Das Regime schlägt um sich

Vorgestern berichtete Andreas Kilb in der FAZ von der Verhaftung des bedeutenden iranischen Regisseurs Jafar Panahi (1), dessen Film „Der Kreis“ (2) im Jahr 2000 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden war.

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Ein Mutiger in der Höhle des Löwen

Der Regisseur Jafar Panahi ist eine Symbolfigur des neuen iranischen Films. Jetzt hat ihn die Polizei in seinem Haus verhaftet.

Unabhängigkeit, hat Jafar Panahi vor Jahren in einem Interview erklärt, bedeute viel mehr als ökonomische Ungebundenheit. Unabhängig zu sein heiße, sich von den Vorgaben der Politik zu befreien und die Welt so zu zeigen, wie sie ist. Dieser Haltung hat der in Teheran lebende Regisseur sein Werk und sein Leben gewidmet.

Seit er vor zehn Jahren für seinen dritten Spielfilm „Der Kreis“ den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig gewann, gehört Panahi, Jahrgang 1960, zu den wichtigsten Stimmen des neuen iranischen Kinos. Spätestens seitdem steht er aber auch unter besonderer Beobachtung der Zensurbehörden seines Landes.

Jetzt ist Jafar Panahi zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter bei einer Durchsuchung seines Hauses verhaftet worden. Sein persönlicher Besitz, darunter mehrere Computer, wurde teilweise konfisziert. Wie der Nachrichtensender Al Dschazira berichtet, gehört die Festnahme zu einer Großoffensive der iranischen Zensur gegen oppositionelle Medien und Künstler, bei der auch die Tageszeitung „Etemad“ („Vertrauen“) und das Wochenblatt „Iran Docht“, das der Familie des Reformpolitikers Mehdi Karubi gehört, verboten wurden. Bereits Ende Juli 2009 war Panahi auf einem Friedhof in Teheran festgenommen worden, wo er an einer Trauerfeier für Neda Agha-Soltan teilgenommen hatte, jene Musikstudentin, die am 20. Juni bei einer Demonstration gegen das Regime Präsident Ahmadineschads von Polizeikräften erschossen und zum Symbol der Oppositionsbewegung geworden war. Und erst vor drei Wochen hatte man Panahi die Anreise zur Berlinale verweigert, wo er an einer Podiumsdiskussion zur Lage des iranischen Kinos teilnehmen sollte (F.A.Z. vom 17. Februar).

Die Behörden in Teheran wissen genau, warum sie gerade Jafar Panahi zum Schweigen bringen wollen. Denn unter den fünf, sechs international bekannten Regisseuren seines Landes hat er die Missstände in Iran immer am deutlichsten zur Sprache gebracht. „Offside“, der Film, mit dem Panahi 2006 den Jurypreis der Berlinale gewann, ist ein ebenso schreiendes wie stellenweise hochkomisches Plädoyer gegen die Geschlechtertrennung, „Crimson Gold“ von 2003 ein düsterer Lagebericht zur Situation der ärmeren Teheraner Bevölkerungsschichten, „Der Kreis“ ein dramatischer Aufruf zur Befreiung der persischen Frau aus ihrer täglichen Sklaverei.

Dass Panahi angesichts der Themen seiner Filme überhaupt noch in seinem Heimatland arbeiten konnte, ist ein Wunder. Immerhin verrät es einiges über die Freiräume, die es in Iran zumindest vor der manipulierten Präsidentenwahl vom vergangenen Jahr noch gegeben hat.

Diese Räume will das Regime nun offenbar beseitigen. Sein Kalkül, durch einen Schlag gegen den mutigsten Mann auch die weniger mutigen einzuschüchtern, könnte aufgehen. Abbas Kiarostami, der Patriarch der Kinobewegung, stellt gerade einen Film in Italien fertig, Babak Payami, ein anderer Unbequemer, lebt seit Jahren im Ausland, und Rafi Pitts ist mit seiner „Zeit des Zorns“ zur allgemeinen Überraschung ohne Festivalpreis aus Berlin zurückgekehrt. Aber die Zensur könnte sich auch verrechnet haben. Wer einen Künstler hinter Gitter bringt, weckt die Kräfte auf, für die er spricht. Und das sind nicht nur die weltweiten Medien. Es sind auch die Menschen in Iran.

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In einem Interview mit dem „Standard“ vor fünf Jahren war Panahi noch sehr optimistisch gewesen und hatte die Erweiterung der Freiheit für die Iraner prognostiziert (3).

Gefangen im Labyrinth der Stadt

Vier Frauen auf dem Weg durch Teheran: In „Dayereh/ Der Kreis“, dem im Jahr 2000 in Venedig mit einem Goldenen Löwen prämierten Film von Jafar Panahi, sind sie Modellfälle für ein gesellschaftliches System der Ausschließung und permanenten Bedrohung. Dominik Kamalzadeh sprach darüber mit dem iranischen Autor und Regisseur.

Wien – Die erste Nachricht verheißt nichts „Gutes“: die Geburt eines Mädchens. Eine Frau im Tschador ist daraufhin voll Sorge, weil sie nun die Ächtung ihrer Tochter, der Mutter des Kindes, befürchtet. Jafar Panahis „Dayereh/ Der Kreis“ etabliert ab der ersten Szene denkbar offensiv sein Grundthema: die Stellung von Frauen in der iranischen Gesellschaft. Die anfangs offene Form des Films verengt sich darin zunehmend, wandelt sich zu angespannten Situationen der Bedrohung.

Wenn Panahi die Wege von vier Frauen mitverfolgt, die im Laufe eines Tages durch Teherans Straßen irren, dann beschreibt er weniger individuelle Schicksale als Modellfälle, die ein soziales System der Ausschließung aufscheinen lassen, in dem schon das Rauchen einer Zigarette zum Risiko wird. Die dauerhafte Präsenz von Polizisten, die nur im Hintergrund auftauchen, verstärkt den Eindruck massiver Überwachung.

STANDARD: Der Titel des Films, „Der Kreis“, gibt gewissermaßen die erzählerische Bewegung vor. Hat diese Form für Sie auch eine symbolische Bedeutung – ein Teufelskreis?

Jafar Panahi: Wenn man den Teufelskreis so definiert, dass es daraus kein Entrinnen gibt, dann nicht. Es ist vielleicht im Film so, dass die Frauen in einem Teufelskreis gefangen sind und es nicht schaffen, daraus auszubrechen. Aber letztlich habe ich ja innerhalb des gleichen Teufelskreises meinen Film produziert – und er konnte gemacht werden, konnte also aus dem Kreis ausbrechen. Er zeigt die momentane gesellschaftliche Situation in Iran, dieses Eingekreistsein – und der Radius wird sich noch vergrößern.

STANDARD: Es gibt ja eine ganze Reihe von jüngeren iranischen Filmen, die vom Dasein der Frauen erzählen. Ihrer ist einer der pessimistischsten. Woran knüpfen Sie die Utopie in „Der Kreis“, wenn darin schon die Geburt eines Mädchen als eine Art Stigma erscheint?

Jafar Panahi: Ich möchte meinen Film gar nicht so sehr mit anderen vergleichen: Jeder nimmt etwas anderes wahr. Ich habe bisher Kinderfilme wie „Der weiße Ballon“ gemacht. Da habe ich mit kleinen Mädchen zusammengearbeitet – natürlich ist das noch eine fröhlichere, optimistische Welt. Aber irgendwann werden auch diese kleinen Mädchen erwachsen, und das sieht dann ganz anders aus. Insofern ist die Perspektive in meinem Film eine realistische und keine pessimistische.

(…)

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Manchmal ist eine pessimistische Sicht die realistischere. Ich verstehe nicht, dass Panahi sich nicht schon vor Jahren abgesetzt hat. Das ist das Resultat der Zuckerbrot-und-Peitsche-Methode des Regimes, die es anwendet, um seinen faschistischen Charakter zu verschleiern und den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Dann und wann greift es nach Belieben zu (Razzia ist ja eine mohammedanistische Erfindung, ein Gewaltherrschaftsinstrument), und die Menschen denken: „Puh, Glück gehabt, davongekommen. Und der Panahi, das war ja auch irgendwie so ein komischer Typ, vielleicht ist was dran an den Vorwürfen… So schlimm ist das doch alles gar nicht.“ Nicht nur seine Opposition, auch sein gleichzeitiges Appeasement dem Regime gegenüber hat Herrn Panahi vielleicht in diese Lage gebracht. Die Schergen wiederum haben, wie man es aus den Zeiten des Nationalsozialismus kennt, gleich auch seine Familie in Sippenhaft genommen.

Hoffentlich läßt Gardinenstanges Kamarilla die Leute bald wieder gehen.

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Time am 5. März 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Jafar_Panahi
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Kreis_(2000)
3) http://derstandard.at/843972/Gefangen-im-Labyrinth-der-Stadt?_lexikaGroup=12

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