Der Jedermann als Taliban

Friederike Böge berichtet in der heutigen FAZ anschaulich wie stets von einer Geschäftsidee für jedermann in Afghanistan. Meines Erachtens wird u.a. ein weiteres Mal die Ähnlichkeit des Konfliktes mit den nordamerikanischen Indianerkriegen deutlich.

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Die Taliban von nebenan

Wer in Afghanistan als Reporter ein Interview mit Aufständischen führen will, muss sich auf einiges gefasst machen.

Die Taliban behaupten gern von sich, sie seien nicht käuflich. Aber ganz so stimmt das nicht. Durchreisende Journalisten, die wenig Zeit haben und vor dem Abflug schnell noch ein Taliban-Interview führen wollen, können sich für 200 Dollar einen Aufständischen mieten. Für diesen Gegenwert, der als Fahrtkostenpauschale deklariert wird, kommt ein selbsternannter Subkommandeur aus der vierzig Kilometer entfernten Provinz Wardak in die afghanische Hauptstadt gereist und nimmt sich Zeit für ein zweistündiges Gespräch.

Die das tun, sind freilich einfache, unbedeutende Kämpfer, vielleicht auch nur Straßenräuber oder Kabuler Studenten, die sich als Taliban verkleiden. Wer weiß das schon so genau? Dennoch, so versichert der Mittelsmann, der das Treffen organisiert hat, sind solche Arrangements durchaus gefragt. Neben dem Discount-Talib gibt es auch noch einen Mann im Angebot, der behauptet, er sei 2007 an der Entführung des deutschen Ingenieurs Rudolf Blechschmidt und seines ermordeten Kollegen Rüdiger D. beteiligt gewesen. Ein anderer aus der Provinz Helmand könne über seine Waffen- und Drogengeschäfte in Nordafghanistan berichten, verspricht der Mittelsmann. Das freilich sei teurer: rund 2000 Dollar. Reine Fahrtkosten, versteht sich, schließlich müsse man dafür nach Kundus reisen.

Taliban ist eine Bezeichnung, die sich inzwischen allerlei Leute zu allerlei Zwecken selbst verleihen. Nicht nur, um Journalisten zu beeindrucken, sondern auch, um Feinde und Nachbarn einzuschüchtern oder ihren kriminellen Machenschaften ein Mäntelchen der islamischen Rechtschaffenheit umzuhängen. Das macht es schwierig, das Phänomen des militanten Islamismus in Afghanistan zu fassen. Der Afghanistan-Forscher Antonio Giustozzi glaubt sogar, dass die Taliban solche „Hilfsaufständischen“ deshalb rekrutieren, um ihre Gegner zu verwirren und ihnen eine Vielzahl von Zielen anzubieten.

Der 200-Dollar-Talib wartet an einem regnerischen Nachmittag in einem Rohbau im Westen von Kabul. Das einzige bereits möblierte Zimmer wird von einem kleinen Ölofen warm gehalten. „Sagen Sie, Sie seien von Al Dschazira“, hat der Mittelsmann empfohlen. Mit anderen Medien wolle der Talib nicht sprechen. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Gespräch ist wie zu erwarten wenig ergiebig. Der Mann zählt die üblichen Gründe auf, warum er sich der Bewegung angeschlossen habe. Amerikanische Soldaten hätten Verwandte von ihm – Zivilisten – getötet. Nächtliche Hausdurchsuchungen hätten die Würde der Bewohner beleidigt. Es sei seine religiöse und vaterländische Pflicht, gegen die ungläubigen Besatzer zu kämpfen. Die Regierung sei ein Sammelsurium von Kriegsverbrechern, und Paschtunen seien darin kaum vertreten. Fragen nach den Details seines persönlichen Werdegangs wehrt der Mann ebenso ab wie eine Diskussion über die zivilen Opfer der Taliban. Das ist auch nicht weiter verwunderlich. Welcher Deutsche würde schon seine ethischen Dilemmata mit einem fremden afghanischen Reporter besprechen wollen?

Von den Plänen der afghanischen Regierung, Subkommandeuren wie ihm eine zweite Chance für ein ziviles Leben anzubieten, hat der Mann aus dem Radio erfahren. Unter seinen Mitkombattanten sei darüber eine rege Diskussion im Gange. „Die Leute sind des Kämpfens müde“, sagt der Mann, der nach eigenen Angaben 13 seiner Freunde hat sterben sehen. Immerhin: Einige Testfragen ergeben, dass der Mann tatsächlich aus Wardak kommt und über die angesprochenen lokalen Taliban-Aktionen Detailkenntnisse besitzt.

Interessanter als seine Antworten sind aber seine Fragen. Er will wissen, wie die Journalistin sich das Leben nach dem Tod vorstelle und was die Bibel dazu zu sagen habe. Ob sie sich vorstellen könne, einen Muslim zu heiraten. Und ob Jesus für Christen die gleiche Bedeutung habe wie der Prophet Mohammed im Islam. Warum hat der Kommandeur dem Treffen zugestimmt? Wegen der 200 Dollar? Um Werbung für den heiligen Krieg zu machen? Oder aus Neugier auf die merkwürdigen Christenmenschen, die sonst nur mit gepanzerten Fahrzeugen an ihm vorbeifahren?

Treffen mit den Fußsoldaten der Taliban lassen sich mit ein wenig Geduld und über afghanische Freunde freilich auch ohne Geld vereinbaren. Fast jeder Afghane hat Bekannte oder Verwandte, die Bekannte oder Verwandte haben, die einen Talib kennen. Bauunternehmer beispielsweise sind gute Ansprechpartner, denn ohne Verbindungen zu den Aufständischen können sie gar nicht arbeiten. Der Erkenntnisgewinn solcher Treffen ist allerdings begrenzt. Sie sind vor allem Begegnungen mit den eigenen Ängsten und Vorurteilen. Den bangen Momenten vor dem Treffen, dem erhöhten Pulsschlag und der Frage „Soll ich, soll ich nicht?“ folgt meist die Antiklimax recht banaler Gespräche. Bei meiner ersten Begegnung mit einem Talib beeindruckte mich vor allem, dass er höllische Angst davor zu haben schien, einer Frau die Hand zu geben oder ihr in die Augen zu sehen – und sich so zu verunreinigen.

Wer mehr über die Aufständischen wissen will, muss erhebliche Risiken in Kauf nehmen. Die französische Journalistin Claire Billet zum Beispiel verbrachte mehrere Tage mit dem Taliban-Kommandeur Abu Tayeb (ein Kampfname) in Wardak – demselben Mann, der später den „New York Times“-Reporter David Rohde entführte und sieben Monate in seiner Gewalt hatte. Billets Bericht „Embedded with the Taliban“ für den Sender France 24, der als Podcast im Internet verfügbar ist, zeigt die Kämpfer beim Essen, Beten, Schießtraining und beim Angriff auf einen Polizeiposten. Drei Monate vertrauensbildende Maßnahmen gingen dem Treffen voraus. Der Film macht auch sichtbar, warum Abu Tayeb sich auf Billets Anfrage einließ. Er nutzt die Aufnahmen geschickt, um sich und seine Kämpfer in Szene zu setzen: unerschrocken, tief religiös, bei der Bevölkerung beliebt und im Kampf erfolgreich.

Dem in London lebenden afghanischen Reporter Najibullah Quraishi (Foto rechts, T.) gelang es dagegen vor einigen Wochen, eine Gruppe Aufständischer bei einem PR-Desaster zu filmen. Die von ihnen gebastelte Bombe explodierte nicht, weil die Kämpfer die Fernzünder vertauscht hatten. Der amerikanische Militärkonvoi fuhr ungehindert weiter. Quraishi war live dabei, als die Männer darüber stritten, wer schuld an dem Schlamassel sei. „Wer dir zugetraut hat, eine Mine zu bauen, muss ein Idiot sein“, sagte einer der Aufständischen. „Was um Gottes willen meinst du damit, dass ich den Fernzünder kaputtgemacht habe?“ In der nächsten Szene beschreibt der Kommandeur der Gruppe mit ernster Miene, wie erfolgreich der Angriff gewesen sei und wie viele amerikanische Soldaten dabei getötet worden seien (1 – Beachten Sie bitte die Links unten).

Andere Begegnungen mit den Taliban verlaufen so: Der Fernsehjournalist Christian Parenti steht auf einem Hügel in der Nähe von Kandahar und ruft einer Gruppe maskierter Taliban in einiger Entfernung seine Fragen zu. „Werden die Taliban von Pakistan unterstützt?“ Die Männer bejahen und berichten über ihre Rückzugsgebiete. Wenig später deuten sie warnend in den Himmel, wo amerikanische Kampfflugzeuge kreisen, und das Interview ist beendet. Die Szene stammt aus dem Jahr 2006 und ist in dem kürzlich erschienenen Dokumentarfilm „Fixer: The Taking of Ajmal Naqshbandi“ zu sehen. Zurück im Auto, dreht Parenti die Kamera auf sich selbst: „Hier sehen Sie den erleichtertsten amerikanischen Reporter in Afghanistan.“ Der Topos des unerschrockenen Journalisten als heimliche Hauptfigur zieht sich durch die meiste Taliban-Berichterstattung. Und der Zuschauer wird zum Mitgruseln eingeladen.

Der kanadische Journalist Graeme Smith versuchte dem Phänomen des militanten Islamismus auf seine Art auf die Spur zu kommen. Er wollte nicht getötet oder entführt werden und ließ deshalb einen afghanischen Forscher 42 Videointerviews mit Fußsoldaten der Taliban in Kandahar führen. In seinem „Porträt des Feindes“ heißt es: „Sie sind wild und furchteinflößend, aber auch stolz und bisweilen poetisch. Sie nutzen die Sprache des radikalen Islams, aber ihre Botschaften sind oft nicht mehr als fremdenfeindlich und getrieben von dem Willen, ihre Lebensart zu beschützen.“

Die Autoren Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn verbrachten vier Jahre damit, die Autobiographie eines der Mitgründer der Taliban, Abdual Salam Zaeef, zu redigieren und zu übersetzen (2). In dieser Zeit arbeiteten sie eng mit dem Ex-Talib zusammen, der nach dem Sturz des Regimes 2001 in amerikanische Gefangenschaft geriet und seit 2005 zurückgezogen in Kabul lebt. Sie haben wohl mehr Zeit in der Gedankenwelt der radikalislamischen Bewegung gelebt als jeder andere westliche Reporter. „Wir fühlen tiefe Demut angesichts der Erfahrungen, die er (Zaeef) in seinem Leben gemacht hat und trotz deren er sich seine Menschlichkeit, Gutherzigkeit und Anständigkeit bewahrt hat“, heißt es im Vorwort der beiden Autoren.

„Kenne deinen Feind“, schreibt der chinesische Militärstratege Sun Tzu, der in solchen Zusammenhängen gern zitiert wird. Doch die Berichte geben wenig Aufschluss über die Militärstrategie oder die Organisationsstruktur der Taliban. Sie zeigen uns merkwürdige Männer mit Ängsten und Launen, in bisweilen peinlichen und manchmal vertrauten Situationen, mit Großmannsgelüsten und gekränktem Ehrgefühl, manche sympathisch, andere weniger. Männer, die mit westlichen Taliban-Phantasien wenig gemein haben.

So wie der 200-Dollar-Talib aus Wardak, der sich am Ende des Gesprächs für ein Foto zurechtmacht. Innerhalb von drei Minuten verwandelt sich der schmächtige 24-Jährige mit dem fisseligen Spitzbart und dem verlegenen Lächeln in ein Abziehbild dessen, wie der Westler sich die Taliban vorstellt. Er wickelt sich einen Turban um den Kopf und verhüllt sein Gesicht, so dass nur noch zwei finster dreinblickende Augen sichtbar sind. Es ist kurz vor Rosenmontag.

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Time am 21. Februar 2010

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1) Die Reportage von Najibullah Quraishi kann bei YouTube angesehen bzw. runtergeladen werden. Sie ist m.E. unbedingt sehenswert. Die oben beschriebenen Szenen befinden sich im vierten Teil (2:45, 6:45, 8:00). Teil 1: http://www.youtube.com/watch?v=obSOmABJorw Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=VDIeN1aAx9k&NR=1 Teil 3: http://www.youtube.com/watch?v=7Qbd6iw0GUQ Teil 4: http://www.youtube.com/watch?v=DNfnjfno2Ng&feature=related Teil 5: http://www.youtube.com/watch?v=b9z-LOJl7dQ&feature=related

2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/17/guter-alter-„neuer-krieg“/

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