Skanderbeg, Fürst des Counterjihad

Counterjihad vor 555 Jahren, am 8. März:
Skanderbeg und seine Getreuen und Getreuinnen
(Museum Krujë)

Der bedeutendste Nationalheld Albaniens ist Gjergj Kastrioti (dt. Georg Kastriota, * 6. Mai 1405 in Dibra; † 17. Januar 1468 in Lezha). Eher bekannt ist er unter seinem türkischen Namen Skanderbeg (Fürst Alexander). Er hat viele Jahre lang Albanien und damit Europa gegen die Osmanen verteidigt (1). Albanien hat heutzutage jedoch eine mohammedanistische Bevölkerungsmehrheit von 60-70% (2), insofern wirkt die Verehrung Skanderbegs ein wenig skurril. Oliver Jens Schmitt hat im letzten Jahr eine offenbar wegweisende Biographie veröffentlicht (3), die Widerspruch hervorgerufen hat. In der heutigen FAZ nimmt sich Michael Martens der Angelegenheit an.

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Ein Winterkönig an der Zeitenwende

Erst Rebell, dann Lichtgestalt des Türkenkampfs, schließlich Nationalheld der Albaner: Das Leben und der Nachruhm Skanderbegs in der akribisch rercherchierten Biographie von Oliver Jens Schmitt.

Heute können viele Europäer mit seinem Namen nichts mehr anfangen. Doch dieser Skanderbeg war einst ein europäischer Superstar, Widersacher zweier Sultane, „Türkenkämpfer“, „Athlet Christi“ und Kämpfer gegen das Osmanische Reich, als Europa der neuen Macht aus dem Osten wenig entgegenzusetzen hatte. Sein Ruhm entsprang der Angst vor dem scheinbar unaufhaltsamen Vordringen einer unheimlichen Macht.

Bücher über Leben und Taten des „Fürsten von Epirus“ (1405-1468) wurden Bestseller in vielen europäischen Sprachen. Mit jedem Sieg der Osmanen kamen neue Lebensbeschreibungen hinzu. „Keine andere Gestalt der südosteuropäischen Geschichte“, so Oliver Jens Schmitt, „hat über Jahrhunderte hinweg eine derartige Beachtung erfahren wie dieser mittelbalkanische Adelige.“

Schmitt hat Skanderbeg eine akribische Biographie gewidmet, die alles übertrifft, was bisher zu diesem Leben vorlag. Allein die Einsicht der Archive in Venedig, Mailand, Mantua, Dubrovnik und Zadar zog sich über Jahre hin. Schmitts Selbsteinschätzung, sein Buch lade den Leser ein „in die Welt des spätmittelalterlichen Balkans, fernab der großen byzantinischen und adriatischen Städte, der Seewege und Heerstraßen“, hält der Text stand.

Skanderbegs Leben ist freilich auch ein dankbarer Stoff. Es begann in den Schluchten des Balkans und führte an den Sultanshof, weil der Vater ihn und zwei weitere Brüder als Geisel dorthin ausliefern musste. Der als Georg Kastriota getaufte Christ trat zum Islam über und machte durch seine Kampfkraft und seinen Mut den Sultan auf sich aufmerksam. Aus dieser Zeit stammt sein Beiname Iskender Beg, in Anlehnung an Alexander den Großen. Im Dienste der Pforte zog er bis an die Donau.

Die Wende kam, als Skanderbegs Vater von den Osmanen ermordet wurde. Skanderbeg fiel vom Sultan ab, bezeichnete sich wieder als Christ, sann auf Rache und entfachte einen Aufstand gegen die Osmanen. Der Rest seines Lebens war Kampf gegen einen überlegenen Feind. Wenn die Osmanen nach dem Winter, der Schutz vor Angriffen bot, im Sommer erneut anrückten, musste er mit seinen Anhängern in die Berge flüchten, wo sich die numerische und technische Überlegenheit der Gegner verlor. Er war ein Winterkönig ohne geordnete Herrschaftsstrukturen. Kaum mehr als 90.000 Menschen lebten in seinem Herrschaftsgebiet, als Kämpfer folgten ihm dauerhaft etwa 3.000 Mann – auch damals keine große Zahl. Entsprechend musste der Kampf geführt werden: nie die offene Schlacht, sondern Überfälle aus dem Hinterhalt. Sein Gefolge hielt er durch Raubzüge bei Laune. Gefangene wurden nur gemacht, wenn Lösegeld zu erwarten war. Die Taktik funktionierte. Mit dem Ungarn Johann Hunyadi brachte er das Osmanische Reich in Europa sogar mehrfach an den Rand des Zusammenbruchs.

Schließlich musste Skanderbeg sich jedoch Hilfe aus Italien sichern, und die bezahlte er teuer. Geld und gute Worte kamen aus Rom, Waffen aus Neapel, dessen Vasall Skanderbeg wurde. Das beunruhigte Venedig; die Signoria setzte dem System von Vasallen Neapels ein Netz aus besoldeten Regionalfürsten entgegen, und der daraus entstehende neapolitanisch-venezianische Stellvertreterkrieg auf dem Balkan schwächte den Abwehrkampf gegen die Osmanen.

Was in Skanderbegs Macht stand, war lediglich die Hinauszögerung seines Endes. Die Sultane waren mit anderen Feldzügen beschäftigt und überließen den Kampf in Albanien ihren Unterführern. Schließlich aber rückte Mehmed II., der Eroberer Konstantinopels, in den Jahren 1466/67 selbst an der Spitze eines Heeres an und wütete grausam. Viele albanische Adelige waren schon Jahre vorher zum Sultan übergelaufen, eine geeinte albanische Abwehrfront hatte nie bestanden. Nachdem Skanderbeg mit Hilfe ortskundiger christlicher Hilfstruppen endgültig besiegt, die Bevölkerung der aufständischen Gebiete niedergemetzelt, verschleppt oder vertrieben war, verzeichneten osmanische Steuerbeamte nur noch rund 11.000 Menschen in der Region. Wer konnte, war nach Apulien geflohen, wo die Nachfahren jener Flüchtlinge, die Arbershen, noch heute leben. Andere zogen sich in die Berge zurück. Die Folgen dieser osmanischen Politik der verbrannten Erde prägen die albanische Gesellschaft noch immer, denn sie führten zu einer Verstärkung der bis heute existierenden Stammesstrukturen im Hochland.

Als Skanderbeg 1468 starb, hinterließ er ein zerstörtes Land. Mit seinem Tod aber begann seine zweite Karriere als Symbolgestalt des Türkenkämpfers. Ein drittes Mal wurde er von der albanischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert erfunden. Heute gibt es zwei Skanderbegs – den historischen und den zum Nationalhelden erhobenen Mythos, wie er in albanischen Schulen und von nationalistischen Intellektuellen in Tirana oder Prishtina dargestellt wird. Beide haben weniger miteinander zu tun als entfernte Verwandte.

Das heutige Skanderbegbild in Albanien ist noch immer maßgeblich von der Zeit des Kommunismus geprägt, wo man sich den mittelalterlichen Fürsten als ethnisch albanischen Nationalhelden zurechtschnitzte. Je stärker Albanien unter Enver Hodscha in die Isolation geriet, desto „nationaler“ wurde Skanderbeg. Suggeriert wurde eine fiktive Einheit der albanische Adeligen im Kampf gegen die Osmanen. Skanderbeg war schon deshalb kein „Albanerführer“, weil seiner Erhebung außer albanischen auch bulgarische, serbische oder vlachische Orthodoxe folgten. Sein treuester Verbündeter in Albanien war die katholische Kirche, die ihn anders als die lokalen Warlords nie verriet.

All das passt nicht zum Bild eines Nationalhelden, doch die Nachwirkung der kommunistisch-nationalistischen Verdrehung ist in Albanien, dem Kosovo und in den albanischen Gebieten Mazedoniens wirkungsmächtig. Die staatlich gelenkte Heldenverehrung bekam auch Schmitt zu spüren. Das Erscheinen seines Buches in Albanien entfachte einen nationalistischen Furor, bei dem Ministerpräsident Sali Berisha und der Schriftsteller Ismail Kadare eine unrühmliche Rolle spielten. Denn Schmitt hatte es gewagt, die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit Skanderbegs, die im ausgehenden Mittelalter nebensächlich war, in seinem Buch auch nur am Rande zu behandeln.

Bedauerlich ist lediglich, dass Schmitts Text (3) offensichtlich nicht lektoriert wurde. Der Stoff hätte ohne Schaden für das Buch wesentlich gestrafft und von zahlreichen Wiederholungen befreit werden können. Angesichts der dürren Quellenlage – über ein Schoßhündchen Pius‘ II. sei mehr bekannt als über manchen wichtigen Heerführer auf dem Balkan, bemerkt Schmitt treffend – ist es dennoch beeindruckend, was Schmitt zusammengetragen hat über einen historisch missverstandenen Rebellenführer, der im Gedächtnis Europas als strahlender Held fortlebte, obwohl er eigentlich „die tragische Gestalt einer Zeitenwende war“.

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Martens suggeriert, dass Skanderbeg (das Foto rechts zeigt seinen Helm) von Mehmet II. besiegt worden wäre, was NICHT der Fall war. Seltsam mutet auch diese Darstellung von Martens an: „Als Skanderbeg 1468 starb, hinterließ er ein zerstörtes Land“, wo es doch die Mohammedanisten waren, die das Land verheert und entvölkert hatten. Die mohammedanistische Völkermordmaschine wird durch Martens Feder zu „einer unheimlichen Macht“. Ach ja, die leicht- und abergläubischen Europäer, die die Größe des Mohammedanismus einfach nicht begreifen konnten, und ihre Henker schlicht „unheimlich“ fanden: Tölpel allesamt. „Tragische Gestalt“ soll da jemand sein, der in voller Erfüllung seiner höchst schweren Mission eines natürlichen Todes stirbt? Meikel Ibn Martens, Sie schon wieder?

Außer der Herausarbeitung Skanderbegs als von slawischer bzw. serbischer Herkunft durch Schmitt hat besonders ein weiteres Ergebnis seiner Mühe den Widerspruch albanischer Nationalisten hervorgerufen, was Martens nicht erwähnt. Dies ist das Motiv für den Seitenwechsel. Nach Schmitts Dafürhalten wurde dieser durch den oben geschilderten Mord an Skanderbegs Vater veranlaßt, wodurch sich Skanderbeg der Blutrache verplichtet gefühlt habe. Martens erwähnt zwar das Blutrache-Motiv, er stellt aber nicht dar, dass es dieses ist, das die zeitgenössischen Kritiker Schmitts so in Rage bringt, weil sie es als mohammedanistisch und uneuropäisch empfinden und ihren Helden nicht in diesem Licht sehen wollen.

Bei Wiki heißt es: „Als im November 1443 die Ungarn über die Türken siegten, verließ Skanderbeg mit den ihm unterstellten Albanern das Heer des Sultans. Er bemächtigte sich am 27. November 1443 der Festung Kruja, fiel am folgenden Tag offen vom Sultan ab und konvertierte zum Christentum zurück.“ Hier wird wieder einmal die pro-osmanische Tendenz vieler Wiki-Artikel deutlich (4): Skanderbeg wird als skrupelloser Verräter dargestellt, der sein Fähnlein nach dem Wind hängt, und seine Re-Konversion wird auf die ungarischen Siege zurückgeführt. Ob Herr Martens den Wiki-Artikel geschrieben hat?

Die erwähnte Festung hat Skanderbeg laut Skanderbeg-Museum am Ort von 1444 bis zu seinem natürlichen Tod 1468 verteidigt. Dieser Kampf wird sehr eindringlich in Ismail Kadares Roman „Die Festung“ von 1999 geschildert (5): „Alles haben sie gegen uns versucht, von den riesigen Kanonen bis zu den infizierten Mäusen. Doch wir hielten stand und werden weiter standhalten. Wir wissen, dass uns dieser Widerstand teuer zu stehen kommt und dass er uns vielleicht noch mehr kosten wird. Dem Vormarsch dieser wahnsinnigen Horden muss sich jemand in den Weg stellen, und diesmal hat das Schicksal uns bestimmt. Die Zeit hat uns zwei Wege offen gelassen: den leichten Weg der Unterwerfung und den schwierigen Weg des Kampfes. Wir haben uns für den zweiten entschieden. Wir hätten uns auch für den ersten entscheiden können, wenn wir nur an uns selbst gedacht hätten. Wir könnten unsere Tage friedlich verbringen, neben dem Pflug und in unseren Olivenhainen, aber das wäre ein tödlicher Friede gewesen.“

Ismail Kadare ist ein zeitgenössischer albanischer Schriftsteller, der nicht nur, wie Martens es darstellte, ein scharfer Kritiker der Arbeit Schmitts ist, sondern in den 90ern auch vehement für die Demokratisierung Albaniens eintrat. Wiki (6): „Kadare vertrat die Auffassung, die Albaner seien eine westliche Nation, deren geistig-kulturelle Basis das Christentum sei; den Islam charakterisierte der konfessionslose Schriftsteller als eine den Albanern während der osmanischen Herrschaft aufgedrängte Religion mit überwiegend negativen Folgen für sie.“

Hier die Übersetzung einer positiven Darstellung Skanderbegs aus counterjihadischer bzw. countermartensischer Sicht (7): „Er schaffte es 1444, alle albanischen Prinzen in der Stadt Lezha unter seinem Befehl dafür zur einigen, gegen die Türken zu kämpfen. Während der nächsten 25 Jahre bekämpfte er mit Truppen kaum je größer als 20.000 Mann die größte Militärmaschine der damaligen Zeit und besiegte sie 25 Jahre lang. 1450 wurde die türkische Armee von Sultan Murad II. persönlich angeführt, der nach seiner Niederlage auf dem Rückweg starb. Zwei weitere Male, 1466 und 1467, führte Mehmet II., der Eroberer Konstantinopels, die türkische Armee höchstselbst und scheiterte ebenfalls. Das osmanische Imperium versuchte 24 mal Kruja zu erobern aber versagte alle 24 mal. (…) Als aktiver Verteidiger der christlichen Sache auf dem Balkan war Skanderbeg eng in die Politik von vier Päpsten eingeschlossen, deren einer Pius II. (1458-1464) oder Aeneas Sylvius Piccolomini war, ein Renaissance-Humanist, Schriftsteller und Diplomat. Tief erschüttert durch den Fall Konstantinopels 1453, versuchte Pius II. einen neuen Kreuzzug gegen die Türken zu organisieren; konsequenterweise tat er sein Möglichstes, um Skanderbeg zu helfen, genauso wie seine beiden Vorgänger Nikolas V. und Calixtus III. es vor ihm taten. Diese Politik führte auch sein Nachfolger, Paul II. (1464-1473) weiter. Dieser gab Skanderbeg den Titel „Athlet Christi“. Ein Vierteljahrhundert lang verhinderten dieser und sein Land die Invasion des katholischen Westeuropa. Nach seinem natürlichen Tod 1468 in Lezha, widerstanden seine Soldaten den Türken weitere 12 Jahre. 1480 wurde Albanien endgültig vom osmanischen Imperium erobert. (…)“

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Ekkehard Kraft hatte in der NZZ vom 18. März vergangenen Jahres die inneralbanische Auseinandersetzung anschaulich dargestellt (8):

„(…) Von der albanischen Nationalbewegung war er seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zum nationalen Mythos erhoben worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm der Skanderbeg-Kult unter dem kommunistischen Regime Enver Hoxhas geradezu monströse Formen an und schlug – dank allgemeiner Schulpflicht – in der Bevölkerung tiefe Wurzeln. In jener Zeit prägte sich ein kanonisches Skanderbeg-Bild heraus. Der Kampf Skanderbegs wurde gedeutet als nationaler Befreiungskrieg unter Führung eines genialen Führers – womit Skanderbeg zum Vorläufer Enver Hoxhas stilisiert wurde. Auch in den anderen von Albanern bewohnten Gebieten, in Kosovo und Mazedonien, hielt der Skanderbeg-Kult Einzug. – Vor dem Hintergrund einer solchen quasireligiösen Verehrung konnte eine kritische, an wissenschaftlichen Kriterien ausgerichtete Darstellung nur provozieren. Kurz nach der Präsentation des Buches Anfang November eröffnete der Schriftsteller Ismail Kadare, der sich gerne als autoritativer Vordenker Albaniens geriert, die Kampagne. In der Entmythisierung Skanderbegs wollte er einen Angriff auf die Idee der Freiheit sehen. Perverse Menschen mit einem pseudointellektuellen Geist hätten sich zusammengeschlossen, um durch die negative Darstellung Skanderbegs jene Figur anzugreifen, die Albaniens Einheit mit Europa symbolisiere.

Wer Kadares Romane gelesen hat, den kann diese Stellungnahme kaum verwundern. Schliesslich hat er mit seinem literarischen Werk zur Schaffung jener nationalen Mythen beigetragen – so unter anderem mit seinem Skanderbeg-Roman „Die Festung“ –, die er nun bedroht sieht. Kadare ist die Galionsfigur des im öffentlichen Diskurs Albaniens dominierenden nationalistisch-proeuropäischen Lagers, dem der Skanderbeg-Mythos als Beleg für die europäische Identität Albaniens dient. Im Kielwasser Kadares bezogen die beiden höchsten Staatsrepräsentanten, Ministerpräsident Sali Berisha und Staatspräsident Bamir Topi, Position. Berisha kündigte Anfang Dezember an, Skanderbegs Bild werde als Symbol in den neuen Pässen enthalten sein. Als am 17. Januar feierlich Skanderbegs 541. Todestag begangen wurde, sprach Staatspräsident Topi in seiner Rede von einigen Sklavenseelen, die die Rolle Skanderbegs in der albanischen Geschichte und der europäischen Zivilisation ändern wollten. In den Medien und Internetforen wurde das Buch als „Märchen“ oder „Roman“ bezeichnet, meist von Personen, die es – wie Kadare – nur vom Hörensagen kannten. Weil die Deza die albanische Übersetzung finanziert hatte, musste sich die Schweizer Botschaft vom Boulevardblatt „Sot“ als „Schurkenbotschaft“ titulieren lassen.

Vor allem zwei Punkte der Biografie hatten deren Gegner empört. So hatte Schmitt, gestützt auf ein solides Quellenfundament, als eigentliches Motiv für Skanderbegs Seitenwechsel und Kampf gegen die Osmanen die Blutrache für seinen Vater, der auf Geheiss des Sultans ermordet worden war, herausgearbeitet. Dieses archaisch anmutende Motiv war den Gegnern der Biografie offensichtlich peinlich. Allerdings waren gerade in diesem Punkt auch andere Stimmen zu vernehmen, die aus dem weitaus schwächeren proislamischen bzw. islamistischen Lager stammten. Dieses ist indes nicht weniger nationalistisch gesinnt, nur dass aus seiner Sicht die Islamisierung der Albaner deren nationale Identität vor der drohenden Slawisierung bzw. Gräzisierung gerettet habe. So publizierte der islamistische Politiker Abdi Baleta in der ultranationalistischen „Bota Sot“ eine Artikelserie, um das Buch zu verteidigen. Gerade Blutrache als Motiv Skanderbegs, so Baleta, beweise dessen albanische Identität.

Geradezu hysterisch reagierte man darauf, dass der Vorname von Skanderbegs Vater im Buch – wie in den zeitgenössischen Quellen – als Ivan angeführt wird, nicht als Gjon, wie das albanische Äquivalent lautet. Auf diese Weise solle nicht nur der Vater, sondern auch der Sohn zum Serben gemacht und der albanischen Nation entrissen werden. Diese angebliche „Entalbanisierung“ von Skanderbegs Vater war das dominierende Thema der Internetforen. Dabei hat Schmitt nirgendwo das Albanertum von Skanderbeg und dessen Vater in Frage gestellt. Er verdeutlicht allerdings, dass Skanderbeg und seine Familie sich in einer Region und einem persönlichen Umfeld bewegten, die ethnisch gemischt waren. Skanderbegs Mutter war Slawin. Dass dieses Umfeld christlich-orthodox geprägt war – erst nach seiner Rückkehr vom Islam zum Christentum näherte Skanderbeg sich dem Katholizismus an –, stört die Gegner der Biografie natürlich gleichfalls, denn nicht nur der Islam, auch die Orthodoxie gelten ihnen als uneuropäisch. Ausserdem werden die als Feinde der albanischen Nation wahrgenommenen serbischen und griechischen Nachbarn mit der Orthodoxie identifiziert.

Je länger die Auseinandersetzung andauerte, desto öfter waren jedoch positive Urteile über das Buch zu vernehmen – allein schon deshalb, weil man es nun auch gelesen hatte. Zwei Exponenten des – wie in allen südosteuropäischen Ländern bisher noch schwachen – zivilgesellschaftlichen Lagers, Ardian Klosi und Fatos Lubonja, beide seit langem scharfe Kritiker Kadares, hatten sich allerdings schon früh und deutlich zu Wort gemeldet. Klosi, Literaturwissenschafter und Publizist, der das Buch auch übersetzt hatte, forderte zu Beginn der Debatte die Ersetzung der nationalistisch geprägten Schulbücher. Lubonja, langjähriger politischer Gefangener während der Diktatur und einer der profiliertesten aufgeklärten Intellektuellen des Landes, wies auf das kommunistische Erbe hin, das sich auch in dieser Auseinandersetzung bemerkbar mache. Wolle man zu einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft gelangen, müsse man die nationalistischen Mythen überwinden. (…)“

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Scheinbar ist dasjenige albanische Lager, welches das kommunistisch geprägte Skanderbeg-Bild verteidigt, gleichzeitig das pro-europäische und anti-mohammedanistische Lager. Mir als Autoren würde es jedenfalls unbedingt zu Denken geben, wenn ich – so wie Schmitt – Beifall von Seiten der Ultra-Orks bekäme, welche bei Ekkehard Kraft als „Ultranationalisten“ erscheinen. Krafts Ausführungen konzentrieren sich allerdings auf den albanischen Diskurs, in dem er m.E. zu Recht Parteinahme für Schmitt erkennen läßt, einen Wissenschaftler, der ein Werk vorgelegt hat, das nun mit ruhigem Verstand analysiert werden muss.

Martens hingegen läßt m.E. ein deutliches Interesse an der grundlegenden Dekonstruktion des anti-mohammedanistischen Volkshelden deutlich werden. Das ist völlig unsinnig, denn ein Vierteljahrhundert Counterjihad bleibt ein Vierteljahrhundert Counterjihad, und Martens unwissenschaftliches und demagogisches Getrickse wird auf ihn zurückfallen. Da ist es seltsam, dass er nicht auf die SS-Division Skanderbeg (9) zu sprechen kommt um den Fürsten des Counterjihad herabzusetzen, aber das könnte wohl wiederum von seinen mohammedanistischen Freunden und Naziverehrern mißverstanden werden.

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Time am 8. März 2010

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1) http://de.wikipedia.org/wiki/Skanderbeg
2) http://de.wikipedia.org/wiki/Albanien#Religion
3) Oliver Jens Schmitt: „Skanderbeg“. Der neue Alexander auf dem Balkan. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2009. 432 S., geb., 26,90 [Euro].
4) https://madrasaoftime.wordpress.com/2009/10/19/die-kunststunde-iii-das-massaker-von-chios/
5) http://www.adfc.de/5657_1
6) http://de.wikipedia.org/wiki/Ismail_Kadare
7) http://www.abruzzoheritage.com/magazine/2004_01/c2.htm
8) http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/wer_war_skanderbeg_1.2216407.html
9) http://de.wikipedia.org/wiki/21._Waffen-Gebirgs-Division_der_SS_„Skanderbeg“_(albanische_Nr._1)

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Hier 10 Links zu dem Film „Skanderbeg – Ritter der Berge“. Ich habe ihn nicht angeschaut. Ich nehme an, es ist die „deutsche“ Produktion von 2007 (alle Mitwirkenden tragen aber slawische Namen), es gibt auch eine sowjetische von 1953 mit demselben Titel.

http://www.youtube.com/watch?v=BWtXW-FEIQM
http://www.youtube.com/watch?v=ElF0yZnMvRc&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=4caZoWvGKb4&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=u7j_5t1i-Ns&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=mx_d_RSnHj0&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=Ic1X1UUZcbs&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=5ltUdgBHFPg&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=FBZTVtMRifw&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=csTIPu_v5cU&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=BcXrCIqTyy8&feature=related

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Ergänzung am 18. März 2010:
Heute druckte die FAZ einen Leserbrief von Ismail Kadare (s.o.).


Skanderbeg und die Wiedergeburt Albaniens

Mit einiger Verwunderung habe ich in der F.A.Z. vom 8. März die Rezension „Ein Winterkönig an der Zeitenwende“ von Michael Martens über das Buch von Oliver Jens Schmitt „Skanderbeg. Der neue Alexander auf dem Balkan“ gelesen. Als Schriftsteller vom Balkan habe ich eigentlich aufgehört, mich über Missverstehen, Nichtverstehen oder gar Desinformation seitens der Presse zu wundern. Wie jede in der Öffentlichkeit stehende Person weiß ich, dass all dies unabwendbar ist. Gleichwohl habe ich beschlossen, zu dem Artikel Stellung zu nehmen, weil ich Ihre Zeitung sehr schätze und deshalb ehrlich bedaure, dass eine so schwerwiegende und mir als Autor abträgliche Fehlinformation ausgerechnet dort erschienen ist.

Martens geht auf die Debatte ein, die der Veröffentlichung des Buches des Schweizer Autors Schmitt über Skanderbeg in Albanien folgte. Er schreibt: „Das Erscheinen seines Buches in Albanien entfachte einen nationalistischen Furor, bei dem Ministerpräsident Sali Berisha und der Schriftsteller Ismail Kadare eine unrühmliche Rolle spielten.“ Es bedarf keiner langen Begründung, dass eine solch gravierende Unterstellung einem Autor Schaden zufügt, ganz besonders im Kontext des Balkans. Schließlich ist allgemein bekannt, dass gewisse Schriftsteller, die dort nationalistische Kampagnen glaubten, anzetteln zu müssen, zu Recht der Anstiftung zu Verbrechen und als Urheber der Tragödie im kaum zurückliegenden Konflikt bezichtigt werden. Dazu gehört, wie Sie wissen, der übel verrufene Poet Karadzic, der sich gegenwärtig vor dem Haager Tribunal zu verantworten hat.

Es ist Martens unbenommen, jegliche Meinung über mich und mein Werk zu hegen, doch schließt dies nicht das Recht ein, in einer der wichtigsten Zeitungen Europas eine solche Diffamie über mich zu verbreiten. Ich habe nie in meinem Leben nationalistische Kampagnen angestoßen, schon gar nicht an der Seite eines Premierministers oder Präsidenten gleich welchen Regimes. Das ist leicht zu verifizieren. In Deutschland sind mehr als fünfzehn meiner Bücher erschienen, und ich habe Dutzende von Interviews gegeben, die für das Gegenteil dessen sprechen, was Martens behauptet.

Es ist richtig, dass Schmitts Buch in Albanien einen Sturm der Empörung hervorgerufen hat, doch zu behaupten, der Schriftsteller Ismail Kadare sei dafür verantwortlich, ist die reine Unwahrheit. Zornige Reaktionen rief besonders Schmitts Hauptthese, das Motiv des albanischen Anführers für die fünfundzwanzig Jahre währende Erhebung betreffend, hervor.

Nach Auffassung des Schweizer Historikers stand hinter der Aktion nicht die Idee der Freiheit, sondern eine persönliche Blutfehde Skanderbegs. In einem meiner Beiträge habe ich dies als Beleidigung nicht nur seiner Person, sondern des albanischen Volks gewertet, dem Schmitt zufolge gehobene Ideen wie die der Freiheit unbekannt sind. An dieser Auffassung halte ich fest und möchte sogar ergänzen, dass ich im Beharren des Historikers auf dem oben Gesagten eine Andeutung von Rassismus entdecke. Mich zu bezichtigen, ich leugnete den europäischen Charakter von Skanderbegs Unterfangen, ist abwegig, zumal ich, das sei angemerkt, oft genug für das Gegenteil kritisiert worden bin, nämlich die Betonung der europäischen Dimension des Helden. Was Schmitts und seiner Anhänger These anbelangt, Skanderbeg und die Bewegung der albanischen Wiedergeburt verdankten ihre Aureole insbesondere dem kommunistischen Regime, so empfinde ich sie nicht nur als irreführend, sondern sogar als völlige Verdrehung der Wahrheit. Sowohl Skanderbeg als auch die Wiedergeburtsbewegung, eine Frucht der europäischen Aufklärung, hatten mit dem Kommunismus nicht das Geringste gemein.

Was nun die ethnische Zugehörigkeit Skanderbegs anbelangt, so ist mit dieser Frage in der Tat Missbrauch getrieben worden, jedoch keineswegs von albanischen nationalistischen Kreisen, sondern anderen, vor allem als Argument gegen die Unabhängigkeit Kosovas. So erklärte Heinz-Christian Strache, Vorsitzender der Freiheitlichen Partei Österreichs, am 23. Februar 2008: „Der Kosovo ist urserbisches Gebiet. Zudem war der albanische Nationalheld Georgi Kastriotti Skanderbeg in Wahrheit ein Serbe mit einer serbischen Mutter und einem serbischen Vater.“ Eine klare politische Aussage, allerdings nicht in Unterstützung der Albaner, sondern zu ihrem Nachteil.

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Eine Antwort to “Skanderbeg, Fürst des Counterjihad”

  1. Arton Says:

    Also dieser schmid oder wie der heisst der soll historiker sein!der ist doch von den serben ubd griechen dafür bezahlt worden!der redet so einen schwachsinn was gar keinen sinn hat!ubd keinen zusammenhang, der will unsere historie besser wissen als wir albaner selber!der ist schweizer dabei muss ich lachen weil die doch helden erfinden müssen weil sie keine eigene haben wie dieser willhelm tell!löchwrlich!schreib über dein land historie ubd steck doch deine nase nicht in andere länder rein!du willst jemandem sagen wer der grosse gjergj kastriot skenderbeu war!du bist doxh nur ein gekaufter historiker!

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