Ban the Taliban

Vorgestern unternahm Jordan Mejias in der FAZ die Sichtung diverser amerikanischer Zeitungen zum Thema Taliban und mohammedanistischer Terrorismus. Über die Stärke unserer Feinde herrscht keine Einigkeit und über die Wahl der Mittel natürlich auch nicht. Allerdings scheinen die Ansichten, dass man weder mit Verhandlungen etwas erreichen kann, noch dass es unsere Aufgabe bzw. uns möglich sei, den Orks demokratische Wohlfahrtsstaaten hinzuzaubern, in Amerika weiter verbreitet zu sein als in Deutschland.

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Zum Tee bei den Taliban

Geschichten, die nie erzählt wurden:
Schlappe für Bin Ladin, Konditionsschub für die Demokratie

Allein die Schlagzeile der Titelgeschichte wäre angetan, Samuel P. Huntington noch im Jenseits einen Schock zu versetzen. „Wie Bin Ladin den Kampf der Kulturen verlor“, versucht uns Fareed Zakaria in „Newsweek“ zu erklären, und zwar in einer untold story, naturgemäß einem Stück voller Enthüllungen und Überraschungen. Denn Zakarias Geschichte, die so noch niemand erzählt hat und die hier erstmals zu lesen ist, handelt vom Triumph der gemäßigten Muslime. Sie hätten einen Krieg gegen die Extremisten geführt und gewonnen. Angesichts der weiterhin erregten Debatte, wie zumindest Europa sie über den Islam und den Islamismus führt, dürfte diese an sich sehr gute Nachricht nicht ohne laute Rufe nach Belegen aufgenommen werden.

Zakarias glaubt, sie liefern zu können. Wenn er das Terrain des „Krieges gegen den Terror“ überblickt, sieht er einen dramatischen Wandel. Nicht länger bestehe die Gefahr, dass ein wichtiges Land der dschihadistischen Ideologie unterliege. Von Dubai bis Amman und Kairo hätten in den meisten muslimischen Nationen Mainstream-Herrscher ihre Regime und Gesellschaften stabilisiert und Extremisten in die Isolation getrieben. Daraus seien noch keine Demokratie à la Jefferson und kein Liberalismus hervorgegangen, aber moderne, einigermaßen säkulare Kräfte hätten jetzt klar die Oberhand gewonnen und würden in der muslimischen Welt weithin unterstützt. Es sei ein Trend, der von Umfragen, Wahlen und tiefgreifenden Studien bestätigt werde. Worüber wir uns nun Sorgen machen müssten, sei keine politische Bewegung mehr, sondern eine Handvoll Fanatiker, die sich über den ganzen Globus verteilten. Gegen diesen konkreten Feind sei zu kämpfen, nicht gegen den in unserer Vorstellung.

Im bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt, in Indonesien, so Zakaria, sei der Dschihadismus am erfolgreichsten bekämpft worden. Aber auch im Irak, wo Al Qaida zunächst militärisch Erfolge erzielte, habe die Organisation durch ihre Brutalität politisch an Halt verloren. Der Forderung westlicher Kommentatoren, gemäßigte Muslime sollten sich gegen Dschihadisten und Selbstmordattentäter aussprechen, seien viele von ihnen durchaus nachgekommen, so etwa einer der prominentesten Mentoren Bin Ladins, der Großmufti von Saudi-Arabien, Führungspersönlichkeiten der ägyptischen Al-Azhar-Universität und der indischen Darul-Uloom-Bewegung, ja sogar einer der Cheftheoretiker von Al Qaida. Vor allem aber hat Zakaria beeindruckt, dass auch Familienangehörige von militanten Extremisten deren Taten zu verurteilen begannen und die Bevölkerung in den meisten muslimischen Ländern, ob in Jordanien, Pakistan, Indonesien oder Bangladesch, überwiegend jede Gewalt im Namen des Islams verurteilt.

Deswegen ist Zakaria nicht der Ansicht, der Islam habe an religiöser Kraft verloren oder sei im Begriff, sich zu reformieren. Das könnte noch Jahrzehnte dauern. Aber die Schlacht gegen den Dschihadismus sei besser und schneller verlaufen, als wir es uns je erträumt hätten. Auf seiner Landkarte des Erfolgs unterschlägt Zakaria nicht die Ausnahmen: Afghanistan, Pakistan, Jemen.

Es wird ihn darum nicht verwundern, wenn in der gleichen Ausgabe von „Newsweek“ Ron Moreau und Sami Yousafzai behaupten, der Versuch der amerikanischen Regierung, Afghanistan mit Geld und Jobs zu befrieden, sei zum Scheitern verurteilt. Rache leite nunmehr die Taliban, Rache für gefallene Kampfgenossen und Familienmitglieder, die von Koalitionstruppen getötet oder erniedrigt wurden. Geld sei dagegen wertlos.

Und für sinnlos aus historischen Gründen hält es Michael Rubin vom konservativen American Enterprise Institute, mit den Taliban Tee trinken zu wollen. Clinton hätte es probiert, ohne jedes Ergebnis, und wenn Obama es ihm gleichtue, sei ihm gewiss kein erfreulicheres Los beschieden. Apart wird Rubins Warnung in „Commentary“ allerdings dadurch, dass er Bill Clinton für den Großteil der jetzigen afghanischen Katastrophe verantwortlich macht und George W. Bush gar nicht erst in die Rechnung miteinbezieht.

Während Rubin sich jedes konstruktive Handlungsrezept versagt, hält Doug Bandow, sein politisch Seelenverwandter vom Cato Institute, sich mit Ratschlägen nicht zurück. Al Qaida sei zwar nur noch ein Schatten seiner selbst, schreibt Bandow in „Chronicles“, aber ein Ende des Krieges rücke in immer weitere Ferne. Die Vereinigten Staaten indes hätten die Macht der Taliban gebrochen und damit das Regime, das Al Qaida aufnahm, bestraft. Wäre doch genug gewesen, oder? Bei allem Wohlwollen gegenüber dem afghanischen Volk setze sich das amerikanische Nationalinteresse nicht aus humanitären Gefühlen zusammen. Terroristen zu töten sei nun mal einfacher, als eine Gesellschaft zu erneuern. Es gehöre nicht zu Washingtons Arbeitspensum, Staaten und Nationen aufzubauen, wo es keine gegeben habe.

Solche isolationistischen Tendenzen finden wenig Gegenliebe in „The New York Review of Books“, wo Ahmed Rashid der vorherrschenden Meinung, die Taliban müssten, um mit ihnen verhandeln zu können, erst geschwächt werden, vielleicht allzu träumerisch widerspricht. Solange sie sich stark fühlten, glaubt Rashid, seien sie nämlich eher zu Kompromissen bereit. Ein neuer Ton sei schon zu vernehmen, Anzeichen von Flexibilität gebe es in ihren Verlautbarungen, zum Beispiel in einer Antwort auf eine Rede Obamas. Statt mit Dschihad und islamischem Recht zu drohen, begnügten sie sich damit, als patriotische Kämpfer für die Unabhängigkeit Afghanistans aufzutreten. Rashid plädiert für eine Aussöhnung der afghanischen Regierung und Afghanistans Nachbarn mit den Taliban, unter Mithilfe der Nato und der Vereinten Nationen. Käme es nicht dazu, brauchten die Taliban nur auf den Abzug der Amerikaner zu warten, um dann richtig zuzuschlagen.

Von einem Geheimtreffen, bei dem amerikanische und pakistanische Generäle auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln über Operationen gegen die Taliban und Al Qaida berieten, hat Michael Crowley erfahren. In „The New Republic“ zeichnet er ein vielschichtiges Bild der Probleme, um deren Lösung die beiden Hauptfiguren, Michael Mullen, der Chef der Joint Chiefs of Staff, und Ashfaq Parvez Kayani, der „womöglich mächtigste Mann Pakistans“, sich gemeinsam bemühen. Wie weit die Gemeinsamkeit geht, ist freilich nie ganz auszumachen. Amerikaner fragen sich, ob Kayani und seine Mannen den Kampf ernst nehmen oder all den Milliarden Dollar an amerikanischer Militärhilfe zuliebe nur ein bisschen Kampf vorspielen. Pakistani fragen sich, warum ihr Militär im eigenen Land nach Übeltätern sucht und nicht den Großfeind Indien ins Visier nimmt. So kommt das „ultimative Anti-Terror-Abenteuer“ in Schwung.

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Joseph Croitoru untersuchte in der gestrigen FAZ die aktuelle Ausgabe der Taliban-Illustrierten „Standhalten“ (#48), und er stellte eine seltsame Ambivalenz zwischen Feindschaft und Sympathie Deutschland gegenüber fest. Die Ausführungen unser Feinde zeichnen sich offenbar durch ein hohes Maß an geistiger Verwirrung aus, aber die Fussels geben sich kämpferisch und widersprechen somit der Analyse Fareed Zakarias (s.o.). Der Cartoon unten stammt übrigens von Burkhard Fritsche (Burkh).

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Talib, schlag den Faschismus

Die Propaganda der afghanischen Krieger schwankt zwischen alter
Sympathie für die Deutschen und aktueller Feindschaft.

Den politischen Gegner im eigenen Land unvermittelt als „Nazi“ zu beschimpfen mag in den rhetorischen Schlachten im Westen aus der Mode gekommen sein. Umso mehr Konjunktur haben seit den Anschlägen des 11. September 2001 jetzt PEJORATIVE Begriffe wie „Islamofaschismus“ (Das ist kein herabsetzender sondern ein analytischer Begriff, T.). Etwas in dieser Richtung muss der britische Verteidigungsminister John Hutton im HINTERKOPF gehabt haben, als er Ende 2008 die afghanischen Taliban mit den Nationalsozialisten verglich.

Den Einsatz seiner Soldaten in Afghanistan RECHTFERTIGTE der Brite mit der Erklärung: „Es ist ein Kampf gegen Fanatiker, die vielleicht nicht unsere Grenzen herausfordern, aber unseren Lebensstil, genauso, wie die Nazis es taten.“ Tatsächlich schien Hutton hier in bester britischer Manier ein säkulares Pendant zur sakralisierten Rhetorik des amerikanischen Präsidenten George W. Bush gefunden zu haben, dessen „Kreuzzug“ gegen den islamistischen Terrorismus als Kampfmetapher nun unter seinem Nachfolger Barack Obama obsolet geworden ist. Huttons Nazi-Analogie ist, aus durchaus nachvollziehbaren Gründen, hierzulande zwar kaum auf fruchtbaren Boden gefallen, dafür hat sich aber zusehends umgekehrt die Bezeichnung „Taliban“ für Neo-Nazis etabliert. (Joseph Croitoru scheint Huttons Einschätzung nicht zu teilen, d.h. nach seiner Meinung sind die Taliban nicht mit den Nazis vergleichbar. Warum eigentlich nicht, da sie doch Judenfeinde und Terroristen sind, ihren jeweiligen Führern huldigen und gezeigt haben, dass sie ein extrem grausames Schreckensregime errichten, wenn man sie läßt? T.)

Im arabischsprachigen Kulturraum haben Nazi-Vergleiche eine lange Tradition. Nur allzu gerne geißelt man den Zionismus oder den Westen als faschistisch, um sich als deren Opfer darzustellen. Die einstige Kooperation faschistisch angehauchter oder auch – wie im Falle der ägyptischen Muslimbrüder – islamistischer Kräfte in der arabischen Welt mit den Nationalsozialisten wird dabei naturgemäß unter den Tisch gekehrt (Die Hamas-Schergen grüßen aber ganz offen mit dem Hitlergruß, und meine arabischen Bekannten haben sich stets und ausnahmslos offen positiv über Hitler geäußert. T). Dass die Präsenz deutscher Soldaten am Hindukusch einen Transfer dieser Analogien dorthin bewirken würde, war eigentlich vorauszusehen. Dass sie in die Propaganda der Taliban erst jetzt Eingang finden, ist eher verwunderlich. (Das ist vielleicht allein auf deren Dämlichkeit zurückzuführen: Sie benutzen „Nazi“ nur als Schimpfwort, weil sie anders als die Pallies keine Ahnung vom Nationalsozialismus haben und nicht wissen, dass er ihren kühnsten Träumen vorgegriffen hat. T.)

Die jüngste, insgesamt fünfundvierzigste Ausgabe ihrer arabischen Monatsschrift „Al Somood“ (Standhalten) enthält einen Beitrag mit einem etwas befremdlich wirkenden Titel: „Der deutsche Militarismus in Afghanistan stellt auch eine Bedrohung für Europa und die ganze Welt dar.“ Erst der Untertitel verweist auf die globale Perspektive, aus der die islamistischen Propagandisten die Präsenz deutscher Soldaten in ihrem Land deuten: „Die faschistischen Vereinigten Staaten wollen, noch bevor sie selbst auf dem Misthaufen der Geschichte landen, die Welt in Schutt und Asche legen.“ In dem Artikel entwickeln die Autoren ihre eigene Version von der Genese der gegenwärtigen deutsch-amerikanischen Beziehungen. Die Amerikaner, die eigentlichen Faschisten, hätten zwar das Dritte Reich militärisch bekämpft, doch nur, um die deutsche Industrie zu zerstören und sie anschließend unter eigener Ägide wieder aufzubauen.

Und zu diesem Zweck habe Washington die Ölvorkommen Arabiens ausgebeutet. Mit Hilfe des deutschen Militarismus, so die These, beabsichtigten die Vereinigten Staaten nun, ihren Griff auf Europa zu festigen: Das ZEITALTER des FASCHISMUS drohe dort zurückzukehren.

In Afghanistan ließen sich jetzt schon die ersten Anzeichen seiner Entstehung erkennen. Der deutsche Einsatz habe nämlich auch zum Ziel, im Land eine afghanische „Gestapo“ aufzubauen. Aus Sicht der Islamisten sind die neuen afghanischen Sicherheitskräfte indessen Täter und Opfer zugleich, denn die von den Vereinigten Staaten geführten Isaf-Truppen wollten sie doch nur als Schutzschilde im Kampf gegen die eigentlichen Herren des Landes einsetzen, deren Staat hier zum „Islamischen Emirat Afghanistans“ stilisiert wird.

Bei all diesen vordergründig antideutschen Geschichtsanalogien fällt allerdings auf, dass die Deutschen in dem Taliban-Organ ebenso in die Kategorie der Opfer wie die der Täter eingereiht werden: Schließlich werden sie den islamistischen Eiferern zufolge doch von den amerikanischen Faschisten bei deren Streben nach Weltherrschaft gezielt instrumentalisiert. Ein Hauch von jenem traditionell-afghanischen Bild des „guten Deutschen“ weht merkwürdigerweise immer noch durch dieses Pamphlet, in dem sogar für das deutsche Volk unterschwellig Sympathie bekundet wird: Versuche doch Verteidigungsminister zu Guttenberg die deutsche Öffentlichkeit über die wirkliche Lage in Afghanistan zu täuschen, indem er von „kriegsähnlichen Zuständen“ spreche. Und fast schon überrascht wird der Leser zunächst, als die Autoren eine andere Aussage zu Guttenbergs als sachlich richtig beurteilen: Die Entsendung weiterer deutscher Soldaten werde nicht zu einer Ausdehnung des Kampfeinsatzes in Afghanistan führen, sondern diene lediglich der Erholung der dort Stationierten. (Die Ambivalenz zwischen Feindschaft und Sympathie Deutschland gegenüber ist also nicht in einer vagen Erinnerung an einstmal gute Beziehungen oder einer Bewunderung Nazideutschlands begründet, sondern eher in dem Versuch, den „großen Satan“ als singulären Feind zu betrachten, dem man seine Hilfstruppen abspenstig machen möchte. Joseph Croitoru jedenfalls legt für seine These „alte Sympathie für die Deutschen“ keinen Hinweis aus dem Taliban-Magazin vor. T.) Dies entspreche tatsächlich der Realität, triumphiert „Al Somood“, denn die Besatzungssoldaten seien „psychisch am Ende“ und mangels vorweisbarer Kampferfolge auch „frustriert“ – und das sei erst der Anfang.

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Time am 6. März 2010

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