Die Malediven, madig gemacht

Normalerweise bin ich von den penetranten Aufforderungen der Reiseteile deutscher Zeitungen und Zeitschriften genervt, nun endlich verdammt nochmal in einem mohammedanistischen Land Urlaub zu machen. Heute gibt es in der FAZ jedoch einen Bericht von den Malediven (1), der auf mich so beklemmend wirkte, dass ich ihn dem Undercover-Counterjihad (2) zurechne. Lesen Sie den Text von Anne-Dore Krohn:

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Gut getrennt

Es ist nicht leicht, sich auf den Malediven unter Einheimische zu mischen. Drei Annäherungen im „Island Hideaway“ auf Dhonakulhi

Am Anfang, sagt Fathima, habe sie sich vor den Touristen gefürchtet. Sie hatte gehört, dass sie laut sind, fast nackt herumlaufen, Mengen von Alkohol trinken und stundenlang nichts anderes tun, als in der Sonne herumzuliegen. Gesehen hatte Fathima noch keinen einzigen Touristen, als sie nach Dhonakulhi kam. Dabei liegen zwischen der Hotelinsel, auf der vor fünf Jahren das „Island Hideaway“ eröffnete, und der Heimatinsel der zwanzigjährigen Kindergärtnerin nur fünfzehn Minuten mit dem Motorboot. Aber das ist eben nur die geographische Distanz.

Wir dagegen haben eine Reise um die halbe Welt hinter uns, als wir auf Dhonakulhi, einen Begrüßungscocktail trinkend, unsere Zehen in den Sand bohren. Einen Flug nach Male, einen Flug nach Hanimaadhoo, und eine turbulente Fahrt mit dem Motorboot. Das „Island Hideaway“ liegt da, wo die Malediven fast schon wieder aufhören, im Haa-Alifu-Atoll ganz im Norden. Dhonakulhi ist maledivenuntypische anderthalb Kilometer lang, was bedeutet, dass man auf Fahrrädern zwischen Spa, Tauchbasis und Strandvilla herumfährt. Außerdem kann man sich hier nicht nur wunderbar vor der Welt verstecken, sondern auch sehr gut vor den anderen Gästen. Es ist ein Ort, an dem wir sofort genau das tun wollen, wovon Fathima schon gehört hatte, dass Touristen es tun würden: laut lachen, Mengen von Alkohol trinken, halbnackt schnorcheln gehen und vor allem stundenlang einfach herumliegen.

Die Einzigen, die uns dabei zusehen, sind die Hotelangestellten. Fathima fürchtet sich schon lange nicht mehr vor Touristen, sie ist seit über einem Jahr hier, auch ihre Verwunderung hat sich gelegt. Dennoch hält sie lieber Abstand zu den Ausländern, anders als einige ihrer maledivischen Kollegen. Nur wenige einheimische Frauen arbeiten in den Hotels, viele Familien möchten ihre Töchter von den freizügigen Touristen fernhalten. Und weil ausländische Arbeitskräfte billiger und oft besser ausgebildet sind, machen Malediver in den meisten Hotels ohnehin nur die Hälfte der Angestellten aus. So viele müssen es sein, das ist Gesetz.

Eine Indonesierin massiert uns balinesisch, ein Deutscher begleitet beim Tauchen, ein italienischer Sommelier legt uns nahe, dass „Zimmertemperatur“ auf den Malediven ein anderes Wort für „kühlen“ ist. Es ist eine globalisierte Hotelwelt wie an vielen Orten in der Welt, aber mit dem Unterschied, dass man im Land der 1200 Inseln nicht einfach aus dem Hotel hinauslaufen kann, um die einheimische Lebensart anzuschauen. Und in Male werden Touristen sofort zum Anschlussflug zum Hotel geschleust, ohne die Hauptstadt zu sehen.

Jahrzehntelang hat die maledivische Regierung unter Gayoom streng zwischen Einheimischen- und Touristeninseln getrennt. Nur die Malediver, die in Male leben oder in den Hotels arbeiten, bekamen bisher die freizügigere Parallelwelt der Ausländer zu sehen. Das soll sich jetzt ändern: Im letzten Jahr kündigte der neue demokratisch gewählte Tourismusdirektor an, dass die 300 bewohnten Inseln mit Fähren verbunden werden sollen, auch Unterkünfte für Touristen sind geplant. Doch es geht nur langsam voran, auch weil die zu hundert Prozent muslimische Bevölkerung selbst ihre Zweifel hat, wie nah sie den Touristen kommen möchte.

Fathima erzählt, dass sie jetzt einen Freund habe. Einen Malediver aus dem Wassersportzentrum, in dem man Bananaboats und Katamarane ausleihen kann. Wenn sie heiraten, wird Fathima ihre Arbeit kündigen und zu ihrer Schwiegermutter ziehen. Sie wird dann eine der vielen Frauen sein, deren Männer Gastarbeiter im eigenen Land sind und ihre Familien nur alle paar Monate sehen können. Männer, die den Sand von einer Seite der Inseln auf die andere karren gegen die Erosion, Männer, die Zigarettenstummel aus den Sandaschenbechern ziehen, die Oberfläche glattstreichen und einen Hotelstempel hineindrücken.

Oder Männer, die all das tun und noch viel mehr. Im „Island Hideaway“ hat jede der 43 Villen einen eigenen Butler. Wir müssen auf dem Telefon nur den „But-ler“-Knopf drücken, wenn uns etwas einfallen sollte, das uns noch fehlt. Obwohl doch eigentlich sowieso schon alle Wünsche erfüllt sind, allein durch die Tatsache, dass man einfach nur da ist.

Wenn man den Butler Ali bittet, von sich zu erzählen, setzt er sich auf die vorderste Stuhlkante und beantwortet die Fragen mit der gleichen höflichen Geflissenheit, wie er Tee serviert oder einem alles aus der Hand nimmt, was man selber tragen wollte. Er ist jetzt 21, bald wird er heiraten. Bis dahin möchte er zum Senior Butler aufsteigen, dann könnte er mehr Geld nach Hause schicken. Er würde sich gerne mit Weinen auskennen, danach fragen die Gäste oft. Es ist ein Glück, dass Luigi, der Sommelier, viele und treffende Worte verlieren kann über Geschmack und Fülle und Konsistenz, denn für die muslimischen Butler ist die Degustation eine trockene Angelegenheit, offiziell probieren dürfen sie nicht.

Nur wenn Ali betet, stellt er sein Handy lautlos. Sonst ist er immer erreichbar, holt die Gäste ab, bringt Handtücher, hütet Kinder, lässt Badewasser ein, trägt einen Schnorchel herbei. Es gibt nichts, das er nicht tun würde, sagt er. Er überlegt eine Weile, bis er vorsichtig korrigiert: einer Touristin den Rücken eincremen, das würde er ablehnen. Aber er würde schnell die Frauen aus dem Spa zu Hilfe holen.

Sein Kollege Hussain ist einer der wenigen Malediver, die ihre Familie etwas öfter sehen, denn Hussains Frau und seine Töchter wohnen auf der Nachbarinsel Utheem. Wenn Touristen den „Ausflug auf die Einheimischeninsel“ buchen, ein Programmpunkt wie Schnorcheln oder Cocktailfahrten, dann führt Hussain sie herum. So ein Ausflug ins echte Leben der Malediver ist meist eine seltsame Veranstaltung: Eine Insel pro Atoll kann zu bestimmten Öffnungszeiten von den umliegenden Hotels besichtigt werden, die Einheimischen schließen ihre Souvenirläden auf, die Gäste machen Fotos, und nach einer Stunde ist der Kulturaustausch wieder vorbei.

Doch wenn man das Glück hat, mit Hussain nach Utheem zu fahren, kommt man der maledivischen Lebensart etwas näher. Ein bisschen zumindest. Auf Utheem hat Hussain einen Rundgang vorbereitet, der den kulturellen Höhepunkt, die Palastruinen des Volkshelden Mohammed, gleich am Anfang abhakt, um dann zu einer Privatführung durchs Inselleben der Gegenwart zu werden. Er nimmt uns mit zu den Frauen, die aus Palmstroh Kordeln rollen, und zu den Jungen, die das traditionelle Bodu Beru trommeln.

Auch Hussains Familie wird besucht, drei Töchter und seine Frau, die sich scheu fotografieren lassen. Hussain lässt uns sogar auf sein Moped aufsteigen, für eine Spritztour über die 850-Einwohner-Insel. Und als hätte er gewusst, wann der Regen wieder einsetzt und die Straße zu einem Muster aus braunen Rinnsalen aufweicht, dirigiert er an einen Plastiktisch in einem Café, auf dem innerhalb von Minuten maledivische Tapas stehen, Teigtaschen mit Fisch, Kokos und vor allem mit viel Chili und Curry gefüllt.

Auf dem Rückweg zum Boot riecht es nach nassen Blättern, langsam sinkt die Sonne. Am Strand spielen die Frauen der Insel Volleyball. Barfuß stehen sie im Sand, in Kopftüchern und Gewändern bis zu den Handgelenken und Knöcheln. Zwei Frauen aus unserer Gruppe werden von ihnen eingeladen, mitzuspielen. Unsere Röcke und T-Shirts fliegen, die Tücher, die wir uns für den Ausflug über die Schultern geworfen haben, liegen schnell im Sand. Aber so sehr wir uns auch anstrengen: Fast jeder unserer Bälle landet auf dem Boden oder im Netz.

Später, als das Motorboot zur Hotelinsel zurückbraust, brennen unsere Münder und Zungen vom Chili und unsere Hände vom Volleyballspielen. Noch vom Meer aus können wir die dunklen Silhouetten der Volleyballspielerinnen sehen, die vor dem hellen Strand in die Höhe springen. Die Frauen auf Utheem fürchten sich jedenfalls nicht vor den Touristen. Eher umgekehrt.

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Time am 28. Februar 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/07/maledivische-malaise/
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/01/17/undercover-counterjihad/

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