommen? Spielen Sie auf die gewalttätigen Demonstrationen bei den Wahlen an? Was bedeutet die Brutalität im Film? Wie sollen wir das Ende mit den Polizisten und dem Jäger verstehen? Sehr ehrlich und ausführlich ist Rafi Pitts darauf eingegangen, ohne allerdings irgendeine Antwort zu liefern. Damit hoffe er auf ein besseres Verständnis des Irans und zwischen den Iranern und wehrt sich gegen eine Vereinfachung des Films… Die Debatte geht weiter, viele Journalisten wollen aber wenigstens wissen, was das Ende des Films bedeutet . Bis zum Ende leistet Rafi Pitts Widerstand… Pressekonferenz zu Ende. Die Fragen doch wegschmeißen, sich Antworten schaffen, oder versuchen zu verstehen. Das Gespräch mit den Filmemachern sollte Pflicht sein. Die Ehrlichkeit des Gesprächs ist doch überzeugend: Iraner sind auf der Jagd nach Selbstdefinierung.“

Arme, verwirrte Charlotte. Begreift sie nicht, dass sie einen Künstler vor sich hat und keinen kommunistischen Agitator? Versteht sie nicht, dass es andererseits um mehr geht als „Selbstdefinierung“? Das iranische Regime macht es Kommunisten aber auch wirklich nicht leicht: Einerseits ist es „antiimperialistisch“ wie sie, andererseits hat es alle Kommunisten aufgehängt.

Tiziana Zugaro jedenfalls ist sehr von dem Film eingenommen (5): „Das Faszinierende dabei: Er psychologisiert nicht, er erklärt nicht, er zeigt nur: Und trotzdem, oder gerade deshalb, ist man als Zuschauer von Anfang bis Ende von dieser Figur und ihrer Geschichte gebannt. (…) Er genießt die Zeit mit Frau und Kind und nimmt dafür auch in Kauf, kaum zu schlafen. Als einsamer Hobbyjäger im Wald entflieht Ali regelmäßig der allgegenwärtigen Lärmkulisse der Großstadt. Ein Besuch mit der Familie auf dem Rummelplatz, alltägliche Momente zu Hause: das sind die Augenblicke, in denen Alis Gesicht sich entspannt, wo wir ihn lachen sehen. Ohne ins Kitschige abzudriften, zeigt Pitts hier Momente der Wärme und Geborgenheit. Das vermittelt sich auch über die Farben: Das rote Kopftuch der Frau, die rote Kleidung des Kindes sind Farbtupfer in einer ansonsten fahlen, bleigrauen Welt. Die Stadträume, in denen Ali sich bewegt, scheinen menschenleer: auf dem Gelände der Autofabrik, die er bewacht, stehen die fertigen Karosserien wie leere Hüllen in Reih und Glied, auf der Autobahn brausen die gesichtslosen Massen in einem endlosen Strom durch die Teheran. In seinem kleinen grünen (!) Auto bewegt sich Ali wie ein einsamer Westernheld durch die anonyme Stadt. Dasselbe Gefühl der Isolation stellt sich ein, als Ali eines Morgens aus dem Wald zurück kommt und die Wohnung ohne seine Familie vorfindet. Bei der anschließenden Suche in Polizeistationen, Krankenhäusern und an Straßenecken bekommt der verzweifelte Vater und Ehemann nicht ein einziges Wort des Mitgefühls oder des Trostes zu hören. Genauso kalt, wie ihm die Bitte nach der Tagesschicht abgeschlagen wurde, wird er nun stundenlang auf irgendwelchen Fluren und Zimmern warten gelassen. Ebenso gefühllos wird ihm dann die Nachricht übermittelt, dass seine Frau tot ist. Als Unbeteiligte ist sie am Rande einer Demonstration ins Kreuzfeuer geraten. Was seine Tochter betrifft, wird Ali in schrecklicher Ungewissheit gelassen. Mit der Suche nach der Tochter geht der Film in die zweite Schleife der Qual.“

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Offenbar erwartet den Zuschauer eine pointierte Schilderung vom kafkaesken Leben unter einem menschenfeindlichen und freudlosen Regime. Wenn ich Mr. Pitts wäre, würde ich aber nicht mehr in den Iran reisen – nicht, bevor Mammut Gardinenstange, Großeierkocher Kamennäher und ihre Kamarilla im Gefängnis sitzen. Aber die scheinen ja den Atomtod anzustreben.

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Time am 19. Februar 2010

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1) http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20100092.pdf
2) http://www.welt.de/die-welt/kultur/article6429933/Im-Wettbewerb-Von-magischer-und-von-boeser-Natur.html
3) http://www.tagesspiegel.de/kultur/kino/berlinale/Rafi-Pitts-Berlinale;art16892,3031424
4) http://www.neues-deutschland.de/artikel/165383.die-berlinale-presse-auf-der-jagd-im-iran.html
5) http://www.festivalblog.com/archives/2010/02/shekarchi_the_h.php5

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