Najem Wali: Dämon Israel

Ich habe vor einiger Zeit über den irakisch-stämmigen Schriftsteller Najem Wali (1) und sein Buch „Reise in das Herz des Feindes“ berichtet (2). Mittlerweile habe ich die Hälfte des Buches gelesen, und ich werde wohl in lockerer Folge einige Fragmente einstellen.

Ich finde das Buch sehr empfehlenswert, zumindest für Leser mit orientalistischem Interesse. Wali ist jedoch kein Counterjihadi, er hat den Mohammedanismus m.E. nicht begriffen. „Muslimisch“ ist für ihn eine ethnische oder kulturelle aber keine ideologische oder politische Kategorie. Er beschreibt sich selbst als durch den Marxismus und Sartres Existenzialismus geprägt. Bei Mohammedanisten kann man meiner Erfahrung nach darüber schon fast froh sein, aber zu einem klaren Bekenntnis zum Westen kann sich Wali, zumindest wie ich das bisher gelesen habe, (wohl daher) nicht durchringen. Er verurteilt den Irakkrieg und das Agieren der US-Army. Wali war 1980 nach sechs Wochen Haft im Irak (sehr lesenswerter Bericht unter 3) über Kurdistan nach Deutschland geflohen und hat unsere Staatsangehörigkeit erhalten. Dennoch scheint er sich nicht als Deutscher oder Deutscher irakischer Herkunft zu sehen, sondern nach wie vor als Iraker, und das finde ich schade.

Seine Betrachtungen Israels sind weniger vom Verständnis der extrem schwierigen Lage dieses kleinen Landes und der enormen Leistungen seiner heroischen Bürger geprägt, als von der Erkenntnis, was für einen ungeheuren Verlust der Irak (und alle mohammedanistischen Länder) durch den fast vollständigen jüdischen Braindrain erfahren haben. Noch viel weniger kann er eine historische Mission Israels in Bezug auf den globalen Counterjihad erkennen.

Seinem Buch stellt er einige Zeilen voran, die er einem Brief des mohammedanistischen, ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Nagib Mahfuz (4) an den israelischen Literaturwissenschaftler Prof. Sasson Somekh (5) entnommen hat:

„Lasst uns gemeinsam zu Gott beten, dass er die heutigen Anstrengungen mit Erfolg kröne und unsere Völker den fruchtbaren Umgang wieder aufnehmen, den sie in der Vergangenheit über lange Zeit pflegten. Denn zweifellos arbeiteten unsere Völker für Jahrhunderte zum beiderseitigen Vorteil zusammen – in der Antike, im Mittelalter und in der Neuzeit. Von Streit geprägte Tage waren selten und nur von kurzer Dauer. Heute indessen sind wir leider nur daran interessiert, die Augenblicke des Konflikts hundertmal höher einzuschätzen als Generationen der Freundschaft und Zusammenarbeit. Ich träume von einer Zeit, in der Eintracht und gemeinsame Ziele dieses von den Fackeln der Erkenntnis und den Gesetzen des erhabenen Himmels gesegnete Land zum Leuchten bringen.“

Sprachlich von hohem Standard offenbart dieser Text m.E. ein erschreckendes Maß an Naivität bzw. Selbstbetrug. Wer von irgendjemand profitierte, das waren die allein Mohammedanisten von ihren Dimmis: Das war eine Einbahnstraße. „Von Streit geprägte Tage waren selten und nur von kurzer Dauer“: Weil die Dimmis mit exzessiver Gewalt unten gehalten wurden – im Sinne Allas, nicht Gottes. Als Motto seines Buches weisen diese Zeilen dem gesamten Text Walis einen Platz in der Kategorie „Quellen“ zu, was sie aber wie gesagt gleichwohl – je authentischer je mehr – dennoch lesenswert macht. Folgen Sie Walis Betrachtungen über das Feindbild „Israel“ bzw. „Jude“ in der mohammedanistischen Sphäre (S.14-20):

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Wenn in Israel oder im Nahen Osten jemand zur Welt kommt, dann saugt er die Geschichte des arabisch-israelischen Konflikts mit der Muttermilch auf. Israel wurde acht Jahre vor meiner Geburt gegründet. Stets musste ich mir die Worte anhören: „Du wurdest wenige Tage vor dem Suezkrieg geboren.“ Niemand erklärte mir jedoch, was es mit diesem Suezkrieg auf sich hatte!

Im Lauf der Jahre beginnt man dann, ob man will oder nicht, zu begreifen, dass sich die Auseinandersetzungen immer um Israel drehen werden. Ein Kind, das ein bisschen aufgeweckt ist, wird erkennen, dass das vor ihm ablaufende Gespräch über den arabisch-israelischen Konflikt eigentlich einen inneren Konflikt zum Ausdruck bringt. Denn viel mehr als um einen Konflikt zwischen Nationen handelt es sich um einen Kampf um die richtige Weltanschauung: Die erste ist „links gerichtet“ und bevorzugt derzeit die Anerkennung des Staates Israel in den Grenzen, wie sie 1947 von den Vereinten Nationen in dem bekannten Teilungsbeschluss vorgeschlagen wurden. Dieser Beschluss empfahl die Gründung zweler Staaten auf palästinensischem Boden: einen hebräischen und einen arabischen Staat. Die zweite ist die offiziell nationalistische, die durch Medienmacht und politischen Dogmatismus einen Großteil der Bevölkerung beeinflusst: Israel sei ein ins Herz der arabischen Nationen eingepflanztes Krebsgeschwür, das man ausmerzen müsse – so die Propaganda der chauvinistischen Araber.

Nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967, dem Debakel vom 5, Juni, oder – wie die Araber es mit dem nationalistischen Vokabular formulieren – der „vorläufigen Niederlage des Juni“, verschärften sich die Auseinandersetzungen und wurden immer aussichtsloser. Selbst für einen kleinen Jungen wie mich war Israel zu jeder Gelegenheit als der „Kleinstaat“ Israel gegenwärtig, der offiziell „der von Amerika erschaffene Kleinstaat“ hieß, um „die arabische Nation in Teilnahmslosigkeit‘ verharren zu lassen“. Das Thema Palästina, das „von den Juden in Beschlag genommen“ worden war, hemmte unsere eigene Entwicklung.

Es gab eine Frage, die mich schon früh beschäftigte und auf die ich damals keine Antwort fand: Wie konnte es diesem scheinbar unbesiegbaren Land gelingen, „die arabische Nation in Lethargie versinken zu lassen“, was die offiziellen Reden glauben machten? Wie konnte Israel die Araber mehr als einmal besiegen? Warum riefen die arabischen Herrscher stets dazu auf, „jeden Quadratzentimeter von Palästina zu befreien“? Warum glaubten diese Militärs, dass das Ende „des Kleinstaats der zionistischen Banden“ unweigerlich bevorstünde und Israel „über kurz oder lang von der Landkarte verschwinden würde“? Und warum glaubten die Menschen den auf Versammlungen ständig wiederholten Worten dieser Militärs? Warum rief keiner: „Wir haben genug von euren Heucheleien, mit denen ihr uns seit Jahrzehnten in den Ohren liegt! Ist es nicht endlich an der Zeit, dass ihr aus eurer Teilnahmslosigkeit erwacht?“

(…)

Die Heimaterde ist verloren, weil „zionistische Banden“ sie an sich gerissen haben – so die offizielle Lesart in Schulbüchern wie auch in Presse und Rundfunk. Kein Leben ohne Palästina, kein Frieden, ohne jeden Quadratzentimeter zurückerobert zu haben, kein Frieden, ohne den Felsendom vom „zionistischen Abschaum“ befreit zu haben – ganz gleich, wie viele Tote wir beklagen müssen, auch wenn ihre Zahl die der Vertriebenen übersteigt, die die israelische Armee aus ihren Dörfern gejagt hat. Wichtig ist für die Araber nur, den Traum zu verwirklichen. Die Menschen sterben freiwillig, sie sind zutiefst überzeugt, dass „Jerusalem und der Felsendom uns gehören“. Genauso haben sie verinnerlicht, dass „durch unsere Hände der Glanz jerusalems zurückkehren“ und „der Jordan von den Fußspuren der Wilden rein gewaschen werden“ wird. Diese Worte stammen von den Brüdern Rahbani, die libanesische CHRISTEN sind, und wurden von der berühmten Sängerin Fairuz gesungen, die ebenfalls libanesische CHRISTIN und mit einem der Brüder verheiratet ist. Gegenüber den nationalistischen Parolen war selbst das im christlichen Glauben verankerte Prinzip von Vergebung machtlos.

Solche demagogischen Ausdrücke und pseudorevolutionären Reden, die die „Massen“ anfeuern sollen, sich mit Waffengewalt für Palästina einzusetzen, sind uns von Kindheit an bekannt. Selbst wenn die Schüler einen Aufsatz über ihre Sommerferien schreiben sollten, mussten sie Palästina erwähnen. „Als ich mit meinem Großvater in einem Cafe saß“, erzählten sie beispielsweise, „trat auf einmal eine Bettlerin mit ihrer Tochter ein. Ich fragte meinen Großvater: ‚Warum bettelt diese Frau?‘ Und er antwortete: ‚Weil sie ein Flüchtling aus Palästina ist. Die zionistischen Feinde haben sie von ihrem Land vertrieben.'“ Und dann fuhr der Schüler in der obligaten Art und Weise fort: „Aber was Palästina betrifft, so …“ Alles geschah für Palästina. Der Machthaber, der während seiner Gewaltherrschaft Menschen ins Gefängnis warf und nach Lust und Laune tötete, tat dies im Namen der Befreiung Palästinas. Der Offizier, der die Soldaten seiner Einheit unterdrückte, tat dies im Namen Palästinas. Der Diktator, der zahlreiche Kriege vom Zaune brach, tat dies im Namen Palästinas. „Der Weg nach Jerusalem führt über Abadan“ – dies war der Wahlspruch, den sich Saddam Hussein im iranisch-irakischen Krieg zu eigen machte. Erst später, als er Kuwait überfiel, ersetzte er die iranische Grenzstadt Abadan durch Kuwait. „Ich habe oft gesagt, dass Jerusalem zuerst befreit wird und dann der Golan“, so der frühere syrische Ministerpräsident Hafiz al-Assad in einer seiner „revolutionären“ Reden. (Genauso wenig wie Saddam erklärte er uns, wie er Jerusalem befreien will, ohne den Golan zu überqueren. Aber das ist ein anderes Thema… Die arabischen Generale bräuchten allesamt Geografieunterricht!) Alles im Namen Palästinas. Dies ging so weit, dass die Baath-Regierung in Syrien eines ihrer brutalen Geheimdienstgefängnisse „Palästina-Gefängnis“ nannte. Solche pseudorevolutionären Reden schmücken die meisten Feullietons unserer Tageszeitungen und Zeitschriften. Der Intellektuelle, der gegen die Selbstmordattentate Stellung bezieht und zum Frieden aufruft, wird der Kapitulation bezichtigt. Wenn er Israel besucht, wird er der Spionage verdächtigt. Wer wagte also überhaupt noch, einen Gedanken darauf zu verschwenden, in das „Feindesland“ Israel zu reisen?

(…)

Bis 2003 stand in den irakischen Reisepässen und auf den Ausreisevisa: „Alle Länder der Welt außer Israel“. Es genügt sich vorzustellen, dass die Ein- und Ausreise nach Iran, einem Land, gegen das der Irak einen acht Jahre dauernden Krieg führte, dem nahezu eine Million Menschen zum Opfer fielen, keine solche Gefahr darstellte wie der Besuch Israels. Die Angst, das „Feindesland“ Israel zu bereisen, schleppt man ein Leben lang mit sich herum. Bis auf den heutigen Tag, sechzig Jahre nach der Gründung des Staates Israel, ist die Reise in dieses Land immer noch ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. (…) Und Israel darf nicht besucht werden. Denn das ist ein Verbrechen, das irgendein Artikel des „Grundgesetzes“ bestraft. Es empfiehlt „die Bestrafung all jener, die der Verführung erlegen sind, sich mit dem Feind einzulassen“. Die Anklage lautet: Hochverrat. Und die Strafe ist nicht minder deutlich: Hinrichtung. Der Besucher wird zum ersten Mal bemerken, dass sein Land ein „Grundgesetz“ besitzt, aber diese Entdeckung kommt zu spät. Sollte er sich der Festnahme und dem Verhör auf Verdacht des Hochverrats entzogen haben, so wird man womöglich seine Familie verhaften und sie Verfolgung und Vertreibung aussetzen, ja die „verräterische“ Familie in den Ruin treiben.

Warum aber fürchten sich die arabischen Länder, sogar jene, die Friedensverträge mit Tel Aviv abgeschlossen haben, vor der Israelreise eines ihrer Staatsbürger? Haben sie Angst, dass der Landsmann sich mit eigenen Augen ein völlig anderes Bild machen könnte als das ihrer offiziellen Geschichtsschreibung? Dass er die einfache Wahrheit durchschaut, die besagt: Der Stillstand, der Verfall und die Verwüstung der arabischen Gesellschaften hängen nur in einer Hinsicht mit dem arabisch-israelischen Konflikt zusammen: Der Frieden mit Israel wäre das Ende des Opiumrausches, mit dem die arabischen Herrscher, diese Könige und Militärs, ihre Völker betäuben.

Die Wirtschaftskrisen, die Verschlechterung des Bildungsniveaus, die Ausbreitung des Islamismus haben mit dem Fehlen von Demokratie und den korrupten Herrscherfamillen, ihrer Prunksucht und ihrer Geringschätzung für ihre Völker zu tun – und nicht mit dem arabisch-israelischen Konflikt. Die natürlichen Rohstoffquellen und die menschliche Arbeitskraft würden in den arabischen Ländern ausreichen, einen wirtschaftlichen Aufschwung in Gang zu setzen. Was aber sehen wir heute? Die Auflösung der Mittelschicht, weil die Politik die persönlichen Freiheiten beschneidet. Bestechung und Günstlingswirtschaft greifen um sich; die Tüchtigen und Gebildeten wandern aus. Es gibt mehr arabische Ärzte, Ingenieure und Professoren in jeder westeuropäischen Metropole als in den arabischen Hauptstädten.

Was hat Israel damit zu tun? Und warum fürchten sich die arabischen Staaten davor, dass einer ihrer Landsleute nach Israel reist, wenn sie von ihrer eigenen Staatsführung überzeugt sind? Haben sie Angst, der Reisende könnte den sogenannten „Arabern von 48“ (mohammedanistische Araber, die sich für die israelische Staatsbürgerschaftentschieden haben, T.) begegnen, den Palästinensern, die die israelische Armee 1948 nicht aus ihren Dörfern und Städten zu VERTREIBEN VERMOCHTE (eine kommunistische und falsche Diktion, T.!) ? Würde der Reisende diese Palästinenser sehen, die dieselben Rechte genießen wie die anderen israelischen Staatsbürger, frei ihre Meinung äußern und ihre Bräuche und Traditionen pflegen, ohne Furcht, im Gefängnis zu landen? Würde er Palästinenser treffen, die ihre Volksvertreter in Stadtverwaltung und Parlament wählen und ihre eigenen politischen Parteien gründen? Haben die arabischen Regierungen Angst, er könne die Lage dieser Leute mit der seinen vergleichen oder mit der Lage der Palästinenser, die in seinem Land leben? Könnte er das ihnen zugefügte Unrecht aufdecken, den Verrat, dem sie ein Leben lang im Namen „des besetzten Palästinas“ ausgesetzt sind? Israel hat die Demokratie seiner Bürger unter dem Druck des Krieges gegen „den Feind“ schließlich auch nicht aufgehoben – anders als die arabischen Länder, die auf ihre Bürger pfeifen!

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Der letzte Absatz stellt m.E. in besonderem Maße die Position Walis heraus. Er begreift zwar den fundamentalen Unterschied zwischen der westlichen Demokratie Israel und den mohammedanistischen Sklavenhaltergesellschaften. Aber Wali, ganz Produkt dieser Gesellschaften, kann uns nur Hinweise geben. Er ist vom Schrecken gezeichnet. Die vollständig vom Schrecken gezeichneten Eingeborenen können wir sehr wohl zielführend als „Scouts“ einsetzen, wir dürfen ihnen aber wohl wenig mehr als Authenzität abverlangen.

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Time am 7. März 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Najem_Wali
2) https://madrasaoftime.wordpress.com/2010/02/15/reise-in-das-herz-des-feindes/
https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/04/30/buchmesse-jerusalem/
3) http://www.sueddeutsche.de/kultur/906/407682/text/
http://www.sueddeutsche.de/kultur/906/407682/text/3/
4) http://de.wikipedia.org/wiki/Nagib_Mahfus
5) http://en.wikipedia.org/wiki/Sasson_Somekh

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