Die Taliban fordern Pressefreiheit

Gelegentlich verleihe ich meiner tiefen Verdrossenheit über die vielen korrupten und sensationsgeilen Medienvertreter Ausdruck (1). Überall müssen sie wichtigtuerisch hereinquaken und sich aufblasen. Niemand hat sie gewählt, aber sie erzählen uns und unseren Politikern, was Sache sei.

Sandra Petersmann berichtet für die ARD heute aus Afghanistan, wie die afghanische Regierung mit einem Verbot der Live-Berichterstattung von Anschlagsorten verhindern will, dass die Killerorks unmittelbare Befehle an ihre Kämpfer erteilen können (2).

Präsidentensprecher Walid Omar: „Live-Berichte vom Anschlagsort sind in der Vergangenheit von unseren Feinden benutzt worden, um ihre Leute am Boden in Stellung zu bringen und zu dirigieren. Das wollen wir in Zukunft durch einen neuen Mechanismus verhindern (…) Uns geht es bei dem neuen Mechanismus um zwei Dinge: Wir wollen nicht, dass der Feind durch die Live-Bilder konkrete Befehle geben kann. Und wir wollen unsere Sicherheitskräfte und Zivilisten schützen, Journalisten eingeschlossen.“ Überdies könnten die Taliban auch als Journalisten getarnte Terroristen oder Ich-Bomben am Unglücksort ein noch größeres Massaker unter den Hilfs- und Sicherheitskräften ausführen lassen.

Marco Seliger hatte in der FAZ den Ablauf eines klassischen Anschlags so beschrieben (3): „Am Morgen des 10. Juli 2009 erreicht eine britische Patrouille ein Dorf in der Nähe der afghanischen Stadt Musa Qala in der Provinz Helmand. Hier herrscht seit drei Jahren ein verlustreicher Kleinkrieg, das Gebiet ist Taliban-Land. Das Führungsfahrzeug ist weit in den Ort vorgedrungen, als es auf eine im Boden vergrabene improvisierte Bombe (IED, Improvised Explosive Device) auffährt. Als die Soldaten mit der Versorgung ihrer verwundeten Kameraden beginnen wollen, detoniert in unmittelbarer Nähe eine zweite, zielgenau ausgerichtete, mit Nägeln gespickte verdeckte Bombe. In das entsetzliche Chaos hinein wird anschließend aus den umliegenden Gebäuden mit Gewehren und Panzerfäusten gefeuert. Fünf britische Soldaten fallen, zahlreiche werden verwundet.“

Es handelt sich also um eine vernünftige, ja überfällige Idee.

Dieser Ansicht ist auch Kommentator „Gesundheitswissenschaftler“, und er schreibt: „Eine solche Maßnahme ist mehr als überfällig! Den entsprechenden Stellen mag es ja wie Zensur und Diktatur schmecken – das Interesse begründet sich wohl weniger in seriöser Berichterstattung als mehr in der Befriedigung katastrophenhungriger Bedürfnisse. Je mehr Tote, Verwundete, Panik, Blut und Dramatik desto mehr Quote und/oder Schlagzeile. Ganz nebenbei wird den Terroristen auch noch die Medienpräsenz geboten, mit der sich wunderbar das Geschäft mit der Angst weiter praktizieren läßt. Ich persönlich hoffe sehr, dass diese Verbote strikt (!) eingehalten werden.“

Eigentlich wäre damit alles gesagt, aber nun hält der Vorsitzende der Nationalen Journalisten-Union in Afghanistan, Abdul Hameed Mubarez, seine Stunde für gekommen: „Es hilft den Taliban überhaupt nicht, wenn wir live über Anschläge berichten. Im Gegenteil. Die Fernsehbilder zeigen ihren Terror und ihre Zerstörungswut. Aber die Bilder zeigen natürlich auch die Schwäche unserer Sicherheitskräfte. Deswegen will die Regierung Live-Berichte verbieten.“

Sandra Petersmann: „Der Vorsitzende der Journalisten-Union weist den Vorwurf zurück, die Medien brächten Polizisten und Zivilisten in Lebensgefahr. Es gehe darum, die Wahrheit zu zeigen, um die Bevölkerung zu schützen. ‚Das Verbot, das die Regierung durchsetzen will, verstößt gegen unsere Verfassung. Es nützt nur dem Geheimdienst und dem Innenministerium. Es riecht nach Zensur und Diktatur.'“ Ihre Journalisten sind offenbar genauso reflexgesteuert und konditioniert wie unsere. Zensur und Diktatur werden erkannt, weil nicht live aus einem dampfenden Leichenberg berichtet werden darf? Es geht ja wohlbemerkt nicht um die Berichterstattung an sich, sondern lediglich um die LIVE-Berichterstattung.

Natürlich kommt es auch dort zum Schulterschluss mit den Islamisten, der den Taliban-Schießbudenfiguren allerdings eine Lachnummer ersten Grades abverlangt und zeigt, wie verdammt gut die Idee ist. Die ARD: „Ein Sprecher der Taliban kritisierte das Verbot inzwischen medienwirksam (please WHAT? T.) als VERSTOSS gegen die PRESSEFREIHEIT. Dabei gab es während der Herrschaft der Islamisten gar keine Pressefreiheit. Bis zum Sturz ihres Regimes im November 2001 war sogar das Hören von Musik verboten. Heute gibt es in Afghanistan rund 300 Zeitungen, mehr als ein Dutzend Fernsehstationen und viele Hundert private Radiosender.“

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Time am 3. März 2010

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1) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/28/ich-bin-verdrossen/
2) http://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan1716.html
3) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/12/21/hauptwaffe-bombe/

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auch: https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/21/der-jedermann-als-taliban/

Eine sehr authentische Reportage über die Taliban bei der Arbeit (von Najibullah Quraishi) kann bei YouTube angesehen bzw. runtergeladen werden. Sie ist m.E. unbedingt sehenswert.
Teil 1: http://www.youtube.com/watch?v=obSOmABJorw
Teil 2: http://www.youtube.com/watch?v=VDIeN1aAx9k&NR=1
Teil 3: http://www.youtube.com/watch?v=7Qbd6iw0GUQ
Teil 4: http://www.youtube.com/watch?v=DNfnjfno2Ng&feature=related
Teil 5: http://www.youtube.com/watch?v=b9z-LOJl7dQ&feature=related

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auch: Augenzeugenbericht aus Kabul auf Orkseite. Beachten Sie bitte die Kommentare und verstehen Sie, das „moderate Mohammedanisten“ eine Fiktion, eine Täuschung oder eine Selbsttäuschung sind
http://www.toomuchcookies.net/archives/3503/ein-morderischer-freitagmorgen-in-kabul.htm

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